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500 Kilometer bis Brüssel

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Geografisch liegt Baltmannsweiler im Schurwald und im Herzen Europas. Ansonsten zeigt sich hier, was wohl für viele Dörfer in Deutschland gilt: Brüssel ist weit weg. Eine Fotoreportage zur Europawahl am 25. Mai 2014.

 

Weil die EU ein Güllefahrverbot für bestimmte Zeiträume im Jahresverlauf erlassen hat, muss der Bioland-Landwirt Gerhard Wilhelm seine Gülle per Gesetz sechs Monate lang lagern können. Um die Richtlinie zu erfüllen, musste er vor einiger Zeit ein neues, großes Betonsilo neben sein kleines altes bauen. Das alte habe 35 Jahre lang gut gereicht, sagt der Bauer. "Die EU hat mich 40 000 Euro für Scheiße investieren lassen." Sein Hof liegt am Rande von Baltmannsweiler, rechts davon Wiesen, links davon Wald.

Baltmannsweiler liegt auf dem Land. Fünfeinhalbtausend Einwohner, zwei Drittel davon evangelisch.

Es ist ein Ort, in dem die Läden mittwochnachmittags noch zu sind und es eine Mittagspause gibt von halb eins bis drei. Im Gemeinderat sitzt eine einzige Frau, nachgerückt vor ein paar Wochen. Die Grünen sind mit drei Sitzen die stärkste Fraktion. Aber wer dort wählt, wählt vor allem CDU. Zur Bundestagswahl 2013, zur Landtagswahl 2011, zur Europawahl 2009. Zur Europawahl am 25. Mai 2014 wird das Ergebnis ähnlich ausfallen.

Fast 70 Prozent der "Gemarkung Baltmannsweiler" bestehen aus Wald. Dem Schurwald. Viel Laub, wenig Nadeln. In den Achtzigern haben die Amerikaner zwei Pershing-II-Raketen dort stationiert. Dagegen demonstriert hat keiner. Auf einem Bergkamm sollen demnächst 200 Meter hohe Windräder aufgestellt werden. Viele Baltmannsweiler sind dagegen. Die "Verspargelung" ist eines der stärksten Wahlkampfargumente der CDU und der Republikaner in der Region.

In Baltmannsweiler leben Türken, Franzosen, Italiener und Österreicher, viele Frauen aus Rumänien und Polen, die als Pflegerinnen arbeiten. Die Gemeinde ist schuldenfrei. Gute Gewerbesteuereinnahmen, sagt man. Einige der Firmen lassen in Ungarn und Tschechien fertigen, weil das günstiger ist.

Die Firma Schlienz Metallbau ist eine der größten am Ort. Die "Ukraine-Sache" habe ihm bewusst gemacht, wie wichtig Europa sei, sagt Carlo Schlienz, der Juniorchef. Er hat gemerkt, wie nah die restliche Welt Baltmannsweiler sein kann. Den "nationalen Gedanken" müsse man sich dabei aber bewahren, sagt er, bevor ihm einfällt, dass man "nationaler Gedanke" nicht sagen sollte. Als Unternehmer ist er der Meinung: "Europa kostet uns nur. Und macht Arbeit." Für eine Lieferung Solarzellen-Halterungen nach Griechenland hat er seinen Betrieb auf die DIN EN ISO 9001 umstellen müssen, eine europäische Qualitätsmanagementnorm. Die rund 40 Metallgestelle stehen heute auf dem Hof herum, weil die Griechen irgendwann nicht mehr bezahlen konnten. Jetzt versucht Carlo Schlienz, sie nach Spanien zu verkaufen.

Das Akkordeonorchester ist das Baltmannsweiler'sche Aushängeschild und europaweit unterwegs. Im vergangenen Jahr holten die Musiker in Innsbruck zu den Weltfestspielen den zweiten Platz unter 33 Orchestern.

Das Akkordeonorchester geht nach der Probe geschlossen auf ein Feierabendbier ins Alt-Baltemore. Hier gibt es "den besten Kartoffelsalat der Welt", sagt die Wirtin, gefüllte Kalbsbrust, Kutteln, deutsches Essen, das sei nötig, sagt die Wirtin, bei all den Ausländern drum herum. Europa besteht im Alt-Baltemore aus Bardolino, Merlot und Chardonnay.

Zu Europa haben sich die beiden Hundebesitzerinnen bisher noch keine Gedanken gemacht. Eine davon sagt: "Wenn man im eigenen Land so viele Probleme hat, sollte man zuerst die lösen, bevor man sich mit dem Ausland beschäftigt." Hartz IV abschaffen und gegen Kinderarmut kämpfen, sagt sie. Der Hund kommt aus einer ungarischen Tötungsstation. Sie hat ihn Odin genannt. Nach der germanischen Gottheit.

Baltmannsweiler besteht aus zwei Orten: Baltmannsweiler (früher Arbeiter) und Hohengehren (früher Bauern). Seit den Siebzigerjahren ist das so. Aber wenn ein Hohengehrener nach Baltmannsweiler kommt, sagen manche immer noch: "Dann siehst du wenigstens mal eine Stadt." Andere ärgern sich, warum man für Hohengehren eine Umgehungsstraße gebaut hat und für Baltmannsweiler nicht. Oder das es Baltmannsweiler-Hohengehren heißt und die Gemeindeverwaltung es nicht geschafft hat, einen übergeordneten Namen für beide Orte zu finden, damit jeder einzelne seinen behalten kann. Zusammenschlüsse funktionieren oft nicht einmal auf kleiner Ebene.

Seit 25 Jahren gibt es ein Asylbewerberheim in Baltmannsweiler. Damals habe man nicht die billigsten Baracken genommen, sondern nur die zweitbilligsten, sagt ein Gemeinderatsmitglied stolz. "Die sehen immer noch gut aus." Ahad Salehi lebt dort, ganz am Rand des Orts, in der letzten Straße vor Waldanfang. Kaum einer weiß, dass es ihn gibt. Nicht die CDU, die Grünen auch nicht, nicht mal der Bürgermeister. Vor zehn Jahren ist er aus dem Iran geflohen, als Christ verfolgt. Er kam über die Türkei in die EU, mit dem Schiff nach Griechenland. Die Krise hat ihn 2012 nach Baltmannsweiler gespült. "Es ist ruhig hier und friedlich", sagt er. Und keiner hört es.

Die Traumata der Gemeinde sind ein Mord an einer Frau durch einen, von dem "man das nie gedacht hätte". Und ein Mobilfunkmast, der mitten im Ort auf einem alten Posthäuschen zehn Meter in die Höhe hätte ragen sollen. Die Mastarbeiter wurden von den Bürgern damals mit Eiern beworfen. Der Funkmast steht heute außerhalb des Ortes. Momentan streiten sie sich um die Notwendigkeit eines Edeka-Markts am Ortseingang, wo es doch schon zwei eingesessene Lebensmittelgeschäfte im Dorf gibt.

Paolo Carolillo, der Wirt der Pizzeria La Rustica, ist der Einzige ohne deutschen Pass im Baltmannsweiler Gemeinderat. Für die CDU, Listenplatz zwei, weniger aus Überzeugung als vielmehr, weil man ihn dazu überredet hat. Mit zwölf kam er mit seinen Eltern nach Deutschland und hat sehr gelitten. "Mein Herz", sagt er, "schlägt für Italien." Er darf hier nur kommunal wählen, aber das ist ihm egal. Er sei, sagt er, ja Italiener. Wählt er in Italien? "Warum soll ich? Ich lebe doch in Deutschland." Seine Kinder haben die doppelte Staatsbürgerschaft, sprechen perfekt Deutsch und Italienisch, sind hier Italiener und dort Deutsche, Deutschitaliener, auf Facebook und Twitter darüber hinaus global unterwegs. Sie haben es leichter, sagt der Vater.

Michael Tsouflidis ist der Wirt der Schurwaldhöhe. Er ist 28, Grieche aus Grevena, Γρεβενά, im Norden. In seinem Restaurant hängen deutsche Stammtischlampen aus Blech von der Decke, an den Wänden steht eine kleine Akropolis, der Diskuswerfer und die Büste der Aphrodite. Er war beim griechischen Militär, hat einen griechischen Pass, findet Südländer seien herzlicher als die Deutschen und dass man den Griechen hätte die Drachme lassen sollen. Er lebt in Baltmannsweiler, seit er zwei Jahre alt ist, und möchte nicht weg. Fühlt er sich als Europäer? "Ja, natürlich", sagt er, "ich lebe in der EU."

Martin König (Freie Wähler) ist Mitglied der Europaunion, einer konservativen Bürgerinitiative für ein föderales Europa. Es sei oft nur schwer nachzuvollziehen, was das EU-Parlament so mache, sagt er. Dabei wäre es dringend nötig, den europäischen Gedanken zu transportieren und eine Grundeinstellung zu diesem "Europa" aufzubauen. Ab und zu macht er im Landratsamt Veranstaltungen zu EU-Themen. Erst kürzlich ging es um Banken. Die Bilder an der Wand seines Büros hat eine Künstlerin aus dem Ort gemalt. Links eine deutsche Flagge unter halblebigen Sternen: ein unvollständiges Europa, wie es heute ist. Rechts die Zukunft wie sie sein sollte. Martin König zeigt auf die rechte Seite des Werks. "Das wäre wünschenswert", sagt er.

Landwirt Gerhard Wilhelm, der ein 550 Kubikmeter Güllesilo hat bauen müssen, weiß von Europa außerdem noch, dass sie ihn sein Gras nicht mehr mähen lassen, wann er möchte, und ihn die Leute aus dem Dorf für den wuchernden Ampfer und die Disteln auf seinen Feldern schon auslachen. An seinem Haus hängt ein immenses Plakat für "faire Milch", und wenn er beginnt, sich über den Milchpreis aufzuregen, kann er beinahe nicht mehr aufhören.

Aber zwischendrin sagt Gerhard Wilhelm auch: "Wenn immer alle gleich gegen alles sind, wäre der Kölner Dom nie gebaut worden." Eigentlich müsse man Probleme gemeinsam angehen und Kompromisse finden und nicht jeder nur nach seinem Vorteil entscheiden. "Nur so kann man gemeinsame, gute Wege finden." Das gelte für Baltmannsweiler im Kleinen. Und für Europa im Großen. Und eigentlich für die ganze Welt.


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11 Kommentare verfügbar

  • C.F.
    am 11.05.2014
    Antworten
    @G. Lendl
    wer keine (Gegen)Argumente hat, sprich hilflos ist, macht Dinge halt schlecht.
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