Stuttgart hat auf dem Gebiet der Musik traditionell einen guten Ruf. Eine Reihe hervorragender Chöre und Orchester tragen dazu bei, ebenso die Stunde der Kirchenmusik, der Orgelsommer oder die Bachakademie und ihr Internationales Bachfest. Auch hier hat die Stadt den Rotstift angesetzt und die Förderung – wie auch beim Neue-Musik-Festival Eclat – um 20 Prozent gekürzt. Am 23. April, also in einer Woche, beginnt in der Leonhardskirche das Festival Stuttgart Barock, ins Leben gerufen vor vierzig Jahren, zusammen mit dem Barockorchester, von Frieder Bernius.
1968, im Alter von zwanzig Jahren, hat der renommierte, heute 78-jährige Dirigent den Stuttgarter Kammerchor gegründet. Er hat 120 Tonträger eingespielt und 50 Preise erhalten. Er war zu Gast auf der ganzen Welt – bis nach Japan und China: das alles mit zwei ganzen und zwei halben Stellen. Doch nun muss sein Verein "Musik Podium" auf ein Drittel der Fördermittel verzichten. Die Aufführung von Luigi Cherubinis Requiem im Herbst fällt weg, außerdem eine Stelle. Eine schöne Krönung eines Lebenswerks, das weltweit Beachtung findet.
Kulturamt in der Rolle des Mangelverwalters
Der CDU-Kultursprecher Roland Sauer findet, Bernius gebe zu wenig Konzerte in Stuttgart. "Die Maßgaben der Kulturförderung haben sich in den vergangenen Jahren erweitert", argumentiert das Kulturamt. "Neben der künstlerischen Exzellenz spielen inzwischen auch Aspekte wie kulturelle Teilhabemöglichkeiten, Kooperationen, das Teilen von Ressourcen sowie eine nachhaltige Zukunftsplanung eine Rolle." Bernius besteht auf Qualität. Ohne entsprechende Förderung sei die nicht zu haben.
Das Kulturamt findet sich zunehmend in der Rolle des Mangelverwalters wieder. Sein Leiter Marc Gegenfurtner hat manches Schlimmere verhindert: Statt bei den Künstler:innen hat er an den eigenen Abteilungen gespart – ohne jedoch deren Arbeit ganz in Frage zu stellen. Im Bereich "Kunst im öffentlichen Raum" etwa, der in den letzten Jahren viel Beachtung gefunden hat, ist nur noch eine von fünf Stellen übrig, bei einem Viertel des Etats. Die bisherigen Bereiche Interkultur, Kulturelle Bildung und Soziokultur sind nun unter dem Stichwort "Kulturelle Teilhabe" zusammengefasst. Kleine Initiativen wie der Kunstraum "Zero Arts" oder der Verein "Literally Peace", die nicht mehr als 20.000 Euro im Jahr bekommen, blieben von den Kürzungen verschont, ebenso das Theater La Lune und das Club Kollektiv.
Gruppen wie das Citizen Kane Kollektiv, die bisher nur eine befristete institutionelle Förderung hatten, wurden verstetigt, gleichzeitig aber um 20 Prozent gekürzt. Ein tiefer Einschnitt, wie Christian Müller feststellt: "Die institutionelle Förderung ermöglicht uns zwar weiterhin, Drittmittel einzuwerben. Doch die Kürzung zwingt uns zu schmerzhaften Entscheidungen: weniger Projekte, weniger Recherchen in den Stadtteilen, weniger Zusammenarbeit mit lokalen Communities." Jetzt könne das Kollektiv nur noch ein größeres Projekt pro Jahr finanzieren.
Genau das, was das Kulturamt bei Bernius vermisst, nämlich Teilhabe, Kooperation und nachhaltige Zukunftsplanung, wird jetzt auch für Citizen Kane, tri-bühne und Rampe, ja selbst für die Staatsoper immer schwieriger. Nicht nur die Zahl der Aufführungen gehe ungefähr auf die Hälfte zurück, sagt Christian Müller, sondern auch die Möglichkeiten, mit anderen lokalen Künstler:innen und Initiativen zusammenzuarbeiten. Und Stefan Kirchknopf von der tri-bühne stellt fest: "Ich kann im Moment nur Stücke mit dem festen Ensemble produzieren, es gibt eine Gästesperre."
Ungehörte Appelle
Das Theater Rampe hat schon im November ein Zahlenpapier vorgelegt. Die sechsprozentige Kürzung des laufenden Etats, ohne das Festival, bedeutet, dass halb so viel Geld für das Programm übrigbleibt, da ein Großteil für ständig steigende Fixkosten benötigt wird. Damit verringern sich proportional aber auch die Drittmittel. 52.000 Euro für Gastspiele, Residenzen und künstlerische Forschung fallen allein durch das Auslaufen des Modelprojekts "Verbindungen Fördern" weg. Die Gesamtsumme der direkten Kürzungen beziffern sich auf rund 130.000 Euro.
Selbst die Staatsoper kann sich gerade zukunftsweisende Kooperationen wie "Cité d'Or. Aufstieg und Fall der Stadt Stuttgart" mit dem Theater Rampe in einem ehemaligen Autohaus immer weniger leisten, sagte Intendant Viktor Schoner im Kontext-Interview im Dezember. "Die Stadt Stuttgart", so Schoner wörtlich, "braucht unbedingt eine kulturpolitische Vision." Die Bürgerschaft hat eine solche Vision schon einmal erarbeitet: im zweijährigen Kulturdialog 2011 bis 2013. Doch der Gemeinderat hat die Vorschläge hartnäckig ignoriert.
Die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (EY) haben in ihrer Studie "Rebuilding Europe" (Europa wiederaufbauen) nach der Coronakrise gefordert, massiv in die Kultur zu investieren. Während anderswo Arbeitsplätze abgebaut würden, nehme die Zahl hier zu, wenngleich oft auf prekärem Niveau. Für noch wichtiger hält EY ein kreatives Umfeld, das nötig sei, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.
"Kultur ist kein Luxus, sie ist eine Form des Widerstands", insistierte die weißrussische Musikerin, Kulturmanagerin und Oppositionspolitikerin Maria Kalesnikava vor einer Woche an der Musikhochschule Stuttgart, an der sie einst studiert hat. "Sie schafft Räume für freie Gedanken, sie gibt Menschen eine Stimme auch dann, wenn man versucht, sie zum Schweigen zu bringen. Sie verbindet uns über Grenzen hinweg und erinnert uns daran, was uns als Menschen ausmacht." Ihr Plädoyer: "Ich rufe alle, von denen es abhängt, dazu auf, Kultur, Kunst, kulturelle Institutionen, Künstlerinnen und Künstler noch stärker zu unterstützen!"
Zum Programm des Festivals "3 Tage frei" vom 15. bis 18. April geht es hier. Das Festival Stuttgart Barock läuft vom 23. bis zum 26. April, zum Programm geht's hier.
1 Kommentar verfügbar
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Wenn im Land der Dichter und Henker erstere eingespart werden, was bleibt übrig? Kanonenkultur?
Kommentare anzeigenToussaint Louventure
vor 3 Stunden