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Thomas Strobl ist überall

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Albert Schweitzer, Wladimir Putin, David Bowie, Picasso: Sie alle gelten als Meister der Selbstinszenierung. Aber so unauffällig auffällig wie Thomas Strobl hat es keiner von ihnen geschafft. Ob er wie zufällig hinter dem Rollstuhl seines Schwiegervaters Schäuble steht oder sich beim CDU-Bundesparteitag eng an die Kanzlerin schmiegt, dieser Mann weiß, wohin die Kameras zielen. Wahre Meisterschaft beweist er beim Schlussbild von Jamaika.

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Großes Kino. Live auf Phoenix. Da stehen sie in der baden-württembergischen Landesvertretung, all die Unions-Größen von Dobrindt über Kauder bis von der Leyen. Es ist Sonntag Nacht. Alle warten auf Angela Merkel und Horst Seehofer, die das Scheitern von Jamaika kommentieren sollen. Die Stimmung ist gedrückt, die Erschöpfung groß, die Gesichter sind angespannt. Geredet wird kaum.

Doch halt! Einer lässt sich nicht beirren. Thomas Strobl, stellvertretender Ministerpräsident in Baden-Württemberg und Innenminister der grün-schwarzen Koalition, witterte die Chance der historische Stunde. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik steht Deutschland nach einer Wahl ohne eine Regierung da. Womöglich der Anfang vom Ende der Ära Merkel. Das gibt Bilder, die bleiben.

Die Kamera fängt Strobls silbernen Schopf weit hinten in der Menschenmenge ein. Aber schon nach kurzer Zeit hat er sich in die zweite Reihe vorgearbeitet, neben Julia Klöckner. Wenig später steht er charmant plaudernd bei einem grimmig blickenden Generalsekretär Peter Tauber ganz vorn. Doch mehr in die Mitte drängt es ihn, also freundliches Hallo zu Ursula von der Leyen. Und schon ist er da, wo die Kameras drauf halten: Zwischen den beiden Mikrofonen für Merkel und Seehofer, Pole Position. Keiner klatscht so viel wie Strobl. Gute Bilder bekommt nur, wer sich seiner Bedeutung bewusst ist.

Schon schwirren die Gerüchte im Land. Dass Strobl unbedingt wieder nach Berlin will. Als Staatssekretär, vielleicht aber auch als Minister einer Minderheitsregierung. Die Chancen seien gut, weil sich da weit weniger Leute um die Posten streiten als bei Jamaika. Egal wofür: Sich richtig positionieren kann nie schaden.

Jetzt ist es ja nicht so, dass andere das Ins-Bild-Pirschen nicht auch beherrschen. EU-Kommissar Günther Oettinger etwa tauchte nach der Bundestagswahl völlig überraschend neben der Kanzlerin auf. Und auch Markus Söder, der nun endlich in Bayern nach ganz vorne will, scheut keine Kamera. Doch keiner kann es wie Strobl. Wer im Livestream gesehen hat, wie er, gleichsam pfeifend, von ganz hinten nach ganz vorne wieselte, der weiß: Dieser Mann ist ein Meister. Er hat ein feines Gespür für historische Bilder. Manchmal braucht es weniger als 15 Minuten, um etwas vom Ruhm abzukriegen.

Wo sich Thomas Strobl noch so überall rangepirscht hat, sehen Sie in unserer Schaubühne zum durchklicken. Alle Montagen: Joachim E. Röttgers; Karikaturen: Oliver Stenzel. 


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2 Kommentare verfügbar

  • Peter Meisel
    am 23.11.2017
    Antworten
    "Thomas Strobl, stellvertretender Ministerpräsident in Baden-Württemberg und Innenminister der grün-schwarzen Koalition, witterte die Chance der historische Stunde. Gute Bilder bekommt nur, wer sich seiner Bedeutung bewusst ist."
    In einer englischen Zeitung TheGuardian war nach der Wahl ein Bild mit…
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