Damit die Patenschaft gelingt, orientiert sie sich an dem, was die sogenannten Mentees sich wünschen. Manche von ihnen brauchen Hilfe, sich im neuen Land zu orientieren. Dann helfen die Mentor:innen beim Einkaufen im Supermarkt, schauen gemeinsam die Post durch oder begleiten ihre Mentees zu Arzt- und Amtsbesuchen. Andere wünschen sich Unterstützung, während sie einen deutschen Schulabschluss nachholen oder in das Berufsleben einsteigen. Die meisten aber wollen ihr Deutsch verbessern.
Dafür gibt es Mentor:innen wie Annefried Auffarth. Seit 2015 betreut sie Kinder, Jugendliche und Erwachsene und übt mit ihnen die deutsche Sprache. Immer montagabends treffen sich ihre aktuellen Mentees bei ihr im Wohnzimmer. Über verschiedene Texte kommen sie miteinander ins Gespräch. Was gelesen wird, ist ganz unterschiedlich. "Das können kurze Texte sein, aus dem Alltag oder Zeitschriften. Immer wieder lesen wir auch Bücher oder mal den Erlkönig", erzählt die Rentnerin. Am wichtigsten sei es, dass alle Spaß haben, denn so lerne man am besten. "Bei mir werden aus den 90 Minuten auch schnell mal zwei Stunden", sagt die Mentorin. "Oder auch zweieinhalb!", fügt Özlem Cavusoglu hinzu.
Ein Beispiel gelungener Teilhabe
Cavusoglu war selbst einmal Mentee von Auffarth. Die Physiklehrerin aus der Türkei ist seit acht Jahren in Deutschland und erzählt in der Runde, wie viel sie aus der Patenschaft mitgenommen hat. "Das Projekt und seine Beteiligten haben mir geholfen, mich in der neuen Gesellschaft und ihrer Kultur zu orientieren, und sie haben mir den Mut gegeben, mich den Herausforderungen beim Wiederaufbau meines Lebens in einem neuen Land zu stellen", sagt die 47-Jährige.
Mit ihrer Mentorin ist Özlem Cavusoglu bis heute in Kontakt. Die Gemeinschaft, die sie über das Mentoring-Projekt und den Freundeskreis erfahren habe, sei wie eine Familie für sie. Deswegen möchte sie etwas zurückgeben und engagiert sich heute selbst als Mentorin. Kindern von der ersten bis zur zehnten Klasse bringt sie die deutsche Grammatik bei und begleitet Familien bei Behördengängen, Arztbesuchen und Elternabenden, um dort zu dolmetschen und zu unterstützen.
Freundschaften wie die zwischen Auffarth und Cavusoglu sind seit 2016 einige entstanden. Für Ursula Zitzler zeigt sich daran der Erfolg des Mentoring-Projektes: "Mittlerweile hat sich ein Netzwerk unter den Beteiligten etabliert." Auch in der Stadtgemeinschaft ist das Projekt heute fest verankert. Für den Gemeinderat der Stadt Ostfildern sei das Projekt deshalb fraktionsübergreifend ein "vorbildliches Beispiel für gelungenen gesellschaftlichen Zusammenhalt", wie Kontext auf Anfrage von der städtischen Pressesprecherin erfährt. Ursula Zitzler sieht das im städtischen Zusammenhalt bestätigt. Der Freundeskreis sei sich der ausländerfeindlichen Stimmung in der Bundesrepublik bewusst, doch in Ostfildern erfahre das Projekt große Zustimmung und viel Engagement, selbst von Menschen außerhalb des Freundeskreises. Anfeindungen habe es bislang noch keine gegeben.
Auch die Nachfrage sei weiterhin hoch, wie Daad Lorenz betont. Nur kommen die meisten Anfragen heute direkt von Schulen oder Familien, nicht mehr von Sozialarbeiter:innen. Passende Mentor:innen werden über gezielte Online-Ausschreibungen gesucht. "Wenn sich jemand meldet, der das Mentoring wirklich machen möchte, dann klappt es auch", versichert sie.
Abwicklung trotz bundesweitem Erfolg
Doch wenn die Finanzierung wegfällt, klappt bald gar nichts mehr. Nach Angaben des Familienministeriums würde das mehr als 260.000 entstandene Patenschaften in ganz Deutschland betreffen. Dabei hat eine Wirkungsanalyse des Ministeriums erst 2021 den Erfolg von Mentoring-Projekten bestätigt. Sie helfen den Mentees in Deutschland gut anzukommen und auch die Mentor:innen nehmen viel aus der interkulturellen Begegnung mit. Gefördert wurden die Patenschaften bisher für maximal zwei Jahre mit 200 Euro pro Tandem im Jahr. Daraus wird beispielsweise Daad Lorenz’ Stelle als Projektkoordinatorin mitfinanziert.
Eine Begründung für die Kürzung lieferte das Familienministerium bislang nicht. Auf Kontext-Anfrage wird auf das Programm "Demokratie leben!" und dessen Sondervorhaben "Integration und Teilhabe" verwiesen. Dies soll künftig die Projekte von "Menschen stärken Menschen" mitfinanzieren. Da aber auch der Etat für "Demokratie leben!" gekürzt wird, kann das die wegfallende Förderung nicht auffangen.
Seitdem der Haushaltsentwurf bekannt ist, weisen verschiedene Organisationen auf massive Verluste hin, sollten die Pläne tatsächlich umgesetzt werden. Gerade die professionelle Koordination hinter den Patenschaften sei laut dem Bundesverband Soziales Mentoring enorm wichtig. Er warnt, dass sich die verlorene Infrastruktur aus "Vertrauen, Erfahrung und lokalen Kooperationspartnern" nicht mehr einfach wiederherstellen lasse, wenn sie erstmal weg ist. Auch die Arbeiterwohlfahrt kritisiert, dass Familienministerin Karin Prien (CDU) ausgerechnet im Bereich Migration und Engagement spare.
Doch noch ist der Bundeshaushalt nicht beschlossen. Die drei Projektpartner in Ostfildern versuchen nun, lokal etwas zu bewegen. In einem offenen Brief wandten sie sich an die Esslinger Bundestagsabgeordneten Sebastian Schäfer (Bündnis 90/Die Grünen) und David Preisendanz (CDU). In Kontext vorliegenden Antwortschreiben weisen beide Politiker auf die schwere Haushaltslage hin, versichern aber, sich für eine Fortführung des Programms einsetzen zu wollen. Wie das konkret aussehen soll, verraten sie jedoch nicht. Auch die Stadt Ostfildern betont auf Anfrage die Wichtigkeit des Programms: "Es sind gewachsene Strukturen und Netzwerke des bürgerschaftlichen Engagements gefährdet."
Weiterführung um jeden Preis
Vielfach wurde belegt, dass Mentoring ein sinnvolles Konzept für gesellschaftliche Teilhabe ist. Auch der Bundesverband Deutscher Stiftungen, einer der 24 Programmträger von "Menschen stärken Menschen", ist von den Kürzungen betroffen. Auf Kontext-Anfrage schreibt er: "In Zeiten von Polarisierung, Vereinzelung und Digitalisierung sind diese Begegnungen zwischen Menschen, unmittelbar und vor Ort, eine enorme Bereicherung. Sie stärken über die beteiligten Organisationen die lokale Engagementinfrastruktur und helfen, Vorurteile abzubauen, Kompetenzen weiterzugeben und andere Perspektiven einzunehmen."
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