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Stuttgarter Gewächs

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Vor ziemlich genau zehn Jahren, im Vorfeld der Landtagswahl 2016 in Baden-Württemberg, hatte der damalige AfD-Chef Jörg Meuthen einen Auftritt im SWR. Im Hintergrund steht ein Mann, der bei jedem Satz angewidert das Gesicht verzieht und traurig den Kopf schüttelt: der Stuttgarter Stadtrat Luigi Pantisano, zu diesem Zeitpunkt Mitarbeiter von Bernd Riexinger, dem Vorsitzenden der Linken. Zunächst vermuten von diesem Auftritt getriggerte Rechte, es könne sich um eine Schmutzkampagne der Grünen handeln: Weil Pantisano bei seinem demonstrativen Ekel einen grünen Pullover trug, machte in Kommentarspalten der Verdacht die Runde, es handle sich vielleicht um einen Verwandten von Winfried Kretschmann? Als die besorgten Bürger dann herausfanden, für welche Partei Pantisano wirklich aktiv war, brachen alle Dämme. Im Stuttgarter Rathaus ging ein Drohbrief ein: "Es hat uns gerade noch gefehlt, dass ein italienischer Kommunistenlümmel gegen uns von den Rechten und Nationalisten hetzt", schreibt ein anonymer Absender und kündigt eine Tracht Prügel an. 

Heute sitzt Pantisano im Bundestag, nennt AfD-Abgeordnete konsequent Nazis und könnte selbst zum Linken-Chef werden. Für regelmäßige Kontext-Leser:innen dürfte er kein Unbekannter sein: Pantisano ist eng mit der aktivistischen Szene in Stuttgart vernetzt, engagierte sich früh für eine autofreie Stadt, trug als Hausbesetzer ein rotes Regal in eine leerstehende Wohnung und musste dafür blechen, hat 2019 zum politisch motivierten Schwarzfahren eingeladen. "Übernehmen jetzt die Aktivisten?", fragt die "Zeit" aktuell mit Blick auf seine Kandidatur. Und während es zweifellos Berührungspunkte zum praxisorientierten Spektrum gibt, ist das nur eine Seite Pantisanos. In Waiblingen besuchte er eine Haupt- und Realschule, auf eine Ausbildung zum Bauzeichner folgte die Fachhochschulreife, schließlich das Architekturstudium in Stuttgart und Tokio. 

In kaum einem Interview fehlt der Verweis auf seine Eltern, zwei italienische Gastarbeiter, die von der hiesigen Politik nie so recht anerkannt worden seien. "Ich will Arbeiterinnen und Arbeiter zurückgewinnen", erklärt er aktuell – seltener hört man ihn Revolution und Sozialismus ausrufen. Im Interview mit der "Rheinpfalz" erklärt er: "Meine Aufgabe ist, das Leben der Menschen zu verbessern. Das habe ich kommunalpolitisch immer so gemacht. Ich mache das im Zweifel auch mit der CDU. Wenn ich Dinge verbessern kann für die Menschen – warum nicht?" Manche interpretieren das als Absage an Identitätspolitik. 

Pantisano gehörte zu den frühen öffentlichen Feinden von Sahra Wagenknecht und ihren Anhänger:innen. Und er schafft es, moderate und bürgerliche Kräfte für seine Ideen zu gewinnen. In Konstanz gibt es sogar eine "Luigi-Pantisano-Gedächtnislampe", seit er dort 2020 als Oberbürgermeisterkandidat angetreten ist. Unterstützung gab es von Grünen und der SPD, Pantisano lag im ersten Wahlgang vorn, unterlag in der Stichwahl nur knapp gegen den Amtsinhaber Ulrich Burchardt (CDU) – und verpasste damit nur haarscharf eine Sensation im strukturkonservativen Südwesten. 

Eine Palästina-Flagge schwenkt er seit dem 7. Oktober schon, weil die für die Befreiung des palästinensischen Volkes stehe. Eine israelische käme ihm aktuell nicht in die Hand, sagt er "t-online", wegen Netanjahu, dem Kriegsverbrecher. Den Brief der von ihm mitgegründeten "LinksKanax", die Gregor Gysi Antirassismusnachhilfe erteilen möchten, hat er allerdings nicht unterschrieben. Das Existenzrecht Israels stehe nicht zur Debatte, erklärt Pantisano seit dem Bekanntwerden seiner Kandidatur allen, die danach fragen, zudem sei die Hamas eindeutig eine Terrororganisation.

Der Bundesparteitag mit der Wahl des neuen Vorsitzenden steht im Juni an, schon am kommenden Wochenende ist Linken-Landesparteitag in der Schwabenlandhalle Fellbach, Pantisano wird dort reden.

Ein großer Teil der Kontext-Redaktion wird am Wochenende allerdings in Berlin weilen. Da steigt das taz lab 2026, das absolut lohnenswerte Programm platzt aus allen Nähten. Kontext wird, wie jedes Jahr, mit einem Stand vor Ort sein.

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2 Kommentare verfügbar

  • Jörg Tauss
    vor 10 Stunden
    Antworten
    Na ja. Von Herrn Pantisano habe ich in Fragen Rüstung und Frieden bisher mehr an Widersprüchen denn an konsequenter linker Friedenspolitik gehört. Passt zum russophoben van Aken.

    Und Luigis "Feindin" sei Sarah Wagenknecht? Echt? Nochmals na ja. Sarah ist mir bei diesen Themen immer noch lieber…
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