Die Ausgangslage ist komplizierter als je zuvor, denn die Sozialdemokratie im Südwesten hat nicht mehr viel und zugleich alles zu verlieren. "Worauf warten wir noch bei 5,5 Prozent?", fragt Robin Mesarosch, Bundestagsabgeordneter von 2021 bis 2025 vom linken Flügel und aus dem Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen, in seinem Appell an die 30.000 Genoss:innen, die es gibt hierzulande und die nun über die neue Führung abstimmen dürfen. Mit 5,5 Prozent ist die SPD bei der jüngsten Landtagswahl nur knapp am Rauswurf aus dem Parlament vorbeigeschrammt. Der 35-Jährige, von "Bild" zum "Instagram-Star" ernannt und von Fans auf Facebook zum "Erklärbär", kann im Netz tatsächlich mit enormen Klickzahlen und mit der größten Reichweite aller SPD-Politiker:innen aufwarten. Er scheut selbst große Worte nicht: Mesarosch will der Sozialdemokratie ihren Stolz zurückgeben und den Landesverband entfesseln.
So weit, so ambitioniert. Und das ist noch nicht alles: Der Hoffnungsträger mit dem Bekanntheitsgrad weit über Partei und Blase hinaus tritt im Doppelpack an mit Isabel Cademartori, einer ausgewiesenen Vertreterin vom SPD-rechten "Seeheimer Kreis". Das Duo versucht zwei Strömungen abzudecken, deren Schnittmengen im roten Markenkern traditionell schwierig auszutarieren waren und sind. Die Vorsitz-Aspirant:innen können dennoch bereits welche vorweisen: zum Beispiel beim Thema Erbschafts- und Vermögenssteuern oder dem Festhalten am Verbrenner-Aus als klimapolitisch gerechtfertigt. Außerdem weil bei 5,5 Prozent die innerparteiliche Profilschärfung ohnehin in den Hintergrund tritt. Die Linke in der SPD weiß, dass sie ihren Favoriten nur durchsetzen kann, wenn sie Cademartori akzeptiert. Und sogar Jusos orten nach einschlägigen Gesprächen mit letzterer eine "durchaus progressive Agenda".
An der politischen Vita der beiden lässt sich der Niedergang der Partei zwischen Main und Bodensee exemplarisch darstellen. Mesarosch zog 2021 bei der Wahl des Genossen Olaf Scholz zum Kanzler mit fast zwanzig Prozent in den Bundestag ein und hat vier Jahre später mit einem Minus von 8,5 Prozent die Wiederwahl verpasst. Und Cademartori holte 2021 das vorerst letzte Direktmandat für die Südwest-SPD, mit gut 25 Prozent im tiefroten Wahlkreis Mannheim, wo die Partei mit so unterschiedlichen Promis wie Carlo Schmid und Werner Nagel bis in die 1980er-Jahre 50 und mehr Prozent einfuhren.
In der Analyse der Ursachen des Abschwungs ist das Bewerberpaar gut. Der smarte Kommunikationsberater ohne Studienabschluss, aber mit viel Input (Kommunikation, Rechtswissenschaften, Philosophie und Geschichte), erklärt am Beispiel Miete, "warum die SPD-Ergebnisse so unfassbar unterirdisch geworden sind". Wenn ihre Wahlplakate "Mieten runter" verkünden und sich dann gar nichts ändert durch eine Regierungsbeteiligung der SPD, dann macht ihn das erkennbar wütend. Oder wenn die SPD sogar von der "sozialen Frage des 21. Jahrhunderts" spricht, aber einen Koalitionsvertrag unterschreibt, der keinerlei Lösungen anbietet. Er selbst kommt über ein Wortspiel allerdings kaum hinaus, denn wichtig sei nicht, "wofür die SPD steht, sondern wofür die SPD stehen bleibt". Mit Blick auf den Mitgliederentscheid liegt die Pointe auf der Hand: Es brauche "die richtigen Leute, die stehen bleiben", und darum wolle er Landesvorsitzender werden. Die Frage, wie Mehrheiten für reale politische Entscheidungen zustande kommen, umschifft der bemerkenswert eloquente Mesarosch mehr oder weniger elegant.
Ausgerechnet eine Strippenzieherin
Auch seine Mitstreiterin weiß viel zu sagen. Cademartori beklagt ebenfalls das große Glaubwürdigkeitsproblem ihrer SPD, das als erstes angegangen werden soll. Zugleich ist die Deutsch-Chilenin mit dem kommunistischen Großvater, der Wirtschaftsminister unter Salvador Allende war, in einer sehr speziellen Lage. Falls sie zur Co-Landesvorsitzenden gewählt wird, muss sie aufräumen, was sie vor sechseinhalb Jahren mit angerichtet hat: Sie war eine der wichtigsten Steigbügelhalter:innen von Lars Castellucci, der – per Mitgliederentscheid übrigens – die linke Landesvorsitzende Leni Breymaier aus dem Wege räumte.




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