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Wandern mit Winfried Hermann

Biografischer Grenzgang

Wandern mit Winfried Hermann: Biografischer Grenzgang
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 Fotos: Jens Volle 

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Zum Ende seiner Amtszeit hat Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) einen Wanderweg zwischen Tübingen und Rottenburg eröffnet. In der einen Stadt wurde er geboren, in der anderen studierte er: Das verspricht jede Menge Anekdoten – wenn da nur nicht dauernd die Koalitionsverhandlungen wären.

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Sonntag, 8.23 Uhr, der Regionalzug MEX18 verlässt den Stuttgarter Hauptbahnhof, pünktlich auf die Minute. Wenn das kein gutes Omen ist! Für den Tag ist eine ziemlich apriltypische Mischung prognostiziert, Sonne, Regen, Wolken, Sonne oder umgekehrt, schwer vorhersehbar, was ja auch eine Metapher für den Politikbetrieb sein kann. Winfried Hermann ist gelassen, gut drei Wochen ist er noch im Amt, nach 15 Jahren als grüner Verkehrsminister in Baden-Württemberg. Was soll einen da noch aus der Ruhe bringen? Der Minister mümmelt eine Brezel, plaudert mit seinen Mitarbeiter:innen und dem mitgereisten grünen Landtagsabgeordneten Michael Joukov. 

Hermanns Wanderoutfit: praktisch und nicht überambitioniert. Funktionshose ist was für Angeber, Jeans tun's auch, aber ein bisschen Corporate Identity darf schon sein: Schirmmütze, Blouson, Poloshirt und selbst die Socken des Ministers tragen das bwegt-Logo des Verkehrsministeriums: das gleiche Zeichen, das auch Regionalzüge ziert. Mit der bwegt-Initiative, gesprochen bewegt, soll Bus- und Bahnfahren im Land einfacher, besser und nachhaltiger werden.

Schwäbische Hügel und Mühen der Ebene

Seit 2023 gibt es auch bwegt-Wanderwege. Der Grundgedanke: Wege mit unterschiedlichen Start- und Zielpunkten, die bequem mit Bahn oder Bus zu erreichen sind – so spart man sich wie bei Rundwanderungen die Rückkehr zum Ausgangspunkt, außerdem sollten am Weg auch interessante kulturelle und landschaftliche Wegmarken liegen. 14 solcher Wege gibt es schon, einige hat Hermann wandernd mit eingeweiht, bei einem war auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) dabei. An diesem Tag steht die letzte Einweihungswanderung an, von Tübingen nach Rottenburg.

Hermann ist bei den grün-schwarzen Koalitionsverhandlungen im Team fürs Thema Mobilität, am Wochenende soll schon ausverhandelt sein, und aus dem wenigen, was sich Hermann entlocken lässt, dringt durch, dass es noch ziemlich anstrengend mit der CDU werden wird. Und hier geht's für ihn wohl auch ums Vermächtnis, denn das Ressort wird an die CDU gehen. Was bleibt da? Vor allem dann, wenn Hermanns frühere Intimfeindin Nicole Razavi das Ministerium übernimmt, wie aus den berühmten gut informierten Kreisen zu hören ist? Joukov, ein Hüne von ansteckend guter Laune, wirft grinsend ein: Das sei ja noch nicht ausgemacht mit Razavi, es werde ja auch gemunkelt, sie wolle Fraktionsvorsitzende werden. Jaja, netter Versuch. Wer es auch wird, "so ein gut bestelltes Haus kriegt man selten", findet Hermann.

Die einzuweihende Wanderstrecke verbindet zwei zentrale Stationen von Hermanns Biografie: Rottenburg, wo er 1952 geboren wurde und aufwuchs, und Tübingen, wo er von 1973 bis 1979 studierte. Einige Minuten vor Tübingen, das Neckartal weitet sich, zeigt der Minister auf die B-27-Brücke: "Eine der politisierendsten Stationen meines Lebens!", sagt er. In den 1970ern gab es heftige Proteste gegen die geplante neue B27-Trasse: Bürgerinitiativen, Student:innen und Landwirte protestierten Seit' an Seit', ein Landwirt hatte aus Sonnenblumen Slogans in die Maisfelder gesät, dass aus der Luft die Botschaft sichtbar war: "Keine B27 durchs Neckartal!" Trasse und Brücke wurden dennoch gebaut, die Protestbegeisterung blieb.

Palmer grinst, Maskottchen winkt

Stopp in Tübingen. Oberbürgermeister Boris Palmer begrüßt Hermann auf dem Bahnsteig und strahlt sein breitestes Palmer-Grinsen. Konkurrenz bekommt er von einem ebenfalls breit lächelnden, riesenäugigen Rechteck: Es ist das bwegt-Maskottchen, und mit diesem Wissen erkennt man auch den comichaft abstrahierten Triebwagenkopf auf Stummelbeinchen und mit wild winkenden Stummelärmchen. Es heißt nicht etwa Bwegti, Regionalzugi oder Schienenbussi, sondern Bine, nicht zu verwechseln mit Biene, denn es handelt sich um die Kurzform von Sabine, wie bwegt-Projektleiter Axel Dürr später erklärt. Man muss nicht alles verstehen. Die Kinder jedenfalls lieben Bine, die es am bwegt-Stand auch in Kuscheltiergröße gibt. Manche Eltern seufzen.

Doch jetzt der hochoffizielle Teil! Palmer führt den Tross vom Bahnhofsgebäude zum Vorplatz, am Busbahnhof vorbei, um die 50 Leute warten schon, auch die Kapelle vom Musikverein Derendingen, die zur Begrüßung den Soundtrack des Pixar-Animationsfilms "Incredibles" (deutsch "Die Unglaublichen") spielt. Nach einer kurzen Begrüßung reißt Palmer das Mikro an sich. Die Spannung steigt, denn als Palmer noch bei den Grünen war, bildeten Hermann und er sozusagen die Pole in der Landespartei. Dort der Parteilinke und Pazifist Hermann, da der Superrealo mit Hang zu kontroversen Haltungen Palmer. Beide zofften sich immer wieder.

Heute aber maximale Versöhnlichkeit. Palmer lobt Hermann in den höchsten Tönen, dieser habe "drei enorm große Erfolge für Tübingen erreicht". Der erste: In seiner Amtszeit haben sich die Zughalte in Tübingen von 170 auf 330 gesteigert. Der zweite: Durch eine neu eingeführte und üppig ausgestattete Landesförderung habe er die geplante Regional-Stadtbahn Neckar-Alb erst möglich gemacht. Und der dritte große Erfolg sei nun: der neue Wanderweg!

Hermann kann sich danach einen kleinen Hinweis auf die Spannungen nicht verkneifen: So viel Lob tue gut, "und das aus diesem Munde und zum ersten Mal in dieser Größe und Breite". Dann folgt der Tübinger Landrat Hendrik Bednarz, SPD, im Eröffnungsredenreigen. Auch Dank von ihm, dazu ein Appell: Die finanzielle Lage der Kommunen sei gerade so ernst wie lange nicht, und auch die Erschließung eines Wanderwegs koste ja Geld. Bednarz bittet Hermann, "wenn es heute Abend zurückgeht zu den Koalitionsverhandlungen, dass das auch eingepreist wird".

Dann ist noch ein bisschen Zeit für Pressefotos, Butterbrezeln, Apfelschorle und Sekt, Bine winkt und drückt Kinderhände. Um Viertel nach zehn geht endlich die Wanderung los. Die Kapelle spielt zum Abschied "Surfin' USA" von den Beach Boys.

Nach einem Kilometer ist Schluss mit Ebene, die Schlossbergstaffel will bezwungen werden, der erste Schweiß fließt. Hermann, 73 Jahre alt, ist so leicht nicht aus der Puste zu bringen, oben angekommen hält er nach minimaler Verschnaufpause das erste biografische Kurzreferat: Nach diesem Aufstieg wisse man ja jetzt, warum das nahe Schloss Hohentübingen heiße. Mit dem Schloss verbinde er schöne Erinnerungen ans Studium, denn dort ist auch das Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft untergebracht, ein Fach, das er immer viel interessanter fand als sein Hauptfach Germanistik – denn hier gab es Dialektforschung, entstaubte Volkskunde und ähnliches. Außerdem habe es die schönste Aussicht eines Tübinger Instituts, und zwar durch ein Fenster auf dem Weg zur Toilette.

Wolkenbruch beim Turmmodell "Götterdämmerung"

Weiter geht's Richtung Westen, durch teuer aussehende Wohnviertel zum Bismarckturm. Pünktlich zur Ankunft beim Gedenkklotz für den Blut-und-Eisen-Politiker kommt es zu einem Wolkenbruch, der sich gewaschen hat. Unter zwei Pavillons gibt es spärlichen Schutz, heißen Kaffee und Waffeln, doch der Guss dauert nicht lange. Der hiesige 16 Meter hohe Bismarckturm sieht genauso aus wie der in Stuttgart, nur ein paar Meter niedriger, und wie viele andere in Deutschland oder auf dem Gebiet des ehemaligen Deutschen Reiches. Dies sei jedenfalls das Design "Götterdämmerung", erklärt Björn Franke vom Verein Turmfreunde Tübingen in einem kurzen Vortrag. Nationalkonservative Gruppen, oft aus der Studentenschaft, hatten Anfang des 20. Jahrhunderts die Türme initiiert, die wie riesige Fackeln aussehen sollten, Ziel sei gewesen, "den Geist Bismarcks ins ganze Land zu tragen". Den Turm zugänglich zu halten, zugleich die mit ihm verbundene Geschichte kritisch zu hinterfragen und auch zu verhindern, dass er eine Anlaufstelle für rechte Verbindungsstudenten wird, das sei die Motivation gewesen, den Verein 2020 zu gründen, sagt Franke.

Nach der Pause geht es weiter auf dem Höhenzug Richtung Rottenburg, nun durch Wald, immer wieder unterbrochen von kurzen Ausblicken aufs Neckartal. Hermann macht Tempo, das Feld beginnt, in mehrere Gruppen auseinander zu fallen. Eine Grenze hat der Wandertross gerade überschritten: Kurz hinterm Turm folgt auf das evangelisch geprägte Tübingen die katholische Gegend, erklärt Hermann. Und fügt hinzu, dass hier neben der Konfessions- auch mal eine Staatsgrenze war: Rottenburg gehörte noch bis 1805 zum Habsburger Reich, ehe es, wie Tübingen schon jahrhundertelang, Teil Württembergs wurde. Dann öffnet sich der Wald, Streuobstwiesen breiten sich aus, Sonne und Wolken wechseln sich ab, aber es bleibt trocken. 

Als es kurz darauf wieder einen giftigen Anstieg hoch geht, bleibt Hermann an einem prächtig blühenden Apfelbaum stehen. "Wenn jetzt jemand noch anhand der Blüte sagen könnte, was für eine Apfelsorte das ist", witzelt er, dann gibt es wieder historisch-biografische Einblicke. Äpfel seien ja früher in der Region die Grundlage des Trinkens gewesen, da habe man daraus immer Most, pardon, Moscht gemacht, deswegen sei auch viel weniger Bier als heute getrunken worden. Im Keller jedes Hauses habe es ein großes Mostfass gegeben, auch in seinem Elternhaus. "Später habe ich diese Tradition wieder aufleben lassen wollen, bin aber gescheitert." Weil es keine so kalten Keller mehr gebe wie früher. Und daher sei der Hermann'sche Most zu Weihnachten zwar trinkbar gewesen, aber im Februar schon umgekippt.

Wir sind nun im Naturschutzgebiet Hirschauer Berg, immer mal wieder kommt schon die Wurmlinger Kapelle ins Bild. Eine interessante Landschaft, früher sehr viel Weinbau, weswegen heute noch Trockenmauern die Hänge prägen – auf denen sich Magerwiesen, Wacholderheiden, Obstbäume und Reben abwechseln. Kolja Schümann vom Verein Vielfalt, der sich um den Erhalt der Landschaft und der Artenvielfalt im Kreis Tübingen kümmert, spricht über die naturräumliche Gliederung des Gebiets, zur Geologie, zur extrem reichen Flora und Fauna: 4.000 Tierarten, 2.000 Pfanzenarten, wir lernen den Zottigen Spitzkiel und die Ungarische Platterbse kennen, die es in ganz Deutschland nur noch hier gibt – die aber leider im Rahmen der Wanderung nicht gesichtet werden. 

Am Schluss gibt es auch von Schümann noch einen Auftrag für die Koalitionsverhandler: Auch bei den Förderprogrammen zu Naturschutz und Landschaftspflege gebe es Kürzungen, sein Verein etwa habe aktuell nur 35 Prozent der beantragten Mittel bewilligt bekommen. Das sei bedenklich, denn Landschaftspflege könne Landschaften erhalten, sagt Schümann, und zu Hermann: "Nehmen Sie das bitte mit in die Koalitionsverhandlungen." Noch ein Päckchen.

Weiter geht's. Kurz vor dem letzten Stück zur Wurmlinger Kapelle gibt es, nach knapp drei Stunden, wieder eine Verpflegungspause: Rote Wurst vom Wildschwein, Lamm-Merguez und Ratatouille, Weine von hiesigen Winzern, und zur rund 50-köpfigen Wandergruppe kommen noch einmal so viele dazu, darunter auch die Rottenburger Bürgermeisterin Manuela Beck. Dann dürfen Claus Sieß und Markus Beschorner vom Hirschauer Weinbauverein noch vom Weinbau und dessen Produkten schwärmen, nicht ohne einen Appell an Hermann und seinen Nachfolger im Ministerium zu vergessen: Eine wichtige Brücke, die abgerissen werden soll, möge doch schnell wieder aufgebaut werden. Hermann bedankt sich für die Weine, besonders der Rosé sei sehr gut gewesen.

Auch in Wurmlingen quillt der Anhydrit

Der letzte steile Anstieg zur Wurmlinger Kapelle, allmählich knallt die Sonne von einem immer wolkenärmeren Himmel. Dafür ist der Rundblick oben in Richtung Alb, Schwarzwald und Gäu traumhaft. Hermann zeigt auf den Hirschauer Baggersee im Süden – "das war früher unser Freibad" – und nach Unterjesingen im Norden: "Die wollen partout eine Umgehungsstraße". Damit hat er bald nichts mehr zu tun.

Dann geht es auf die letzte Etappe, nur noch abwärts Richtung Rottenburg. In Wurmlingen läuft die Gruppe über eine Straße, die kürzlich, nach langen Jahren, endlich erneuert wurde – quellender Anhydrit hatte sie beschädigt. Da lässt sich eine Stuttgart-21-Frage nicht vermeiden, führen doch viele Tunnel durchs gleiche, bei Wasserkontakt aufquellende Gestein. Werden die Röhren halten? Hermann erzählt von neuen Baumethoden, die für mehr Sicherheit sorgen sollen, aber letztlich: “Ob das jetzt wirklich hält, wird die Geschichte zeigen.”

Dann endlich Rottenburg, Bischofssitz, Hermanns Geburtsstadt. Der Minister kann zu jedem zweiten Gebäude so viel referieren, zur politischen, wirtschaftlichen und Baugeschichte, dass Bürgermeisterin Beck irgendwann sagt: "Herr Hermann, ich hab' einen neuen Job für Sie, Stadtführer." Überlege er sich noch, sagt Hermann.

Nach rund 14 Kilometern, die Füße qualmen, ist der Bahnhof erreicht. Hermann greift noch mal zum Mikro. Genau hier sei früher der Güterbahnhof gewesen, da sei er aufgewachsen, weil sein Vater als Güterbeförderer arbeitete. Für ihn selbst seien die Lagerstätten der Abenteuerspielplatz gewesen, heute gebe es das alles nicht mehr. Aber das sei gut: Jetzt ist hier ein Busbahnhof, der Güterbahnhof wurde nicht mehr gebraucht.

Um 17.44 Uhr geht's dann im Zug zurück. Und fast hat man den Eindruck, als schwinge im Blick des Minister aus dem Fenster doch ein bisschen Wehmut mit. Eigentlich ist dafür noch keine Zeit, denn morgen geht es gleich weiter mit den Koalitionsverhandlungen, die Woche wird hart. Am 13. Mai soll Hermanns Nachfolgerin oder Nachfolger vereidigt werden. Und dann? Haut der Minister für vier Wochen ab, geht auf Tour: "Nach Südfrankreich, Nordspanien, Portugal." Nicht mit dem Zug, sondern mit dem Wohnmobil.

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