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Auf dem Heimatweg – Fotoausstellung in Stuttgart

"Einen Türken sehen wir nicht als Meister"

Auf dem Heimatweg – Fotoausstellung in Stuttgart: "Einen Türken sehen wir nicht als Meister"
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Eine Fotoausstellung der Mercedes-Benz Art Collection in der Stuttgarter Wagenhalle rückt die türkischstämmigen Arbeitnehmer:innen in den Blick. Jahr für Jahr begibt sich eine Million von ihnen auf die Reise in die alte Heimat Türkei.

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Am besten gefalle ihm das Bild mit dem langen Titel "Einen Türken sehen wir nicht als Meister", meint Ergun Lümali und zeigt auf ein Foto, das im Projektraum der Stuttgarter Wagenhalle in Sichtweite von seinem Rednerpult an der Wand hängt. Lümali ist Gesamtbetriebsratsvorsitzender und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender von Mercedes-Benz. Vor ihm hat bei der Vernissage bereits Olaf Schick vom Vorstand des Unternehmens gesprochen.

"Vollgepackt" lautet der Ausstellungstitel, und vollgepackt sind nicht nur die Kofferräume der Autos von rund einer Million Menschen, die sich nach wie vor jeden Sommer auf den mehr als 2.000 Kilometer langen "Sıla Yolu", den "Heimatweg" in die Türkei begeben. Vollgepackt ist auch der Ausstellungsraum der Wagenhalle: mit Menschen vorwiegend türkischer Herkunft, die sich zur Eröffnung in Schale geworfen haben. Und mit Erinnerungen und Emotionen, die die Fotos von Alwin Maigler in ihnen wachrufen.

Zum Beispiel bei Lümali: Das Bild zeigt den Kaminsims des ersten türkischstämmigen Mercedes-Benz-Facharbeiters mit Vornamen Erdoğan in dessen Haus in Şarköy am Marmarameer. Darauf steht die Masterarbeit seiner Tochter Ebru – nur die Vornamen sind angegeben – und eine amerikanische Flagge für den in den USA erfolgreichen Sohn. "Einen Türken sehen wir nicht als Meister", bekam dieser Erdoğan seinerzeit zu hören, als er bei Daimler-Benz Meister werden wollte. Lümali machte dieselbe Erfahrung. Doch er setzte sich durch, entschied sich dann aber für Betriebsratsarbeit.

"Başardık" nennt Maigler seine Fotoserie. Das bedeutet "Wir haben es geschafft". Erdoğan wurde der Meistertitel verwehrt, doch seine Kinder haben ihr Ziel erreicht. Ähnlich die in der Wagenhalle zahlreich anwesenden Mitglieder des Turkish Employee Network (TEN) von Mercedes-Benz: Sie haben gefunden, was ihre Eltern oder Großeltern suchten, als sie nach Deutschland kamen: eine gut bezahlte Arbeit bei einem großen Unternehmen. 

Die Idee zu dem Projekt entwickelten Maigler und Anne Vieth, die seit drei Jahren die Mercedes-Benz Art Collection leitet, bei einem Kaffee in Bad Cannstatt: Mit einem roten Mercedes 230 Coupé der Baureihe 123 aus den späten 1970er-Jahren, zur Verfügung gestellt von der Unternehmenssammlung Mercedes-Benz Heritage, begab sich der Künstler auf den "Heimatweg" in die Türkei, unterstützt vom Turkish Employee Network, dem mehr als 1.000 Mitglieder zählenden Netzwerk türkischstämmiger Mercedes-Beschäftigter.

Pause im "Turist Germania"

Die Reise beginnt am Mercedes-Benz Museum. Eine Person schüttet Wasser auf das Heck des roten Mercedes. Dazu wird eine Beschwörungsformel gesprochen: "Su gibi çabuk ol, ak geri gel, kazasız git belasız gel", was so viel bedeutet wie: "Sei schnell wie Wasser, komm schnell zurück, geh rasch und sicher und ohne Unglück." Und schon ist der rote Mercedes auf der Autobahn in den Alpen.

Die Strecke, auch Autoput (nach dem serbokroatischen Wort für Autobahn), Gastarbeiterroute oder wegen ihres früher katastrophalen Zustands auch Todesstrecke genannt, verläuft längs durch das ehemalige Jugoslawien und dann ostwärts bis in die Türkei. Ein Gasthof "turist" mit dem Namenszusatz "Germania" in Kroatien und ein Hotel "Bosphorus" in Serbien gehören zu den Stationen, die Autofähre bei Çanakkale und einige Orte in der Türkei. Die Ankunft versinnbildlicht ein sorgfältig arrangierter Teller Kässpätzle zwischen deutschem Bier und türkischem Tee auf einer Terrasse mit Blick auf den Bosporus.

Andere Aufnahmen illustrieren die Beschwernisse der Reise oder führen zu Protagonist:innen wie jenem Erdoğan, zu denen das Turkish Employee Network den Kontakt hergestellt hatte. Und immer wieder der rote Mercedes: Ein wenig Eigenwerbung gehört wohl dazu, wenn es darum geht, den Vorstand des Unternehmens zu überzeugen, Geld in Kunst anzulegen. 

Die Enkelgeneration fragt nach

Mercedes-Vorstand Olaf Schick stellt in seiner Rede die Ausstellung in den Rahmen der glorreichen Geschichte von "140 Jahre Innovation", die das Unternehmen in diesem Jahr feiert. Allerdings geht es hier nicht um die Erfolgsgeschichte von Mercedes-Benz, sondern um die seiner türkischen Mitarbeiter:innen. Anfangs in Wohnheimen untergebracht, mit begrenzten Deutschkenntnissen, haben sie lange Zeit nur gearbeitet, gern auch mit Überstunden, um Geld zu sparen oder nach Hause zu schicken. Gegenüber der Mehrheitsgesellschaft sind sie nur wenig in Erscheinung getreten. Sie waren da. Sie haben ihre Arbeit gemacht. Sie hatten wenig zu sagen.

Die Zeiten sind vorbei. Die Enkelgeneration hat längst angefangen zu fragen, wie sie in die Situation gekommen sind, in der sie sich befinden: Autoren wie Dinçer Güçyeter ("Unser Deutschlandmärchen"), die Herausgeber von zwei CDs mit den "Songs of Gastarbeiter", Filmemacher wie Cem Kaya mit seinem großartigen Dokumentarfilm "Liebe, D-Mark, Tod" (Aşk, Mark ve Ölüm) oder Merve Kayıckı, deren poetische Texte die Ausstellung bereichern.

Denn genau genommen handelt es sich nicht um eine reine Fotoausstellung: Es gibt einführende Informationen zur Geschichte der Arbeitsmigration, einen Beitrag von Kunstgeschichtsstudierenden der Universität Stuttgart und anderes mehr. Coşkun Yasa, der Leiter des Turkish Emploee Network, führte Videointerviews unter anderem mit Nejdet Nifliolu, dem Gründer des Netzwerks. Maiglers Aufnahmen sprechen nicht immer für sich, sie bedürfen in manchen Fällen, wie etwa bei dem genannten Erdoğan, einer Erläuterung.

Kayıckıs Texte fügen dem fotografischen Blick von außen eine Innenperspektive hinzu. "Wie beschwerlich muss diese Reise für unsere Großeltern gewesen sein?", fragt sie. "Keine Klimaanlage, kein Navi, ewige Schlangen an den Grenzkontrollen, Unfälle, Überfälle und holprige Landstraßen zwischen den Autobahnen. Aber sie haben das ganze Jahr Geschenke gesammelt für diese Reise. Jahrelang für das richtige Auto für diese Reise gespart und für diese paar Wochen im Sommer gearbeitet, die sie endlich in ihre Heimat fahren konnten."

Kayıckıs Großvater hat 30 Jahre in der Nähe von Stuttgart am Fließband gearbeitet. Sie selbst ist im Schwarzwald geboren, in Konstanz aufgewachsen und hat in den letzten Jahren unter anderem als Autorin für das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" und die Wochenzeitung "Die Zeit" auf sich aufmerksam gemacht. Sie schreibt auch fürs Theater, produziert Podcasts und ist seit fünf Jahren Innovationsmanagerin beim SWR X Lab.

"Beides in einem / Das geht"

Hinter dem Rednerpult in der Wagenhalle hängt groß eine Collage von Schwarzweißfotos, aufgenommen vom Rücksitz des Mercedes während Maiglers Fahrt. "baba wann sind wird da", dichtet Kayıckı zweisprachig aus Kinderperspektive, "die bäume rennen rückwärts / mama ich hab durst / ich muss mal können wir anhalten / weiter immer weiter / die bäume sehen hier anders aus / wo sind wir / wann kommen wir an/ können wir nach sofia / können wir raus / warum ist schon wieder stau / meine füße haben keinen platz / sind wir immer noch nicht da?"

Manche Texte wie "Aufbruch", "Bosphorus Hotel" oder "Gasthof Germania" beziehen sich direkt auf Maiglers Fotos. "Zwei Pässe / Zwei Kulturen / Zwei Sprachen", beginnt ein zweisprachiges Gedicht zu einem Bild, auf dem ein deutscher Pass neben einem türkischen liegt: Der Titel: "Doppelpass". Ihr Fazit: "Hier ganz / Dort ganz / Beides in einem / Das geht / Du musst dich nicht entscheiden."

"Man fühlt sich manchmal wie ein entwurzelter Baum", stellt Kayıckı fest, als sie sich fragt: Wofür das alles? "Jeder kennt den amerikanischen Traum oder?", fragt sie in "Der Almaya Traum". Der Traum der Großväter: "Unsere Opas wollten aber nach Deutschland. Sie haben hart gearbeitet. Sie sind geblieben. Und auch sie sind jetzt Deutschland", betont sie. Den Menschen des Turkish Employee Network dürfte sie damit aus der Seele sprechen. 

Klar ist aber auch: Wenn Migrant:innen für Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ein "Problem im Stadtbild" darstellen, registrieren sie dies genau. Alle Eröffnungsredner:innen sprechen das Thema Rassismus mit an. Man muss es nicht ausbuchstabieren, aber die Wahlerfolge der AfD sind als Gespenst im Raum. 

"Das Deutschland, das mein Opa und meine Oma mit aufgebaut haben und das wir alle gemeinsam mitprägen und mitgestalten, dieses Deutschland liebe ich", bekennt Kayıckı. "Aber das Ziel dieser Reise habe ich erst erreicht, wenn ich meinen Enkeln eines Tages versichern kann: Es kommt nicht darauf an, wo du herkommst."


Die Ausstellung "Vollgepackt" im Projektraum Kunstverein Wagenhalle, Innerer Nordbahnhof 1 in Stuttgart läuft noch bis 1. August. Die Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 16 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag 14 bis 19 Uhr. Zusätzlich gibt es Vorträge, Lesungen und Führungen, im Einzelnen hier.

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