In Tübingen scheint es, als wäre die Welt in Ordnung. Menschen sonnen sich neben der maigrünen Trauerweide auf den Mauern am Neckar. Vor der Stiftskirche ist ein Marktstand mit frischem Obst aufgebaut, und zwei spielen Akkordeon auf dem Platz. Drumherum in den Gassen der historischen Altstadt mit ihren frisch gestrichenen Fachwerkhäusern tummeln sich Menschen und essen Eis. Es ist so paradiesisch an diesem Tag, fast hat man den Eindruck, dass Adam und Eva gleich um die Ecke spaziert kommen. Doch würden sie eine Wohnung finden?
Die Wohnungsnot in Tübingen ist dramatisch. Laut dem Portal ImmobilienScout24 ist der durchschnittliche Quadratmeterpreis mit fast 14 Euro in Tübingen ähnlich hoch wie der in Großstädten wie Berlin und Hamburg. Dabei hat Tübingen nur rund 92.000 Einwohner:innen. Die Leerstandsquote ist mit nur 2,7 Prozent (Zensus 2022) niedrig, wobei etwas Leerstand notwendig ist, damit Menschen umziehen können. Per Satzung ist es verboten, Wohnungen leerstehen zu lassen, was sicher auch Anteil an der niedrigen Quote hat.
Dennoch sind viele in Tübingen verzweifelt auf der Suche nach Wohnungen. Vor allem nach bezahlbaren. Zwar gibt es in Tübingen eine Mietpreisbremse, allerdings wird die maximal erlaubte Miete aus der Höhe der neuen Mietverträge der letzten sechs Jahre berechnet. Die günstigeren, bestehenden Mietverträge werden dabei nicht berücksichtigt. Viele umgehen die Mietpreisbremse auch einfach, indem sie die Wohnung mit Möbeln vermieten. Wer sich ein möbliertes Zimmer für 910 Euro pro Monat leisten kann, hat kein Problem. Eigentlich ist diese Ausnahme dazu gedacht, Zimmer beispielsweise für Gastdozenten, die nur bis zu sechs Monate bleiben, bereitzustellen. Doch wer überprüft, ob die Wohnungen für längere Zeit vermietet werden? In der Realität meist niemand.
Manuel Dieterich ist vom "Wohnraumbündnis Tübingen": Eine Vereinigung vieler Gruppen und Einzelpersonen, die sich gemeinsam gegen "steigende Mieten, Verdrängung und Wohnungsnot" einsetzen. Teil des Bündnisses sind auch zahlreiche Wohnprojekte, die einen Teil des Wohnungsmarktes in Tübingen selbst in die Hand genommen haben. Indem die Häuser von gemeinsamen Vereinen gekauft und verwaltet werden, so erklärt Dieterich, werde verhindert, dass Gewinne privatisiert und abgeschöpft werden. Denn die Bauherren und Wohnungseigentümer zweigen sich aus den Mieteinnahmen eine Rendite ab und streichen den Gewinn ein beim Verkauf. Um das zu verhindern, wollen verschiedene Initiativen wie zum Beispiel das Mietshäusersyndikat, das auch in Tübingen mehrere Häuser hält, Wohnungen dem Markt entziehen. Unterstützer:innen können private Kredite mit niedrigen Zinsen geben, die Projekte finanzieren sich über die Zeit durch die Mieteinnahmen. Verträge sichern ab, dass der Wohnraum nicht wieder zurück zur Spekulation auf den Immobilienmarkt gelangen kann.
Dieterichs Ziel ist es, dass noch mehr Wohnungen und Häuser zu Wohnprojekten oder gemeinnützigem Eigentum werden. Dafür ist er in einem eigens für diesen Zweck gegründeten Vermittlungsbüro des GIMA Tübingen – Mein Haus in gute Hände e.V. (GIMA) – aktiv. Der Verein berät neben Mieter:innen auch Eigentümer:innen, die eine "sozialverträglichen Alternative" beim Verkauf ihrer Häuser wünschen.
Tübinger Gardinenwedler
Ein altes Haus am Rande der Tübinger Altstadt. Alte, feine Gardinen, die Fenster sollten mal wieder geputzt werden. Schilder von Versicherungsbüros und eine Steinskulptur an der Fassade. Entlang der Maurerstraße steht ein ähnliches Haus und um die Ecke noch eins. Wieder die Schilder und wieder Steinskulpturen. Normale Wohnhäuser auf den ersten Blick. Doch wer herausfinden möchte, bei wem hier geklingelt und für wen hier Post eingeworfen werden kann, ist schnell verwirrt. Denn es gibt zahlreiche ältere und neuere Klingelschilder und Briefkastenbeschriftungen. Tatsächlich wohne hier nämlich gar niemand, die Häuser stehen leer, sagt Manuel Dieterich beim Spaziergang durch die Stadt. Die Häuser gehörten offenbar einem älteren Mann, dessen Name an jedem Haus auf Briefkasten oder Tür geschrieben ist. Mit den Versicherungsschildern und Steinskulpturen, so erzählt man es sich zumindest in der Stadt, möchte er dafür sorgen, dass niemand merkt, dass die Häuser ungenutzt sind. Ab und an komme er, schalte die Lichter an und aus, und bewege die Gardinen hin und her. Was innen ist, bleibt Spekulation. Viele gehen davon aus, dass der Mann dort Gegenstände lagert, die er interessant findet, vielleicht stehen die Gebäude aber auch einfach leer. Das wäre zwar gemäß der Zweckentfremdungssatzung seit Ende 2016 verboten, doch die gilt nicht für Wohnungen, die schon vorher unbewohnt waren.




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