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CDU-Schulpolitik nach Pisa

Neue alte Ideen

CDU-Schulpolitik nach Pisa: Neue alte Ideen
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Baden-Württembergs CDU findet seit einem halben Jahrhundert keinen Anschluss an aktuelle bildungspolitische Diskurse. Nun will Generalsekretärin Andrea Wechsler "eine offene Debatte über die besten Lösungen". Die liegen längst auf dem Tisch, speziell zum Thema Ganztagsschulen.

Manuel Hagel schlug höchste Töne an, als er Anfang Mai die Professorin und Europaparlamentarierin Andrea Wechsler zu seiner Generalsekretärin machte. Sie sei "eine Schafferin, sie hört zu, sie fragt nach, sie nimmt die Anliegen der Menschen ernst", so der baden-württembergische Innenminister und CDU-Landesvorsitzende in seiner paternalistischen Art. Sie sei "pragmatisch, klar, ergebnisorientiert, eine starke Stimme für die politische Mitte in unserem Land". In dieser politischen Mitte müsste schon lange angekommen sein, dass weder frühkindliche Bildung vor der Grundschule noch Ganztagsunterricht des Teufels sind.

"Unser Rohstoff sind die Köpfe", mahnt der neue Kultusminister Andreas Jung (CDU) und will seine Politik genau daran ausrichten. Anlass ist die neue Pisa-Studie, ein neuerlicher Schock, weil das Niveau in Deutsch, Mathe und den Naturwissenschaften deutschlandweit abgesunken ist im Vergleich mit den (ebenfalls schwächeren) OECD-Ländern. Eine der Hauptursachen: Seit Jahrzehnten gelingt es in der Bundesrepublik nicht, den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft zu trennen. "Die Schere geht sogar weiter auf", sagt Jung, "das darf uns nicht kalt lassen." Zumal Baden-Württemberg in vielen einschlägigen Länderauswertungen die rote Laterne trägt.

Ebenso wie beim Ausbau der Ganztagsschulen. Die Statistik der Kultusministerkonferenz (KMK) verzerrt sogar das Bild zugunsten des Landes, weil dort selbst jene unverbindlicheren Betreuungsangebote ohne Unterricht aufgenommen sind, die Jung mit seiner Forderung nach mehr Nachmittagsbildung zurückdrängen will. Bei dem Blick auf die Entwicklung von 2020/21 bis 2024/25 ergibt sich, dass nur knapp 30 Prozent der Grundschulen ein wie auch immer geartetes Ganztagsangebot haben, überwiegend ohne Unterricht nach der Mittagspause. Die Tendenz: stagnierend. Nach der Variante mit Teilnahmepflicht für alle Kinder an mindestens drei Wochentagen und mindestens sieben Stunden wird überhaupt nur an gut drei Prozent der Grundschulen unterrichtet. Und das, obwohl echte Ganztagsschule in allen Untersuchungen seit Langem als erfolgreich und erst recht in finanziell engen Zeiten für Kommunen, Land und Bund als besonders effizient herausgearbeitet ist, gemessen an Bildungserfolg und Mitteleinsatz. Der Weg auf Gymnasium wird deutlich leichter geebnet.

Mit Schuljahresbeginn greift nun bundesweit der Rechtsanspruch auf Ganztag für alle Erstklässler:innen. Einen Überblick über den Versorgungsgrad können die Kommunen noch nicht liefern. Der offiziell bisher bekannte Zuwachs lässt aber Probleme erwarten. Das Land hat 102 neue Ganztagsstandorte genehmigt, nur 21 davon mit der für alle Kinder verbindlichen Variante. Zahlreiche Analysen zeigen, wie viele Talente auf diese Weise verlorengehen, weil Kinder daheim eben oft nicht ausreichend gefördert werden können. "Gerade die, die außerhalb der Schule weniger Unterstützung und Förderung erfahren, müssten noch verlässlicher erreicht werden", verlangt Wechsler.

Bislang war die CDU immer gegen Ganztag

Es ist nicht der erste Anlauf, um den zweitgrößten Landesverband der CDU endlich auf die Höhe der Zeit zu beamen. Besonders krachend gescheitert ist vor mehr als 15 Jahren die Kurzzeit-Kultusministerin Marion Schick (CDU). Während ihr Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) versprach, Baden-Württemberg werde sich sein hervorragendes Schulsystem "nicht von ein paar Ideologen kaputt machen lassen", wollte die alleinerziehende Mutter ihre Partei dazu bringen, "die Zeichen der Zeit zu erkennen". Ihr Gesetzentwurf, vorgelegt kurz vor der Landtagswahl 2011, scheiterte am Widerstand in der FDP und den eigenen Reihen. Schon vier Jahrzehnte zuvor hatte der Deutsche Bildungsrat erstmals die "systematische Einführung" der Ganztagsschule empfohlen, trotzdem meinten weite Teile der CDU-Landtagsfraktion quertreiben zu müssen. "Wir können die Ganztagsschule nicht per Gesetz, nicht flächendeckend, nicht verbindlich und schon gar nicht schnell einführen", sagte etwa die Leonberger Abgeordnete Sabine Kurtz 2011.

Wenn Wechsler, Jung und andere Umdenker:innen unter den Schwarzen jetzt aufräumen wollen mit überkommenen Positionen, wird auch der Schwenk von Susanne Eisenmann (CDU) noch einmal in den Blick kommen müssen. Als Stuttgarter Schulbürgermeisterin (2005 bis 2016) war sie eine Verfechterin des sogenannten gebundenen Ganztags. Sie wollte erreichen, dass sich für möglichst viele Schüler:innen in der Landeshauptstadt an mindestens drei Tagen von morgens bis nachmittags in der Schule Lernphasen abwechseln mit Erholung, Sport, Spaß und Spiel. Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung sind feste Bestandteile solcher Konzepte. "Dieser rhythmisierter Ganztag, Fördern und Fordern, Konzentration und Entspannung, Lernen und Üben, Hausaufgaben in der Schule erledigen, das ist ohne Frage das Zukunftsmodell", sagte Eisenmann im Interview mit der Mitgliederzeitung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nach ihrem Amtsantritt 2016 als Kultusministerin im grün-schwarzen Kabinett. Für ihre Partei hatte sie sogar ein entsprechendes Positionspapier geschrieben, das sie in der Ministerinnenzeit nicht mehr wirklich weiter verfolgte.

Eine ideologische Schlammschlacht

Dabei hätte gerade PISA immer wieder Anlass gegeben, sich der Realität zu stellen. CDU/FDP-Landesregierungen ließen in den Neunziger- und Nuller-Jahren viele Gelegenheiten verstreichen, sich ernsthaft mit mangelnder Schulreife von Kindern oder deren Folgen für die Bildungslaufbahn zu befassen. Olaf Scholz, später Kanzler, damals SPD-Generalsekretär (2002 bis 2004), hatte vehement für den Ausbau von Krippen, Kitas und Ganztagsschulen plädiert und mit der polemischen Formulierung von der "Lufthoheit über den Kinderbetten" den Widerstand bürgerlicher und konservativer Kreise geradezu erbettelt.

Nicht nur die Springer-Presse lieferte umgehend. "Die rot-grüne Bundesregierung gefährdet die herausragende Stellung der ehelich-familiären Gemeinschaft durch die geplante frühzeitige außerfamiliäre Ganztagsbetreuung", schrieb die "Welt" und schlug den Bogen zum "Krippenmodell der DDR" oder zu "vergleichbarer ideologischer Einflussnahme auf die frühkindliche Entwicklung aus nicht-sozialistischen Ländern", etwa zu Japan, wo die Ganztagsbetreuung das Ziel der Erziehung zu einem übersteigerten Nationalismus verfolge. Auch Kardinal Karl Lehmann sah sich an "sozialistische Herrschaftsansprüche über Ehe und besonders Familie" erinnert. Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio warnte vor "der Vergesellschaftung der familiären Gemeinschaft". Über Jahre, in Baden-Württemberg über Jahrzehnte, blieb der Ausbau der frühkindlichen Bildung diskreditiert und Deutschland stagnierte in puncto Bildung.

Keine Ahnung kann offenbar hilfreich sein

Spannend wird diesmal zu beobachten sein, welche konkreten Auswirkungen die Forderungen nach einer Reaktion auf PISA haben wird. Etwa wenn Achim Brötel, Präsident des Deutschen und das baden-württembergischen Landkreistags, die Debatte über mehr Bildung am Nachmittag begrüßt und nach "gleichen Bildungschancen für alle" verlangt. Ob vor Ort die Skepsis gegenüber verpflichtenden Angebotsformen aufgegeben wird. Oder ob Jung selbst seine Ansage nochmals konkretisieren will, um Interpretationsspielräume zu schließen. So liest zum Beispiel der Gemeindetag aus den Äußerungen des Kultusministers heraus, dass über Ganztagsmodelle weiterhin "gemeinsam von Schule, Schulträger und Eltern unter Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse entschieden werden" solle, also so ziemlich das Gegenteil von dem, was ein Mehr an Nachmittagsunterricht bedeutet. 

Andrea Wechsler wiederum muss beweisen, dass sie tatsächlich "pragmatisch, klar, ergebnisorientiert", wie von ihrem Landesvorsitzenden gerühmt, in die Debatte geht. Und zur Haltung des neuen Kultusministers passt jene Anekdote, die über seinen überraschenden Umstieg erzählt wird: Manuel Hagel habe ihn angerufen und gefragt, ob er bereit sei, das Amt mit der so wichtigen Länderzuständigkeit im Föderalismus zu übernehmen. Davon verstehe er doch nichts, soll Bundesvize geantwortet haben, worauf Hagel sich zufrieden zeigte. Dann sei er der Richtige, weil kein Ideologe. In Sachen Ganztag und frühkindliche Förderung hat Jung dieses Urteil schon mal bestätigt – ganz anders, als viele in seiner Partei es erwarten.

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