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Postmigrantische Esskulturen

Comics auf der Speisekarte

Postmigrantische Esskulturen: Comics auf der Speisekarte
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 Fotos: Julian Rettig 

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Studierende aus ganz Europa haben bei der ersten "International Summer School Comics" der Merz Akademie mit Skizzenbuch und Stift Stuttgart erkundet.

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Rund um den Ostendplatz und ein bisschen weiter in Gablenberg in Stuttgart-Ost ist Essen aus der ganzen Welt zu Hause. Maultaschen aus dem Maultaschenhäusle, Vietnamesisch im Vietal Kitchen, Indisch im Athidhi, Sushi im Keisari, Italienisches gleich mehrfach, Döner & Co. sowieso. Kein Wunder also, dass sich die Merz Akademie, Hochschule für Gestaltung, Kunst und Medien, im nahen Kulturpark Berg gerne mal damit beschäftigt. Gerade ist dort die erste "International Summer School Comics" zu Ende gegangen. Eine Woche lang haben sich Studierende aus ganz Europa mit postmigrantischen Esskulturen beschäftigt, in Vorlesungen genauso wie in aktiver Recherche in der Stadt. Den Abschluss bildete eine Ausstellung in der Peña Real Madrid, einem der ältesten Fanclubs von Real außerhalb Spaniens an der Immenhofer Straße.

Nicole Atkociunas ist 23, kommt aus Litauen und studiert an der Vilnius Academy of Arts. Im Semester im Frühjahr waren dort Comics Thema. Als sie die Ausschreibung für die Summer School an der Merz Akademie entdeckte, mussten sie und einige ihrer Mitstudierenden nicht zweimal überlegen, zumal das Erasmus-Programm bei der Finanzierung half. Als Recherche-Ort hatte sie sich den Japan Shop Izumi in der Liststraße im Stuttgarter Süden ausgesucht. Der Besitzer zeigte sich aber wenig gesprächig, Englisch als einzig mögliche Sprache zur Verständigung machte es nicht einfacher. Die meisten Kunden schätzen den ruhigen, eher schweigsamen Ort übrigens sehr, was auch in Google-Kommentaren nachzulesen ist.

Erste Hochschule mit Comic-Professur

Zu den Kundinnen gehört auch Barbara Margarethe Eggert. Die Rektorin der Merz Akademie wohnt selbst dort in der Nähe, liebt den Laden und hat ihn deswegen gleich auf die Liste der Recherchemöglichkeiten der Summer School gesetzt. Eggert ist gebürtige Freiburgerin, Kunsthistorikerin und eine der bekanntesten Comicforscher:innen im deutschsprachigen Raum. Dank ihr ist die Merz Akademie inzwischen die erste Hochschule in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit einer Comic-Professur, der "Leibinger Professur für Comics und Comicforschung". Erste Lehrstuhlinhaberin ist Barbara Yelin, die Summer School war sozusagen ihr erster "Unterricht" hier.

Bevor Studierende wie Nicole aus Litauen oder Maria Lobos aus Porto in Portugal zu ihrer Recherche aufbrechen, sorgten Eggert, Yelin, Bettina Korintenberg vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und die Stuttgarter Künstlerin Marcela Majchrzak für eine theoretisch-praktische Grundlage. Marcela Majchrzak lenkte den Blick auf das in Baden-Württemberg mithilfe einer schwäbischen Spätzlepresse vom Sohn italienischer Einwanderer erfundene Spaghetti-Eis, auf den hier einst als Skandal empfundenen ersten Eiswagen, die Stuttgarter Markthalle als kulinarischen High-End-Treff und Little Istanbul in Feuerbach als Kontrast dazu. Und auf den ebenfalls in Deutschland erstmals angebotenen Döner, der ein Ergebnis der Anpassung der türkischen Gastarbeiter an die hiesige Lebensrealität war: bezahlbares, schnelles, auf der Straße konsumierbares und bestenfalls auch leckeres Essen.

Die Litauerin Nicole hat sich von dem schweigsamen Japan-Shop-Inhaber nicht abschrecken lassen, sondern ließ die fremden Nahrungsmittel auf den Regalen auf sich wirken. Ihr Comic in Form eines kleinen Zines handelt von einer Echse namens Zippy, die nach der Arbeit hungrig und erschöpft im Supermarkt Instantnudeln und Snacks einkauft, um sich satt zu essen.

Die Portugiesin Maria hat in gewisser Weise schon ihre Anreise zu einem Teil der Summer School gemacht. Sie war mit dem Flixbus mit Zwischenstopp in Mailand nach Stuttgart gekommen. Für sie ist eigentlich Spanien als direktes Nachbarland die erste Anlaufstelle, "Deutschland ist so weit weg". Diese Ferne zur Heimat, was das mit den Menschen macht, hat sie in ihrem Comicprojekt aufgegriffen. Dafür hat sie sich lange mit Jorge Castilla unterhalten, dem Vorsitzenden der Peña Real Madrid. In dem Vereinslokal an der Immenhofer Straße treffen sich ältere und jüngere spanische, manchmal auch portugiesische Migranten, schauen zusammen Fußball, tauschen ihre Lebensgeschichten aus, Tapas gibt es natürlich auch.

Melancholie, so fern von der Heimat

Maria Lobos hat aufgezeichnet, wie schwer es ist, an einem Ort so fern von daheim ein Zuhause aufzubauen, hat die Melancholie beim Gedanken an die in der Heimat gebliebenen Familienangehörigen skizziert.

Sowohl für Maria als auch für Nicole war der interkulturelle Austausch mit den Studierenden aus Cardiff, Porto, Straßburg, Vilnius und Wien das Highlight der intensiven Woche mit vollem Programm von 10 Uhr vormittags bis 18 Uhr abends und manchmal auch noch länger, schließlich mussten die Comics für die Ausstellung fertig werden.

Diese internationale Gemeinschaft hat für sie den Aufenthalt so besonders gemacht, am Abschluss- und Ausstellungsabend an der Immenhofer Straße haben sie das noch einmal in vollen Zügen genießen können. Die Pop-up-Ausstellung hatte den Titel "Comic. Essen. Begegnungen." – eine ganze Woche also in drei Wörtern zusammengefasst. 

Die Ergebnisse sind nächstes Jahr im März beim Nextcomic-Festival in Linz zu sehen, vielleicht auch vorher noch irgendwo in Stuttgart. Die nächste International Summer School Comics 2027 in der Merz Akademie wird "Comics & Architektur" zum Thema haben.

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