Al Saadi wurde als Sohn palästinensischer Eltern im Flüchtlingslager Jarmuk in Syrien geboren. Er studierte dort Architektur, aber als 2011 der Bürgerkrieg ausbrach, floh er nach Deutschland. Er lernte die deutsche Sprache, engagierte sich in der Flüchtlingshilfe, wurde schließlich der Leiter von Flüchtlingsunterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen in Chemnitz. "Ich habe das Chaos in Chemnitz erlebt und die ersten Pegida-Demonstrationen gegen Geflüchtete und Muslime 2014", erzählt er. Man hört heraus, wie stolz er ist, es geschafft zu haben, mitten in diesem Hass seine Aufgabe gut zu erfüllen.
Im Jahr 2015 kam er nach Stuttgart, wo er eine Unterkunft mitaufbaute, in der kurzfristig rund 500 Geflüchtete untergebracht werden mussten. In Stuttgart erlebte er Offenheit und Hilfsbereitschaft, sagt Al Saadi. Im selben Jahr kam sein Sohn zur Welt und der junge Vater wollte, dass sein Kind in einem Umfeld aufwächst, in dem Hass, Ausgrenzung und Radikalisierung keinen Platz haben.
Zum Kämpfer des Friedens geworden
Denn er selbst hatte andere prägende Erfahrungen gemacht: 2011 wurde er in Syrien bei einer Demonstration an der israelischen Grenze, die in Gewalt und Chaos endete, am Fuß verletzt. Dieses Erlebnis machte den Konflikt zwischen den Staaten für ihn persönlich, nicht nur zum ererbten Schicksal einer Familie, die seit drei Generationen im Flüchtlingslager lebte. Doch statt Bitterkeit wählte Al Saadi den Dialog.
Al Saadi hat Freude an Argumentation und friedlicher Auseinandersetzung, deshalb interessierte ihn, den Palästinenser, die Begegnung mit Israelis schon immer, sagt er. Schon die feministische Friedensbewegung in Israel 2012 inspirierte ihn, doch Jahre später sollte es die Musik sein, die den entscheidenden Funken entfachte: Die Lieder von Yael Deckelbaum auf einem Sommerfestival der Kulturen in Stuttgart weckten in ihm die Hoffnung auf ein gutes Miteinander zwischen Palästinensern und Israelis und machten greifbar, was bis dahin für ihn abstrakt geblieben war.
"In Deutschland habe ich zum ersten Mal erlebt, dass ich nicht kämpfen muss, um als Mensch mit Rechten wahrgenommen zu werden", sagt er. Er wirkt ernst, als er das harte Leben palästinensischer Geflüchteter in Syrien und anderen Nachbarländern anspricht. Nach und nach sei ihm klargeworden: "Ich wollte ein Kämpfer für den Frieden sein." Fünf Jahre lang arbeitete er im Projekt Shalom und Salam des Vereins Kubus, das Begegnungen zwischen Palästinensern und Israelis fördert. Dort lernte er die Werkzeuge des Dialogs und der Friedensarbeit. Einfach war das nicht immer, gibt er zu. "Die Auseinandersetzung mit mir selbst war die schwierigste."
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