Nur diese eine Zahl hat es in die einschlägigen Passagen des Koalitionsvertrags der jungen grün-schwarzen Landesregierung in Baden-Württemberg geschafft: "Wir halten am Klimaschutzziel 2040 fest." Allerdings wird der hehre Anspruch schon vom nächsten Satz verwässert, der "mehr Flexibilität in den Wegen der Zielerreichung herstellen" will. Statt der "Menschheitsaufgabe", wie Ministerpräsident a.D. Winfried Kretschmann (Grüne) zigfach betonte, selbst oder gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gerecht zu werden, ist Klimaschutz nur noch bedingt "oberstes Ziel". Denn: Er darf "Wertschöpfung, Beschäftigung und industrielle Substanz unseres Landes" nicht gefährden.
Noch immer fehlt das gesellschaftliche Umdenken, meint Umweltministerin Thekla Walker (Grüne). Foto: Jens Volle
Viel zu wenig oder gar kein Klimaschutz gefährdet Wertschöpfung, Beschäftigung und industrielle Substanz noch viel mehr. Indessen haben die Grünen der CDU nachgegeben, auch in der Erkenntnis, dass das Thema zur Landtagswahl 2026 – ganz anders als vor fünf Jahren – in der Öffentlichkeit und der veröffentlichten Meinung längst nicht mehr die notwendige Priorität genießt. Sogar wenn es gefühlt über 40 Grad im Stuttgarter Talkessel oder an der Rheinschiene hat, ist vor allem von Hitze die Rede statt von der traurigen Wahrheit: Baden-Württemberg erwärmt sich deutlich schneller, als noch zu Beginn des Jahrzehnts berechnet. "Es brodelt uns die Lebensgrundlagen weg", sagt Umweltministerin Thekla Walker (Grüne), muss aber eingestehen, dass immer neue Hitzetage und Tropennächte ein breites gesellschaftliches Umdenken (noch) nicht befördern. Mit Folgen, die schon heute als unabwendbar anzusehen sind. Der Reparaturbetrieb und die Anpassung ans neue Normal werden immer teurer und immer aufwändiger, gerade für die Wirtschaft.
Klimawandel schwächt die Wirtschaft
Die Fakten sprechen Klartext. Im ebenfalls schon deutlich zu warmen Februar 2026 hat die Schweizer Beratungsfirma Prognos eine Untersuchung im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums vorgelegt, wonach ein einziger Tag mit Temperaturen ab 30 Grad Celsius bundesweit 431 Millionen Euro direkte Kosten verursacht – vor allem durch Produktivitätsverluste, aber auch durch Arbeitsaus- und -unfälle. Besonders betroffen seien das Bau- und das verarbeitende Gewerbe, Tätigkeiten in Lagerhallen oder im Verkehr im weitesten Sinne. Herausgearbeitet ist zudem, dass Hitze nicht gleich Hitze ist. Ab etwa 30 Grad sinkt die Produktivität mit jedem zusätzlichen Grad um rund drei Prozent, während die Energiekosten um etwa 1,2 Prozent steigen, weil Gebäude, Maschinen und Rechenzentren stärker gekühlt werden müssen.
Unternehmen in den südlichen Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern sind deutlich stärker betroffen von den schon gegenwärtig anfallenden Kosten der Erderwärmung mit jeweils bis zu 700 Millionen Euro pro Jahr. Die Hitzebelastung ist hier größer als im Norden und die produzierende Industrie schadensanfälliger. Damit wird der Arbeitsschutz spürbar teurer. "Jeder investierte Euro in präventive, klimawandelgerechte Maßnahmen kann dazu beitragen, milliardenschwere Folgekosten zu vermeiden, soziale Ungleichheiten abzufedern und die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland langfristig zu sichern", schreiben die Prognos-Autor:innen. Sie empfehlen die Anpassung von Förderprogrammen, Branchen-Hitzeschutzpläne, die Verankerung von Klimafolgen in Tarifverträgen, die Etablierung von Frühwarnsystemen oder die Überarbeitung der Landesbauordnung. So sollen beispielsweise Aspekte der Prävention mit den Anforderungen an Aufenthaltsräume, Belichtung, Belüftung und die Beschaffenheit von Dächern und Fassaden abgeglichen werden.
Gerade letztere stehen für Stimmungsmache und konkrete Versäumnisse. Nicht nur in Baden-Württemberg, aber auch hier und vor allem in den Jahren, da die CDU meinte, die Grünen mit Verunglimpfungen vor sich hertreiben zu können, namentlich den damals zuständigen Verkehrsminister Winfried Hermann. Die 2015 beschlossene Pflicht, unter bestimmten Umständen Dächer und Fassaden zu begrünen, wurde als Kostentreiber gescholten und im schwarzen Wahlprogramm von 2016 sogar die Abschaffung in Aussicht gestellt. Der heutige Innenminister, CDU-Landeschef Manuel Hagel, verlangte in seiner Zeit als Generalsekretär immer die "Entrümpelung" der Landesbauordnung.
CDU: Technologie statt Ideologie
Aber die Zeiten ändern sich. Heute will Hagel, wie er kürzlich im Landtag verkündete, mit der Bevölkerung über Begrünungen reden und überhaupt über Maßnahmen zur Hitzeanpassung im Rahmen der Katastrophenprävention. Als Meister der anekdotischen Evidenz garnierte er die Debatte über den funktionierenden Staat, über Katastrophenvorsorge im Allgemeinem und Hitze im Speziellen mit familiären Erlebnissen: "Ich habe selber mit meiner Frau zusammen drei kleine Kinder bei mir zu Hause" und er könne nur eines sagen: "Bringen Sie einmal Fünfjährige bei 30 Grad im Kinderzimmer ins Bett, da wünsche ich Ihnen gute Reise." Dass die Familie Hagel noch ohne Klimaanlagen in den Kinderzimmern auskommt, hat die Menschheit von Baden-Württemberg auf diese Weise gleich mit erfahren.




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