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Grundstücksammler Erich Roth

Bäume statt Briefmarken

Grundstücksammler Erich Roth: Bäume statt Briefmarken
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 Fotos: Jens Volle 

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Der Weltenbummler Erich Roth gibt der Natur Stück für Stück zurück, was ihr der Mensch genommen hat. Er besitzt über 80 eigene Grundstücke, auf denen er überhaupt nichts anstellt.

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Die tibetischen Gebetsfahnen am Zaun leuchten bunt in der Sonne. Dahinter ein verwildertes Grundstück, ein großes Wohnhaus, rechts eine Scheune, mittendrin ein in die Jahre gekommener silberner Ford Fiesta. Fast genauso verwildert wie sein Vorgarten, steht dort der Pensionär Erich Roth. Der lange grauweiße Bart ist unbändig, genauso wie die dünnen Haarsträhnen, die von seinem Kopf abstehen, die Asics-Latschen an seinen Füßen sind ausgetreten.

Erich Roth ist leidenschaftlicher Sammler. Aber nicht etwa von Briefmarken, Uhren oder Kunstwerken. Roth sammelt seit etwa 40 Jahren Grundstücke. Was er damit anstellt? Gar nichts. "Ich überlasse die Natur der Natur", sagt er. So kommt es, dass er heute stolzer Besitzer von mehr als 80 Grundstücken rund um Pforzheim ist, die verwildern und verwuchern – ganz nach den Regeln der Natur.

Eines seiner vielen Grundstücke befindet sich direkt neben Roths Haus am Wallberg, dem Pforzheimer Trümmerberg. Dieses ist bereits seit Generationen im Besitz der Familie. Als seine Großmutter pflegebedürftig wurde, haben Roths Eltern beschlossen, Stuttgart zu verlassen und dorthin zu ziehen. So kam es schließlich in die Hände des Geografielehrers im Ruhestand. Zur Initialzündung für seine Sammelleidenschaft sollte es ein paar Jahre später kommen: An einem Samstagnachmittag in den 1980er-Jahren wurde direkt neben seinem Grundstück eine Reihe von Bäumen gefällt, alle 80 bis 100 Jahre alt. Das hat ihm wehgetan: "Ich will diese Natur erhalten."

40 Jahre später und um mehr als 80 Grundstücke reicher steht Roth nun in seinem verwilderten Garten und deutet auf einen beachtlichen Baum zwischen Haus und Scheune: eine Libanon-Zeder, gepflanzt am 4. Oktober 1990 anlässlich der Deutschen Einheit. "Ich war so glücklich, dass dieser Ost-West-Konflikt vorbei war." Direkt daneben steht ein finnischer Baum, welchen Roth von einem dreiwöchigen Sommeraufenthalt aus Südskandinavien mitgebracht hat. Etwas weiter unten ein polnischer Apfelbaum, den habe er von Leuten aus Polen geschenkt bekommen. Roth hat eine besondere Vorliebe für internationale und exotische Bäume.

In 1.515 Tagen um die Welt

Nachdem der ausgebildete Bankkaufmann drei Jahre lang in einer Bank in Pforzheim gearbeitet und nebenher am Abendgymnasium sein Abitur nachgeholt hatte, beschloss er, nach Griechenland zu trampen, landete schließlich aber in Istanbul. Dort hat er viele junge Leute getroffen, die begeistert von ihren Reisen in Indien berichteten und für ihn war klar: "Das wär was für mich." So entstand der Plan, vor seinem Lehramtsstudium für ein Jahr nach Indien zu reisen. Doch aus dem einen Jahr wurden 1.515 Tage und aus Indien eine Reise um den gesamten Globus. Noch heute kann Roth die Route mehr oder weniger genau nachzeichnen: von Indien über Nepal zurück nach Indien, Bangladesch, Thailand, Laos, Indonesien, Australien, Neuseeland, Neuguinea. Schließlich landete er auf Hawaii, bereiste die USA, Mittel- und Südamerika, Kanada, bevor er über Island nach Luxemburg zurückflog.

 Die Anekdoten aus allen Ecken der Welt sind unzählige: Etwa wie er auf dem Flughafen in Taiwan von einem Mann nach Hawaii eingeladen und mit einem Porsche abgeholt und zur Villa seines neuen Bekannten chauffiert wurde. Oder wie er beim Trampen durch Pakistan die Strecke bis zur indischen Grenze im Armeefahrzeug mit einem General und dessen Chauffeur verbrachte. Das Fazit, das Roth zieht, ist immer wieder dasselbe: "Überall trifft man so tolle Menschen."

Neben den unzähligen Menschen hat er auf seinen Reisen auch unzählige Baumarten kennen- und lieben gelernt. Allen voran den chinesischen Ginkgo-Baum und den amerikanischen Mammutbaum. Letzterer thront prächtig am hinteren Ende seines Grundstücks. "Ten years after", nennt er ihn, "zehn Jahre danach". Zehn Jahre nach dem Kennenlernen seiner damaligen Geliebten und späteren Ehefrau hat er ihn für sie gepflanzt. Unweit entfernt steht ein Tulpenbaum, den Roth zum 60. Geburtstag seines Vaters dort eingesetzt hat. Das wurde zur Tradition, insbesondere zu den runden Geburtstagen seiner Eltern. Den letzten habe er anlässlich ihres Neunzigers seiner Mutter gewidmet.

So viel Positives tun, wie nur möglich

Während der Pensionär altersbedingt etwas humpelnd, aber immer noch sicheren Schrittes durch seinen eigenen kleinen Dschungel stapft, in dem man ab und an einer Ziege begegnet, fällt ihm immer wieder eine neue Geschichte ein. Sein Lieblingsplatz, er nennt ihn die "Bodybuilding-Arena", befindet sich mitten im Gestrüpp und bildet dort eine kleine Lichtung. Ein schmaler Weg führt in ein ausgebuddeltes Loch, etwa acht Meter lang und zwei Meter tief – ein Sandkasten für Erwachsene. Dort hat Roth archäologisch Spannendes ausgegraben, die vielschichtigen rundlichen Gesteinsformen erinnern an den Grand Canyon und sind für Roth der Beweis: Hier muss es irgendwann mal einen Fluss gegeben haben, der die Steine so ausgewaschen und geformt hat. An den Bäumen, die den Graben umgeben, hängen bunte Stofffetzen, alte Lappen und Handtücher. Im russischen Altai-Gebirge, erzählt er, habe er solche Wunschbänder gesehen. Die Menschen hängen sie auf und wünschen sich dabei etwas. Was denn sein Wunsch gewesen sei? "Dass sich die Leute nicht gegenseitig umbringen", sagt er und lacht. Er werde manchmal Friedensaktivist genannt.

Auch für seine Grundstücke hat er einen bisher unerfüllten Wunsch: Er möchte alle vier Zedern-Arten besitzen. Die marokkanische Atlas-Zeder, die Zypern-Zeder und die Himalaya-Zeder fehlen ihm noch. Bis auf die selbst gepflanzten Bäume gedeihen in seinen Wäldern einheimische Arten, ganz in ihrem Tempo und ganz nach den Regeln der Natur. "Manche Bäume fallen um und neue wachsen. Das ist das, was ich will: dass einfach so Neues entsteht." Immer wieder bekomme er den Rat, er solle doch mal saubermachen. Aber für ihn steht fest: "Alles hat seinen Wert."

Manche seiner Wiesen dürfen Freunde oder Bekannte bewirtschaften, auf manchen passiere das auch ohne sein Einverständnis, doch kämpfen will er nicht. Neben Leerstehendem oder Zugewachsenem besitzt Roth mittlerweile auch ein weiteres Haus und drei Wohnblöcke, alle denkmalgeschützt und die Wohnungen zur Miete. Dort will er Familien ein bezahlbares Wohnen ermöglichen, ohne selbst dabei viel Geld zu verdienen. Das habe er auch nicht nötig, er sei immer schon ein "sparsamer Schwabe" gewesen, und schließlich brauche er für sich selbst nichts mehr. Die genauen Hektar und den Wert seines Landbesitzes kennt Roth gar nicht.

Was mit all dem nach seinem Tod passieren soll, weiß er hingegen genau: Alles soll einer von ihm noch zu gründenden Stiftung gehören und kein Mensch soll aus den Besitztümern Geld rausholen. Für seine Mieter:innen schwebt ihm selbstorganisiertes Wohnen vor. Und irgendwo soll "AEF-Roth" stehen: die Initialen seiner Eltern und von ihm selbst. Doch über all das spricht er nicht gerne, genauso wenig wie über das Alter. Eine Indianerin aus dem Stamm der Navajos, die er in einer Jugendherberge in Denver getroffen hatte, habe ihm vor vielen Jahrzehnten gesagt: "You are only as old as you feel" – "Du bist nur so alt, wie du dich fühlst." Und Roth will immerhin 103 Jahre alt werden. "Bis dahin will ich noch so viel Positives tun, wie ich nur kann", sagt er.


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4 Kommentare verfügbar

  • bedellus
    am 24.08.2023
    Antworten
    hoert sich alles sehr vernuenftig an! und "Dass sich die Leute nicht gegenseitig umbringen" auch!
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