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Stuttgart-21-Denkmal

Das kleine Karo hat gesiegt

Stuttgart-21-Denkmal: Das kleine Karo hat gesiegt
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Peter Lenk wollte den StuttgarterInnen ein Kunstwerk schenken. Doch die Stadt lehnt wort- und girlandenreich ab. Das S-21-Denkmal vor dem Stadtpalais muss nun dem Festival "Stuttgart am Meer" weichen. Warum eigentlich?

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Lustig, dass ausgerechnet die Satire auf Stuttgart 21 vor dem Stadtpalais stört. Denn dort steht ja allerlei rum. Oder doch eher entlarvend? Schon bei der Sitzung des Verwaltungsausschusses des Gemeinderats vor einer Woche wurde klar: In den lobenden Worten für den Künstler und sein Kunstwerk schwingt immer das ganz große Aber mit: Nicht an diesem Platz, nicht vor dem Stadtpalais. Vielleicht noch erdrückt von der Architektur am Stockholmer Platz. Aber am liebsten ganz weg. Ausgesprochen hat es nur der AfD-Stadtrat Frank Ebel: "Ihre Kunst, Herr Lenk, ist scheußlich und vulgär." Als einziger gekämpft für den Verbleib hat SÖS-Stadtrat Hannes Rockenbauch. Der einzige übrigens in diesem Gremium, der sich mit der Rolle von Kunst und Kultur in der Politik und im öffentlichen Raum auseinandergesetzt hat.

Der einzige auch, der für einen Kompromiss vor dem Stadtpalais geworben hat und das zehn Meter hohe Lenk-Werk nicht abschieben wollte, bevor ein adäquater Standort gefunden ist: Warum kann das Ende Juli beginnende Stadtpalais-Festival "Stuttgart am Meer" die Skulptur nicht so lange umspülen? Warum können Planschbecken, Grillplätze und Liegestühle samt Dünen nicht um das Denkmal gruppiert werden? "Können Sie das konkret machen?", fragt Hannes Rockenbauch nach dem Konzept und regt Flexibilität an. Nee, geht nicht. Die Gelder sind bewilligt, die Dünen wie in Stein gemeißelt, Stadtpalais-Chef Torben Giese will die Hoheit behalten. Der "Schwäbische Laokoon oder die Chronik einer grotesken Entgleisung" stört – weg damit, Ende Gelände.

Wie schön, dass es sich die StadträtInnen der Landeshauptstadt so gemütlich machen. "Das ist unser Grund und Boden", poltert CDU-Fraktionschef Alexander Kotz. FDP-Chef Matthias Oechsner, bekennender S-21-Befürworter, zeigt sich gönnerhaft ("Ein gelungenes Werk"), aber jetzt sei auch gut. Weg damit auf den Stockholmer Platz, draußen bei der Stadtbücherei, und dann könne man ja weitersehen. Und auch von Grünen-Fraktionschef Andreas Winter und SPD-Mann Dejan Perc kein Bekenntnis zur satirischen Erinnerungskultur.

Grüne wollen nix mehr zu tun haben mit dem Protest

Dabei waren es doch gerade die Grünen, die es mit dem Protest gegen Stuttgart 21 und mit Rückenwind durch Fukushima vor zehn Jahren an die Macht schafften. Doch die Profiteure von damals wollen offenbar nix mehr wissen und zu tun haben mit dem Protest. Der Käs' ist schließlich gegessen. Und dann wurde auch noch ihrem Oberchef die Hosen ausgezogen. Winfried Kretschmann als nackerter Laokoon – da kann ein Fraktionschef schon mal vergessen, wo er herkommt.

Am liebsten würden die StadträtInnen dem struppigen Lenk-Denkmal wohl ein paar Rädchen anschnallen, so dass man diese widerborstige Kunst, je nach Laune, mal in die Hochhausschlucht bei der Stadtbibliothek, mal nach Bodman, vielleicht aber auch mal, wenn er je fertig wird, auf den Bahnhof schieben kann. Von einer Ecke in die andere halt, bis sie irgendwann vergessen ist.

Tja. Geht leider nicht: Das Ding ist neun Tonnen schwer, zehn Meter hoch. Und wann der Bahnhof fertig wird, weiß kein Mensch. Und nur mal so nebenbei: An dem Werk hat der Künstler 2.500 Stunden gearbeitet, dafür haben mehr als 1.000 Menschen mehr als 100.000 Euro gespendet. So einfach lassen sich Konflikte nicht verschieben.

Nopper: Wortspiele statt Courage

Und gibt es da nicht einen neuen Stuttgarter OB, der Kultur zur Chefsache machen und den Lenk unbedingt in der Landeshauptstadt halten wollte? Frank Nopper, CDU, begnügt sich vor und im großen Sitzungssaal mit Wortspielen. "Herr Lenk, beim Lenkmal müssen Sie einlenken." Dabei war Nopper klar, dass der Künstler niemals einer Verschickung auf den Stockholmer Platz zustimmen würde.

Doch die Traute, eine mutige Entscheidung zu fällen, fehlt. Der OB einer Landeshauptstadt muss mehr sein als ein Vermittler. Das hat Noppers Parteifreund Manfred Rommel, auch er ein Meister des leichtgängigen Witzes, immer wieder eindrücklich bewiesen. Eine eigene Haltung wäre auch im Falle Lenk nicht hinderlich gewesen. Ebenso wenig wie das eine oder andere Argument zur Aufgabe von Kultur und Kunst in einer Gesellschaft. Fehlanzeige. Das ist in einer Kleinstadt in der Provinz nicht anders zu erwarten.

Wenn Stuttgart aber dereinst der "leuchtende Stern des deutschen Südens" werden soll – "mindestens auf Augenhöhe mit München und Frankfurt am Main" (Nopper) –, dann müssen Rat und OB noch eine Schippe drauflegen. Mit Äußerungen wie "Hier bestimmen wir", "Wenn Sie nicht kompromissbereit sind, müssen Sie halt gehen" oder "Seien Sie nicht so trotzig, Herr Lenk", ist es dann nicht getan. Das lässt allenfalls Rückschlüsse zu auf die Debattenkultur und deren ProtagonistInnen in einer Landeshauptstadt. "Wenn das kleine Karo im Rathaus regiert, stört ein Lenk", sagte Edzard Reuter fast schon prophetisch Anfang dieses Jahres gegenüber Kontext, verbunden mit dem Wunsch: "Wie fabelhaft wäre es, wenn der neue Oberbürgermeister von der CDU den Mut hätte, zu sagen: Der Lenk bleibt hier, er steht uns gut." Das kleine Karo hat gesiegt.

Das Stadtpalais wäre der ideale Ort, zu erinnern

Mal ganz abgesehen davon, dass der Lenk in die Eventkultur vor dem Stadtpalais prima integriert werden könnte: Ist das Stadtpalais, das lange ersehnte Stadtmuseum, nicht der ideale Ort, sich zu erinnern? An ein Großprojekt, das die Stadt gespalten hat wie keine anderes. An Zeiten, als Wasserwerfer eingesetzt wurden gegen Widerworte. Ein Kunstwerk als Projekt der Befriedung einer Stadt, durch die sich Gräben zogen. Als Ort, wo gelacht werden darf, über andere und nicht zuletzt über sich selbst, auch wenn das Lachen angesichts immer neuer Kostenexplosionen des tiefergelegten Bahnhofs im Hals stecken bleibt. Und diese politische Satire-Kunst hätte die Stadt nichts gekostet.

Geschenkt. Und nicht angenommen. Der 74-jährige Peter Lenk baut seinen Laokoon ab und in seinem Skulpturengarten am Bodensee auf. Gänzlich unbeleidigt und mit den Worten: "Bratwurst ahoi, Laokoon ade".

Veronika Kienzle radelt direkt nach dem Lenkschen Rausschmiss am Stadtpalais vorbei. Die vier Touristen vor dem mit ICEs ringenden Landesvater verstehen die Welt nicht mehr, als die grüne Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte von der Entscheidung des Stuttgarter Verwaltungsausschusses berichtet. "Da sind wir extra vom Bodensee hergekommen, dabei hätten wir nur warten müssen, bis die Skulptur in Bodman ist?" Sie outen sich grinsend als Lenk-Fans, die fast alle Skulpturen schon gesehen haben: die Global Players in Bodman-Ludwigshafen, die Magische Säule in Meersburg, die Imperia in Konstanz, klar. Alle hingetrickst, alle geduldet, alle inzwischen Touristenmagnete, eine wurde sogar zum Wahrzeichen. Die Touristen vom Bodensee stehen vor der "Chronik einer grotesken Entgleisung", zeigen nach oben ("Da ist der Kuhn, guck, der Hermann") lachen über die künstlerische Frechheit und Freiheit, finden vieles gut, manches zu dreist, diskutieren.

Immer wieder wird über die Lenkschen Figuren gestritten. Ist das überhaupt Kunst? Oder ist das zu gegenständlich, gar zu vulgär? Ist eine Karikatur überhaupt Kunst? Kann der Kerl einfach so daherkommen und seine Skulpturen in den öffentlichen Raum tricksen? Was bedeutet Kunst im öffentlichen Raum überhaupt? Darf Kunst den MacherInnen in Politik und Wirtschaft mal ganz derb die Hosen runterlassen? Und ist es nicht die Rolle der Kunst, der Politik und der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten? In der Landeshauptstadt bleibt genug Stoff für Debatten. Die über den beleidigten Künstler springt zu kurz.


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19 Kommentare verfügbar

  • Steiner
    am 28.06.2021
    Antworten
    In Bodman am Bodensee darf in Kürze über die Stuttgarter Spießbürger gelacht werden. Die Skulptur von Peter Lenk zeigt einmal mehr die Provinzialität der "Eliten" unserer "Hauptstadt von Baden-Württemberg" in einer Dauer-Ausstellung.
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