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Blütenkelch statt Zipfelmütze

Blütenkelch statt Zipfelmütze
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Freiburg hat einen Ruf zu verlieren, den der Ökohauptstadt der Republik. Seit vielen Monaten wird um ein Projekt gerungen, das die Energieversorgung revolutionieren könnte. Der neue Grüne-Stadt-Turm (Green City Tower) soll nicht nur Strom aus erneuerbarer Energie produzieren, sondern auch speichern und gezielt in dem Gebiet abgeben, das gerade neu entwickelt wird.

Der erste grüne Oberbürgermeister in einer deutschen Großstadt, Dieter Salomon, hat die Latte hoch gelegt: "Für viele Städte und Gemeinden in aller Welt ist Freiburg zum Vorbild und Modell geworden." Diese Anerkennung "ehrt uns, und sie spornt uns an, neue Ideen zu entwickeln und für unsere Ziele zu arbeiten". Jetzt liegt eine solche Idee auf dem Tisch, muss um ihre Bauantragsreife hart kämpfen, hätte das Zeug zum Markstein auf dem Weg aus der Atomkraft. Denn die Energiewende wäre längst weiter, wären die Steine der Weisen in einer wichtigen Frage gefunden: Wie kann Energie aus erneuerbaren Quellen gespeichert werden?

London-Turm: Auf dem Areal des früheren Güterbahnhofs Nord ist ein Wohn- und Gewerbeturm in Planung, der eine Antwort verspricht. Jedenfalls nach Meinung der Partner – darunter das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE), Siemens Freiburg, Badenova, Si-Solarmodule und ads-tec –, die sich zusammengetan haben, um die Zukunft in die Gegenwart zu holen. Der Strom für den Eigenverbrauch kommt aus Wind und Sonne, Batterien auf Lithium-Ionen-Basis dienen als Kurzfristspeicher, Vanadium-Redox-Flow-Batterien nehmen die Überschüsse mittelfristig auf und geben sie wieder ab, wenn im Viertel Spitzen abzudecken sind. "Die Zukunft des Eigenverbrauchs von Solarstrom liegt in solchen Lösungen", ist der federführend beteiligte Architekt Wolfgang Frey überzeugt.

"Vor dem Hintergrund der Energiewende gewinnen hocheffiziente dezentrale erneuerbare Versorgungskonzepte zunehmend an Bedeutung, die einen hohen Anteil an lokal erzeugter Energie auch lokal nutzbar machen", heißt es in der beim Bundesumweltministerium eingereichten Projektbeschreibung. Das Management und die Zusammenführung unterschiedlicher erneuerbarer Energien noch am Ort der Erzeugung sei "ein wesentlicher Baustein" für die Entwicklung der künftigen Versorgung auf Basis der Erneuerbaren. Es gelte, die fluktuierenden Angebote optimal zu nutzen und diese so in das Versorgungssystem zu integrieren, dass es zu keiner Überlastung der Versorgungsnetze kommt.

25 000 Megawatt Sonnenenergie über Mittag produziert

Das Beispiel Photovoltaik (PV) verdeutlich die Herangehensweise: Mittlerweile sind in Deutschland über 34 Gigawatt PV-Nennleistung installiert. An einem durchschnittlichen Winterwerktag wird um die Mittagszeit, der Zeit des höchstens Strombedarfs, in Deutschland etwa 70 Gigawatt Strom verbraucht. Um unkontrollierbare Überlastungen durch den schwankend anfallenden Wind- und Solarstrom zu verhindern, müsste ein deutlich höherer und wegen des voranschreitenden Ausbaus stetig wachsender Anteil der erzeugten Energie lokal genutzt und – noch besser – vorübergehend vorgehalten werden. Schon jetzt erzeugen PV-Anlagen an sehr sonnigen Tagen bis zu einem Fünftel des in ganz Deutschland benötigten Stroms. Am bisherigen Spitzentag, dem 21. Juli 2013, waren es in den Mittagsstunden knapp 24 000 Megawatt. Das entspricht der Stromproduktion von 24(!) Atomkraftwerken. Deutschland ist damit weltweit Spitzenreiter, auch was den Zubau betrifft. Die Anlagen befinden sich noch immer fast ausschließlich in der Hand kleiner Betreiber. Mit gutem Grund, wie das Fraunhofer-Institut Freiburg herausfand. Das Desinteresse der großen Stromversorger EnBW, Eon, RWE und Vattenfall über so viele Jahre kam ja nicht von ungefähr: Sie wollen ihren Grundlaststrom in den Mittagsstunden möglichst teuer verkaufen; die preisdrückende Konkurrenz durch Photovoltaik-Anlagen können sie dabei gar nicht brauchen.

Wert und Notwendigkeit der regionalen Erzeugung und Nutzung gerade im Kampf gegen den Klimawandel sind unumstritten. Die Europäische Union verlangt, dass ab Ende des Jahrzehnts alle neuen öffentlichen Gebäude ihren Bedarf nicht nur drastisch herunterschrauben, sondern auch vor Ort decken. Schon 2022 sollen die scharfen Vorgaben selbst für private Neubauten greifen. Diese riesige Herausforderung ist bei einer breiten Öffentlichkeit bisher allerdings kaum angekommen. Schon die schwarz-gelbe Bundesregierung hatte als Ziel ausgerufen, bis 2050 Deutschlands gesamten Gebäudebestand, alt wie neu, klimaneutral zu machen. Zwischen Ziel und Wirklichkeit klafft eine beträchtliche Lücke, denn die erwarteten Spareffekte kompensieren die nötigen Investitionen nicht. Nach aktuellen Berechnungen fehlen bundesweit rund zehn Milliarden Euro – pro Jahr! Im neuen Freiburger Turm sollen die hochmodernen Speichermöglichkeiten in Echtzeit ihre Praxistauglichkeit beweisen können und intelligente Managementsysteme Verbrauch wie Verbrauchszeiten optimieren. Produziert werden Strommengen in bisher ungeahnter Dimension: Die 1,2 Megawatt entsprechen etwa ein Drittel der Kapazität einer großen Windkraftanlage im Binnenland.

Die Euphorie der ersten Projektphase ist allerdings deutlich abgekühlt. Der Baustart im Frühjahr 2013 blieb ein Wunschtraum. Immer neue Veränderungen müssen diskutiert werden, der Frust ist gewachsen. Die Stadtplaner wollen die Bebauungspläne, ihre Vorstellungen für das gesamte Areal im Blick behalten. Die Zukunftsmacher können nicht verstehen, wie undehnbar manche Vorgaben sind. Allen voran die Höhe: 48 Meter und keinen mehr verlangen die Behörden. Eine Schräge, obendrauf gesetzt und ebenso wie die Fassade mit PV-Elementen bestückt, sollte die Produktion steigern. Jede Antenne, jeder Handymast, argumentieren die Befürworter, sprengt Höhenvorgaben. Die Verantwortlichen in der Stadt pochen dennoch auf die Begrenzungen. Die PV-Schräge, liebevoll Solarzipfelmütze genannt, war sogar Grünen im Gemeinderat zu groß geraten. Jetzt könnte eine geweitete Fläche in der Form eines Blütenkelchs, ausgekleidet mit Photovoltaik, das Problem mildern. "Wir sind in der Planung", sagt Frey, "und in enger Abstimmung mit dem Stadtplanungsamt." Die Zusammenarbeit sei konstruktiv, mehr könne er nicht preisgeben. Und dann verspricht er noch, "ein hohes Maß an ästhetischer Architekturqualität" zu gewährleisten.

Große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Das "ästhetische Rüstzeug des modernen Baukünstlers" hat Walter Gropius vor hundert Jahren beschrieben: "Die neue Zeit fordert den eigenen Sinn, exakt geprägte Form, jeder Zufälligkeit bar, klare Kontraste, ordnende Glieder, Reihung gleicher Teile und Einheit von Form und Farbe entsprechend der Energie und Ökonomie unseres öffentlichen Lebens." Für Frey drängen heute Stichworte wie Nachhaltigkeit oder ökologische Verantwortung in den Vordergrund, er beklagt das Missverhältnis von Anspruch und Wirklichkeit. Selbst die Ökohauptstadt, in der grüne Touristen mit einem Sonnen-Fahrplan auf Radtour gehen können, liefert ein Beispiel für mehr Schein als Sein. Ein schlanker, 68 Meter hoher Solar-Tower in der Nähe des Hauptbahnhofs steht schon seit einigen Jahren für den Aufbruch in die neue Versorgungswelt. Weil seine Glasfassaden aber nicht verschattet sind, frisst im Sommer in nur zwei Wochen die Klimaanlage die Jahresproduktion der Solarzellen auf. Letztere hätten in der Art kleiner Vordächer an die Fassade gesetzt werden können. Nicht so stilvoll vielleicht, aber deutlich effizienter.

Auch zum neuen Stadt-Turm auf dem Güterbahnhofsgelände gibt es elegante Alternativen. Und schlechtere, sagen seine Freunde. Ebenfalls 18 Stockwerken hoch, mit 15 000 Quadratmeter Nutzfläche, nebst Restaurants und Hotel: einen Klassiker, etwa, mit herkömmlicher Fassade, an dem vermutlich längst gearbeitet würde, der zudem billiger wäre als die Energiefabrik. Aber das Konsortium will den Aufbruch zu neuen Ufern, pocht auf die Tradition der Stadt, die Innovationkraft zum Markenzeichen erhoben hat: Freiburg war 1992 Umwelthauptstadt Deutschlands; bei städtischen Gebäuden ist die Passivhausbauweise seit Jahren Standard; das erste energieautarke Mehrfamilienhaus entstand Mitte der Neunziger – damals deutschlandweit einmalig und utopisch in den Augen der Skeptiker. Dank dickerer Glasscheiben, besserer Dämmung, dank Solartechnik oder Luftaustausch wurde nicht nur versprochen, sondern auch geliefert. 2010 gab's den Titel "European City of the Year", und für die Weltausstellung in Schanghai im selben Jahr eine Einladung, sich mit 49 anderen Städten in Sachen moderne Stadtentwicklung zu präsentieren. Als Expo-Beitrag entstand, live per Webcam nach China übertragen, das erste mehrstöckige Mehrfamilienhaus in rein massiver Holzbauweise. Mit ihm wurde gezeigt, wie falsch die Annahme ist, Holz würde zu leicht brennen und sei deshalb ungeeignet für tragende Teile im mehrgeschossigen Wohnungsbau. Der Clou an der Geschichte: Wer Holz verbaut, statt es zu verbrennen, bindet Kohlendioxid, rund eine Tonne pro Kubikmeter.

Jetzt geht es wieder um etwas ganz Großes, um den Klimawandel und die Energiewende. Darum, "ein herausragendes Projekt zu machen", so Norbert Schmidt von Siemens, gerade auch in Sachen Speichertechnologie. Der Wirtschafts- und Tourismusförderer der Stadt, Bernd Dallmann, plädiert ebenfalls für den Green City Tower, der eine "Leuchtturmfunktion" bekommen könnte. Zugleich stehen schon andere Interessenten an der Innovation in anderen Städten bereit, in Frankfurt, Heidelberg oder Berlin. Noch im Januar sollen an der Dreisam die Würfel fallen. Und dann muss sich beweisen, ob die Worte, das Papier der 24 Seiten starken Broschüre wert sind, in der Freiburg seine "Wege zur Nachhaltigkeit" feiert. Denn dort steht in aller Bescheidenheit als Faktum zu lesen: "Für alle Baugebiete werden Energiekonzepte erstellt und (...) die umweltverträglichste Variante der Energieversorgung vorgeschrieben."


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3 Kommentare verfügbar

  • Timothy Simms
    am 19.01.2014
    Antworten
    "Die Stadtplaner wollen die Bebauungspläne, ihre Vorstellungen für das gesamte Areal im Blick behalten."

    Es handelt sich hier um einen durch Gemeinderat mit sehr großer Mehrheit (wenn nicht sogar konsensual) beschlossenen Bebauungsplan, insbesondere über die Fragen der Höhenentwicklung in dem…
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