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Stuttgart macht Platz

 Fotos: Martin Storz  

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Noch bis Donnerstag werden rund 2500 Flüchtlinge übergangsweise in Halle 1 der Messe am Flughafen untergebracht sein. Es ist eine Unterkunft, wie es in Deutschland mittlerweile sehr viele gibt. Kontext-Fotograf Martin Storz war dort.

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Monströs! Das war mein erster Eindruck, als ich die Messehalle betreten habe. Zehntausend Quadratmeter, alles offen und sehr hoch. Wahnsinnig groß.

Es gibt keine Stimmung in dieser riesigen Halle. Weder gute noch schlechte. Ein Transitort. Dort durchzulaufen gibt einem ein komisches Gefühl. Als würde ich ohne Rücksicht in die Privatsphäre dieser Menschen eindringen. Wie sie dort liegen, das sind intime Momente. Tausendfach.

Es ist recht dunkel dort drin, eine Messe wird ja normalerweise durch ihre Stände beleuchtet. Und es riecht nach nichts, das fand ich verwunderlich. Nicht nach Menschen, nicht nach Desinfektions- oder Putzmittel, nicht einmal nach Essen. Dafür flirrt ein dichter Klangteppich in der Luft. Tausende Stimmen, dicht ineinanderverwoben. Der einzelne Mensch ist nicht herauszuhören, außer es schreit einmal ein Kind. Es ist nicht über die Maßen laut, aber ich habe mich trotzdem gefragt, wie da einer schlafen kann.

Bereits am Eingang liegen die Geflüchteten. Diese ganze Halle ist voll, zweieinhalbtausend Leute – Männer, Frauen, Kinder, Alte. Ich bin dort durchgelaufen und habe auf liegende Menschen geschaut. Sie verlassen ihre Plätze nicht. Jeder ist darauf bedacht, seine sieben Sachen zu bewachen, falls er etwas dabei hat. Natürlich können die Flüchtlinge raus aus der Halle und wieder hinein. Aber es geht kaum einer. Wohin auch? Es gibt dort oben keine Umgebung, die sie erkunden könnten. Links geht es zur Autobahn, rechts zum Flughafen. 

Auf der Empore können Familien schlafen, wenn sie wollen. Da ist es ruhiger und ein bisschen geschützter als in der Halle. Unten in der weiten Halle sind vor allem Männer untergebracht. Natürlich dürfen sich dort auch Familien aufhalten, jeder, wie er will. Eine Freifläche für Kinder gibt es auch, dort können sie spielen.

Malteser sind für die ärztliche Versorgung zuständig. Das Rote Kreuz macht wahnsinnig viel. Alle versuchen dort eine halbwegs anständige Infrastruktur aufzubauen. Schwierig ist es mit dem Waschen von Kleidung. Draußen gibt es Bottiche für die Wäsche. Toiletten gibt es genug, das ist ja eine Messehalle. Aber es gibt keine Duschen. Ein Bundeswehr-Zug aus Bruchsal hat Zelte aufgestellt mit ABC-Dekontaminationsduschen. Normalerweise duschen sich in ihnen Soldaten von Chemie oder Verstrahlung sauber.

Tageszeiten sind in der Halle nicht vorhanden, es gibt keine Nachtruhe, keinen definierten Tag. Die Busse kommen, einer nach dem anderen, tagsüber, nachts. Es herrsche immer Gebrumm, sagen die Leute.


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6 Kommentare verfügbar

  • by-the-way
    am 17.10.2015
    Antworten
    @CharlotteRath

    Zitat: "Die Parole "Ami go home" wollte ich mit meinem Beitrag nicht herausfordern (vorher sollten noch ein paar Fragen zum Thema 'Völkerrechtsverletzungen von deutschem Boden aus?' geklärt werden)."

    Wieder mal vollkommen korrekt, aber glauben Sie wirklich, dass diese…
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