Blick übers Gelände der IGA 93. Bei Klick aufs Bild folgen weitere Ein- und Aussichten von heute.

Bild 1 von 16: Blick übers IGA-Gelände. Für mehr aktuelle Ein- und Aussichten aufs Bild klicken.

Michael Singer, Pionier der Environmental Art, der heute riesige Renaturierungsprojekte konzipiert, entwarf seinen Memorial Garden ...

Michael Singer, Pionier der Environmental Art, der heute riesige Renaturierungsprojekte konzipiert, entwarf seinen Memorial Garden ...

... als Gartenkunstwerk zur Erinnerung an die Opfer des Zweiten Weltkriegs.

... als Gartenkunstwerk zur Erinnerung an die Opfer des Zweiten Weltkriegs.

Von den 22 Nationengärten der IGA 93 sind nur noch zwei übrig. Der japanische beim Mineralbad Berg wucherte jahrelang zu. Nun wird er mit Hilfe der Deutsch-Japanischen Gesellschaft von Auszubildenden des Gartenbauamts instand gesetzt.

Von den 22 Nationengärten der IGA 93 sind nur noch zwei übrig. Der japanische beim Mineralbad Berg wucherte jahrelang zu. Nun wird er mit Hilfe der Deutsch-Japanischen Gesellschaft von Auszubildenden des Gartenbauamts instand gesetzt.

Geniale Ingenieurskunst: Die Seilnetzbrücke von Jörg Schlaich überbrückt die Distanz zwischen Rosensteinpark und Leibfriedschem Garten.

Geniale Ingenieurskunst: Die Seilnetzbrücke von Jörg Schlaich überbrückt die Distanz zwischen Rosensteinpark und Leibfriedschem Garten.

Das "Gate of Hope" des fünffachen Documenta-Teilnehmers Dan Graham markiert den Eingang zum Park der Villa Moser. Semitransparente Spiegel brechen das Bild des Betrachters. Leider ist gegen den Vandalismus kein Kraut gewachsen.

Das "Gate of Hope" des fünffachen Documenta-Teilnehmers Dan Graham markiert den Eingang zum Park der Villa Moser. Semitransparente Spiegel brechen das Bild des Betrachters. Leider ist gegen den Vandalismus kein Kraut gewachsen.

Über die Ruine der einst bedeutenden Villa Moser hat der Architekt Hans Dieter Schaal einen begehbaren Parcours gebaut. Heute gammelt er vor sich hin, der Zugang ist mit Spanplatten vernagelt.

Über die Ruine der einst bedeutenden Villa Moser hat der Architekt Hans Dieter Schaal einen begehbaren Parcours gebaut. Heute gammelt er vor sich hin, der Zugang ist mit Spanplatten vernagelt.

Um die Natur vor dem Menschen zu schützen, hat der Künstler Herman de Vries einen elf Meter großen Kreis eingefriedet. Nicht sicher genug, um vor der "Pflege" des Garten- und Friedhofsamts zu bewahren.

Um die Natur vor dem Menschen zu schützen, hat der Künstler Herman de Vries einen elf Meter großen Kreis eingefriedet. Nicht sicher genug, um ihn vor der "Pflege" des Garten- und Friedhofsamts zu bewahren.

Jörg Schlaichs Fußgängerstege am Nordbahnhof sind das zentrale Gelenkstück des grünen U, das den Leibfriedschen Garten mit dem Wartberg verbindet.

Jörg Schlaichs Fußgängerstege am Nordbahnhof sind das zentrale Gelenkstück des grünen U, das den Leibfriedschen Garten mit dem Wartberg verbindet.

Die geometrisch geformten Wasserspeier am Egelsee von Hans Dieter Bohnet laufen heute im Energiespar-Modus.

Die geometrisch geformten Wasserspeier am Egelsee von Hans Dieter Bohnet laufen heute im Energiespar-Modus.

Der Wasserspielplatz des früh verstorbenen Architekten Peter Hannes bleibt bis heute einzigartig und erfreut sich unverminderter Beliebtheit.

Der Wasserspielplatz des früh verstorbenen Architekten Peter Hannes bleibt bis heute einzigartig und erfreut sich unverminderter Beliebtheit.

Kunst als Wild- und Honigbienen-Quartier: Die Figuren des Bienengartens von Jeanette Zippel bieten einen verwahrlosten Anblick und sind nicht mehr bewohnt.

Kunst als Wild- und Honigbienen-Quartier: Die Figuren des Bienengartens von Jeanette Zippel bieten einen verwahrlosten Anblick und sind nicht mehr bewohnt.

Der die IGA krönende Aussichtsturm auf dem Killesberg kam erst nachträglich durch private Spenden zustande. Der Hahn auf der Spitze symbolisiert das grüne U.

Der die IGA krönende Aussichtsturm auf dem Killesberg kam erst nachträglich durch private Spenden zustande. Der Hahn auf der Spitze symbolisiert das grüne U.

Für damalige Verhältnisse sensationell und bis heute ein Ausflugsziel für Familien mit Kindern: der dreigeschossige so genannte Milka-Spielplatz im Rosensteinpark.

Für damalige Verhältnisse sensationell und bis heute ein Ausflugsziel für Familien mit Kindern: der dreigeschossige so genannte Milka-Spielplatz im Rosensteinpark.

Zur Gartenschau gehörte auch die Bauausstellung "Expo Wohnen 2000" mit damals ganz neuen ökologischen Ansätzen. Internationale Architekten planten Häuser, die nicht nur für Besserverdienende gedacht waren.

Zur Gartenschau gehörte auch die Bauausstellung "Expo Wohnen 2000" mit damals ganz neuen ökologischen Ansätzen. Internationale Architekten planten Häuser, die nicht nur für Besserverdienende gedacht waren.

Das Stuttgarter Wahrzeichen im Blumenbeet. Beim Aufstöbern des Rössles im Tulpenbett und weiterer IGA-Überbleibsel ...

Das Stuttgarter Wahrzeichen im Blumenbeet.

Ausgabe 373
Schaubühne

Abschied vom grünen U

Von Dietrich Heißenbüttel
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 23.05.2018
Mit der IGA 93 realisierte Stuttgart vor 25 Jahren einen alten Traum: eine fußläufige Verbindung vom Stadtzentrum bis in den Wald, das grüne U. Dazu Ökologie und Kunst vereint in Gartenkunst. Seitdem hat sich die Stadt wieder in die umgekehrte Richtung entwickelt.

"Mit der IGA 93 findet die erste Weltausstellung in Baden-Württemberg statt." Mit diesen Worten eröffnet Ministerpräsident Erwin Teufel 1993, noch nicht lange im Amt, stolz den offiziellen Katalog der Internationalen Gartenbauausstellung in Stuttgart, die er nicht ganz korrekt auch als Expo 93 bezeichnet: Während die Expo seit 1928 in unregelmäßigen Abständen vom Bureau International des Expositions (BIE) vergeben wird, tritt die IGA als deutsche Gartenbauausstellung mit internationaler Beteiligung alle zehn Jahre an die Stelle der Bundesgartenschau. Die Expo 93 fand dagegen statt in Daejeon in Südkorea.

Gleichwohl war die IGA für Stuttgart ein Mega-Ereignis. Mehr als sieben Millionen Besucher kamen die 22 Nationengärten ansehen. Die Stadt erfand sich zwar nicht komplett neu, doch sie realisierte einen alten Traum. In der Bundesgartenschau 1961 waren der Obere und Mittlere Schlossgarten neu gestaltet worden. 1977 folgte der Untere Schlossgarten bis zum Neckar. Und schon zwei Jahre danach beschloss der Gemeinderat, sich um die IGA 93 zu bewerben, um eine durchgehend grüne Verbindung vom Neuen Schloss bis hinauf zum Killesberg und zum Wald zu schaffen: das grüne U.

"Verantwortungsbewusster Umgang mit der Natur in der Stadt", lautete damals das Motto der IGA. Denn, so Teufel, "gerade in einem wirtschaftlich hochentwickelten Land führt heute kein Weg mehr an einem verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur vorbei." Die Planungen leitete der Gartenarchitekt Hans Luz, der bereits 1977 eine Verkehrswüste bei den Mineralbädern in die Gartenlandschaft mit Seen und den symbolischen "Berger Sprudlern" verwandelt hatte. Nun wollte er weitere Straßenschneisen und Eisenbahntrassen überbrücken.

Über Brücken gehen? An Ampeln und Grünzugbarrieren stehen

Wesentlichen Anteil daran hatten die Fußgängerstege von Jörg Schlaich. Sie verbinden den Rosensteinpark mit dem Leibfriedschen Garten, so benannt nach dem letzten Besitzer des Grundstücks. Hier hatte der Schokoladenfabrikant Eduard Otto Moser, genannt Bonboles-Moser, das einst nach der Villa Berg bedeutendste Villengebäude in Stuttgart errichtet, von dem nach Kriegszerstörungen nur noch Ruinen übrig blieben. Von hier aus führen weitere Stege an der S-Bahn-Station Nordbahnhof vorbei und hinüber zum Wartberg. Als Schlaich neun Jahre später allerdings eine Fußgängerbrücke bei der Oper über die Konrad-Adenauer-Straße legen wollte, lehnte die Stadt ab: kein Geld. Und als kürzlich sein früherer Mitarbeiter Werner Sobek einen erneuten Vorstoß wagte, murrten die Befürworter der fußgängerfreundlichen Stadt. Sie scheinen lieber an der Druckknopf-Ampel zu stehen.

Zum Konzept gehörte auch eine Reihe von Kunststationen. Denn für Luz stand fest: Gartenbau ist nicht Natur, Gartenbau ist Kunst. Doch die Kunstwerke nahmen zugleich Bezug auf den Ort. An der unwirtlichen Straßenschneise des Pragsattels etwa schuf Herman de Vries sein "Sanctuarium" – um die Natur vor dem Menschen zu schützen. Freilich reichte sein Palisadenzaun nicht, um die wild wuchernden Pflanzen vor den "Pflegemaßnahmen" des Garten- und Friedhofsamts zu bewahren. Einige der Kunststationen, die teils von lokalen, teils von sehr renommierten internationalen Künstlern stammten, sind längst wieder abgebaut. Andere gammeln seit 25 Jahren ohne Pflege vor sich hin. Das Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Kunst scheint an vielen Stellen zu fehlen.

Ein Jahr nach der IGA präsentierten Erwin Teufel, Oberbürgermeister Manfred Rommel, Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann und Bahnchef Heinz Dürr eine neue, verhängnisvolle Idee. Sie nannten sie Stuttgart 21. Der durchgehende Grünzug vom Neuen Schloss bis zum Killesberg ist infolgedessen nun unterbrochen: Aus dem grünen U ist ein grünes J geworden.


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