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Der beste Platz für einen Lenk

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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Stuttgart ziert sich. Da bekommt die Landeshauptstadt eine Skulptur des Bildhauers Peter Lenk geschenkt – und weiß nicht, wohin damit. Kontext hilft gerne bei der Suche nach einem schönen Platz für ein imposantes S-21-Denkmal.

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Bernd Spellenberg, 72, ist so etwas wie der Denkmalbeauftragte der Bahnhofsgegner geworden. Weil er Kunst liebt, den Künstler Peter Lenk schätzt und es doch nicht sein kann, dass alle klemmen, wenn es um einen Platz für dessen Skulptur geht, ist er zum Locationscout geworden. Also rein ins Rathaus. Der Tag der offenen Tür kommt ihm grade geschliffen.

Mit der Broschüre "S 21 – das Denkmal. Die nackte Wahrheit über S 21" ist er in Fritz Kuhns Amtszimmer marschiert und tatsächlich mit einer Zusage herausgekommen. Er möge sich wegen eines Termins an seine Assistentin wenden, sprach der grüne Oberbürgermeister, der auch auf die Pflege der Kultur achten muss. Immerhin: Mit der Gesprächsbereitschaft hat er seinen Baudezernenten Peter Pätzold überholt, der lieber einen Baum pflanzen will. Aufzuholen hat Kuhn freilich noch gegenüber seinem Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU), der Mut und Ehrgeiz beweist, künstlerisch verewigt zu werden: "Hoffentlich bin ich auch dabei."

Genau davor fürchten sich einige Großkopfete in der Stadt. Wessen Kopf wird den acht Meter hohen Laokoon zieren, der nackt und verzweifelt mit den ICE-Schlangen ringt? (Kontext berichtete.) Wen wird der Satiriker vom Bodensee noch aufs Korn nehmen, an den Seitenwänden des Sockels durch den Kakao ziehen oder auf den Reliefs veralbern? Das verrät der Künstler nicht. Nur so viel: "Es wird drei weitere große Reliefs mit ca. 150 Personen geben." Eine Chance nicht nur für den Ordnungsbürgermeister. Ein Baum, verrät der Künstler, sei selbstverständlich auch dargestellt. Baumschützer und Sägekettentruppe inklusive, versteht sich. Ob das den Baubürgermeister beruhigt, wird sich weisen.

"Jedes Dixi-Klo findet in der Stadt einen Platz!"

Weniger Bedenken hat die Stuttgarter Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle. "Die Stadt wäre ja schön blöd, wenn sie sich verweigern würde, das ist doch ein tolles Angebot des Künstlers", betont die Grünen-Politikerin. Sie weiß, dass die in Stein gemeißelten Lenk-Fantasien frech sind, weil sie den Mächtigen gerne die Hosen ausziehen und dem Spott preisgeben. Wie etwa das Denkmal von Martin Walser in Überlingen, das den Dichter mit Schlittschuhen auf einem Esel zeigt und ihm den Weg zum Frisör vergällt hat. Kunst muss nicht allen gefallen. So oder so: "Eine S-21-Skulptur ist ein Dokument seiner Zeit, es soll und muss zu Diskussionen anregen", sagt Kienzle.

Peter Lenk eckt an, das gehört zum Programm. Der Meister der kunstvollen Provokation spaltet in glühende Verehrer und empörte Widersacher. Vor seinem Spott ist keiner sicher. Und ganz besonders trifft er die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft, die für das Bahnhofsprojekt verantwortlich sind. Es gibt also von Ministern über Oberbürgermeister bis hin zum Ministerpräsidenten gewisse grüne Befürchtungen. "Das ist womöglich der Grund für die Zurückhaltung", mutmaßt Veronika Kienzle.

Für die Grüne, die in der Stadt für die Mitte zuständig ist, ist eins klar: "Der Lenk gehört in die Innenstadt und muss Blickkontakt zu der Bahnhofsbaustelle haben." Und wenn es keinen Platz gibt? Da wird Kienzle energisch: "Jeder Baucontainer und jedes Dixi-Klo findet in der Stadt einen Platz!" Sie ist bereit, eine öffentliche Begehung zu organisieren. Bei jedem Hotel, bei jeder Baustelle werde das gemacht, mit Luftballons die Höhe angezeigt, das könne man auch bei der Kunst machen.

Bernd Spellenberg, der Denkmalbeauftragte der S-21-Gegner, macht auch nach dem Tag der offenen Tür unverdrossen weiter. Er sammelt Spenden, weil allein das Material des Lenkschen Kunstwerks rund 100 000 Euro kosten wird. Er sucht weiter nach einem Ort, wo der erste Lenk in Stuttgart gut zur Geltung käme. Und er beruhigt Menschen, die sich beklagen, dass sie das Geschlechtsteil des Laokoon nicht in voller Pracht sehen wollen. Da kommt nämlich ein Feigenblatt drüber.

Feigenblatt hin oder her: Kontext hilft gerne bei der Platzwahl. Unser Fotograf Joachim E. Röttgers hat das Denkmal schon mal auf verschiedene Orte montiert. Und unseren LeserInnen fallen sicher noch weitere sinnträchtige Orte ein. 

 


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9 Kommentare verfügbar

  • Bruno Neidhart
    am 18.05.2019
    Antworten
    Kunst, wenn es sich um so was handeln solllte, kann manchmal grausam sein. Da dürfte der kommende Tiefenbahnhof - bei grundsätzlicher Kritik! - geradezu ästhetisch beschwingt daher kommen (.....hätte mir, es sei erwähnt, einen Kombibahnhof vorstellen können!).
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