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Himmlische Nachtruhe

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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Ein Super-de-luxe-Zimmer gefällig? Als Gräbele! So kann man während des Kirchentags nächtigen, wenn man auf Wilhelm Hampls Liste steht. Der Exbanker ist der erfolgreichste Betten-Besorger der Region und hat Esslingen zum Spitzenreiter der Aktion "Gräbele g'sucht" gemacht. Kontext war mit Hampl unterwegs. Eine Fotogeschichte.

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Elisabeth Tauchmann wippt zweimal mit dem Hintern, klatscht die Hand neben sich auf das blaue Gummi und sagt: "Bewährt seit vielen Jahren. Erster Einsatz: Turnfest München, 1998." Das Luftbett, Luxusausführung in Hüfthoch, wippt sanft. "Und jetzt kommt das Beste", sagt Tauchmann, ehemalige Lehrerin und aktuell Ersatzmutter von sage und schreibe 600 000 Bienen, krabbelt hinters Bett und zieht triumphierend ein schwarzes Kabel hervor. Ein Ende steckt in der Steckdose, das andere in einem schwarzen Knubbel im Gummibett. "Integrierte Pumpe. Das bläst sich von selbst wieder auf, wenn da Luft rausgeht." Elisabeth Tauchmann grinst zufrieden. Ihr Gast ab dem heutigen Mittwoch ist eine Frau aus Heide, weit hinter Hamburg und oberhalb von Brunsbüttel. Sie ist eine von 157 Gästen, die Wilhelm "Willi" Hampl zum Kirchentag in Esslingen untergebracht hat.

Wilhelm Hampl bugsiert fünf Minuten später seine blaue A-Klasse aus der sehr steilen Einfahrt von Frau Tauchmann und biegt an der Hauptstraße nach links ab. SWR 2 spielt ein Geigenkonzert im Radio. "Wir fahren jetzt zu Frau Köthe", sagt er, "die ist was ganz Besonderes." Und Nummer zwei auf seiner Liste für diesen Nachmittag, ein fein säuberlich in Raster unterteiltes Papier mit Adressen, Namen und Telefonnummern der acht Gastgeber, die er vorstellen will. Alle geordnet nach Einkaufszeiten, Feierabenden und jeweils kürzester Strecke von einem zum anderen. Hampl ist Perfektionist. "157 Betten hab ich besorgt. Das ist, glaub ich, Rekord", sagt er. Aber nur leise, man will sich ja keine Überheblichkeit nachsagen lassen.

10 000 private Übernachtungsmöglichkeiten haben die Veranstalter des Kirchentags in Stuttgart und Umgebung gesucht. Für jede Gemeinde gibt es einen Quartiersbeauftragten, 180 sind es insgesamt, Wilhelm Hampl ist der für Esslingen. Er ist der ungekrönte Star unter den Bettenbesorgern für das Megaevent.

Er kurvt um eine Ecke, parkt, die Geiger des SWR liefern wie bestellt ein sattes Crescendo zur Kulisse: hundert Meter getrimmtes Grün am Hang, zuoberst thront eine Villa wie ein Sahnehäubchen. Außen schneeweiß, innen viel crème, viel altrosa, perfekt arrangiert um einen riesigen Tisch für eine riesige Familie. Sechs Enkel hat Renate Köthe. Sie singt Sopran in zwei Chören, macht Ballett-Gymnastik und hat so viel zu tun, dass sie sich kaum in der Kirchengemeinde nützlich machen kann, sagt sie. "Und da dachte ich, du hast Platz genug, jetzt kannst du mal was zurückgeben."

Frau Köthe ist eine sehr feine Dame, eine Gastgeberin vom alten Schlag. Ihr Gräbele: ein Super-Flausch-de-luxe-Zimmer, das kein Fünfsternehotel besser könnte. Und weil es unterm Dach auch noch Platz gibt, nimmt Renate Köthe gleich drei Gäste auf. Alles Damen. Versteht sich.

Wilhelm Hampl hat acht Ehrenämter

"Drei Betten auf einen Schlag, das war ein Glück", sagt Hampl und stapft sehr zufrieden über den edlen Rasen zum Parkplatz zurück. Früher war er Banker, Personalchef, Generalbevollmächtigter, aber seitdem er in Rente ist, ist er hauptberuflich Ehrenamtlicher. Er leitet eine 60-plus-Gruppe im Sportverein, noch eine Männergruppe, er ist Öffentlichkeitsbeauftragter seiner Kirchengemeinde, macht den Fahrdienst beim Mittagstisch und weil er Mittwochabends noch nichts zu tun hatte, hat er auch noch einen Badminton-Gruppe gegründet. Acht Ehrenämter hat er. Als seine Kirchengemeinde einen Quartierbeauftragten suchte, wollte Hampl eigentlich nur wissen, was da so alles zu tun sein wird "und zack – schon hatte ich den Job".

Wird etwas schräg hier." Hampl schwingt seine A-Klasse um eine Haarnadelkurve mit enormem Abfall nach unten. Links ergießt sich zwischen ein paar Häusern ein Esslingen-Panorama, gerahmt von Feldern, Wiesen und Hügeln im Dunst der Ferne. "Gräbele mit Aussicht", sagt er und zieht die Handbremse an.

Die Hampls kennt man in Esslingen, "auf dem Berg", Esslingens First-Class-Wohngegend, sowieso. Die ersten 200 potenziellen Kandidaten für eine Übernachtungsmöglichkeit kannte er persönlich, und nach nur einem Monat hatte er 100 Betten sicher. Bei Protestanten, Katholiken, Christen mit viel zu tun und schlechtem Gewissen und solchen, die mit Kirche eigentlich nichts am Hut haben. "Greeeetel, wir sind schon daahaa!", flötet er an einer prächtigen knallroten Rosenranke vorbei in einen Garten.

Und dann plötzlich – Stagnation. Allerorten. Es war Mitte April, und es fehlten insgesamt noch 2500 private Betten. Die Gräbele-Aktion drohte zum ersten Scheitern des Kirchentags zu werden. Der Kirchentag schickte einen Bittbrief raus. "Lasst uns nicht im Stich!", sinngemäß, erzählt Hampl und klingelt.

Gretel Wechsler öffnet die Tür, 65 Jahre alt, weniger engagiert in der Kirche als viel mehr im Heimatverein, im Sportverein und im Bürgerausschuss. Die Unterkunft: Dependance der Söhne normalerweise, mit eigener Küche, eigenem Bad, Balkon, Fernsehecke und – Frau Wechsler zieht die Bettwäsche zur Seite und legt einen Spalt zwischen zwei Matratzen frei – "mit echtem Gräbele".

Nur zweimal hat er Schlafplätze abgelehnt

Das Bittschreiben vom Kirchentag hat Hampel in den Gottesdienst mitgenommen und rezitiert. "Das war ein echter Hilferuf." Als er an diesem Tag nach Hause kam, hatte er fünf Betten mehr auf seiner Liste. "Ab da war jeder Tag, an dem ich ein Bett bekommen habe, ein guter Tag", sagt er. "Jetzt gehst zu den Munks. Aber ohne zeka, M-U-N-K." Der SWR hat von Geigen auf Oboen gewechselt, die Sonne strahlt, ein herrlicher Tag.

Die Quartierssuche war für Wilhelm Hampl nicht nur irgendein Job nebenher. Es war Leidenschaft. Auf den letzten Metern druckte er mehr als 400 Flyer und warf sie eigenhändig in Briefkästen. Er telefonierte stundenlang, er klapperte alles ab, was eine potenzielle Übernachtungsmöglichkeit sein könnte und nicht bei drei auf den Bäumen war. Er kennt die Raucher, das musste auf dem Bewerbungskärtchen für Gastgeber ausgefüllt werden, wer Hasen, Hunde oder Katzen hat, weiß er auswendig, "wegen der Tierhaar-Allergien". Jedes einzelnen Gräbele hat Hampl eigens inspiziert.

Bei einer Familie mit viel Platz, irgendwo "im Grünen" rund um Esslingen, hat er gleich sechs Nigerianer einquartiert, weil die Gastgeber bei Fremdsprachen auf ihrem Kärtchen Englisch und Französisch angegeben hatten. Nur zweimal hat er einen Platz abgelehnt. In beiden Fällen alte Damen über 90, denen er einen Gast dann doch nicht zumuten wollte.

Die Munks leben in einer Mini-Seitenstraße, erstes Haus rechts. Sie sind Christen, schon seit Jahrzehnten in der Kirche engagiert, er als Kirchenpfleger, sie im Chor. Zum letzten Kirchentag hatten sie drei junge Mädchen aus Polen da, zum vorletzten die Tochter eines Schweinemästers aus Crailsheim. Bei diesem wären sie eigentlich im Urlaub gewesen, Kreta, war schon gebucht. Aber wie's der Teufel will, wurde die Reise mangels Teilnahme abgesagt. "Das war ein göttliches Zeichen", sagt Edith Munk, 74. "Wir sehen es als unsere Christenpflicht, ein Quartier zu bieten", sagt ihr Mann Manfred, 77.

Das Gräbele bei den Munks ist ein Schlaf-Doppelsofa unter einem Salzteigbaum mit Nelkenblüten. Falls unverhofft mehr Schlafplätze gebraucht werden, gibt es nebenan noch ein Einzelbett. Über dem hängt ein pastelliger Christus in einer Herde Schafe. Mordskitschig, finden selbst die Munks und kichern. "Das sind sehr liebe Leute", sagt Wilhelm Hampl. Mit einem sehr liebem Gast. Der hat nämlich schon eine Postkarte geschickt, erzählt Frau Munk, "dass er sich wahnsinnig auf seinen Aufenthalt freut".

Natürlich waren nicht alle Gräbele-Bewerber im Vorfeld so nett, berichtet Hampl. Gab auch ein paar Unverschämte, klar. Solche, die unbedingt einen eigenen Schlüssel zu den Häusern ihrer Gastgeber haben wollten, beispielsweise. Oder einen Gast, "der konnte gar keine Geräusche brauchen, der hatte eine 'Geräuschempfindlichkeit'", schnaubt Hampl, weniger entrüstet als vielmehr enttäuscht, dass er diesen Gast letztlich nicht unterbringen konnte. "Da frag ich mich, was will der bei einer Großveranstaltung wie dem Kirchentag. Ts, ts, ts."

"Willi", ruft plötzlich eine Frau vom Balkon gegenüber durch ein paar Geranien, "da hat sich noch keiner bei mir gemeldet wegen der Übernachtung! Was soll ich denn jetzt machen?" "Ruf mal beim Kirchentag an!", ruft Hampl zurück. "Und dann meld dich noch mal bei mir!" Hampl hat sich auch noch angeboten, Rückfragen seiner Gastgeber vor, während und nach dem Event selbst zu managen. Also nur, "falls was wäre". Ist aber natürlich dauernd was. 

"Der Willi ist sagenhaft", sagt Frau Munk liebevoll in diesen sonnigen Maitag. Und Wilhelm Hampl seufzt leise.


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3 Kommentare verfügbar

  • Rolf Steiner
    am 06.06.2015
    Antworten
    ergänzend zu By-the-way, 05.06.2015 21:19

    Unterkunft:

    Privatquartier-Pauschale: 21 Euro
    Privat- oder Gemeinschaftsquartierpauschale für Familien: 42 Euro
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