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Kleine Wildnis Hedelfingen

Wie im Schlaraffenland

Kleine Wildnis Hedelfingen: Wie im Schlaraffenland
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Florian Hurtig ist Permakulturdesigner, autodidaktischer Sozialhistoriker und Klimaaktivist. Für seinen jüngsten Auftritt hat er einen passenden Platz gefunden: die "Kleine Wildnis" in Stuttgart-Hedelfingen.

Auf den Höhen von Hedelfingen, entlang der Ruiter Straße, erstreckt sich ein dichtes und labyrinthisch anmutendes Netz von kultivierten und wilden Gärten. Radler:innen brauchen trainierte Waden oder ein E-Bike, wie unser Fotograf, um die steile Anhöhe nach Ruit hochzustrampeln.

Links und rechts ist die Kleine Wildnis mit zwei Gärten. Eine Jurte, alte Gartenhäuschen, eine Komposttoilette, alter Obstbaumbestand. Kirschen, verwilderte Brombeerhecken, Himbeeren und Wiesen mit Wildkräutern, laden dort zum Naschen ein. Man wähnt sich im Schlaraffenland.

Doch in das charakteristische Geräusch, das beim Dengeln einer Sense entsteht, mischt sich der Straßen- und Hafenlärm, der auch nachts unaufhörlich von Unten herauf dringt. Die öde, weitgehend flurbereinigte Reblandschaft am Horizont verweist darauf, dass der Mittlere Neckarraum intensiv genutzt wird und dicht besiedelt ist. Industriell betriebene Landwirtschaft an den Hängen, Gewerbe und Industrie im Tal. Auch der Neckar ist nur noch ein träge dahinfließender Kanal, dessen nahe Ufer weitgehend versiegelt sind.

Das verlorene Paradies

Gepflegt wird die Kleine Wildnis von Carina Hieronymie und Martin Wunderlich. "Global denken, lokal handeln", das alte Mantra der grün-alternativen Bewegungen ist bei den beiden Aktivist:innen Programm. Dabei schrecken sie auch nicht vor kleinteiliger politischer Kärrnerarbeit zurück. Sie klingeln an den Haustüren, wenn der Aktionstag "Essbare Ruiter Straße" ansteht, erkundigen sich nach den Lebensbedingungen in der Straße, die oft von illegalem Autoschleichverkehr heimgesucht wird. "Wie könnte die Straße für Autofahrer:innen eingeschränkt und für Kinder attraktiv gemacht werden?", fragen sich die beiden. Vielleicht mit Himbeer- oder Johannisbeersträuchern zum Naschen am Wegesrand?

Und gelesen wird auch in der Kleinen Wildnis. Zuletzt von Florian Hurtig, eingeladen von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, aus seinem passenden Buch: "Paradise Lost. Vom Ende der Vielfalt und dem Siegeszug der Monokultur". Unser Autor hat mit ihm gesprochen.


Florian Hurtig, wir würden gerne wissen, was unter Polykultur zu verstehen ist?

Das sind mehrere agrarische Kulturen, die zusammen auf einer Fläche existieren und sich im besten Fall gegenseitig unterstützen. Also das Gegenstück zur Monokultur.

Von welchen Zeiträumen reden wir, wenn wir über Polykulturen sprechen?

Agrokulturen, auf der verschiedene Pflanzen zusammen auf einer Fläche stehen, gab es eigentlich schon immer. Von Kultur wird in der Regel erst gesprochen, wenn der Mensch unmittelbaren Einfluss auf die Natur ausübt, in dem Pflanzen gehegt und gepflegt und gezüchtet werden. Der Übergang vom Sammeln zum Kultivieren von Pflanzen hat vermutlich viel früher, als wir das in der Wissenschaft denken, stattgefunden.

Eine Idee, wann das war?

Bei der Menschwerdung vor sechs Millionen Jahren, damals in Afrika. Allein durch die Auswahl, die Sammler:innen treffen, ist ein Eingriff ins Ökosystem gegeben, und sie verändert die Natur in eine Kulturlandschaft. Es ist absurd zu denken, dass dieses Wissen bei Menschen, die komplett in der Natur leben, nicht vorhanden war. Es waren ja Menschen wie wir, die ihr Wissen durch Erfahrung gewonnen haben. Und sie hatten nachweislich eine größere Gehirnleistung als wir heute.

Für die Kolonisatoren waren die Indigenen Wilde, die gezähmt oder vernichtet werden mussten. Sie mussten verfügbar werden wie die Natur.

In Südamerika geht die Wissenschaft davon aus, dass fast der ganze Regenwald im Grunde ein Produkt der indigenen Waldgärten oder verschiedener Polykulturen ist und kein wilder Dschungel. Dessen Prinzipien wurden von den weißen Kolonisatoren gar nicht begriffen. Sie hielten den Dschungel für eine grüne Wüste, in der auch keine Landwirtschaft betrieben werden konnte. Sie haben nicht wahrgenommen, welches geniale System und wie angepasst es auf die jeweilige Landschaft war.

Es war also nicht Arroganz oder Absicht?

Nicht bei allen. Das haben David Graeber und David Wengrow in ihrem Buch "Anfänge" gezeigt. Es gab auch immer Weiße, die offen waren gegenüber dem indigenen Wissen, es sehr spannend fanden und auch sehr schnell merkten, dass das indigene Leben sehr viel entspannter sein konnte.

Was haben wir heute unter Agroforstkulturen zu verstehen?

Moderne Agroforstsysteme, in denen Maschinen zwischen den Baumreihen eingesetzt werden können, sind durchaus ökologisch wertvoll. Der traditionelle Waldgarten hat eine größere Vielfalt und ist für lokale Gemeinschaften ideal. Unsere "Solawi", also solidarische Landwirtschaft, ist im Grunde ein moderner Agroforst. Die Bäume sind wie eine Allee gepflanzt, zwischen den Kastanien- und Walnussbäumen wachsen 35 Gemüsekulturen, flankiert von Beerenobst. Das sind ja ursprünglich Waldsträucher.

Was hat es mit der Allmende auf sich, die im Mittelalter keinen Privatbesitz kannte?

Die Gemeinde besaß Flächen, die gemeinsam bewirtschaftet wurden. Es waren sehr komplexe Systeme, bei denen bis zu neun Ernten im Jahr möglich waren. So entstanden intensive Gemeinschaften, weil viele Absprachen notwendig waren. In England wurden diese "Enclosers" nach und nach privatisiert. Marx hat das als "ursprüngliche Akkumulation" bezeichnet. Die Wollproduktion wurde hochgefahren, und die Grundbesitzer vertrieben die Bauern, weil sie Weiden für die Schafe brauchten. In Preußen wurden die Bauern im Zuge des Absolutismus aus dem Wald vertrieben, weil dort monokulturell Bäume gepflanzt wurden, und kein Platz mehr für die Schweinemast war, die von den Bauern im Wald betrieben wurde.

Was Marx "ursprüngliche Akkumulation" nannte, hieß nichts anderes als permanente Enteignung von Land und Niedergang der Bauern und egalitärer Strukturen?

Nicht nur das. Auch Enteignung von Wissen, das zwischen den Menschen zirkulierte. Die Erfahrung der Bauern wurde im Zuge der positivistischen Wissenschaft entwertet. Die zyklische Zeit musste linearen Zeitvorstellungen weichen, um den Kapitalismus zu forcieren.

Haben familienbasierte kleinbäuerliche Landwirtschaft in den "Solawis" und die neuen Allmendekonzepte unter heutigen kapitalistischen Bedingungen überhaupt eine Chance?

Es ist generell schwierig, in der Landwirtschaft sein Auskommen zu finden, gute Löhne zu zahlen. Wir haben das Verständnis dafür verloren, welcher Arbeitsaufwand notwendig ist, um landwirtschaftliche Produkte herzustellen und das angemessen zu entlohnen. Wir müssen in der "Solawi" auch unter dem Mindestlohn bezahlen. 90 Prozent unserer Einkommen sind früher für Essen drauf gegangen. Heute liegt das bei fünf Prozent, das muss man sich vor Augen führen. Aber sagen wir es mal so: In China wurde jedesmal ein Kaiser gestürzt, wenn eine Katastrophe passierte. Es wäre seltsam, wenn die Klimakatastrophe nicht zu gesellschaftlichen Umbrüchen führen würde.


Wer nachlesen möchte: Florian Hurtigs Buch "Paradise Lost – vom Ende der Vielfalt und dem Siegeszug der Monokultur" hat 432 Seiten, ist im Oekom-Verlag erschienen und als Hardcover für 28 Euro zu haben.


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