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ZSK in Stuttgart

Punks für Demokratie

ZSK in Stuttgart: Punks für Demokratie
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 Fotos: Mateusz Chec 

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Seit Jahrzehnten engagiert sich ZSK gegen Neonazis. Für viele ist die antifaschistische Punkband aus Berlin eine Hoffnungsträgerin in schwieriger Zeit. Vor Kurzem gab die Band ein Kinderkonzert in Stuttgart – Zeit für ein Gespräch mit Joshi, dem Sänger und Gitarristen.

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"Eigentlich darf man keine Schimpfwörter benutzen", erklärt Joshi, Sänger und Gitarrist der Berliner Punkband ZSK, auf der Bühne. Dann schmunzelt er: "Aber bei Politiker:innen der AfD sind Schimpfwörter okay." Er stimmt den Song "Alle meine Freunde" an: "Man kann über vieles streiten und ich wurde oft enttäuscht / Doch wenn ich mich auf was verlassen kann, dann wohl auf euch / Alle meine Freunde hassen die AfD!" Und das Publikum ruft: "Ganz Stuttgart hasst die AfD!"

Das Publikum an diesem Nachmittag des 10. Januar ist ein besonderes: Über 500 Kinder sind mit ihren Eltern in den Stuttgarter Club "Im Wizemann" gekommen, um ZSK live zu erleben. Das Interesse ist groß, seit neun Monaten ist die Veranstaltung ausverkauft. Für die Band gehört das mittlerweile zum Konzept: Vor dem "normalen" Gig am Abend kommt oftmals ein Kinderkonzert am Nachmittag.

Vor der Bühne in Stuttgart hat die Punkband eine Fläche für die Kinder abgesperrt. Die meisten tragen einen Gehörschutz, manche ein pinkes Bändchen. Eltern haben ihre Handynummer auf das Bändchen geschrieben. Falls ihr Kind im Getümmel verloren geht. Väter und Mütter stehen neben und hinter der Absperrung, viele mit einem Kind an der Hand oder auf der Schulter.

Für Menschenrechte, gegen Neonazis

Joshi gründete ZSK in den späten 1990er-Jahren. Damals ging der junge Musiker auf eine Schule im niedersächsischen Göttingen. 1999 besuchte er die Summer School der University of California. Viele Konzerte hat er in dieser Zeit gesehen. US-Punkbands wie die Dead Kennedys, NOFX und Pennywise haben ihn geprägt. 2007 trat ZSK im TV-Sender Kika auf. Rückblickend das erste Kinderkonzert der Bandgeschichte. Joshi erklärte in der Kika-Sendung Reläxx, ZSK engagiere sich für Menschenrechte und gegen Neonazis. Zudem stellte er die Bandinitiative "Kein Bock auf Nazis" vor.

Heute, fast 20 Jahre später, ist "Kein Bock auf Nazis" die größte Jugendkampagne gegen rechts – und ZSK hat Konzerte in Griechenland, Israel, Russland, Japan gespielt. Im Sommer 2025 ist mit "Feuer & Papier" das achte Studioalbum erschienen. Seitdem ist die Band mit den neuen Songs in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs. Mehrere Konzerte finden in Baden-Württemberg statt. Einen Halt machen die Musiker in Stuttgart.

Hüpfburg und Pommes

Joshi ist eine Mischung aus Frontsau und Spaßvogel. Ein Kreativer und Organisierter. Als er mit seinen Bandkollegen Arne, Clint und Eike im Wizemann den Soundcheck vorbereitet, kommt ihm die Idee, ein Foto mit der aufgeblasenen Hüpfburg zu posten. Als seine Kollegen nach den Wasserbällen greifen, schreitet Joshi ein: "Das sollten wir vernünftig planen."

Aufbau, Soundcheck und die Konzerte sind eng getaktet, doch so viel Zeit muss sein. Joshi springt mit einem Ball in die Hüpfburg, anschließend werfen sie die Burg mit den Wasserbällen in die Luft. Die Musiker sammeln die Bälle ein, haben sichtlich Freude. Bei Instagram postet Joshi ein Foto: "Stuttgart! Kinderkonzert kann losgehen. Es wird genial. Bis gleich!" Seinen Humor trägt der ZSK-Sänger auch auf die Bühne. Er macht Witze mit den Kids, animiert zum Mitsingen und Mittanzen. Beim Kinderkonzert verteilt er Pommes, beim Abendkonzert Bier.

"Ihr seid nicht allein"

Trotz allem verliert Joshi niemals den Ernst der politischen Lage aus dem Blick. "Ich weiß doch auch, wie schlimm alles ist, aber wir können doch jetzt nicht aufhören", sagt er im Backstage-Gespräch mit Kontext. "Jetzt muss man als Punkband anfangen, die Demokratie zu verteidigen. So weit sind wir schon." Vor 80 Jahren seien Menschen für ein Leben in Freiheit gestorben. Empört fragt er: "Wie verwöhnt kann man sein und das, was wir haben, nicht wertschätzen?"

ZSK macht durch und durch politische Musik. Eine Musik des anarchischen Antifaschismus und progressiven Protests. Eine Musik, die mutig ist und Mut macht. Die Hoffnung gibt. Im Song "Nicht allein", der auf dem neuen Album erschienen ist, singt Joshi: “Was wirst du sagen in zehn Jahr’n / Wenn sie dich fragen, wo alle war’n / Du warst ganz vorn, hast dich nicht weggeduckt / Ihr kriegt uns nie kaputt.” Im Refrain heißt es: “Für alle, die durchhalten, in ihrer schweren Zeit / Und an alle, die zweifeln, ihr seid nicht allein.”

Musik, die im Alltag hilft

Im Gespräch berichtet Joshi über Briefe und Nachrichten an die Punkband. Wie viel Post die Musiker erhalten, das sei "abgefahren". Immer wieder würden Fans schreiben, wie sehr ihnen die Musik im Alltag geholfen habe. Einmal habe ihm eine Person, die einen Angriff eines Neonazis schwer verletzt überlebt hat, geschrieben. Jedes Mal habe sie auf der Fahrt zum Gericht die Musik von ZSK aufgedreht. Die Songs hätten ihr die Kraft gegeben, die Verhandlung durchzustehen.

Einer dieser Songs heißt "Unzerstörbar": “Und du wünschst dir, du wärst tot / Ich wünsch mir, dass du nicht aufgibst / Und dass sich das Leben lohnt / Wirst du wissen, wenn du raus bist / Und wenn du fällst / Steh wieder auf / Es wird besser / Du bist / Du bleibst / Unzerstörbar.” Joshi sagt, er bewundere die Standhaften – vor allem die in der ostdeutschen Provinz. ZSK wolle mit Konzerten einen sicheren Raum schaffen. Einen Raum ohne Neonazi-Shirt und ohne rechte Sprüche. Man wolle "geile Abende" mit "coolen Leuten".

"Lass Dich durch nichts aufhalten"

Klar, die Punkband wird seit jeher angefeindet. In Briefen und Facebook-Kommentaren werden die Musiker mit Gewaltdrohungen bis hin zu Mordfantasien konfrontiert. Mal anonym, mal unter Klarname. Mit dem Erstarken der AfD nähmen die Anfeindungen zu. Oft fingen Briefe mit "Wenn die AfD an der Macht ist" an. Trocken stellt Joshi klar, die Band interessiere die Drohungen einen "Scheißdreck". Man habe keine Angst um sich – eher um den Fan aus Bautzen.

In Stuttgart wird ZSK gefeiert: Nach dem Kinderkonzert steht Joshi am Merchandising-Stand und schenkt jedem Kind eine bunte "Schatztüte" und ein Kinderbuch. Der Andrang ist groß, Kids wollen Autogramme und Selfies. Das Buch hat er selbst geschrieben. Titel: "Nikas erstes Punkkonzert". Es beginnt mit den Worten: "Lass Dir niemals einreden, dass Du etwas nicht schaffen kannst. Wir hätten damals nie im Leben geglaubt, dass wir mal so große und tolle Konzerte spielen würden. Und trotzdem haben wir das geschafft. Sei mutig, lass Dich durch nichts aufhalten."

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