Kickers-Sportplatz mit Holztribüne 1923. Foto: Kicker

Sportplatz auf der Waldau, 1924. Foto: Kicker

Voll besetzte Haupttribüne, 1924. Foto: Kicker

Das Stadion 1966 von oben. Foto: unbekannt

Die Haupttribüne 2004. Foto: Timo Hellinger

2014 – Ende einer Epoche. Foto: Benny Ulmer

Nur noch ein Skelett ist übrig. Foto: Benny Ulmer

Ausgabe 165
Schaubühne

Baggerbiss im Fußball-Biotop

Von Bruno Bienzle
Datum: 28.05.2014
Das Sportgelände der Stuttgarter Kickers auf der Waldau löst bei den Fans wahre Nostalgieschübe aus. Jetzt trauern die Nostalgiker. Die Stadt hat die Haupttribüne abgerissen. Die Frage nach dem Denkmalschutz hat sich erst gar nicht gestellt. Warum sollte in einer Stadt, die ohne Not und wider besseres Wissen ihren denkmalgeschützten und absolut funktionstüchtigen Bahnhof schänden lässt, ausgerechnet der Zweckbau einer Betontribüne, Baujahr 1975, erhalten werden?

Welche Rolle soll auch der Denkmalschutz spielen, wenn der allmächtige DFB einen Tribünenknast verlangt. Nicht etwa als vorläufigen Aufbewahrungsort für bestechliche Schiris oder vom Größenwahn befallene Funktionäre, sondern zur Verwahrung auswärtiger Hooligans.

Ortsansässige Randalierer? Fehlanzeige! Wie auch bei einem Club, der den minderjährigen Nachwuchs noch lange nach dem Ende des Königreichs Württemberg Zöglinge nannte und auf dessen Holztribüne mit den drei Dachhutzen, einer Nachbildung des Tribünenbaus von Kickers-Vorbild FC Arsenal London im Maßstab eins zu drei, jahrzehntelang der blaue (Fußball-)Adel Platz nahm! Auf der es mit Initialen geschmückte Stammplätze auf Lebenszeit gab. Und auf der allein in der Nachkriegszeit drei dem Verfasser dieses Beitrags namentlich bekannte angesehene Geschäftsleute und Kickers-Gönner bei Schicksalsspielen ihres Clubs ihr Leben aushauchten. Als der von 1967 bis 1979 amtierende Kickers-Vorsitzende Walter Queißner einen Kondolenzbesuch abstattete, überraschte ihn die Witwe mit den Worten: "Den Tod hat sich unser Vater immer gewünscht – bloß halt ned so schnell."

Die alte Holztribüne war 1913 von Herzog Ulrich, zugleich Schirmherr des Clubs, ihrer Bestimmung übergeben worden. Als sie im Zuge des Fortschritts 1975 abgerissen wurde, rückten Tribünenplatzbesitzer an, um sich den teilweise über Generationen "besessenen" Stammplatz mit aufgemalter Nummer auszusägen und als Devotionalie für die Hausbar zu sichern. Den auffallendsten Platz besaß zuletzt Peter Maier ("Käs-Maier"), auf dessen Sitz und Rückenlehne mit blauem Stoff bezogene Polster prangten, darauf die Initialen "PM" in Schmuckschrift.

Als in dieser Woche die Abrissbagger anrückten, floss keine Träne der Erinnerung. Zur Finanzierung des 1975 binnen dreier Monate hochgezogenen Bauwerks hatte der chronisch klamme Traditionsverein zwar seinerzeit symbolische Bausteine offeriert, die von Mitgliedern und Gönnern auch in nicht geringer Anzahl gezeichnet wurden. Doch die Aktion wurde zum baren Ärgernis, als die Finanzämter die Spendenbescheinigungen der Erwerber zurückwiesen, da mit dem Sitzplatz eine Reservierung für drei Spielzeiten – also ein geldwerter Vorteil – verbunden war.

Wiederholung ausgeschlossen: Anno 2014 ist die Landeshauptstadt Stuttgart der Bauherr, mithin sind die Steuerzahler die Finanziers. Vorbei die Zeiten, da Vereine die Kosten für ihre Infrastruktur geschultert haben. Hätte die Stadt nicht das Vorgänger-Bauwerk 1988 in ihre Regie übernommen und neun Jahre später fünf Millionen – wiewohl verzinslich – nachgeschoben, den Kickers wäre der Lizenzentzug und damit ein Ende des Profifußballs unterm Fernsehturm sicher gewesen.

Doch auch mit dem Bauherrn öffentliche Hand im Rücken wird der Neubau auf der Waldau zur existenziellen Herausforderung, gilt es doch bis Mitte Februar 2015 im Exil an der Reutlinger Kreuzeiche durchzuhalten.


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9 Kommentare verfügbar

  • Josefine
    am 30.05.2014
    supi, dass auf der Waldau investiert wird. Wurde leben hier in einer >5 Mio-Metropolregion mit einzigartiger Wirtschaftskraft. Die Steuern sprudeln wie noch nie. Unsere Landesregierung schickt das viele Geld sogar wieder zurück nach Berlin weil sie mit so viel Kohle überfordert ist.
    Dann lieber etwas hier behalten und nachhaltig unser schönes Stuttgart noch ein bisle schöner machen.
    Es ist ein Privileg in diesem Ländle zu leben.
    Und bald wird Stuggi weltweit bewundert für die barrierefreie Stadt ohne riesiges Gleisfeld.
    Hach... Freu
  • FernDerHeimat
    am 30.05.2014
    Manche lesen eben nur STN/Z und da kommen unbequeme Wahrheiten jenseits der CDU-Parteilinie nicht vor.
  • Mineralbad Fan
    am 29.05.2014
    Wer wenig weiß bzw. wer durch unsere tendenziösen Medien ungenügend (Note 6) informiert ist, muß viel glauben.

    Könnte man auf die mögliche Gefährdung, sprich auf die Verunreinigung und damit auf die Vernichtung des Mineralwassers nicht Wetten abschließen? Wär das nicht ne nette Geschäftsidee/Beschäftigung für Sie Herr Leidinger?
  • Peter Leidinger
    am 29.05.2014
    Es ist mal wieder Panikmache angesagt:

    Wer weiß, ob die Mineralquellen überhaupt gefährdet sind?
  • MCBuhl
    am 29.05.2014
    Sorry, aber grausam war eher die Tribüne selber. Es mag ja sein, dass es einen Grund gibt, sie denkmalschützen zu können. Aber sollen hätte man auf keinen Fall. Dieses Ding war einfach nur unwürdig.
    Bleibt zu hoffen, dass neben Rasenheizung und durchgehender Tribüne auch endlich eine rechte Soundanlage eingebaut wird, denn die alte fügt zur optischen eine akustische Folter hinzu... Aber so schlimm, dass m'r derwege über'n Necker gange wär, war's no au net. Gell.
  • FernDerHeimat
    am 28.05.2014
    @Inge:

    Mal schauen wieviele der Stuttgarter Mineralquellen versiegen, wenn der Bau von S21 so richtig losgeht. Wären nicht die ersten.
  • Uwe Rosentreter
    am 28.05.2014
    Wer noch mehr Historisches zu den Kickers sehen oder lesen will, dem sei das wunderbare aktuelle Buch "Auf die Blaue" anempfohlen: http://www.schmetterling-verlag.de/page-5_isbn-3-89657-147-8.htm
  • Inge
    am 28.05.2014
    Und ab März 2015 gehts dann dem Mineralbad Berg an den Kragen?!
    Man munkelt (in Kreisen eingefleischter BergianerInnen), dass das Bad nächstes Jahr wegen Umbau/Renovierung geschlossen bleiben soll. Genaueres ist mir nicht bekannt.
    Sollte dies so sein schwant mir böses. Die öffentliche Hand in Stuttgart kennt ja im Vernichten und Verschandeln von Kulturgut keine Schmerzgrenze - ganz nach dem getreuen Motto des SPD Beton-Schmiedel "Da wo ein Bagger steht gehts uns gut" (wen meint er blos?).
  • FernDerHeimat
    am 28.05.2014
    "im Zuge des Fortschritts"

    Der Autor hat da leider genau die hohle Phrase (ohne Anführungszeichen) in den Mund genommen, mit der Stuttgarts Betonier- und Bauindustriefreunde die letzten 60 Jahre an Grausamkeiten gegen Stadt und Geschmack gerechtfertigt haben.

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