KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Waggons, Contain't und Wagenhalle

Neues vom Nordbahnhof

Waggons, Contain't und Wagenhalle: Neues vom Nordbahnhof
|

 Fotos: Joachim E. Röttgers und Jens Volle 

|

Datum:

In erstaunlich kurzer Zeit haben die Eisenbahnwaggons der Künstler:innen am Stuttgarter Nordbahnhof ihren Standort gewechselt. Sehr viel langsamer kommen hier die Projekte für die Internationale Bauausstellung voran: Fast nichts wird bis zur Präsentation 2027 fertig.

Zurück Weiter

"Mehr als vier Waggons schaffen wir nicht an einem Tag", hatte der Leiter des kleinen Trupps gemeint, der mit der Aufgabe betreut war, den Bauzug zu versetzen. Seit 24 Jahren nutzen Künstler:innen und Architekt:innen die alten Eisenbahnwagen am Inneren Nordbahnhof in Stuttgart für ihre Arbeit. Zwölf Waggons mussten nun den Standort wechseln, auf die gegenüberliegende Seite der Gäubahngleise: zehn vom alten Standort und zwei weitere vom Containerdorf vor der nahegelegenen Wagenhalle. Doch es brauchte keine drei Tage: Nach wenigen Stunden war alles erledigt.

Dass es so gut funktioniert hat, liegt daran, dass alles so gut vorbereitet war. Und an den fünfzehn freiwilligen Helfer:innen, die sich auf den Aufruf von Lena Engelfried und Benjamin Köhl vor Ort, über Newsletter und in den sozialen Medien gemeldet haben. Von den Künstler:innen der Waggons waren nur zehn dabei. Einige sind auf Tournee, erklärt Köhl, der sich lieber als Balu anreden lässt. Schließlich müssten alle die Miete für ihre Waggons erwirtschaften. Eben deshalb kümmern sich Engelfried als Projektleiterin und er nun hauptamtlich um den Umzug und den neuen Standort, bei dem noch mehr zu tun ist, als die Waggons zu versetzen. 1,5 Stellen finanziert die Stadt Stuttgart dafür in diesem Jahr.

Die Schienen, auf denen die alten Eisenbahnwagen jetzt stehen, von einer Gleisbaufirma professionell verlegt, haben sie von den Stuttgarter Straßenbahnen erstanden. Sie führen nirgendwo hin. Die Waggons stehen im Halbkreis um einen Platz, im Zwickel zwischen der Gäubahnkurve und der S-Bahn-Station Nordbahnhof. Bis vor zwei Jahren gab es hier noch das Atelierhaus des Bauzugs, das abgerissen wurde, um Eidechsen Platz zu machen.

Auch die Eidechsen bekamen ein neues Quartier: ein Dreieck hinter den Waggons, erkennbar an Altholz, Steinhaufen und ausgewählten Pflanzen, die ihnen ihr neues Zuhause im Wortsinn schmackhaft machen sollen. Auf dem frei gewordenen Platz kann somit ein neues Gebäude entstehen. Geplant ist neben zwei kleineren Atelierhäusern ein Gemeinschaftszentrum der Künstlerkolonie mit Küche und Lagerräumen, ähnlich wie ihr früheres Lokal "Alter Schwede". Es soll ein Haus in Holz-Stahl-Container-Hybridbauweise werden mit zwei Containern aus dem Containerdorf vor der Wagenhalle erklärt Matthias Knöller, der Architekt.

Container ziehen in Stuttgart oft um

Knöller hat einmal zum Vorstand des Vereins Contain't gehört, der sich 2011 vom Bauzug abgespalten hat und nach Bad Cannstatt gezogen war – aber fünf Jahre später an die Wagenhalle zurückkehrte. Mit dem Versetzen alter Eisenbahnwaggons hat Knöller also Erfahrung. Beim letzten Umzug mussten allerdings zwei Waggons verschrottet werden. Das soll nicht noch einmal passieren. "Wir versuchen, den Status quo zu halten", sagt Knöller.

Warum musste der Bauzug jetzt überhaupt den Standort wechseln, wo er doch fester Bestandteil der "Maker City" werden soll, ein Projekt für die Internationale Bauausstellung (IBA) 2027 in Stuttgart? Und warum muss ein Atelierhaus zuerst abgerissen werden, wenn anschließend an derselben Stelle ein neues gebaut wird? Was alles in allem rund 1,5 Millionen Euro kostet.

Die Deutsche Bahn hat sich in den Verträgen zum Projekt Stuttgart 21 verpflichtet, die Gleisanlagen abzubauen, auf denen die Waggons standen. Pacta sunt servanda, sagen die Juristen: Verträge sind einzuhalten. Ebenso natürlich die Artenschutz-Bestimmungen. Und die Arbeit der Stadtverwaltung besteht in aller Regel eher darin, Vorschriften durchzusetzen als kreativ nach logischen Lösungen zu suchen.

Grundlage der Planungen für den Inneren Nordbahnhof ist der städtebauliche Entwurf des Büros asp Architekten. Vor vier Jahren gewann das Büro den Wettbewerb für das Rosensteinquartier, von dem die "Maker City", eben der Innere Nordbahnhof, also das Gebiet um die Wagenhalle, der erste Teil ist. Die Stadt hat das Areal daraufhin zum IBA-Projekt "Quartier C1 Wagenhalle" gemacht und plant dort außerdem das Operninterim: eine Spielstätte zur Zwischennutzung, während das Opernhaus in der Innenstadt aufwändig saniert wird.

Der Begriff "Maker City" stammt von asp. Gemeint ist, dass mehr als ein Wohngebiet entstehen soll, nämlich eine dichte Mischung von Wohnen, Arbeit und Kreativität, Gemeinschaftseinrichtungen, Läden und Dienstleistungen: ein "urbanes Labor". Die Waggons, ebenso wie Contain't, das Urban-Gardening-Projekt Stadtacker und die Künstler:innen der Wagenhalle zeigen heute schon, was gemeint ist. Sie sind essentieller Bestandteil des Konzepts.

Die Stadt beugt sich keinem Zeitdruck

Schon vor zwei Jahren erhielten Bauzug und Stadtacker jedoch kurzfristig die Aufforderung, ihre Standorte zu räumen. Ganz so eilig war es dann aber doch nicht. Für den Stadtacker hat sich nun eine Lösung gefunden – und zwar dauerhaft, wie Elisa Bienzle betont, die an beiden Projekten beteiligt ist: Am Rand des Pragfriedhofs, nicht weit vom Nordbahnhof entfernt, gibt es eine Kleingartenkolonie. Unmittelbar anschließend bekommen die Urban Gardener einen schmalen Streifen Land, annähernd so groß wie bisher.

Der Stadtacker soll nun voraussichtlich in einem Jahr umziehen. Bis dahin muss auch das Containerdorf vor der Wagenhalle geräumt sein. Die Künstler:innen haben im Juli bereits ihr Abschlussfest gefeiert, dann kam die Verlängerung. Denn die Stadt braucht noch Zeit. Im November letzten Jahres wurde im Gemeinderat der Bebauungsplan vorgestellt. Im Februar 2023 beschloss die Stadt dann, zur "Umsetzung möglichst vieler Bausteine innerhalb des Teilquartiers bis zum Präsentationsjahr der IBA'27" einen externen Projektsteuerer zu beauftragen.

Doch wie viele Bausteine bei der IBA präsentiert werden können, ist fraglich. In der letzten Gemeinderatsvorlage zum Thema vom 18. Juli heißt es: "Im Zuge der ersten Aufsiedlungen im Teilgebiet C1 des Rosensteinquartiers entstehen ab dem Jahr 2027 mindestens 630 Wohneinheiten." Ab, nicht bis 2027. Das einzige, was bis 2027 zumindest in Teilen fertig sein soll, ist das Operninterim.

Wie soll es nun am Inneren Nordbahnhof weitergehen? Der Bebauungsplan bleibt in mancher Hinsicht etwas nebulös. Vor der Wagenhalle soll ein Platz "Freifläche und Experimentierraum", "neue Mitte im Quartier" und  "Anziehungspunkt für die gesamte Stadt" werden. Dazu kommt ein "Kulturhub": als "modularer Baustein" für "Sport, Spiel und Bewegungsmöglichkeiten", aber auch "Atelierflächen und Werkstätten". Es folgen die "Öko- und Sozialpioniere": drei Wohnblocks, die auch Büros und Dienstleistungen enthalten. Wer sie bauen soll, ist angesichts der Baukostensteigerungen noch ungeklärt.

Beteiligte sollen beteiligt werden – eigentlich

Nördlich der Wagenhalle sind die "Pioniere urbaner Produktion" vorgesehen: Das heißt ebenfalls eine gemischte Nutzung aus Wohnen und Arbeiten, diesmal aber mit Akzent auf "Produktion, Handel, Handwerk, Dienstleistung, Soziales, Kunst- und Kulturproduktion". Einen Teil dieser Flächen nimmt allerdings vorerst das Operninterim in Beschlag – voraussichtlich bis in die 2040er-Jahre.

"Ein Projekt dieser Größe, mit einer solchen politischen wie gesellschaftlichen Bedeutung, bedarf einer anderen, neuen Form von Kommunikation", stellen asp Architekten zu ihrem städtebaulichen Entwurf fest. Mit dem "Akteursprozess Stuttgart Rosenstein C1" sei ein exemplarisches Beteiligungsformat geschaffen worden, ein Vorbild für andere Fälle. Diese Beteiligung mit allen, die bereits auf dem Areal aktiv sind, hat allerdings bisher nur einmal, im Jahr 2021, stattgefunden.

Dabei haben die Involvierten durchaus Fragen. Können die Waggons zum Beispiel damit rechnen, an ihrem jetzigen Standort zu bleiben? Das ist nicht geklärt. Für die Künstler:innen der Wagenhalle geht es nicht zuletzt um den Außenraum, wie Sylvia Winkler vom Kunstverein Wagenhalle hervorhebt. Vor allem wenn ringsum gebaut wird und der Bauzaun womöglich dicht an die Halle heran rückt.

Bisher hatten die Künstler:innen im Vorfeld der Wagenhalle immer viel Platz, erklärt Hannes Schwertfeger vom Bureau Baubotanik. Die Baubotaniker bespielen selbst zwei Außenflächen, die auch erhalten bleiben sollen, wie Schwertfeger betont. Ihr "Habitat", ein Experiment zur Untersuchung des Zusammenlebens von Mensch, Pflanzen und Tieren, wird sich in Zukunft unmittelbar vor dem Operninterim befinden.

Subkultur braucht Raum

Was Sylvia Winkler umtreibt, ist der "Kunstboulevard", der Raum unmittelbar vor der Halle: Wie viel Platz brauchen die Künstler:innen? Wie treten sie mit der Außenwelt in Kontakt? Um dies im Realbetrieb zu untersuchen, hat der Kunstverein beim Land 50.000 Euro beantragt und bewilligt bekommen. Titel des Projekts: "Der Kunstboulevard als Aurazone im Testbetrieb". Als Aurazone bezeichnet der Bebauungsplan den Zwischenraum zwischen den Gebäuden und dem öffentlichem Raum.

Sorgen macht sich Winkler auch um die "Neue Schachtel": So nennt Moritz Finkbeiner seinen Container-Club, in dem er ein erstaunlich dichtes, spätabendliches Konzertprogramm veranstaltet, das Stuttgart fehlen würde, wenn er aufgeben müsste. Wo soll er hin, wenn die Container weg müssen?

Es bestehe "ein großer Bedarf an Flächen für informelle Subkultur", steht in der Begründung zum Bebauungsplan. "Um kreatives Potenzial in der Stadt zu halten, müssen Flächen und Räume für Subkultur sowohl geschützt, als auch geschaffen werden, denn Subkultur kann die Identität und das Image der gesamten Stadt prägen und positiv beeinflussen."

Um "Freiräume in der produktiven Stadt" geht es auch in einer Fischbowl-Diskussion am morgigen Donnerstag, veranstaltet von der Vereinigung für Ökologische Ökonomie (VÖÖ), der IBA und dem Kunstverein Wagenhalle, unter anderem mit Vertreter:innen der Berliner Pionierprojekte Haus der Statistik und Kindl-Brauerei.


Die Diskussion am Donnerstag, 28. September im Projektraum der Wagenhalle beginnt um 18 Uhr. Mehr Infos hier, Anmeldung hier.

Zum Projekt Habitat vom Bureau Baubotanik läuft noch bis 8. Oktober eine Ausstellung in der Architekturgalerie am Weißenhof. Am 26. Oktober eröffnet das Habitat als permanente Installation und externe Spielstätte des Theaters Rampe.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!