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Kleinplastik-Triennale Fellbach

Good Vibrations

Kleinplastik-Triennale Fellbach: Good Vibrations
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Datum:

Die "Vibration der Dinge" will die 15. Triennale Kleinplastik Fellbach spürbar machen. Manches vibriert tatsächlich, anderes erzeugt vielleicht Resonanzen im Betrachter oder in der Betrachterin. Und manches bedarf einer Erklärung.

"Diese Ausstellung behandelt die fundamentalen Fragen unserer Zeit", behauptet Elke aus dem Moore, die Direktorin der Akademie Schloss Solitude. Gemeint ist die von ihr kuratierte Kleinplastik-Triennale Fellbach. Die Themen benennt sie so: "Rechtmäßigkeit von Eigentum an Leben, Restitution und Verantwortung, Verbundensein und indigene Wissenssysteme." Die fundamentalen Fragen unserer Zeit: Das würden vielleicht auch andere Kurator:innen von ihren Ausstellungen sagen. Doch wie zeigt sich das?

Beim Betreten der Alten Kelter, wo die Ausstellung seit 2001 stattfindet, fällt zunächst das ins Auge, was die Herangehensweise der Triennale seit jeher kennzeichnet: ästhetische Objekte auf Sockeln, Podesten oder in Vitrinen unter dem beeindruckenden offenen Dachstuhl der Alten Kelter, ein großartiges Werk der Zimmermannskunst. 1980 ins Leben gerufen von Friedrich-Wilhelm Kiel (FDP), dem im April verstorbenen kunstsinnigen Bürgermeister, hat die Triennale ihren Radius beständig erweitert.

Von regionalen Künstler:innen ausgehend, kam es bald zu Ost-West-Begegnungen, nach der Wende ging es um Ostasien und Afrika. Es war die erste Ausstellung in der Region, die aktuelle Kunst aus diesen Erdteilen im großen Überblick zeigte. Warum aber Kleinplastik? Kiel wollte das Monumentale vermeiden, lieber war ihm das Provokante, Pfiffige, gern auch Ironische. Basteleien junger Künstler:innen waren ihm lieber als staatstragende Großaufträge. Zweifellos steckt in der Beschränkung aber auch ein Stück Understatement, das wiederum aufgewogen werden musste durch renommierte Kurator:innen und einen hohen Anspruch, um klarzumachen: Das ist hier kein Nippes.

Die Künstler:innen der aktuellen Ausstellung, zum Teil aus dem Netzwerk der Solitude-Akademie, stammen ganz selbstverständlich aus allen Teilen der Welt. Das führt in Zusammenhänge, die sich nicht immer auf Anhieb erschließen.

Nijolė Šivickas, 1925 in Litauen geboren, war nach dem Zweiten Weltkrieg Schülerin Willi Baumeisters, bevor sie nach Kolumbien weiterzog. Die Kleinplastik-Triennale und die Städtische Galerie Fellbach sind gerade dabei, ihr Werk wiederzuentdecken.

"Rehearsing Brutalitiy until it is Completely Destroyed", zu Deutsch ungefähr: Brutalität proben, bis es komplett zerstört ist. Wenn die Tänzer:innen des Stuttgarter Balletts so richtig in Fahrt kommen, zerstören die Vibrationen, die ihre Bewegungen auslösen, bewusst und gewollt die Würfel aus Kieselgur von Chiara Bugatti.

Wenn ein Fischer vor der nordamerikanischen Westküste im Meer ertrinkt, kommt nach der Überlieferung der Kwakwaka'wakw ein Pookmi, verschlingt ihn und spuckt ihn während der Beerdigungszeremonie wieder an Land. Deshalb die geschürzten Lippen dieser Maske von Alan Hunt. Hunt war Mitarbeiter des Künstlers Beau Dick, als dieser 2017 zur Documenta 14 eingeladen war, deren Eröffnung er allerdings nicht mehr erlebte.

Nadia Myre, auch sie eine indigene kanadische Künstlerin, lebt und arbeitet in Montreal. Sie zeigt in dieser Installation 48 Mokassin-Paare aus dem Smithsonian National Museum of Natural History in verkehrten Farben. Sie verweisen auf Aneignung und Genozid: Die Menschen sind nicht mehr da, die Schuhe im Museum. Erst kürzlich wurden in Kanada Massengräber von indigenen Kindern entdeckt, die ihren Eltern weggenommen und in Internate gesteckt worden waren, um ihre Kultur auszulöschen.

In dem Teil der Ausstellung, den Memory Biwa kuratiert hat, geht es um die Folgen der Kolonialgeschichte in Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia.

Dieses großformatige, von hinten bläulich durchleuchtete Tuch von Vitjitua Ndjiharine appliziert Fotos von Vorfahren der Künstlerin auf Stoffe, die diese einmal getragen haben. Sie befinden sich seit über 100 Jahren in ethnologischen Sammlungen in Zürich. Welche Resonanzen erzeugt diese Kombination?

Antje Majewski hat ein Pressefoto vom Thron König Njoyas aus dem kamerunischen Grasland in ein großformatiges Ölgemälde übertragen. Das Original befindet sich heute im Museum in Berlin. Weil die Deutschen den Thron unbedingt haben wollten, ließ der König der Bamum seinerzeit eine Replik anfertigen. In einem Video spricht Majewski mit einem Großneffen des Herrschers und mit dem Direktor des Palastmuseums in Fumban, der erklärt, Njoyas Reich sei eine mittelalterliche Feudalherrschaft gewesen.

Wie Biwa hat auch Majewski einen Teil der Ausstellung kuratiert: Ein Waldstück, dessen genaue Lage im Programm nicht angegeben ist, soll für mindestens 100 Jahre nicht genutzt, ja nicht einmal betreten werden. Dies ist vertraglich festgehalten. Schutzgeister von neun Künstler:innen – wie hier derjenige der Schwedin Cecilia Edefalk – wachen darüber.

Nur ein Pfad gewährt Zugang zu den Schutzgeistern. Darauf verweist der Wanderstock von Pavel Althamer, während der Zaun an das "Sanctuarium" von Herman de Vries erinnert: ein runder Staketenzaun am Stuttgarter Pragsattel, im Zuge der Internationalen Gartenschau 1993 errichtet, um das Innere symbolisch vor menschlichen Eingriffen zu schützen. Doch dann schlug vor einigen Jahren das Garten- und Friedhofsamt zu. Ob die Schutzgeister den Frevel hätten verhindern können?

Irma Hünerfauth, 1907 in Donaueschingen geboren, reagierte mit ihren auf Elektronik-Platinen gelöteten "sprechenden Kästen" auf traumatische Erfahrungen. "Wie Gras sein" heißt dieses Objekt, das sich auf Knopfdruck sanft in Bewegung setzt, während Hünerfauths Stimme die Ausstellungsbesucher:innen anspricht.

"Davide Soppressata" von Viron Erol Vert: ein Künstler, der zwischen Athen, Istanbul und seinem Geburtsort Berlin hin- und herpendelt. Die Soppressata ist eine süditalienische, salamiartige Wurst aus von Hand zerkleinertem, magerem Schweinefleisch.

"Sie wünscht sich ein gutes Leben für alle, fragt daher nach Bedingungen für Wandel und Transformation, nach Wegen der Heilung", steht im Katalog über Alice Cantaluppi. Ihr Vater habe ihr die 996 ausgestellten chinesischen Figürchen aus Jadeit und anderen Materialien hinterlassen. Deren Herkunft und Bedeutung gehe sie nach. Falls die Künstlerin etwas herausgefunden haben sollte, schweigt sich der Katalog dazu allerdings aus.


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Meine Frage richtete sich an Emil Meier.



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