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Stuttgart-21-Bauzaun

Tausendfach anonyme Massenkunst

Stuttgart-21-Bauzaun: Tausendfach anonyme Massenkunst
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 Fotos: Jens Volle 

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Datum:

Ende Juli 2010 wurde unter Polizeischutz ein Absperrzaun vor dem Nordflügel des Bonatzbaus errichtet, der im Zuge von Stuttgart 21 abgerissen werden sollte. Stuttgarter BürgerInnen eigneten sich den Zaun schnell an und behängten ihn mit Collagen, Texten, selbstgebastelten Objekten. Unser Autor, ein Kunsthistoriker, bot damals Bauzaun-Führungen an.

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Am 30. Juli 2010 wurden 1.000 Polizisten nach Stuttgart beordert, offiziell um die Vereidigung von neuen Rekruten in der Eberhardskirche zu schützen. Doch sie hatten auch einen zweiten Auftrag. Sie marschierten zum Hauptbahnhof, umstellten den Nordflügel und ermöglichten den Aufbau des Bauzauns. Einen Tag später kamen 200.000 Menschen zur Parade des Christopher Street Day in die Innenstadt. Zeitgleich blockierten aufgebrachte Stuttgarter die Theodor-Heuss-Straße, und 2.500 Leute versammeln sich zu einer Spontandemonstration am Bauzaun.

An diesem Nachmittag steckten empörte Bürger Blumen in die Gitter des Zauns, und das erste Plakat, das dort befestigt wurde, war ein Demonstrationsbanner mit dem Motto: "Mappus mag uns - Schön wär's", das bei der CSD-Parade mitgetragen worden war. Eines der ersten Objekte wandte sich mit der Schrift "Hört auf Euer Gewissen" noch nach innen, man wollte die Bauarbeiter überzeugen. Vier BauzaunkünstlerInnen hatten daran eine Stunde gebastelt.

In kürzester Zeit wurde der Absperrzaun nun umfunktioniert und mit Tausenden Meinungsbekundungen behängt. Witzig und wütend, ironisch und intelligent, kreativ im Einsatz von Computerprogrammen zur Bildbearbeitung oder einfach mit Stift, Papier und Schere drückten die anonymen Urheber in Collagen, Texten oder auch selbstgebauten dreidimensionalen Objekten ihren Protest aus. Vorausgegangen war kein Aufruf einer Partei oder der Protestbewegung, jetzt massenhaft Meinung zu bekunden, es passierte einfach. So wurde der Bauzaun zur "Sozialen Plastik" im Sinne von Joseph Beuys und dessen Vorstellung, dass jeder Mensch durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen könne. Auch Walter Benjamins Vision "Die Betrachtung der Massenkunst führt zur Revision des Geniebegriffs" wurde dort kreativ umgesetzt.

Erst lehnt die Stadt Führungen ab, dann begrüßt sie sie

Die Anfänge des Bauzauns hatte ich nur über das Internet erlebt, denn ich war im Sommer mit meiner Frau in Alaska im Urlaub. Auf unserer Rückfahrt motivierte uns die Deutsche Bahn mit einer besonderen Aktion, uns dem Protest anzuschließen. Nach einem zwölfstündigen Flug, obendrein noch belastet durch eine zehnstündige Zeitverschiebung, fuhren wir mit dem ICE vom Frankfurter Flughafen zurück nach Stuttgart. Dann kurz vor Stuttgart blieb der Zug im Tunnel stecken. Erst nach drei Stunden kam ein Ersatzzug, nachdem mehrere Versuche gescheitert waren, den defekten ICE wieder in Fahrt zu bringen. Was würde den Bahnkunden erst erwarten, wenn Stuttgart auf rund 60 Kilometern im Rahmen von Stuttgart 21 untertunnelt wäre? Ich war jetzt sehr motiviert, mich aktiv in das Geschehen einzuschalten.

Ende August fotografierte der 18-jährige Julian Hinderer den kompletten Bauzaun und stellte drei große, hochauflösende Panoramafotos ins Netz. Und der Journalist Josef-Otto Freudenreich, später Mitbegründer von Kontext, schrieb in der "Frankfurter Rundschau" über den "Bauzaun am Hauptbahnhof, den man getrost als Kunstmeile bezeichnen darf. Hier hängen hunderte Bekundungen besorgter Bürger. Wenn Sie klug wären, würden sie damit werben. Wo sonst im Land ist derzeit soviel Kreativität, Spontanität und Leidenschaft."

Im Büro unserer Agentur für Kunstvermittlung, eines Reiseunternehmens, diskutierten wir im Team über Kunstführungen am Bauzaun. Und so schrieb ich am 30. August an das Amt für öffentliche Ordnung: "Wir bitten Sie nun um Erlaubnis, eine dialogorientierte Kunstführung direkt am Bauzaun durchzuführen." Zunächst blockierte die Amtsleiterin unser Ansinnen, aber dann kam die Wende, als der Pressesprecher des Polizeipräsidiums mich anrief und die Bauzaunführungen unter Auflagen und "als einmalige Ausnahme" genehmigte. Das Ordnungsamt begrüßte jetzt die Entscheidung: "Diese Lösung freut mich ... zumal ich aus eigener Anschauung die Anziehungskraft des Zaunes durchaus sehr gut nachvollziehen kann".

Die "Stuttgarter Zeitung" kündigte die Führungen unter der Überschrift "Bauzaun als Touristenattraktion" an, - mit der Folge, dass das Telefon bei uns pausenlos läutete. Noch am Vormittag waren die Führungen ausgebucht.

Inzwischen hatte sich der Bauzaun verändert. Um ihn zu erhöhen, war ein zweiter Zaun davorgestellt worden, so dass die ersten Beiträge nicht mehr geändert werden konnten. Stimmungen der ersten Tage wie ein Zettel mit der Aufschrift "Wir hoffen auf Angie" waren dort noch zu sehen. In dem sonst nicht zugänglichen Bereich zwischen den beiden Zäunen fanden dann unsere zwei Führungen mit je 20 Teilnehmern und einer in Zivil gekleideten Polizistin statt.

Doch schon jetzt war klar, dass der Bauzaun den Winter nicht "überleben" würde. Wir fuhren nun eine Doppelstrategie: Zum einen wollten wir durch Führungen (diesmal nicht mehr angemeldet) den Zaun schützen. Das Interesse war da: Eine Schulklasse aus Ulm etwa buchte eine Bauzaunführung, und der Förderverein der Städtischen Museen Heilbronn reiste anlässlich der dortigen Beuys-Ausstellung nach Stuttgart, um die Bauzaunobjekte auf der Führung zu diskutieren.

S-21-Freunde halfen, Zaun zu retten – versehentlich

Parallel dazu wollten wir Möglichkeiten eruieren, dass der Zaun im Museum eine neue Bleibe bekommt. Doch dazu musste erst intern abgeklärt werden, ob man Geschichte schon ausstellen kann "während sie noch qualmt" (so die US-Historikerin Barbara Tuchmann 1964). Am 23. September wandte ich mich an die Pressestelle der mit dem Nordflügelabriss beauftragten Baufirma Wolff und Müller: "Wir wenden uns an Sie mit einer sehr speziellen Bitte. Der Bauzaun am Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs ist nach unserer Ansicht ein wichtiges und erhaltenswertes Dokument der Kultur- und Zeitgeschichte ... Ich würde gerne verhindern, dass der Bauzaun irgendwann "entsorgt" wird, denn es wäre sicher für das Subunternehmen eine mühselige Arbeit, den Zaun wieder zu säubern. Wir würden Ihnen anbieten, den Abtransport zu übernehmen und dem Abbruchunternehmen die Zaunkosten zu ersetzen. Möglicherweise wäre dies auch ein kleines Zeichen der Dialogbereitschaft".

Die Strategie ging auf, und auch die Befürworter des Bahnprojekts halfen unbewusst mit, den Zaun zu retten. In einem Aufruf an seine Mitstreiter rief der streitbare S-21-Pfarrer Johannes Bräuchle zu einem abendlichen Treffen seiner Initiative "Pro S 21" am Bauzaun auf. Es war klar, was dort geplant war, man wollte die Wand "säubern". Ich erfuhr erst einen Tag davor von diesem Plan und entwickelte eine Gegenstrategie. Gemeinsam mit anderen Kunsthistorikern plante ich eine Bauzaunnacht, zu der wir über Email aufriefen. Als die S-21-Befürworter, teilweise mit Leitern, kamen, konnten Sie nicht an den Bauzaun, da dort schon Führungen stattfanden. Interessanterweise beteiligten sich einige von ihnen sogar an den Diskussionen, und der Bauzaun wurde zum Ort des Dialogs zwischen unterschiedlichen Positionen. In meiner Gruppe half ich einem Befürworter, sein Schild an den Bauzaun zu hängen. Als hilfreich für den Meinungsaustausch erwiesen sich die Bilder, denn dort zeigte sich, dass genaues Hinsehen das wichtigste war, bevor man es interpretierte. Befürworter fanden zunächst eine vermeintliche Computeranimation des neuen Bahnhofes sehr toll, aber in der Diskussion wurde Ihnen klar, dass es sich um einen Umbauvorschlag der S-21-kritischen Gruppe "ArchitektInnen für K21" handelte.

Aus dieser Bauzaunnacht wurden die nachfolgenden Donnerstage zu Bauzaunnächten, die ich durchführte, um den Zaun zu schützen. Inzwischen hatte sich im Haus der Geschichte Baden-Württemberg der Standpunkt durchgesetzt, dass die Rettung des Bauzaunes eine große Chance wäre. Die S-21-Gegner und Stadträte Gangolf Stocker und Hannes Rockenbauch hatten von Anfang an den Kunst-Dialog am Bauzaun unterstützt und ermöglichten mir am 30. Oktober auf der Montagsdemo, das Besondere des Zauns und die Erhaltungspläne vorzustellen (hier die Rede im Video). Die Grünen – Michael Kienzle und Werner Wölfle – stellten dann im Gemeinderat den Antrag "Bauzaun am Hauptbahnhof archivieren". Darin hieß es: "Der Zaun als Dokument der Zeitgeschichte wird gesichert, eingelagert und für zeitgeschichtliche Analysen und künftige Ausstellungs- und Dokumentationszwecke" bereitgehalten. Die Verwaltung tritt zu diesem Zweck mit den Eigentümern des Zauns in Verhandlung und sichert sich den Bauzaun, sei es durch Schenkung oder durch Kauf. Die Bergung des Zauns muss unbedingt durch Fachkräfte durchgeführt und überwacht werden".

Unterstützung kam auch von unerwarteter Seite: Möglicherweise war es der einzige Erfolg der sogenannten Schlichtung, dass sich dort die Verkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) in der fünften Sitzung dafür einsetzte, den Zaun im Haus der Geschichte zu zeigen. Am 2. Dezember war es dann soweit: Der Zaun wurde von Mitarbeitern des Hauses der Geschichte sorgfältig abgebaut. Diese trugen signalgelbe Westen mit der Aufschrift "Der Zaun kommt ins Haus der Geschichte", um klarzumachen, dass die Objekte jetzt nicht im Container landen, sondern im "Schutzraum Museum".

Dort ist er seitdem unter der Inventarnummer 2010/1859/1-2056 eingelagert: 3,20 Meter hoch, 80 Meter lang, bestehend aus 28 drei Meter langen "Ragg-Zack"-Massivzaunelementen mit einer Gittermaschung von 50 x 50 Millimetern, behängt mit 2.506 Protestäußerungen. Vom 16. Dezember 2011 bis zum 1. April 2012 wurde der Bauzaun nochmals im Rahmen der Ausstellung "Dagegen leben? Der Bauzaun und Stuttgart 21" gezeigt. Seitdem ist er eine beliebte Leihgabe auch an andere Museen, wie bei der "Armer Konrad"-Ausstellung in Fellbach oder der Bonatz-Schau in Tübingen.


Ulrich Weitz ist promovierter Kunsthistoriker und Geschäftsführer der Agentur für Kunstvermittlung Stuttgart, die seit 1995 Kunstreisen und Tagesfahrten organisiert. Für Kontext hat er schon mehrmals in die Tasten gegriffen, unter anderem über das ikonische 68er-Plakat "Alle reden vom Wetter" des Stuttgarter Künstlers Ulrich Bernhardt oder den linken Kulturwissenschaftler und Kunstsammler Eduard Fuchs. Momentan forscht er über den Verbleib der Fuchs'schen Kunstsammlung, die in der NS-Zeit in alle Winde verstreut wurde (Kontext berichtete).


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5 Kommentare verfügbar

  • Kornelia
    am 19.08.2020
    Antworten
    Gewinne werden privatisiert - Verluste sozialisiert!
    Das wichtigste Wort im obigen Artikel: ICH!

    Als hätte es die Bewegung 'Wessen Stadt? Unsere Stadt! Wessen Geld? Unser Geld? Wessen Bahnhof? Unser Bahnhof! nie gegeben wird hier komplett selbstbeweihräuchernd die in-Obhutnahme eines…
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