Im Club Zollamt – bei Klick auf das Bild geht's zur Fotostrecke. Fotos: Joachim E. Röttgers

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Ausgabe 222
Schaubühne

Ein Platz für wilde Künstler

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 01.07.2015
Von der Radio Bar bis zum Rocker 33: Viele Spielstätten der Subkultur in Stuttgart mussten in den vergangenen Jahrzehnten ihre Pforten schließen – weil sie Opfer ihres eigenen Erfolgs wurden oder in der Stadtplanung nicht vorkamen. Ansätze eines Umdenkens sind erkennbar.

Viele denken mit Wehmut daran zurück: 1996 zogen in den früheren Radio Barth, einst der führende Schallplatten- und Musikalienhändler der Stadt, junge Start-up-Unternehmen ein: Hier entstand das Hip-Hop-Label 0711Büro; Zoran Bihać, der an der Kunstakademie und der Filmakademie in Ludwigsburg studiert hatte, gründete seine Musikvideo-Produktion Flaming Star; es gab den Skaterladen Firma Bonn. Nicht zu vergessen das Herz des Hauses, die Radio Bar: ständig rappelvoll bis weit auf den Vorplatz hinaus.

Möglich war dies, weil der Besitzer das heruntergekommene Gebäude auf Zeit günstig vermietete. 1999 schafften in einer Woche neben den Fantastischen Vier auch der Freundeskreis und Massive Töne von der Posse Kolchose im Radio Barth den Durchbruch. Benztown war nun ein Begriff. Nach drei Jahren war alles wieder vorbei. Rudi Häussler baute seine City Plaza. Und die Radio Bar ging ein ins Land der schönen Erinnerungen.

Gesprühtes in Stuttgart. Foto: Martin Storz
Gesprühtes in Stuttgart. Foto: Martin Storz

Etwas länger hielt sich Pauls Boutique, die In-Kneipe auf dem Kleinen Schlossplatz, die nach mageren Jahren dem umstrittenen Stück Beton neues Leben einhauchte. Unten tummelten sich Sprayer und Skater in der Hall of Fame, auch Gaskammer genannt. Oben auf der Betonplatte genoss ein junges Publikum sein Leben. Mit dem Bau des Kunstmuseums hatte beides ein Ende. Pauls Boutique fand später einen Nachfolger. Aber die Galerie Hammelehle und Ahrens, hier 1994 gegründet, zog 2002 nach Köln. Die Skater wurden ins Leonhardsviertel verbannt, die Graffitikünstler unter die Brücken am Cannstatter Neckarufer.

Vom Verein für Flüssigkeiten und Schwingungen

Weniger massenwirksam, aber umso erstaunlicher waren die Aktivitäten des Vereins Für Flüssigkeiten und Schwingungen (FFUS). Im Che, einer barackenartigen Kneipe mit Blick über das Schienenvorfeld des Stuttgarter Hauptbahnhofs, veranstaltete der Verein in dichter Folge Konzerte mit schrägen Underground-Bands aus dem mittleren Westen der USA, Free-Jazz-Heroen wie Peter Brötzmann, dem Saxofonisten Ken Vandemark aus Chicago, dem Japanese New Music Festival um die Gruppe The Ruins – drei Musiker in fünf Besetzungen und Stilrichtungen – sowie zahlreichen weiteren Bands, von denen Stuttgart noch nie etwas gehört hatte. Zeitweise bespielte der Verein auch noch andere Clubs im Stadtgebiet und regelmäßig seinen alten Eisenbahnwaggon, das pulsierende Herz des Bauzugs am Inneren Nordbahnhof.

Surreal zwischen Betonsilo und Altmetallbergen des Schrotthändlers Karle stand zur selben Zeit ein verlorenes Häuschen, das Atelier Unsichtbar: Kneipe, Wohnzimmer, Galerie und Konzertclub in einem. All das ist längt Geschichte. Moritz Finkbeiner vom FFUS organisiert heute Konzerte im Theater Rampe. Am Inneren Nordbahnhof sind außer dem Kulturbetrieb und den Künstlern der Wagenhalle nur noch wenige Eisenbahnwagen übrig. Einige der Künstler aus den Waggons zogen weiter zum alten Cannstatter Güterbahnhof, wo mit ihrem Verein contain't und dem Club Zollamt ein neues Subkultur-Areal entstanden ist.

Was passiert, wenn dort im Gebiet Neckarpark Wohnbauten emporwachsen? Wird die Subkultur weiter existieren? Wird sich die Partylaune mit dem Ruhebedürfnis der Anwohner vertragen? Werden sich für das Grundstück, das im Moment keine andere Verwendung findet, dann zahlungskräftige Investoren interessieren?

Subkultur besiedelt Industriebrachen auf Zeit – und dann: tschüss!

Es ist das alte Lied: Künstler, Kreative, Subkultur besiedeln Industriebrachen und Randgebiete, wo sie auf den ersten Blick wenig attraktive Räume zu günstigen Konditionen vorfinden. Diese werden zu hippen Trendquartieren, die Mieten steigen, und die Pioniere werden vertrieben. Während Künstler in Berlin dann eben von Friedrichshain nach Wedding weiterziehen, gibt es im engen Stuttgarter Talkessel nur wenig Ausweichmöglichkeiten. Verfügbare Flächen finden sich erst weiter außerhalb, etwa in Cannstatt oder in Feuerbach, auf dem Schick-Areal oder dem IW 8, dem früheren Gelände des Autozulieferers Behr.

Bei näherer Betrachtung stellt sich die Situation etwas differenzierter dar. Manche Räume sind und waren von vornherein auf Zeit angelegt. Tresor – Raum für flüchtige Kunst, 2008/ 2009 an der Heilbronner Straße, spielt damit schon im Namen. Auch der Interventionsraum an der Marienstraße war nur auf Zwischennutzung angelegt: Heute befindet sich dort die Shoppingmall Gerber. Temporär bespielt die Palermo Galerie die ehemalige Schalterhalle der Commerzbank, unmittelbar hinter der Stiftskirche. Seit 2012 gibt es ein Leerstands- und Zwischennutzungsmanagement der städtischen Wirtschaftsförderung. Ziel ist, "leer stehende Flächen unterschiedlicher Prägung mit neuen, vorwiegend kreativen Nutzungen zu beleben und so die Risiken, die von leer stehenden Gebäuden ausgehen, aufzufangen".

Projektraum LOTTE. Foto: Joachim E. Röttgers

Ist aber die Zeitbegrenzung von den Nutzern wirklich gewollt? Der Ausstellungsraum LOTTE etwa, 2012 bewusst an einem neuralgischen Ort, dem Stadtbahnausgang Staatsgalerie gegenüber dem abgeholzten Schlossgarten von Studierenden von vier Hochschulen gegründet, bangt nun nach drei Jahren um eine Verlängerung.

Die Röhre, das Lokal in der nie vollendeten Tunnelröhre, wo gut zwanzig Jahre lang Rockkonzerte stattfanden, ist dagegen ein direktes Opfer des Projekts Stuttgart 21, ebenso der Landespavillon, seit 1996 ein Ort der Subkultur, und der Kult-Club Rocker 33 in der alten Bahndirektion.

Was heißt überhaupt Subkultur? Mit dieser Frage beschäftigt sich nun ein dreijähriges Forschungsvorhaben der Fachhochschule und des Stuttgarter Stadtplanungsamts. What'sUB, so der Titel, ist vom Programm Nationale Stadtentwicklung als eines von 16 "beispielhaften Projekten für eine innovative Stadtentwicklung" unter 250 Interessenten ausgewählt worden. Das Programm orientiert sich an den Prinzipien der 2007 verabschiedeten Leipzig Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt.

Ausgangspunkt von What'sUB war eine Abschlussarbeit: Marijana Curic hat bei Christina Simon-Philipp über Subkultur in Stuttgart ihre Masterarbeit geschrieben und arbeitet nun im Stadtplanungsamt. In ihrer Arbeit hat sie sich auf drei Bereiche konzentriert: informelle Kunsträume, die Skaterkultur sowie Club-, Bar- und Musikräume. Simon-Philipp leitet nun mit ihrem Kollegen Detlef Kurth das Projekt.

Martin Holch vom Stadtplanungsamt gibt bereitwillig Auskunft. Ziel sei es, nach geeigneten Instrumentarien zu suchen, um eine Verdrängung informeller, provisorischer und subkultureller Nutzungen durch ökonomische Aufwertung zu verhindern. "Keine Ahnung, wie wir dieses Ziel erreichen können", gibt Holch freimütig zu. "Minimalziel" sei, dass solche Nutzungen künftig bei einer Abwägung der Interessen Berücksichtigung finden. Beteiligt sind zahlreiche Partner, vom Stadtjugendring über einige der bereits erwähnten Akteure bis hin zu Gruppen wie der Tanz-Plattform Underground Soul Cypher, dem aus dem Kulturdialog hervorgegangenen Think Tank Freie unabhängige Künstler Stuttgarts (FUKS) oder dem Graffitiladen Thirdrail.

Skater mit grauen Schläfen

Das Projekt steht noch ganz am Anfang, wie alle Beteiligten betonen. Doch sogleich stellt sich die Frage: Was ist eigentlich Subkultur? Vor 50 Jahren war dies noch leicht zu beantworten: der Gegensatz zu Hochkultur. Heutzutage stürzen sich die Institutionen der Hochkultur geradezu auf die Subkultur: ob unter der Paulinenbrücke eine Oper aufgeführt wird oder wie am vergangenen Wochenende das Kunstmuseum auf dem Kleinen Schlossplatz ein Festival organisiert, auf dem Musiker aller erdenklichen Genres auftreten, die auch als Künstler arbeiten. Ist das Subkultur, wenn ein Künstler Synthiepop vorträgt? Ist Hip-Hop noch Subkultur, wenn er die Hitparaden stürmt?

Es gilt, Kriterien zu entwickeln: Wo ist die Grenze zwischen Kunst, Jugendkultur, Street Art, Underground, Party, Kreativszene? Es gibt Skater mit grauen Schläfen, sagt Martin Holch, und Produzenten hochwertiger Graffiti. Wenn eine Ausstellung mit einer Party eröffnet: Steht die Kunst oder das Vergnügen im Mittelpunkt? Die Geschichte der Radio Bar hat vielleicht auch falsche Erwartungen geweckt. Kultur ist keine sprudelnde Geldquelle. Kultur ist, was den Menschen vom Tier unterscheidet.

Foto: Wagenhalle

Im Fall der Wagenhalle steht jetzt eine Grundsatzentscheidung an. Im Bezirksbeirat Nord, in drei Ausschüssen und im Gemeinderat wird das Thema zwischen 6. und 16. Juli öffentlich verhandelt. Sind tatsächlich bis zu 30 Millionen Euro für die Instandsetzung der Halle nötig, wie in der Grobkostenprognose vorgesehen? Wie wird die Halle danach aussehen? Wird sie noch den Charme des alten Bahngeländes bewahren? Wie groß darf der Veranstaltungsbetrieb sein, ohne mit den Bedürfnissen künftiger Anwohner in Konflikt zu geraten? Diese Fragen sind alle noch zu beantworten. Immerhin finden seit Ende April in zweiwöchigem Turnus Nutzertreffen statt, an denen Liegenschaftsamt und Hochbauamt, der Architekt Gerhard Jeggle, Kunstverein und Kulturbetrieb teilnehmen. Die Atmosphäre ist konstruktiv. Der heutige Baubürgermeister Peter Pätzold war da mit Andreas Winter, der ihn als Grünen-Fraktionsvorsitzender beerbt, ebenso die SPD-Gemeinderatsfraktion. Dieser Tage steht ein Ausflug nach Karlsruhe an, um das Areal des Alten Schlachthofs zu besichtigen, das soeben sein Zehn-Jahr-Jubiläum gefeiert hat.

Derweil geht der Alltagsbetrieb weiter. 38 Künstler sind derzeit in der Städtischen Galerie Offenburg ausgestellt. Vor der Wagenhalle steht eine Handvoll blauer Container, als Ausweichquartier während des Umbaus. Eine Gruppe, die sich Temporary Artists Utopia Tool (TAUT) nennt, möchte noch in diesem Jahr einen fünf Meter hohen leuchtenden Kristall errichten, in Anlehnung an den gläsernen Pavillon des Architekten Bruno Taut auf der Kölner Werkbundausstellung 1914.


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