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Nina Warken

Die High Performerin

Nina Warken: Die High Performerin
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Sie hat sich nie gedrückt, wenn es schwierig wurde. Jetzt ist Nina Warken in einem Amt angekommen, das vor ihr noch nie eine Frau innehatte. Das ist umso bemerkenswerter, als die neue Chefin im Bundeskanzleramt sich sogar eine Feministin nennt.

Nina Warken weiß, was sich gehört. Die Freude und der Schuss Genugtuung sind der 48-Jährigen anzusehen, als sie vergangene Woche im Garten der künftigen Wirkungsstätte neben Friedrich Merz steht und vor laufenden Kameras dessen Elogen auf seine neue engste Vertraute zuhört. Das eigene Statement zu nutzen, um als Vorsitzende der Frauen-Union (FU) die eklatante Unterrepräsentanz von Politikerinnen in den Machtzentren der Union zu thematisieren, wollte sie sich aber nicht erlauben. Nur Gönner nicht aufbringen zur Unzeit, stattdessen die schlanke Reaktion der FU auf der eigenen Facebook-Seite: "Herzlichen Glückwunsch, Chefin!"

Ob sich Warken diese Zurückhaltung als strategische Leistung gutschreiben kann, steht noch lange nicht fest. Nicht nur als "Chefin BK", wie das neue Amt intern heißt, sondern auch an der FU-Spitze wird sie liefern müssen. Denn noch immer sind Frauenkarrieren in der Union allzu oft Zufallsprodukte oder große Überraschungen, weil Männer am Ende von Personalgesprächen einen Namen aus dem Hut zaubern, den selbst Insider:innen nicht aus dem Schirm haben.

Die Juristin mit Studium in Heidelberg und Erfahrungen als Rechtsanwältin ist das beste Beispiel: Vor der Bundestagswahl 2025 rechneten nur ganz wenige, besonders gut Informierte im politischen Berlin damit, dass die Generalsekretärin der baden-württembergischen CDU und Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Odenwald-Tauber als Ministerin im Kabinett Friedrich Merz I landen könnte. Selbst die Erwählte war erstaunt über das Angebot, das Gesundheitsministerium zu übernehmen. So gesehen ist sie in der vergangenen Woche erst recht blitzbefördert worden, zur Cheforganisatorin der Bundesregierung im Auftrag des Kanzlers und Bundesministerin für besondere Aufgaben.

Schon die erste besondere Aufgabe in eigener Sache ist übrigens einigermaßen kompliziert: auf dem Teppich zu bleiben angesichts der vielen Vorschusslorbeeren weit über die Kommentare der Hauptstadtmedien hinaus und die Nerven nicht zu verlieren. Dabei helfen kann die Vita. Die dreifache Mutter hat schon viel erlebt in und mit ihrer Partei. Ende der 1990er-Jahre trat sie zuerst in die Junge Union ein und dann in die CDU. Ab 2004 saß sie im Gemeinderat ihrer Heimatstadt Tauberbischofsheim, schon zwei Jahre später wurde sie Vize in der Landes-JU, dann Kreisvorsitzende der Frauen-Union. Und als die damals von Thomas Strobl geführte Südwest-CDU 2013 das Sensationsergebnis von fast 44 Prozent einfuhr, zog Warken ohne Wahlkreis, aber über die Landesliste in den Bundestag ein.

Vorgezeichnet für die Newcomerin, von mächtigen Männern versteht sich, war der Weg in den Ausschuss für Familie. Sie hielt dagegen und kämpfte erfolgreich um einen Platz im prestigeträchtigen Innenausschuss und wurde dort Obfrau im NSA-Untersuchungsausschuss, der sich mit ausländischen Geheimdiensten in Deutschland zu befassen hatte. Ihre erste Rede im Bundestag hielt sie zum Spannungsfeld zwischen Überwachung, Freiheit und Sicherheit sowie zu den Aktivitäten der US-Geheimdienste – einschließlich der Ausspähung von Bundestagsabgeordneten. "Wir Innenpolitiker sind nicht tatenlos", sagte sie selbstbewusst.

Thorsten Frei (links) und Steffen Bilger. Fotos: Julian Rettig, Jens Volle

Unverhofft kommt oft

Lange Zeit war Baden-Württembergs CDU Durchlauferhitzer für die Bundespolitik und die allerhöchsten Ämter der Republik. Von Kurt-Georg Kiesinger (Bundeskanzler von 1966 bis 1969) bis Volker Kauder (Bundestagsfraktionschef von 2005 bis 2018, der am längsten Amtierende überhaupt), von Eugen Gerstenmaier (Bundestagspräsident von 1954 bis 1969, noch ein am längsten Amtierender) bis Wolfgang Schäuble (Bundesinnenminister und Bundestagspräsident). Vor etwa zehn Jahren begann der Stern des Landes zu sinken. Angela Merkel etwa kam in ihrem vierten Kabinett ganz ohne Minister:in aus dem Südwesten aus. Ihr Nachfolger an der Spitze der CDU, Friedrich Merz, erfand wenig elegant den Posten der stellvertretenden Generalsekretärin für die Waiblinger Bundestagsabgeordnete Christina Stumpp, um Baden-Württemberg im Konrad-Adenauer-Haus nicht leer ausgehen zu lassen.

Einen Minister-Rücktritt später ist alles anders. Jens Spahn löste einen Domino-Effekt aus, in dessen Folge – unverhofft kommt oft – Politiker:innen aus dem Südwesten in überraschend großer Zahl entscheidende Posten zufielen: Thorsten Frei (Wahlkreis Schwarzwald-Baar) ist neuer Bundestagsfraktionschef, Nina Warken (Odenwald-Tauber) rückt als Nachfolgerin an die wichtigste Schaltstelle der Koalition im Bundeskanzleramt und Steffen Bilger (Ludwigsburg) wird neuer Bundesverkehrsminister. "Beste Wahl" nennt ihn der Kanzler bei der Vorstellung, ohne die Frage zu beantworten, warum er ihn nicht gleich gefragt hat statt Fritz Güntzler – jenen Auserwählten, der vor der Ernennung doch wieder absprang. Auf jeden Fall ist Bilger ein alter Bekannter, gerade in und um Stuttgart und im Zusammenhang mit dem weltberühmten Tiefbahnhof-Projekt Stuttgart 21. Der 48-Jährige war von 2018 bis 2021 schon Staatssekretär im Verkehrsministerium und ist da unter anderem bekannt geworden dafür, dass er neue belastbare Meldungen zu Kostensteigerungen bei S 21 immer als "Spekulationen" abtat. Noch 2020 schwärmte er von den "großartigen Perspektiven" des Projekts. Jetzt wird er sich der Wahrheit stellen müssen, ganz ähnlich wie seine Stuttgarter CDU-Kollegin, die Landesverkehrsministerin Nicole Razavi.  (jhw)

Zunächst brachten Auftreten, Engagement und Sachkenntnis jedoch zu wenig ein. Die CDU daheim verweigerte ihr ein Antreten im Wahlkreis Odenwald–Tauber. Sie steckte zurück, verzichtete auf die interne Kampfkandidatur, um ihrer Partei unrühmliche Schlagzeilen zu ersparen. 2017 verpasste sie den Wiedereinzug in den Bundestag und musste – wie so viele Frauen in der Union vor ihr – auf das Fortkommen eines Mannes hoffen. Nur wenige Monate nach der Wahl war es so weit: Kollege Stephan Habarth wurde Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Nina Warken rückte nach. Aushängeschild der neuen Art: einer Frauengeneration in der CDU, die kam, um zu bleiben.

2020 erkämpft sie die Kandidatur im Wahlkreis, schon ein Jahr darauf ist sie eine der parlamentarischen Geschäftsführer:innen der Bundestagsfraktion, und 2023 macht Baden-Württembergs frischgebackener CDU-Landesvorsitzender Manuel Hagel die inzwischen profilierte Innen- und Rechtspolitikerin zu seiner Generalsekretärin. Auf dem Landesparteitag in Reutlingen, der sie mit 91 Prozent wählt, liefern sich Hagel und Bundeskanzler Friedrich Merz ein Geplänkel, wie es nur Männern in den Sinn kommt: Ziemlich unziemlich und zugleich äußerst heiter zerren beide an ihr. Baden-Württemberg werde er sie nicht ohne Weiteres überlassen, neckt Merz, sie bleibe wichtig "für mich in Berlin". Auch Hagel versuchte es mit Humor und regte eine "Teilung" an – natürlich über ihren Kopf hinweg.

Der Kanzler hatte die "blitzgescheite Generalistin" also durchaus auf dem Schirm. Als "High Performerin", wie sie jetzt im Netz gepriesen wird, hätte er sie gleich im Frühjahr 2025 in die engste Führungsspitze aufsteigen lassen können. Mit dem Vorteil, dass im engsten Machtzirkel der neuen Bundesregierung, dem Koalitionsausschuss mit der SPD, die Union nicht nur mit Männern vertreten gewesen wäre. Stattdessen bedachte er die Fachfremde mit dem Gesundheitsressort, als Lückenbüßerin, weil die Statik der Koalition am Ende nichts anderes mehr zuließ.

Im komplizierten Ressort setzte sie sich selbst und eine hochumstrittene Reform der gesetzlichen Krankenversicherung durch. Motto: "Wenn sie von so vielen Seiten kritisiert wird, kann sie so falsch nicht sein." Das allerdings beseitigt die soziale Schieflage nicht, die etwa dadurch entsteht, dass Zuzahlungen etwa zum Zahnersatz gekürzt, in der Apotheke bis zu 15 Euro pro Arzneimittel fällig werden oder Ärzt:innen weniger Vergütung dafür bekommen, in Sprechstunden Privatversicherte nicht zu bevorzugen. Im wirtschaftsliberalen und bürgerlichen Lager gab es trotzdem oder gerade deshalb viel Applaus.

Und der Kanzler lobt die "liebe Nina" ohnehin als besonders durchsetzungsstark. Für den entscheidenden Schritt nach fast ganz oben musste jedoch wieder ein Kollege gehen und – diesmal mit Fehltritt – eine Rochade in Gang setzen. Dass sie "vielfältige Themen in ihrer ganzen Komplexität beherrscht" oder dass sie "in der Sicherheitspolitik zu Hause ist", wusste Merz sicher schon länger. Zum Tragen kamen solche und all die anderen im Garten des Kanzlersamts gepriesenen Fähigkeiten aber erst, als wieder einmal Not am Mann war und Jens Spahn vorige Woche den Hut nahm.

Der Aufstieg zur Chefin ist bedeutsam, gerade unter dem Aspekt der Gleichstellung und damit über die Grenzen der CDU hinaus. Noch als Gesundheitsministerin gab Warken zu Protokoll, "einen besonderen Blick" auf frauenspezifische Themen zu haben. Bei manchen ist noch Luft nach oben, beispielsweise wenn es um starre Quoten geht, die sie weiter skeptisch sieht. Oder darum, Frauen für aktive Politik zu interessieren. Denn ihr Rezept, "es bräuchte an erster Stelle mehr Verbindlichkeit beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf", ist unzulänglich. Präziser und besser wäre für die Idee von Vätern zu werben, die bewusst halbe-halbe machen. Weggefährt:innen berichten, Warken denke zwar so, wisse aber genau, was sie wo sagt.

Öffentlich jedenfalls offenbart sich auf diese Weise nur ein Schmalspurverständnis von Feminismus. Als sie vom Berliner "Tagesspiegel" gefragt wird, ob sie Feministin sei, bejaht sie, bekennt zugleich aber in schöner Offenheit, sich in ihrer Jugend keine Gedanken gemacht zu haben, "dass ich als Frau mehr Hürden überwinden muss". Das habe sie erst bemerkt, "je weiter ich voranschritt". Dabei hätte der Groschen schon früh fallen können. Damals Ende der 1990er, als die prominente Parteifreundin Rita Süßmuth allen CDU-Frauen diesen Satz mit auf den Weg gab: "Feministin zu sein, ist das Mindeste, was eine Frau tun kann." Warken konnte sie damals noch nicht erreichen. Der Karrieresprung bietet die beste Gelegenheit, gerade in diesem Punkt nachzuarbeiten. Es muss ja nicht sofort vor laufenden Kameras sein.

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