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Clubszene Stuttgart

Feiern auf Sparflamme

Clubszene Stuttgart: Feiern auf Sparflamme
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 Fotos: Jens Volle 

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Der Stuttgarter Sparhaushalt trifft auch das Nachtleben, dessen Bedeutung für die Stadt bislang unterschätzt wird. Dabei geht es um mehr als nur Fördergelder für Kultureinrichtungen.

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Die Corona-Pandemie und die Inflation seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine haben Spuren hinterlassen im Alltag. Bis heute wirkt so manches davon nach. Gut zu beobachten ist das am Nachtleben: Die Jugend geht seltener feiern, beziehungsweise kann und will sich die hohen Preise der Diskotheken oft nicht mehr leisten. Das "Clubsterben" wurde während der Pandemie zum geflügelten Wort, beklagt wurde das Phänomen jedoch bereits in den Jahrzehnten zuvor. Gentrifizierung, hohe Mieten und zurückgehende Besucherzahlen sorgten dafür, dass in ganz Deutschland Clubs und Bars dichtmachen.

All das trifft auch auf das Stuttgarter Nachtleben zu, darüber hinaus kann die baden-württembergische Landeshauptstadt mit einem ihr eigentümlichen Grund für Clubschließungen aufwarten: Stuttgart 21. Im Januar 2012 fiel die Club- und Konzertlocation "Die Röhre", die 27 Jahre in der nicht fertiggestellten Nordröhre des Wagenburgtunnels ihre Heimat hatte, dem milliardenschweren Bahnprojekt zum Opfer.

Nach der Pandemie setzt nun die schwächelnde Wirtschaftslage der schwäbischen Autostadt zu: Tausende Menschen in der Region verlieren ihre Jobs, die werden wohl erstmal auf Feten im Club verzichten. Und die Stadt verabschiedete wegen drastisch gesunkenen Steuereinnahmen im Dezember zum ersten Mal seit der Finanzkrise 2009 einen Sparhaushalt. Öffentliche Förderungen, von denen auch die Kultur- und Clubszene profitierten, werden gekürzt oder ganz gestrichen.

Grund genug also, sich die Lage in Stuttgart genauer anzusehen. Der Verein Clubkollektiv Stuttgart, das etwa 40 Akteure des Nachtlebens – vom Verein bis zur GmbH – als Mitglieder führt, organisierte vergangenen Freitag dazu einen Spaziergang durch die Innenstadt. Gekommen sind Köpfe der lokalen Politik, vom Kulturamt und der Wirtschaftsförderung Stuttgart, und natürlich Menschen aus der Szene. Einer, der auch eingeladen war, fehlt: Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU).

Clubs können Städte schöner machen

Startpunkt an diesem nass-trüben Abend ist die Rathauspassage, unweit vom beliebten Ausgehviertel um den Hans-im-Glück-Brunnen. Hier hat im vergangenen Herbst der Club und die dazugehörige Bar White Noise seine Pforten geschlossen. Der Grund war in erster Linie kein ökonomischer: Nach einem Zwischenfall zwischen einem Türsteher und einer DJane kam es zum Shitstorm gegen das Etablissement, die Besucherzahlen gingen zurück und Betreiberin Ninette Sander zog die Reißleine.

Doch vor allem geht es bei dem Spaziergang darum, aufzuzeigen, wie die Orte durch Betriebe des Nachtlebens aufgewertet werden. Die Rathauspassage und der Vorplatz am "White Noise" seien eher als Unort wahrgenommen und gerne als Toilette genutzt worden, erzählt Sander. Mülleimer habe sie selbst geleert. Gemeinsam mit der SPD-Stadträtin Sara Dahme hat sie zudem das Projekt Interflux ins Leben gerufen, um die Rathauspassage mit Kunst und Performances aufzuwerten.

Während einerseits Clubs und das Engagement der Betreiber:innen die Stadt zu einem lebenswerteren Ort wandeln, kommt Clubkollektiv-Vorsitzende und Tourführerin Hannah Japes, Betriebsleiterin des Im Wizemann, an der zweiten Station des Abends auf einen Konflikt zu sprechen: den Lärm, den eine belebte Nacht eben mit sich bringt. Mitten im Kneipen- und Barviertel werden seit 2022 die Vier Giebel gebaut: Büro- und Gewerbefläche, außerdem 42 Wohnungen. Auf der Webseite werde mit der attraktiven Lage im Ausgehviertel geworben, erzählt Japes. Ob die Bewohner:innen das "nach zwei Monaten im Sommer" immer noch so positiv sehen, bleibe abzuwarten, Schallschutzfenster hin oder her. Klar ist: Wer in ein Viertel mit regem Barbetrieb zieht, kann im Nachgang nicht behaupten, nicht gewusst zu haben, worauf sie oder er sich einlässt. Klar ist aber auch: Eine Innenstadt, in der nur gefeiert wird und nicht gewohnt, wird schließlich für alle unattraktiv.

Keine Freude über das Ende der Konkurrenz

Der Tross zieht weiter, hin zu einer kahlen Glasfassade eines Burgerladens am Rotebühlplatz, wo zwischen 2007 und 2020 der "Keller Klub" beheimatet war. Viele der Mitmarschierenden schwelgen offensichtlich in Erinnerungen an frühere Besuche. Neben dem wirtschaftlichen und kulturellen gebe es auch einen sozialen Aspekt, weshalb es ein Angebot fürs Nachtleben brauche, führt Japes an dieser Stelle aus. Heißt: "Da treffen sich vielleicht ein Ingenieur und eine Studentin, einfach nur weil sie dieselbe Musik mögen."

Auch unter den Clubbetreibenden ist die Freude nicht allzu groß, wenn die Konkurrenz wegfällt. Im Gegenteil: Schließlich würden die ja auch "Leute in die Stadt ziehen", wie Martin Weinmann im Climax ausführt, das er mit Michael Gottschalk betreibt. Im Oktober feiert der Club in den Kellerräumen der Calwer Straße 25 sein 30-jähriges Bestehen. Die Pandemie habe das Climax nur überlebt, weil Gottschalk sein Geld in den Erhalt des Clubs gesteckt hat, erzählt Weinmann. 

Corona mache sich auch beim Publikum bemerkbar: Junge Erwachsene kämen seltener, weil sie in ihrer Jugend das Feiern nicht lernen konnten.

Vergangenes Jahr bewarben sich Gottschalk und Weinmann erfolgreich auf Fördermittel der Stadt für Schallschutzmaßnahmen. Die braucht es für eine konfliktfreie Koexistenz mit den Anwohner:innen. Weinmann kann aus eigener Hand davon berichten: Eine ältere Dame, die seine Handynummer hat, schreibe ihm oft, er solle doch die Musik leiser drehen. Noch sind die Schallschutzmaßnahmen nicht eingebaut, danach soll es hoffentlich besser werden. 100.000 Euro hat Stuttgart vergangenes Jahr in einem Fördertopf für solche Lärmschutz-Maßnahmen den Clubs zur Verfügung gestellt. Es zeigt: Die Stadt ist sich der Bedeutung eines attraktiven Angebots zum Feiern sehr wohl bewusst. Eng arbeitet die Kulturszene mit der Stadtverwaltung zusammen, etwa über die eigens geschaffene Koordinierungsstelle oder den Runden Tisch Nachtleben.

2023 beauftragte die Stadt sogar eine Studie zur "Nachtökonomie" – die erste ihrer Art in ganz Deutschland. Diese bescheinigt Stuttgarts Nachtleben "spannend, vibrant und im Bereich des gastronomischen Angebots durchaus innovationsfreudig" zu sein, sowie ein "Standortfaktor mit Ausstrahlungskraft auf andere Wirtschaftsbereiche". Der "gesellschaftliche Mehrwert" sei "ausgeprägt, wenngleich selten wertgeschätzt". Ein paar Zahlen aus der Studie: Rund 9,5 Millionen Gäste hätten Stuttgarter Clubs, Bars und Kneipen im Jahr 2022 verzeichnet, jede:r Dritte sei von Außerhalb gekommen. Beim Pro-Kopf-Umsatz im Jahr 2019 liege Stuttgart mit 920 Euro vor den Vergleichsstädten Leipzig (550 Euro) und Bremen (662 Euro), allerdings hinter Frankfurt (1.156 Euro) und Düsseldorf (1.420 Euro).

Besser wird's so schnell nicht

Aber auch Negatives legte die Studie offen: Mehr als jede:r Dritte bewertete die Sicherheit beim Ausgehen nur mit "ausreichend" oder schlechter. Auch das kommt beim abendlichen Spaziergang zur Sprache. Was das subjektive Sicherheitsgefühl drückt, ist bekannt: Müll, Gruppen von jungen Männern und fehlende Beleuchtung, dazu die Unsicherheit, ob man per Bus und Bahn zuverlässig nach Hause kommt. 

Bei der Station gegenüber vom Börsenplatz stellen Annika Wagner und Franziska Haase‐Flaig von der städtischen Abteilung für Chancengleichheit die "Nachtboje" vor, an der sich Bars und Clubs beteiligen können. Die Idee: Wer sich unsicher fühlt, das Handy laden muss, ein Glas Wasser trinken will oder ein Taxi braucht, kann dazu einfach die nächstgelegene Nachtboje aufsuchen. Da es hier vor allem darum geht, bestehende Räume zu nutzen, sind die Kosten für die Stadt erschwinglich.

Direkt betroffen von Sparmaßnahmen ist allerdings das Clubkollektiv selbst: Statt bislang 34.000 Euro erhält es dieses und kommendes Jahr nur noch 28.200 Euro. Damit finanziert der Verein eine Geschäftsstelle, derzeit besetzt mit Moritz Zimmer. Er wird deshalb weniger Stunden arbeiten, ausgeglichen wird das mit "mehr ehrenamtlichem Engagement" des Vorstands, erklärt die Vorsitzende Japes gegenüber Kontext. Immerhin ist die Förderung, die bis dato befristet war und vergangenes Jahr auslief, nicht vollständig gestrichen und – wenn auch im kleinerem Umfang – die nächsten vier Jahre gesichert. Bei den förderfähigen Mitgliedern des Kollektivs, etwa dem Kulturzentrum Merlin im Superblock, dem Sunny High oder der Kulturinsel in Bad Cannstatt, dürften sich die Kürzungen für die Gäste aber durchaus im reduzierten Programm oder steigenden Eintrittspreisen bemerkbar machen.

Mit vorsichtigem Optimismus lässt sich aus Sicht der Kollektivs derzeit nur hoffen, dass sich die Lage nicht verschlimmert. Mit einer baldigen Besserung bei Infrastruktur, Beleuchtung und Nahverkehr für ein verbessertes Sicherheitsgefühl darf in nächster Zeit nicht gerechnet werden. Ende Januar wurde zwar der neue Nahverkehrsplan beschlossen, der glänzt aber in erster Linie damit, dass sich das Angebot nicht verschlechtert. Der Wunsch nach mehr Straßenbeleuchtung steht im Konflikt mit dem Anliegen des Umweltschutzes: Vor allem der Insektenpopulation setzt die Lichtverschmutzung zu. Und gegen den Schmutz in der Stadt, verkündete das Rathaus im Vormonat, werde man künftig mit mobilen Reinigungstrupps unterwegs sein, vier Müll-Sheriffs sollen künftig Menschen aufspüren, die verbotenerweise den Hausrat auf die Straße stellen. Und die Klett-Passage unter dem alten Kopfbahnhof wird einmal intensiv gereinigt, verspricht Oberbürgermeister Nopper. Immerhin.

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1 Kommentar verfügbar

  • Dr. Edmund Haferbeck
    vor 1 Stunde
    Antworten
    Über diesen Artikel bin ich ein wenig irritiert und kann nur folgendes Zitat unterstreichen:
    "Ob die Bewohner:innen das "nach zwei Monaten im Sommer" immer noch so positiv sehen, bleibe abzuwarten, Schallschutzfenster hin oder her. Klar ist: Wer in ein Viertel mit regem Barbetrieb zieht, kann im…
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