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Happening in der Baugrube

Villa Abgrund

Happening in der Baugrube: Villa Abgrund
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 Fotos: Jens Volle 

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Datum:

Für drei Tage verwandelte sich die Stuttgart-21-Baustelle in eine Galerie. Lässt sich die Kunst dabei als dekoratives Element für die Bahn-PR instrumentalisieren – oder ist die Aktion subversiver als auf den ersten Blick ersichtlich?

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Die Führung beginnt vorn bei den Bahngleisen, am provisorischen Info-Turm Stuttgart (ITS), der das milliardenschwere Großprojekt Stuttgart 21 als sinnvolle Investition in die Zukunft bewerben soll. Was eine Broschüre als Fakten verkauft, lässt sich allerdings eher als Schönrede-Lyrik bezeichnen: Über die gravierenden Mängel und Probleme des Projektes, die hier ausgespart werden, hat Kontext ausgiebig berichtet. Doch bei den Baustellenbegehungen, die vergangene Woche von Freitag bis Samstag stattfanden, stand nicht der Bahnhof selbst im Vordergrund, sondern die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Stadtumgrabungsprojekt. Jede:r Teilnehmer:in des Rundgangs muss erst einmal unterschreiben und bekommt ein Gerät um den Hals gehängt, um geortet werden zu können, wenn er oder sie unterwegs verloren geht. Ansonsten sind die ITS-Mannen mit Helm und Warnweste recht entspannt. Jeder möge auf seine eigenen Füße achten, das war's für heute an Sicherheitsvorschriften.

Am Eingang zum Südkopf, wo die Gleise den Tiefbahnhof verlassen werden, wartet eine Tänzerin und verschwindet wieder. War das ihr ganzer Auftritt? Eine Wolke vernebelt die Sicht. Eine Art großes Luftschiff mit vielen Wurmfortsätzen bläst sich langsam auf und schwebt dann einen Meter über dem Boden. Nun steht die Tänzerin auf einem Podium, zuckt und windet sich in einer Choreographie, die an den Film "Metropolis" von Fritz Lang angelehnt ist. Oben an der Wand sind an vertikalen Befestigungsleisten horizontale bunte Striche angebracht. Dann ertönen aus einer zweiten Röhre daneben zwei Sopranstimmen. Die Töne verschmelzen, verbinden sich, verlieren sich im Raum.

Eine Betonsäule scheint nicht zur Baustelle zu gehören. Sie endet in knapp fünf Meter Höhe, darauf liegt ein Metallteil. Es sind Fundstücke, die Erik Sturm, der Initiator der Kunst-Ausstellung, auf der Großbaustelle aufgesammelt hat, ebenso wie drei Vogelnester, die Tauben aus Drähten und Kabelbindern gebaut haben. Eher unauffällig sind die Putzbilder oben an der Wand, hergestellt aus nachhaltigen Geopolymeren. Den Rohstoff hat das Designer-Trio Anima Ona direkt der Baugrube entnommen. Das Material könnte in Zukunft einmal Beton ersetzen – der bei S 21 noch massenweise und nicht gerade klimaverträglich verbaut wird.

Sisyphos putzt hier die Pfütze

Vogelgezwitscher ist zu hören. Hier unten natürlich nicht in echt, sondern aus dem Lautsprecher. Dazu scheint ein kleiner schwarzer Drachen zu passen, der an einer Bohrmaschine an der Leine hängt und im Kreis fliegt. Ein Bildschirm ist schwarz, dann erscheint ein kleiner weißer Punkt: so ungefähr wie das zukünftige Erlebnis bei der Ankunft per Bahn in Stuttgart. Weiter hinten ertönt Lärm und es flackert. Droht Gefahr? Ein Video zeigt einen Ritter, der durch die Baustelle irrt. Früher bedeckten die Menschen ihren Körper mit Eisen, bis sie es kaum noch tragen konnten, nur um sich gegenseitig vom Pferd zu stoßen. Heute vergraben sie für Milliardensummen zigtausend Tonnen Beton, um unter der Erde zu reisen.

Das zugleich unscheinbarste und sprechendste Bild bietet eine Performance. Schirin Kretschmann, Kunstprofessorin in München, kehrt die ganze Zeit als Putzfrau die Baustelle, Staub ebenso wie das Wasser einer riesigen Pfütze. Sisyphos lässt grüßen. Der Versuch, der Großbaustelle eine menschliche Dimension abzugewinnen, ist zum Scheitern verurteilt. Der Mensch – die Reinigungskraft mag für alle stehen, die dort arbeiten – ist nur noch ein winziges Rädchen in einer gigantischen Maschine, deren Sinn sich nicht erschließt.

Endlich geht es raus aus der Beton-Unterwelt. Im Aufstieg aus dem Tunnel gibt es Malerei und ein großes Rembrandt-Selbstporträt: ein Plakat der Staatsgalerie, die heute hinter der Großbaustelle nur noch schwer zu erreichen ist. Doch dann erklingen schöne, ansprechende Töne einer Elektrogitarre – bis der Gitarrist eine kleine Pfeife nimmt und voranschreitet wie der Rattenfänger von Hameln: Vielleicht zehn Meter geht es hinauf, über ein Treppengerüst, und die Gesellschaft hat wieder festen Boden unter den Füßen, an der nicht ganz frischen Luft auf einer Insel in einem Meer von Autoverkehr.

Und was will uns das sagen?

Kunst in der Großbaustelle: Wozu soll das gut sein? Nobilitiert sie nicht nur ein sinnloses Prestigeprojekt und lässt sich als dekoratives Element in der PR-Kampagne einspannen?

Erik Sturm und Carolin Wurzbacher, die dieses Projekt mit vierzehn Künstler:innen ins Leben gerufen haben, sind sich der Ambivalenz bewusst. Aber für die beiden geht es um etwas anderes. Sturm hat den größeren Teil seines Lebens in unmittelbarer Nähe der Großbaustelle verbracht. In Weimar geboren, im Schwarzwald aufgewachsen, ist er im Alter von sechzehn Jahren nach Stuttgart gekommen und hat damals in einem der heute nicht mehr existierenden Altbauten an der Willy-Brandt-Straße in Bahnhofsnähe gewohnt.

2012 hat Sturm mit drei anderen, alle noch im Studium, den Projektraum Lotte gegründet, ganz bewusst direkt neben der Großbaustelle. "Dieser Eingriff", meint er zu Stuttgart 21, "ist so prägend für die Stadtgeschichte, dass man das künstlerisch aufarbeiten muss." Sturm sammelt Feinstaub und stellt ihn in Gläsern aus. Oder seltsame Objekte, die er auf der Baustelle findet: etwa die Taubennester aus Drähten und Kabelbindern. Oder die Plakatschichten, die sich wie die Jahresringe eines Baumstamms um Litfaßsäulen legen. Eine dreißig- bis vierzigjährige lokale Geschichte verbirgt sich in ihnen.

Als es mit Lotte nach fünf Jahren zu Ende ging, bemerkte Sturm, dass auf der anderen Seite der Baustelle – also jenseits des Bereichs, wo nun im Südkopf die Kunst ausgestellt war – ein Altbau leer stand. Er bemühte sich, dieses Gebäude zu mieten: eine ehemalige Polizeiwache, die dem Land gehört und an die Bahn vermietet war. Eigentlich wollte er den Bau wie den Projektraum Lotte auch öffentlich zugänglich machen. Doch nach einer einzigen Veranstaltung beim Eclat-Festival für Neue Musik schritt das Baurechtsamt ein und untersagte weitere.

Sturm ist trotzdem Mieter des Gebäudes geblieben. Er arbeitet selbst dort und vermietet einen Teil der Räume an derzeit fünf andere Künstler:innen, von denen drei auch an der Ausstellung beteiligt sind. Äußerlich unscheinbar, etwas heruntergekommen, überrascht im Inneren ein schönes Treppenhaus mit hölzernen Stufen und gusseisernen Geländerstäben. "Der letzte Bau einer einstigen Prachtstraße", sagt Erik Sturm, Mitte 19. Jahrhundert erbaut, als der Staatsgalerie-Altbau noch ganz neu war und außerhalb der Stadt lag. Zwei benachbarte Gebäude, die ebenfalls zur Polizeiwache gehört haben, nutzt inzwischen die Musikhochschule. Der eine soll demnächst grundsaniert werden. Ohne Sturm stünden diese Gebäude vermutlich heute noch leer.

Hier brodelt es seit 160 Jahren

Wie arbeitet es sich am Rand der Großbaustelle? Wackeln manchmal die Wände? Das sei schon vorgekommen, konzediert Sturm. Doch im Normalfall ist es ruhig, vor allem seit der Südkopf und das Entrauchungsbauwerk im Rohbau fertig sind. Anfangs sah der Künstler aus dem Seitenfenster direkt in die Baugrube. "Villa Abgrund" haben sie den Bau deshalb genannt. Die Bezeichnung hat sich gehalten.

Vorn rauscht pausenlos der Verkehr. Sturm hat nicht mitgezählt, wie oft die Fahrspuren im Zuge der Bauarbeiten schon verlegt wurden. Hier gelangt die Autostadt Stuttgart zu sich selbst: nur noch Autoverkehr, nichts sonst. "Hier brodelt's", sagt Sturm, meint aber nicht nur den Verkehr. Denn er fügt hinzu: "seit 160 Jahren". Und er erinnert an Samuel Beckett, der ein Gedicht über diese Straße geschrieben hat, die früher an dieser Stelle noch Neckarstraße hieß. In der Übersetzung von Karl Krolow: "Vom Nichts ist an diesem Ort der alte Glanz lange fort. Und der Verdacht ist groß: Hier war schon früher nichts los." Was sich hier ereignet, ist für Sturm ein Sinnbild: unter anderem für die Mobilitätswende, die nicht vorankommt. Er sieht sich als ein Stadtschreiber, nur eben mit künstlerischen Mitteln.

Aus seiner Sicht ist es ein Ort, der mehr über die Stadtgeschichte aussagt als jeder andere in Stuttgart. Denn hier schneiden sich drei große Achsen: die Hauptstraße zum Neckartal mit täglich rund 100.000 Autos, zugleich die Kulturmeile, und als drittes in Querrichtung der unterirdische Bahnverkehr, im Moment noch Baustelle.

Die Initiative zur aktuellen Aktion ging nicht vom S-21-Marketing aus. 2019 hat Sturm zum ersten Mal wegen des Kunstprojekts bei der Bahn angefragt. Carolin Wurzbacher, Kunsthistorikerin, arbeitet seit zwei Jahren mit ihm zusammen. "Wir haben uns auf Künstler:innen konzentriert, die diese Phänomene, diese Dinge, die hier passieren, künstlerisch beleuchten", erklärt sie, "Künstler:innen, die gewohnt sind, Feldforschung zu betreiben." Inwieweit die Besucher:innen des Ausstellungsrundgangs die kritischen Untertöne mancher Arbeiten überhaupt bemerken, ist indessen nicht ganz sicher. Zumal die Zeit begrenzt ist "wie ein Wimpernschlag", meint Wurzbacher. Drei Tage, mit Presse-Vorab-Rundgang insgesamt neun Besichtigungstouren, je zwei Stunden lang, dann ist alles wieder vorbei. Dafür haben sie zwei Jahre gearbeitet. Seit September oder Oktober wissen sie, dass die Begehungen an diesen drei arbeitsfreien Tagen, 6. bis 8. Januar, stattfinden können. Dann geht der Baubetrieb weiter. Wurzbacher hat dafür Verständnis: "Jeder Tag kostet Millionen auf der Baustelle."

Erik Sturm hat auf dieses Ereignis hingearbeitet, seit er das Atelierhaus gemietet hat. Damit wenigstens etwas bleibt, fertigen sie eine Video-Dokumentation an. Brodeln wird es an der Willy-Brandt-Straße noch lange: bis Stuttgart 21 fertig und die Mobilitätswende umgesetzt ist. Das kann dauern. Auf die Frage, ob er sich schon einmal überlegt habe, was er danach machen will, weiß Sturm keine richtige Antwort. Er arbeitet aus dem Moment heraus mit dem, was ihm begegnet, und plant nicht zehn Jahre voraus.


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2 Kommentare verfügbar

  • baza
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Die Nebenkosten des Super-Gaus "Stuttgart 21"

    Wie seit fast 30 Jahren üblich schweigt die Bahn-PR zu den Kosten dieser Werbeveranstaltung, die die Steuerzahler tragen.

    Die professionellen, halb-professionellen und uniformierten Unterstützer des Super-Gaus "Stuttgart 21" können ihre…
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