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Muslimisches Leben in Stuttgart

Dialog statt Bitterkeit

Muslimisches Leben in Stuttgart: Dialog statt Bitterkeit
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 Fotos: Meryem Aydin 

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Rassismus gegen Muslime mit Wissen bekämpfen – dafür setzt sich Ahmad Al Saadi in Stuttgart ein. Er hat dazu den mobilen Begegnungsraum Al-Madjlis ins Leben gerufen und arbeitet an einer aktuellen Fotoausstellung über muslimisches Leben mit. Das Ziel: Dialog. Und mehr Verständnis für den muslimischen Glauben.

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Kunstvoll mit Henna verzierte Frauenhände, das Freitagsgebet in der albanischen Moschee, der Verkäufer einer Halal-Metzgerei – es sind Bilder aus dem Alltag von Menschen mit ganz unterschiedlichem muslimischem Glauben, von denen etwa 60.000 in der Landeshauptstadt leben, die aktuell im Stuttgarter Rathaus zu sehen sind. Die Fotografin Meryem Aydin porträtierte für die Ausstellung eine Lehrerin, eine Pflegekraft, Ärzt:innen, eine städtische Mitarbeiterin. Auch Ahmad Al Saadi ist mit einem Porträtfoto vertreten.

"Stuttgart ist zu Hause", sagt Al Saadi, der die Ausstellung mitkonzipiert hat. Er ist Palästinenser, 36 Jahre alt, voller Energie, zugleich aber auch zurückhaltend. Er analysiert Probleme, an deren Lösung er mitwirken möchte, und schiebt gleich hinterher, wie er Förderanträge für seine Projekte konzipiert. Sein jüngstes ist neben der Mitarbeit an der Ausstellung der mobile Begegnungsraum Al-Madjlis für junge Muslime.

Al Saadi wurde als Sohn palästinensischer Eltern im Flüchtlingslager Jarmuk in Syrien geboren. Er studierte dort Architektur, aber als 2011 der Bürgerkrieg ausbrach, floh er nach Deutschland. Er lernte die deutsche Sprache, engagierte sich in der Flüchtlingshilfe, wurde schließlich der Leiter von Flüchtlingsunterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen in Chemnitz. "Ich habe das Chaos in Chemnitz erlebt und die ersten Pegida-Demonstrationen gegen Geflüchtete und Muslime 2014", erzählt er. Man hört heraus, wie stolz er ist, es geschafft zu haben, mitten in diesem Hass seine Aufgabe gut zu erfüllen. 

Im Jahr 2015 kam er nach Stuttgart, wo er eine Unterkunft mitaufbaute, in der kurzfristig rund 500 Geflüchtete untergebracht werden mussten. In Stuttgart erlebte er Offenheit und Hilfsbereitschaft, sagt Al Saadi. Im selben Jahr kam sein Sohn zur Welt und der junge Vater wollte, dass sein Kind in einem Umfeld aufwächst, in dem Hass, Ausgrenzung und Radikalisierung keinen Platz haben. 

Zum Kämpfer des Friedens geworden 

Denn er selbst hatte andere prägende Erfahrungen gemacht: 2011 wurde er in Syrien bei einer Demonstration an der israelischen Grenze, die in Gewalt und Chaos endete, am Fuß verletzt. Dieses Erlebnis machte den Konflikt zwischen den Staaten für ihn persönlich, nicht nur zum ererbten Schicksal einer Familie, die seit drei Generationen im Flüchtlingslager lebte. Doch statt Bitterkeit wählte Al Saadi den Dialog.

Al Saadi hat Freude an Argumentation und friedlicher Auseinandersetzung, deshalb interessierte ihn, den Palästinenser, die Begegnung mit Israelis schon immer, sagt er. Schon die feministische Friedensbewegung in Israel 2012 inspirierte ihn, doch Jahre später sollte es die Musik sein, die den entscheidenden Funken entfachte: Die Lieder von Yael Deckelbaum auf einem Sommerfestival der Kulturen in Stuttgart weckten in ihm die Hoffnung auf ein gutes Miteinander zwischen Palästinensern und Israelis und machten greifbar, was bis dahin für ihn abstrakt geblieben war.

"In Deutschland habe ich zum ersten Mal erlebt, dass ich nicht kämpfen muss, um als Mensch mit Rechten wahrgenommen zu werden", sagt er. Er wirkt ernst, als er das harte Leben palästinensischer Geflüchteter in Syrien und anderen Nachbarländern anspricht. Nach und nach sei ihm klargeworden: "Ich wollte ein Kämpfer für den Frieden sein." Fünf Jahre lang arbeitete er im Projekt Shalom und Salam des Vereins Kubus, das Begegnungen zwischen Palästinensern und Israelis fördert. Dort lernte er die Werkzeuge des Dialogs und der Friedensarbeit. Einfach war das nicht immer, gibt er zu. "Die Auseinandersetzung mit mir selbst war die schwierigste."

Sein Herzensprojekt: Al-Madjlis

Während seiner Arbeit bei Shalom und Salam erkannte Al Saadi, dass muslimische Gemeinschaften in der Öffentlichkeit oft nicht selbst zu Wort kommen. Häufig werde über sie gesprochen, aber zu selten mit ihnen. Er entwickelte ein Konzept für das Projekt Al-Madjlis – deutsch: "die Versammlung". Seit dem vergangenen Jahr bringt Al-Madjlis junge Menschen im Alter von 16 bis 27 Jahren zusammen: muslimische Jugendliche und junge Erwachsene, Geflüchtete, Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte. Getragen wird das Projekt von der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg, einer Partnerorganisation des Kubus-Vereins, gefördert wird das Projekt vom Bundesinnenministerium.

Ziel ist es, bis Ende 2027 etwa 60 junge muslimische Menschen fortzubilden, die über Veranstaltungen mehr Begegnung mit der Mehrheitsgesellschaft ermöglichen. Das Angebot erstreckt sich von gewaltfreier Kommunikation, der Beschäftigung mit der eigenen Biografie, über eine Schreibwerkstatt bis hin zu islamischer Theologie. "Für uns ist klar: Das Grundgesetz ist der rechtliche Rahmen unseres Zusammenlebens. Gleichzeitig wollen wir Räume schaffen, in denen junge Menschen offen über religiöse Fragen, Werte und mögliche Spannungen im Alltag sprechen können", sagt Al Saadi. Deshalb gehört seinem Bildungsteam nicht nur ein islamischer Theologe, sondern auch jemand von der Bundeszentrale für politische Bildung an. Kommende Woche bietet er unter dem Titel "Another world is possible" (eine andere Welt ist möglich) ein Konzert und einen Gesangsworkshop mit den Musikerinnen und Aktivistinnen Diane Kaplan und Meera Eilabouni an. Kaplan ist israelische Jüdin und Tochter von Holocaust-Überlebenden, Eilabouni ist in Israel in eine christliche palästinensische Familie geboren.

Muslimisches Leben sichtbar machen

Al Saadi benennt zwei Ursachen für antimuslimischen Rassismus: rechtsextreme Ideologie – dagegen komme er nicht an. Aber auch einen Mangel an Wissen, da will er mit seiner Bildungsarbeit ansetzen. Auch in der aktuellen Ausstellung über muslimisches Leben.

Die Initiative für die Ausstellung ging vom Muslimischen Netzwerk Stuttgart aus und wurde in Zusammenarbeit mit der Stadt Stuttgart umgesetzt. Gefördert wird das Projekt von der Robert Bosch Stiftung, verantwortlich ist die christliche Eugen-Biser-Stiftung, die sich einsetzt für interreligiösen Dialog. Denn jeden Tag begegnet man muslimischen Menschen, ohne es zu wissen, oft ohne sie wahrzunehmen. Ahmad Al Saadi möchte das ändern.


Die Ausstellung "Muslimisches Leben in Stuttgart" ist noch bis 21. Mai im Stuttgarter Rathaus zu sehen, von Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr. Online zu finden ist sie unter www.muslimischeslebeninstuttgart.de.

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