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Abschied vom grünen U

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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Mit der IGA 93 realisierte Stuttgart vor 25 Jahren einen alten Traum: eine fußläufige Verbindung vom Stadtzentrum bis in den Wald, das grüne U. Dazu Ökologie und Kunst vereint in Gartenkunst. Seitdem hat sich die Stadt wieder in die umgekehrte Richtung entwickelt.

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"Mit der IGA 93 findet die erste Weltausstellung in Baden-Württemberg statt." Mit diesen Worten eröffnet Ministerpräsident Erwin Teufel 1993, noch nicht lange im Amt, stolz den offiziellen Katalog der Internationalen Gartenbauausstellung in Stuttgart, die er nicht ganz korrekt auch als Expo 93 bezeichnet: Während die Expo seit 1928 in unregelmäßigen Abständen vom Bureau International des Expositions (BIE) vergeben wird, tritt die IGA als deutsche Gartenbauausstellung mit internationaler Beteiligung alle zehn Jahre an die Stelle der Bundesgartenschau. Die Expo 93 fand dagegen statt in Daejeon in Südkorea.

Gleichwohl war die IGA für Stuttgart ein Mega-Ereignis. Mehr als sieben Millionen Besucher kamen die 22 Nationengärten ansehen. Die Stadt erfand sich zwar nicht komplett neu, doch sie realisierte einen alten Traum. In der Bundesgartenschau 1961 waren der Obere und Mittlere Schlossgarten neu gestaltet worden. 1977 folgte der Untere Schlossgarten bis zum Neckar. Und schon zwei Jahre danach beschloss der Gemeinderat, sich um die IGA 93 zu bewerben, um eine durchgehend grüne Verbindung vom Neuen Schloss bis hinauf zum Killesberg und zum Wald zu schaffen: das grüne U.

"Verantwortungsbewusster Umgang mit der Natur in der Stadt", lautete damals das Motto der IGA. Denn, so Teufel, "gerade in einem wirtschaftlich hochentwickelten Land führt heute kein Weg mehr an einem verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur vorbei." Die Planungen leitete der Gartenarchitekt Hans Luz, der bereits 1977 eine Verkehrswüste bei den Mineralbädern in die Gartenlandschaft mit Seen und den symbolischen "Berger Sprudlern" verwandelt hatte. Nun wollte er weitere Straßenschneisen und Eisenbahntrassen überbrücken.

Über Brücken gehen? An Ampeln und Grünzugbarrieren stehen

Wesentlichen Anteil daran hatten die Fußgängerstege von Jörg Schlaich. Sie verbinden den Rosensteinpark mit dem Leibfriedschen Garten, so benannt nach dem letzten Besitzer des Grundstücks. Hier hatte der Schokoladenfabrikant Eduard Otto Moser, genannt Bonboles-Moser, das einst nach der Villa Berg bedeutendste Villengebäude in Stuttgart errichtet, von dem nach Kriegszerstörungen nur noch Ruinen übrig blieben. Von hier aus führen weitere Stege an der S-Bahn-Station Nordbahnhof vorbei und hinüber zum Wartberg. Als Schlaich neun Jahre später allerdings eine Fußgängerbrücke bei der Oper über die Konrad-Adenauer-Straße legen wollte, lehnte die Stadt ab: kein Geld. Und als kürzlich sein früherer Mitarbeiter Werner Sobek einen erneuten Vorstoß wagte, murrten die Befürworter der fußgängerfreundlichen Stadt. Sie scheinen lieber an der Druckknopf-Ampel zu stehen.

Zum Konzept gehörte auch eine Reihe von Kunststationen. Denn für Luz stand fest: Gartenbau ist nicht Natur, Gartenbau ist Kunst. Doch die Kunstwerke nahmen zugleich Bezug auf den Ort. An der unwirtlichen Straßenschneise des Pragsattels etwa schuf Herman de Vries sein "Sanctuarium" – um die Natur vor dem Menschen zu schützen. Freilich reichte sein Palisadenzaun nicht, um die wild wuchernden Pflanzen vor den "Pflegemaßnahmen" des Garten- und Friedhofsamts zu bewahren. Einige der Kunststationen, die teils von lokalen, teils von sehr renommierten internationalen Künstlern stammten, sind längst wieder abgebaut. Andere gammeln seit 25 Jahren ohne Pflege vor sich hin. Das Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Kunst scheint an vielen Stellen zu fehlen.

Ein Jahr nach der IGA präsentierten Erwin Teufel, Oberbürgermeister Manfred Rommel, Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann und Bahnchef Heinz Dürr eine neue, verhängnisvolle Idee. Sie nannten sie Stuttgart 21. Der durchgehende Grünzug vom Neuen Schloss bis zum Killesberg ist infolgedessen nun unterbrochen: Aus dem grünen U ist ein grünes J geworden.


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