Die Bahn bemühte sich, den Termin am Dienstag möglichst klein zu verkaufen: Statt zum symbolischen Baggerbiss lud sie nur zu einer schlichten Pressekonferenz am Morgen ein. Vor dem Gebäude in der Jägerstraße, wo das Kommunikationsbüro für Stuttgart 21 seinen Sitz hat, hatten sich bereits um 8.30 Uhr rund fünfzig Projektgegner versammelt. Auf Bannern standen Sprüche wie "Größenwahn oder Fortschritt?", über Lautsprecher waren Aufnahmen von Politikern zu S 21 zu hören: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von "völlig rechtmäßig getroffenen Entscheidungen" und der heutige Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) von "gigantischen Summen in Milliardenhöhe", die von dem Projekt verschlungen würden.

Zu einer Bannerparade haben die Parkschützer aufgerufen. Rund um die Baustelle im Schlossgarten sollten S-21-Gegner mit ihren Transparente aus den vergangenen Jahren gegen das Großbauprojekt demonstrieren. Matthias von Herrmann, Sprecher der Parkschützer, hatte im Vorfeld allerdings Zweifel geäußert, ob die Gegner angesichts der Ferienzeit und dem Termin unter der Woche zahlreich erscheinen würden. Dann wurde auch noch bekannt, dass die Bahn den Baubeginn nicht mit einem symbolischen Baggerbiss feiern wollte. "200 Leute", hatte von Herrmann vorsichtig geschätzt. 700 zählten nachher die Parkschützer – und 130 Banner. Die Polizei sprach von 500 bis 600 Demonstranten.
Jeden Montag von 16 bis 18 Uhr steht Inge Singer (rechts) im Zelt der Mahnwache vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof und informiert Passanten über S 21. Die Diakonissin kommt stets mit Bahn und Auto aus Weinstadt-Beutelsbach von der Großheppacher Schwesternschaft. Den Baubeginn im Schlossgarten wollte sich die 78-Jährige nicht entgehen lassen. "Ich war erschüttert von der Situation am Schwarzen Donnerstag", sagt sie. Seit dem 30. September 2010 beteiligt sie sich am Protest. Für sie ist klar, dass es bei S 21 nicht um einen Bahnhof geht, sondern um ein "Immobilienprojekt", um die frei werdenden Gleisflächen. Ob sie immer noch die Hoffnung hat, dass der Bau aufgehalten werden kann? "Von meinem Frömmigkeitsdenken her muss der Oberste eingreifen." Es heiße stets so schön: "Die Hoffnung stirbt zuletzt."
"S 21 verhindern. Die Schöpfung bewahren. Christen sagen Nein zu S 21", "Gewerkschafterinnen gegen Stuttgart 21" stand auf den Transparenten rund um die Baustelle im Schlossgarten. Auf der Baustelle selbst grub sich der Bohrer von Züblin in den Boden. Bis Jahreswechsel soll es hier in die Tiefe gehen, im Mai 2015 soll der erste Baukran stehen, im Frühsommer 2016 soll dieser Bauabschnitt so weit abgeschlossen sein. Am Ende wird der komplette Bahnhofstrog rund 880 Meter lang und 100 Meter breit sein. Die Bahn schätzt, dass allein acht Millionen Tonnen Erde und Schutt aus dem tiefsten Loch der Stadt abgefahren werden müssen.
Auf der Baustelle ging es dagegen verhältnismäßig ruhig zu. Für Matthias von Herrmann von den Parkschützern hält sich der Fortschritt der Arbeiten bisher noch sehr in Grenzen, einen Ausstieg hält er nach wie vor für machbar: "Hier stehen bisher vor allem Bauzäune, und da liegt ein bisschen Aushub rum." Die Bahn spricht derzeit von 5,9 Milliarden Euro voraussichtlichen Gesamtkosten. Kritiker gehen von zehn Milliarden aus.
Schwarze Kutten: Erstmals sind die Tunnelbohrmönche im Juli bei der Taufe des Fildertunnels durch Tülay Schmid, Frau des stellvertretenden Ministerpräsidenten Nils Schmid (SPD), aufgetreten. Für den S-21-Architekten Christoph Ingenhoven ist der Beginn der Grabungen im Schlossgarten "der eigentliche Beginn der Bauarbeiten" und das "endgültige Ende der Ungewissheit".
Die Ingenieure 22 hatten in den vergangenen Tagen massiv kritisiert, dass die Baulogistik für den Abtransport des Aushubs aus dem Bahnhofstrog noch nicht fertig sei. Die Bahn kündigte an, die entsprechenden Straßen Anfang 2015 vollständig in Betrieb zu nehmen. "Die Bahn bewegt sich im Rahmen der Planfeststellung", sagt Wolfgang Dietrich, Sprecher des Bahnprojekts. Der Aushub soll zum größten Teil mit Lastwagen zum Nordbahnhof gebracht und dort auf Züge umgeladen werden. Zweieinhalb Jahre nach der endgültigen Räumung des Schlossgartens am Valentinstag 2012 hat die Bahn nun offiziell mit den Grabungen für den Bahnhofstrog begonnen.
Wegen des Starts der Grabungen hatten die Parkschützer einen Aktionstag unter dem Motto "Bahnhofsbetrog" ausgerufen. Die Banneraktion im Schlossgarten war bis 12 Uhr angesetzt. Aber schon um 11.30 Uhr begann das große Aufräumen. Rund 150 Demonstranten waren vorher noch durch die Bahnhofshalle gezogen und hatten kurzzeitig Teile der Schillerstraße blockiert.
37 Kommentare verfügbar
Opa Unredlich
am 09.09.2016Herr Gscheidle ist pure Erfindung. Der Mann will dovh nur eins:…