Max Slevogts Triptychon "Der verlorene Sohn" von 1899

Hängt Max Slevogts Triptychon "Der verlorene Sohn" von 1899 zu Unrecht in der Staatsgalerie? Foto: Staatsgalerie Stuttgart

Ausgabe 441
Kultur

Der verlorene Sohn

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 11.09.2019
Die große Kunstsammlung von Eduard Fuchs wurde in nationalsozialistischer Zeit auseinandergerissen und in alle Winde zerstreut. Ulrich Weitz forscht nun nach ihrem Verbleib. Das Besondere: Fuchs war kein jüdischer Sammler. Er war Kommunist.

Links vergnügt sich der verlorene Sohn unter einer roten Laterne im Freudenhaus. In der Mitte kehrt er ausgemergelt zu seinem Vater zurück, der in einer theatralischen Geste die Hände hochwirft. Rechts sitzt er beinahe nackt auf einem Stein, in einem dunklen, fast schwarzen Raum. Es gibt keine Erlösung, keine Hoffnung: Das ist das Ungewöhnliche an Max Slevogts einzigem Triptychon, das sich heute in der Staatsgalerie Stuttgart befindet.

"Unter den jungen Künstlern Münchens", erinnert sich später Max Liebermann, "spukte gerade das Bild 'Der verlorene Sohn', das Slevogt soeben gemalt hatte." Wir befinden uns im Jahr 1899, der Maler ist dreißig Jahre alt. "Natürlich suchte ich Slevogt in seinem Atelier auf, denn es ist gewöhnlich ein gutes Zeichen für das Talent des Verfassers, wenn seine Arbeit starken Widerstand auslöst. Der erste Eindruck war so überwältigend, dass ich Slevogt kurzerhand aufforderte, das Bild zu unserer Eröffnungsausstellung zu senden." Gemeint ist die erste Ausstellung der Berliner Secession.

Dort lernte Slevogt den Impressionismus kennen und änderte seine Malweise. Sein "Weißer D'Andrade" – das Porträt eines Opernsängers – war drei Jahre später die Hauptattraktion der Secessionsausstellung. Konrad Lange, der damalige Direktor der Staatsgalerie, erwarb das Gemälde zum stolzen Preis von 12 000 Mark. Damit besitzt die Staatsgalerie gleich zwei Hauptwerke von Slevogt – neben weiteren Arbeiten, darunter ein Porträt von Eduard Fuchs.

Fuchs ist nicht nur Gegenstand dieses Porträts, er besaß auch viele Werke von Slevogt und eine riesige Kunstsammlung. Als Kommunist, Mitbegründer des Spartakusbunds und der KPD, musste er Deutschland in den ersten Wochen der nationalsozialistischen Herrschaft verlassen. Seine Villa in Berlin-Zehlendorf – ein Frühwerk Ludwig Mies van der Rohes – und die Kunstsammlung wurden beschlagnahmt. "Wie Aasgeier so fallen die Behörden über eines der herrlichsten Kulturbesitztümer Deutschlands hernieder", schrieb Fuchs an seinen Anwalt Fritz Neumann. Er sollte einen hohen Betrag an Reichsfluchtsteuer bezahlen. Zwar gelang es dem Anwalt zunächst, den Bescheid anzufechten. Doch später war Fuchs aus ökonomischen Gründen zur Versteigerung gezwungen.

Seit anderthalb Jahren forscht Ulrich Weitz nun nach dem Verbleib von Fuchs' Sammlung, im Auftrag des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg. "Es ist eigentlich recht ungewöhnlich, dass eine Privatperson, ein Rentner, mit der Provenienzforschung beauftragt wird", stellt der Kunsthistoriker fest. Doch Fuchs war sein Promotionsthema. Vor fünf Jahren hat er noch einmal eine gründlich überarbeitete Biografie veröffentlicht. Keiner kennt sich mit Fuchs aus wie er. Früher hat Weitz hauptberuflich Kunstreisen und -ausflüge organisiert. Seine Agentur für Kunstvermittlung betreibt er in geringerem Umfang weiter. Doch die andere Hälfte seiner Zeit widmet er nun Eduard Fuchs.

Weitz kennt Fuchs wie kein anderer

Fuchs, damals Redakteur der Satirezeitschrift "Der süddeutsche Postillon", kannte Slevogt seit 1893. 1900 zog er wie Slevogt von München nach Berlin, wurde Mitarbeiter der SPD-Zeitung "Vorwärts" und begann, Bücher zu schreiben: die erste Geschichte der Karikatur überhaupt; seine "Illustrierte Sittengeschichte", die ihm zu einem Vermögen verhalf; und andere mehr, unter anderem über ostasiatische Kunst. Diese Bücher bestückte er mit Abbildungen aus seiner eigenen Sammlung, die er zu diesem Zweck erwarb.

"Der verlorene Sohn" war das wertvollste Gemälde von Slevogt in seiner Sammlung. Eigentlich hatte Fuchs es bereits in die Schweiz in Sicherheit gebracht, doch 1937 wurde die Reichsfluchtsteuer nach vierjährigem Rechtsstreit endgültig festgesetzt. Der Bescheid lautete auf 29 552 Reichsmark, deutlich weniger als anfänglich. Doch das nützte Fuchs wenig. Im Jahr der Ausstellung "Entartete Kunst" kam viel Kunst auf den Markt. Die Preise fielen. Fuchs musste mehr verkaufen als geplant und ließ zu, dass seine Tochter das Bild in eine Auktion gab. In der Schweiz ursprünglich auf 6000 Mark taxiert, fand es erst im zweiten Anlauf für 1500 Mark einen Käufer: "offensichtlich unter Wert", wie Anja Heuß, bis 2018 Provenienzforscherin der Staatsgalerie, anmerkt.

Heuß hat sich ebenfalls mit der Sammlung Fuchs beschäftigt und einen zwölfseitigen Bericht ins Netz gestellt, in dem es in erster Linie um das Triptychon geht. "Die Frage, ob es sich hierbei um einen verfolgungsbedingten Verkauf gehandelt hat", meint sie zu den Auktionen, "ist in der Provenienzforschung umstritten. Die Tochter war die Auftraggeberin: Sie war nicht jüdischer Herkunft und hatte sich auch in politischer Hinsicht in keiner Weise exponiert." Allerdings handelte sie im Auftrag ihres Vaters. Er war der Besitzer, und er wurde verfolgt, wenn auch nicht als Jude.

Heuß hat auch untersucht, wie das Gemälde schließlich in die Staatsgalerie gelangte. Der Käufer war wahrscheinlich Otto Staebler, Alleininhaber der Chiron-Werke in Tuttlingen, die sich, eigentlich Hersteller chirurgischer Instrumente, ab 1936 zunehmend auf die Rüstungsindustrie verlegten. Als SS-Fördermitglied belastet und zeitweise in Haft, verkaufte Staebler das Unternehmen 1949 an den nicht minder belasteten Fritz Kiehn. Es entspann sich ein Streit um die Sammlung.

Staatsgalerie spricht von "problematischer Provenienz"

In einem komplizierten Hin und Her hatte die Staatsgalerie von Staebler ursprünglich ein Porträt des jüdischen Hirnforschers Ludwig Edinger von Lovis Corinth erhalten. Doch als das Werk erstmals in der Staatsgalerie ausgestellt war, forderten die Erben das Werk zurück. Es war die Zeit von Edingers 100. Geburtstag – und zwei Tage danach starb Staebler. Aus dem Nachlass erhielt das Museum im Tausch den "Verlorenen Sohn". Die Staatsgalerie, schreibt Heuß, "hatte ein geraubtes Kunstwerk restituiert und dafür ein anderes Kunstwerk mit ebenso problematischer Provenienz erhalten."

So kompliziert können schon die Wege eines einzelnen Kunstwerks sein. Doch Fuchs besaß 274 Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen, 430 Skulpturen, 4000 kunstgewerbliche Objekte und mehr als 25 000 Druckgrafiken. Dem Rentner Weitz wird es so schnell nicht langweilig werden. Als Privatmann ist er auf die Zusammenarbeit mit den Museen angewiesen und hat dabei gute Erfahrungen gemacht.

Das Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg, seinen Auftraggeber, gibt es seit vier Jahren. Es entstand anlässlich der Beschlagnahmung der Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt im Jahr 2012: angeblich alles Raubkunst, da der Vater des alten Mannes, Hildebrandt Gurlitt, einer der vier Galeristen gewesen war, die mit der Verwertung der aus den Museen entfernten Kunstwerke beauftragt waren. Eine 15-köpfige Task Force konnte diesen Verdacht indes nach zwei Jahren nur in vier Fällen bestätigen. Ein anschließend vom Magdeburger Zentrum eingesetztes Projekt "Provenienzrecherche Gurlitt" ermittelte vier weitere Fälle.

Weitz ist da wesentlich weiter. Über 60 Arbeiten hat er identifiziert, von denen sich an die 40 wie der "Verlorene Sohn" in öffentlichen Sammlungen befinden. Freilich lassen sich die beiden Sammlungen kaum vergleichen. 25 der bisher ausfindig gemachten Werke sind allein Porzellan- oder Majolika-Tierplastiken des österreichisch-jüdischen Künstlers Emil Pottner, die sich allesamt im Berliner Stadtmuseum befinden oder jedenfalls dort im Inventar verzeichnet sind – nicht alle haben sich bis dato ausfindig machen lassen. Ein sehr spezieller Bestand also, was die Suche erleichtert.

Ein Erbe Fuchs' schenkte der Staatsgalerie Teile der Sammlung

Noch ungewöhnlicher sind die chinesischen Dachreiter: bis zu 50 Zentimeter hohe, glasierte Fayence-Figuren zur Bekrönung von Tempeldächern, über die Fuchs ein Buch geschrieben hat. Die Bezeichnung Dachreiter ist etwas umstritten, sicher ist jedoch, dass Fuchs Experte und einer der wenigen Sammler war. Drei Exemplare in öffentlichen Sammlungen und zwei weitere hat Weitz bisher identifiziert, 116 in die Lost-Art-Datenbank des Magdeburger Zentrums eingestellt. Was dort gelistet ist, darf nicht mehr versteigert werden. So hat das Stuttgarter Auktionshaus Nagel, auf Ostasiatika spezialisiert, im vergangenen Dezember prompt ein Dachreiterpaar zurückgezogen.

Während Tierfiguren Pottners in Auktionen heute drei-, chinesische Dachreiter allenfalls vierstellige Summen erzielen, steht am anderen Ende der Skala Max Liebermann. Neun Werke aus der Sammlung konnte Weitz identifizieren – bei zwei kleineren Werken ist allerdings nicht einmal bekannt, wie sie aussahen. Nur zwei der Gemälde befinden sich in öffentlichen Sammlungen. Drei wurden dagegen in den letzten Jahren für hohe Summen versteigert, eine "Papageienallee im Zoologischen Garten in Amsterdam" noch vor fünf Jahren für 525 000 Euro.

Der Slevogt-Bestand ist mittlerweile vollständig erfasst, wenn auch in vielen Fällen weiterhin nicht bekannt ist, wo sich die Werke befinden. Fuchs besaß 40 Gemälde sowie 50 Aquarelle und Zeichnungen des Malers – keineswegs alles Raubkunst. Elf Werke allein, darunter das Porträt des Sammlers, schenkte Theodor Fuchs, ein in Stuttgart lebender Erbe, 1960 der Staatsgalerie. Sie sind zweifelsfrei rechtmäßig in die Sammlung gelangt.

Der einzige Problemfall ist der "Verlorene Sohn". Zwar schreibt Anja Heuß: "Der Erbe verzichtete gegenüber der Staatsgalerie Stuttgart in aller Form auf mögliche Ansprüche." Und so haben das Rosemarie und Bernhard Kosel, die sich seit der Auflösung der Wohnung von Theodor Fuchs um das Erbe gekümmert haben, bisher in allen Fällen gehalten – sicher ganz im Sinne von Fuchs, der sich bereits ab 1925 mit dem Gedanken trug, seine Sammlung in Stuttgart oder Berlin öffentlich zugänglich zu machen. Nur hat Weitz jetzt – auch dies war ein Teil seines Auftrags – zwölf weitere Erbberechtigte ausfindig gemacht. Ob auch sie diesem Vorgehen zustimmen, ist noch nicht geklärt.


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1 Kommentar verfügbar

  • Steiner
    am 14.09.2019
    Von Eduard Fuchs: http://www.thata.ch/sueddeutscherpostillon.htm

    Die sittliche Weltordnung

    Eine ganz kleine Fabel will ich euch hier erzählen. Es gab einmal ein großes Volk, von dem es hieß, Wahrheitsliebe sei seine erste Tugend und es sei treu und gerade wie seine Eichen. Wenn nun einer der Männer aufstand und sprach vor dem versammelten Volke von den Fürsten des Landes, so nannte er sie weise, gütig und gerecht. Wenn einer einen Prozess hatte, so hieß es: „Noch gibt es Richter!" Und wenn man von den Priestern sprach, so sagte man, sie führten einen gottseligen Lebenswandel. Niemals hörte man auf offener Tribüne: „Unser Fürst ist ein blöder Schwätzer, ein größenwahnsinniger Tor, unsere Priester sind elende Heuchler, die nur reden, was wohlklingt in den Ohren der Reichen und Mächtigen." Auch nicht: „Unsere Richter sind gewissenlose Streber, die jederzeit des Winkes von oben gewärtig sind, um das Recht zu beugen." Und doch dachten alle Verständigen des Landes so.

    Das wäre die kleine Fabel, die ich euch hier erzählen wollte. Leider hat sie einen großen Fehler - dass sie nämlich gar keine Fabel ist.

    Für diese Fabel wurde Eduard Fuchs wegen Majestätsbeleidigung zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt.

    In: Süddeutscher Postillon. -- 1898, S. 13.

    So manche/r denkt heute ähnlich.

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