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Klärschlammverbrennung

Ökologischer Blindflug

Klärschlammverbrennung: Ökologischer Blindflug
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Rund 1,7 Millionen Tonnen Klärschlamm fallen Jahr für Jahr in Deutschlands Kläranlagen an. Ein Großteil davon wird verbrannt – und damit auch der im Schlamm enthaltene Phosphor. Ab 2029 ist gesetzlich vorgeschrieben, den Rohstoff mindestens zur Hälfte zurückzugewinnen. Das Beispiel Walheim zeigt, dass das nicht einfach ist.

Es ist ein Projekt der Superlative, dessen gigantische Bauten gerade bei Walheim am Neckar in den Himmel wachsen: die größte Klärschlammverbrennungsanlage von Baden-Württemberg. Bauherrin ist die EnBW. Auf dem Gelände eines ehemaligen Kohlekraftwerks des Energieunternehmens sollen künftig 180.000 Tonnen Klärschlamm "thermisch behandelt", also verbrannt werden. Aus der dabei anfallenden Asche soll anschließend wertvoller Phosphor, der als endlicher Rohstoff zum Düngen eingesetzt wird, zurückgewonnen werden. Klingt nach einer Win-win-Situation für die Umwelt und für die Bewohner:innen des Neckartals. Zumal die Anlage obendrein im Rahmen der Störfallverordnung, welche die Gefahr für Mensch und Umwelt beim Austritt gefährlicher Stoffe aus Industrieanlagen angibt, von deren oberster Klasse auf die geringste zurückgestuft werden wird. Weil sie keine Kohle mehr verbrennt, sondern nur Klärschlamm. Alles im grünen Bereich also?

"Von wegen! Es ist skandalös, wie das hier abgelaufen ist", macht Rudi Ringwald von der Initiative "Bürger im Neckartal" seinem Ärger Luft. "Und was mich am meisten dabei ärgert: dass das alles von einer angeblich grünen Regierungspartei ausgerechnet unter dem Deckmantel der Ökologie vorangetrieben wird. Dabei spielt der Umweltschutz bei diesem Wahnsinnsprojekt überhaupt keine Rolle." Allein die massive Verkehrsbelastung durch die 150 Lastwagen, mit denen tagtäglich der Klärschlamm aus weiten Teilen von Nordwürttemberg angeliefert werden soll, sei eine Zumutung. Dazu kommt der Rücktransport des bei der Trocknung anfallenden Schmutzwassers in die Klärwerke im Heilbronner Raum. Ein ökologischer Wahnwitz.

Verpufft

Schon längst ist auch das Hauptargument der EnBW, dass hier mit dem Neubau einer sogenannten Monoverbrennungsanlage der wertvolle Phosphor in großem Stil aus der Asche recycelt werden könne, sang- und klanglos verpufft. Keine Rede mehr davon. Schlichtweg, weil sich inzwischen gezeigt hat, dass es beim heutigen Stand der Technik noch gar nicht möglich ist, in einer solch gigantischen Anlage die von der Klärschlammverordnung ab 2029 vorgesehenen pflanzenverwertbaren Phosphoranteile herauszulösen. Mit anderen Worten: Die EnBW sorgt zwar für die "thermische Behandlung", aber der Rest, in dem der schöne Phosphor steckt, gammelt ungenutzt auf irgendeiner Deponie vor sich hin. Auch auf diese Tatsache hatte die Bürgerinitiative bereits vor vier Jahren hingewiesen und sie auf einer Infoveranstaltung sogar von der EnBW bestätigt bekommen.

Doch weder 3.500 Unterschriften der betroffenen Bürger:innen im Neckartal, noch die Klage der Gemeinde Walheim vor dem Verwaltungsgerichtshof Mannheim vermochten es, das umstrittene Projekt zu stoppen. "Da gab es von Anfang an eine klare Arbeitsteilung zwischen der EnBW, dem Regierungspräsidium Stuttgart als Genehmigungsbehörde und dem Umweltministerium mit dem klaren Ziel, die Anlage durchzudrücken", meint Ringwald. "Und dagegen hatten wir nicht den Hauch einer Chance." Zusätzlich wurmt es die Leute, dass ihnen das Land und die Region Stuttgart schon vor vielen Jahren versprochen haben, angesichts der jahrzehntelangen Belastung durch das Kohlekraftwerk "den Neckar für Mensch und Umwelt aufzuwerten." Zurück bleibt nun ein äußerst schales Gefühl.

David gegen Goliath

Seitens der Bürgerinitiative will man sich künftig darauf konzentrieren, die weiteren Betriebsgenehmigungen, die anstehen, kritisch zu durchleuchten. Wie sieht es beispielsweise mit der Schadstoffbelastung durch die Abgase aus, die sich laut Voraussage der EnBW im gesetzeskonformen Rahmen bewegen sollen? Auch daran hat die BI, nach all den Erfahrungen der vergangenen Jahre, mittlerweile ihre Zweifel. Sich ausgerechnet in dieser Frage auf das Regierungspräsidium verlassen zu müssen, das ja bislang in einer Art vorauseilendem Gehorsam grundsätzlich alle Baumaßnamen für die Anlage in erstaunlichem Tempo durchgewunken hat, sorgt bei den Betroffenen für skeptische Mienen.

Aber um die von den Betreibern vorgelegten Gutachten mit qualifizierten Gegengutachten kontern zu können, dafür fehlt sowohl der Bürgerinitiative als auch den betroffenen Kommunen Wahlheim, Kirchheim, Besigheim und Gemmrigheim schlichtweg das Geld. "Es ist wahrlich ein Kampf zwischen David und Goliath", fasst Rudi Ringwald ernüchtert zusammen. Und der Kampf scheint schon vor dem offiziellen Abpfiff längst entschieden – weil es das grün geführte Umweltministerium so will.

Besonders pikant in diesem Zusammenhang klingt die Anmerkung der EnBW, dass die Anlage künftig natürlich streng überwacht werde. Man messe "kontinuierlich Parameter wie Gesamtstaub, Kohlenstoff, Schwefeloxide, Stickstoffoxide, Quecksilber, Ammoniak und Kohlenmonoxid. Obwohl es gesetzlich nicht vorgeschrieben ist, erfassen wir auch kontinuierlich die Lachgas-Emissionen (N2O)." Und dann noch das Sahnehäubchen obendrauf: "Für sogenannte Ewigkeitschemikalien (PFAS) gibt es aktuell keine gesetzliche Norm oder Messvorschrift für Klärschlammverwertungsanlagen. Wir eröffnen den zuständigen Behörden (wie der LUBW) jedoch die Möglichkeit, vor Ort Proben zu entnehmen, um wissenschaftliche Erkenntnisse zum Abbau dieser Stoffe zu gewinnen."

Eine noble Geste, die der LUBW, der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg, eingeräumt wird, denkt da der Laie, während ein Fachmann auf dem Gebiet der PFAS wie Michael Müller von der Uni Freiburg nur staunend den Kopf schütteln kann: "Es ist längst erwiesen, dass PFAS bei diesen Temperaturen nicht zerstört werden, sondern sich in noch viel problematischere Stoffe wie beispielsweise TFA aufspalten. Und nebenbei entstehen weitere Substanzen, von denen wir aktuell weder die Zusammensetzung noch die Toxizität kennen." Und überhaupt, meint der Lehrstuhlinhaber für pharmazeutische Chemie skeptisch: "Verseucht ist verseucht – und dafür gibt es nur eine Lösung: stoppen."

Blauäugig und unwissenschaftlich

Gar so weit möchte sich Markus Große Ophoff, Sprecher des Arbeitskreises Umweltchemikalien/Toxikologie beim BUND, nicht aus dem Fenster lehnen, aber auch er spricht von voreiligen, wissenschaftsfremden Strategien, die in Sachen Walheimer Klärschlammverbrennung durchgezogen werden: "Es ist blauäugig und absolut keine fachgerechte Entscheidung, wie da einseitig auf die Phosphorrückgewinnung aus Monoverbrennungsasche gesetzt wird. Insgesamt gibt es nach meiner Kenntnis momentan 18 verschiedene Verfahren, die sich in der Erprobung befinden. Und keines hat sich bislang im großtechnischen Maßstab als geeignet erwiesen."

Es könne ja durchaus sein, dass der Weg eines Tages tatsächlich zur Monoverbrennungsanlage als bester aller Möglichkeiten führen würde. "Aber dieser Weg ist noch weit – und bis dahin jetzt schon einseitig auf diese Technik zu setzen, das halte ich für problematisch". Mit anderen Worten: Es müssen wohl noch einige Jahre ins Land gehen, bis der Stein der Erkenntnis auch in Sachen Phosphorrückgewinnung möglicherweise gefunden ist. Aber dazu bedarf es enormer Anstrengungen, auch durch staatliche Forschungsaufträge.

Denn so wie es bislang gelaufen ist, kann es keinesfalls weiterlaufen: Dass da eine Umweltministerkonferenz im Jahr 2017 etwas beschließt, wofür es noch gar keine großtechnische Lösung gibt – und dann beinahe zehn Jahre lang erst einmal gar nichts passiert. Der Markt wird's richten – von wegen! Der Markt hat es gerade mal geschafft, in Walheim mit tatkräftiger Unterstützung der grünen Landesregierung ein gewinnorientiertes Megaprojekt durchzupauken, das sich von den ursprünglich postulierten hehren Zielen bereits meilenweit entfernt hat.

Fazit: Die 180.000 Tonnen Klärschlamm werden in Walheim künftig verbrannt. Die Klärschlammasche mit dem wertvollen Phosphor drin bleibt freilich bis auf unbestimmte Zeit ungenutzt. Und die Arschkarte – in des Wortes wahrster Bedeutung – haben die Gemeinden. Denn sie müssen ihren Klärschlamm nicht nur mit teurem Geld und ökologischem Wahnwitz durch die Gegend karren lassen, sondern die Asche kostenpflichtig auch wieder zurücknehmen, um sie irgendwo zu deponieren, bis es endlich ein Verfahren zur Rückgewinnung gibt. Solange das nicht der Fall ist, wird die Asche im Salzbergwerk Bad Friedrichshall einen dankbaren (und nicht ganz preiswerten) Deponierer finden. 180 Meter tief unter der Erde. Ein Schelm, wer glaubt, dass sie eines Tages dort wieder herausgebuddelt werden wird.


Transparenzhinweis: Gunter Haugs Ehefrau Karin Haug ist Mitglied im Landesvorstand des BUND Baden-Württemberg, als Vertreterin des Regionalverbands Heilbronn-Franken.

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