KONTEXT:Wochenzeitung
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Manuel Hagel

Der Drauflosfabulierer

Manuel Hagel: Der Drauflosfabulierer
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Auf dem Grat zwischen Dichtung und Wahrheit wandert Manuel Hagel schwindelfrei. Auf dem Weg in das Amt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten, auf dem sich der CDU-Spitzenkandidat wähnt, muss das kein Vorteil sein.

Fast flehentlich appelliert der Generalsekretär der Landes-CDU an die verstörte Gefolgschaft. In jedem persönlichen Gespräch, bittet Tobias Vogt, müsse "mit voller Kraft" für eine christdemokratisch geführte Landesregierung geworben werden. Jetzt müssten "alle CDU-ler ran, Familie ansprechen, Nachbarn ansprechen, am Arbeitsplatz und WhatsApp-Kontakte".

Das klingt nach Panik und hat einen Grund: Wieder wird, wie vor fünf Jahren, ein satter Vorsprung verspielt. Damals sollte Susanne Eisenmann in die Staatskanzlei einziehen, ihr Kampagnenchef hieß Manuel Hagel, setzte sich vor dem Wahltag ab und sprach anschließend schlecht über seine Chefin. Diesmal ist er selbst der Spitzenmann – und der zweite Grund für die Panik. Die selbsternannte neue Kraft fürs Land ist ein Drauflosfabulierer. Die Worte fallen ihm in hoher Geschwindigkeit aus dem Mund, offenbar ungehindert durch das Team, das ihn eng begleitet, allen voran der frühere Staatsminister Christoph Palmer (CDU), der wissen müsste, dass die Welt nicht Pippi Langstrumpf ist. Doch immer wieder hieß es, das größte Manko Hagels sei seine Unbekanntheit.

Dieses Problem ist gelöst. Dank einer Schülerin namens "Eva", einer phantomhaften Gestalt, die im Netz und darüber hinaus Millionen Menschen beschäftigt hat. Mit hohem Wirkungsgrad, wenn auch anders gedacht als geschehen. Aber kann es sein, dass es diese Realschülerin "Eva" nie gegeben hat? Dass Hagel das Mädchen erfunden hat? Eine steile These gewiss, aber plausibel, weil er "Eva" dringend für seine Erzählung brauchte, die da lautet: Ich, Manuel Hagel, ich bin ganz anders als die anderen Politiker.

Die Geschichte von "Eva mit den rehbraunen Augen", Februar 2018.

Die Story vom Februar 2018 lohnt auf jeden Fall der Rezeption. Denn "Eva" soll, laut Hagel, beim Besuch in einer Schule zu ihm gesagt haben, "Herr Hagel, als ich gehört hab', dass Sie heute kommen, wollt' ich gar nicht kommen". Die Politiker sähen alle gleich aus, schwätzten alle das Gleiche und wenn man etwas frage, kriege man "keine g'scheite Antwort", habe die damals 16-Jährige geschimpft. Zwei Stunden will er dann mit den Berufsschüler:innen ("80 Prozent Mädchen") diskutiert haben, "echt super", wie er sich selbst bescheinigt. Die erste Fragestellerin werde er nie vergessen: "Sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen." Ein Augenschmaus für einen 29 Jahre alten Politiker. So weit so bekannt.

Acht Jahre später, am 1. März 2026, meldet die "Bildzeitung", sie habe diese "Eva" in einem Ehinger Teilort entdeckt. Nicht leibhaftig, aber immerhin ihre Tante, die über ihre Mobilnummer verfügt, anruft und auf laut stellt. Die junge Frau, inzwischen 23, bestätigt, sie habe braune Augen, "von mir aus auch rehbraune". Danach habe das Gespräch allerdings eine "wenig erbauliche Wendung" genommen, räumt das Boulevardblatt ein und zitiert seine "Eva" mit den Worten: "Kann schon sein, dass er damals bei uns in der Klasse war. Aber ich erinnere mich nicht an ihn." Alles Fake?

Die Nähe zu rechtskonservativen Fundis fällt auf

Das Video von 2018 atmet den Muff jener Jahre, in denen Hagel einem großen Vorbild nacheifert. Gemeint ist Sebastian Kurz (ÖVP), der frühere österreichische Bundeskanzler und heutige Kompagnon rechtslibertärer Figuren wie Peter Thiel von Palantir. Äußerlich mit dem typischen zurückgegelten Haar, inhaltlich mit klaren rechtskonservativen Ansagen, emotional als nicht zu bremsender Aufsteiger – die Alternative zum herkömmlichen Politikbetrieb. Über Kinder habe man gesprochen, berichtet Hagel von einem Kneipenbesuch mit Kurz in Stuttgart im Juli 2024, was ihm offenbar ein stets drängendes Thema ist.

Seine drei Buben fehlen in kaum einer Rede, ebenso wenig Posts zum Muttertag, Fotos vor dem Christbaum, gerne auch ohne Brille. Den ideologischen Überbau liefert er in erzkatholischen Fundi-Publikationen wie der Würzburger "Tagespost", dem rechtskonservativen US-Portal EWTN-TV, in dem Donald Trump gegen Schwangerschaftsabbrüche hetzen darf, als Redner beim evangelikalen "Kongreß Christlicher Führungskräfte" (KCF), als Promoter der Lebensschützer, dessen Glaube verlangt zu glauben, dass uns Christus auch im ungeborenen Menschen "begegnet". Beobachter der Szene registrieren jetzt auch eine interessante Personalie in Hagels Umfeld. Es ist seine Direktorin Digital Campaigning, Julia Fleiner, die für den CDU-Landtagswahlkampf engagiert worden ist. Auf der Seite des evangelikalen Pfadfindervereins "Royal Rangers" wird sie als Regionalleiterin gelistet. 

Wie ernst das zu nehmen ist, weiß wahrscheinlich nur der liebe Gott oder sein ziemlich bester Freund Sebastian Kurz, in dessen Heimatstadt Wien ein Begriff beheimatet ist, der bestens passt zu dem schwäbischen Epigonen und diesen übertriebenen Hang zu Märchen charmant beschreibt: G'schicht'ldrucker. Das ist ein Mensch mit Fabulierlust, dem bei der Balance zwischen Dichtung und Wahrheit nicht schwindlig wird, der immer wieder oder zumindest sehr lange Zeit mit dieser Tour davonkommt.

Die Liste dieser Stationen ist lang: Die elterliche Wohnung und der Stall des Opas mutieren zum Bauernhof, der Pferdehandel des Onkels wird zur agrarischen Tradition der hagelschen Sippe, aus sommerlichen Besuchen beim Opa wird eine bäuerliche Verwurzelung. Seine berufliche Laufbahn camoufliert er, wenn er beiläufig einfließen lässt, berufsbegleitend studiert zu haben oder dass es in seiner Familie üblich sei, vor dem Studium einen Beruf zu erlernen.

"Millionär, Sparkassenpräsident, Finanzminister"

Die Abschlusszeitung der Klasse 10c in der Realschule Ehingen rückt die Realität etwas näher. Dort steht, Manuel Hagels Traumjobs seien "Millionär, Sparkassenpräsident, Finanzminister", sein "Hassfach" sei Mathe, ein Lieblingsfach habe er nicht.

Oder nehmen wir den Klassiker Fußball. Jeder schwäbische Junge hat gekickt, "The normal one", also Manu, nie wirklich. Er hat Tennis gespielt und ist geritten und irgendwann dem VfB Stuttgart beigetreten. Das ist gutbürgerliches Freizeitprofil und hat nichts mit Bolzplatzromantik zu tun. Und trotzdem ist es natürlich ungeheuer lustig, wenn er beschreibt, wie er Jürgen Klopp auf dem Ulmer Bahnhof getroffen hat. Kurzversion: Auf einer Klassenfahrt 2005 hat ihn der Lehrer wegen seiner großen Gosch' aufgefordert zu fragen, ob er der berühmte Fußballtrainer sei? Klopp tätschelt ihm die Backe – wie einst die Oma – und mahnt: "Ja, immer viel Spätzle essen". Das sage viel über ihn aus, verrät Hagel bei der "Waiblinger Kreiszeitung" und alle lachen. Auch "Kloppo" hat ihn schon gemocht.

Salopp plaudert er über eine Begegnung mit Altkanzler Gerhard Schröder (SPD), die so gut passt zum "Agenda-Moment", den er fürs Land fordert und deren Details – wann hat er Schröder denn genau getroffen? Wo? Und warum? – aber im Dunkel bleiben müssen. Ebenso wie jene rund um Hagels Behauptung, der SWR habe ein Interview mit ihm nicht ausgestrahlt, weil er dabei nicht habe gendern wollen. Der Sender dementierte, und wer sich in der Medienwelt auch nur leidlich auskennt, kann bloß den Kopf schütteln über soviel "Ich mach' mir die Welt, wie sie mir gefällt".  

Warum tauchen Hagels Eltern nicht auf?

Erstaunlich wortkarg, um nicht zu sagen stumm, wird Hagel nur, wenn er von den Menschen erzählen soll, die sein Mantra ("Die Familie ist das Fundament") erst vollständig werden ließen. Nicht müde wird er zu betonen, dass man wissen müsse, woher man kommt, um zu wissen, wer man ist. Es geht ihm dringlich um Identität, oberschwäbische Heimat und prägende Personen. Eigentlich müssten seine Mutter Michaela und sein Vater Rudolf dazu gehören. Beide tauchen aber in keinem seiner Lebensläufe auf.

Bei näherer Betrachtung vor Ort findet man die Herkunftsfamilie ohne Schwierigkeiten. In der Berkacher Straße im Industriegebiet betreiben sie das Sportstudio "Sport X", nach eigenen Angaben der "coolste Club" der Stadt. Inhaber ist Julian Hagel, Manuels Bruder, Vater Rudolf (Rude) firmiert als Leiter der Abteilung "Fight Club", Mutter Michaela ist Chefin der "Group Fitness". Vor fünf Jahren gratulierte der CDU-Kreisverband Alb-Donau seinem Jubilar Rudolf Hagel noch zum 60. Geburtstag.

Warum also das Verschweigen? Julian Hagel kommt an die Rezeption im "Sport X", lächelt freundlich und bittet um Verständnis, dass er keine Auskunft geben kann. "Wenden Sie sich an Manu", sagt er. In familiären Angelegenheiten spreche nur sein Bruder, so sei es vereinbart. "Ich bin nur für den Sport zuständig." Kontext fragt bei Sohn Manuel nach den Gründen. Passt Rude, der alte Rocker und Harley-Fahrer, nicht ins Familienbild? Der Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten antwortet auch auf Nachfragen nicht.

Doch zurück zum Anfang, zu "Eva", der 16-Jährigen mit den "rehbraunen Augen". Dafür ist Hagel scharf kritisiert worden, vor allem Frauen haben ihm Sexismus vorgeworfen und daran erinnert, dass Charakterfragen nicht verjähren. Und sie haben danach gefragt, ob jemand, den offensichtlich "sexuelle Sentiments umtreiben", geeignet ist, ein Land zu führen? Hagel hat gesagt, das sei "Mist" gewesen und seine Frau Franziska habe ihm den "Kopf gewaschen". Sie bringt er gerne ins Spiel, wenn es argumentativ eng wird und ein moralischer Kompass angemahnt wird. Ob es nicht besser sei, wenn seine Gattin kandidieren würde, wird dann gefragt und zugleich offengelegt: In solchen Fällen fehlen Integrität und Empathie, stehen keine Textbausteine zur Verfügung, die sich in vorbereiteten Texten so gut anhören. "Das C ist unser Kompass und unsere Wurzel" zum Beispiel. Interessant wäre nun zu wissen, ob auch Franziska Hagel mit ihrer zugewiesenen Rolle als reinigender Beichtstuhl einverstanden ist.

Das Stichwort Beichtstuhl führt uns zu Harald Gehrig, dem Stadtpfarrer von Ehingen. Es ist der letzte Samstag im Februar, Vorabendmesse in St. Michael, Fastenzeit, und der Geistliche sagt, es sei nicht immer leicht, Christ zu sein bei all den Kriegen in der Welt. "Wo ist da Gott?" Die Frage ist berechtigt, die Antwort versichert, Gott sei auch im Dunkeln da. Danach sprechen wir in der Sakristei.

Gehrig, vor Ehingen bischöflicher Sekretär bei Gebhard Fürst in Rottenburg, ist voll des Lobes. Den prominentesten Sohn der Gemeinde kennt er seit 18 Jahren, nur Gutes ist ihm in dieser Zeit zu Ohren gekommen. Ministrant beim Opa, Kirchenbesucher, aktives Mitglied in der Gemeinde St. Blasius – ein den Menschen zugewandter Mensch. Auch die Causa "Eva" bringt Gehrig nicht durcheinander. Er stehe Hagel "vollkommen positiv" gegenüber, versichert der Mann Gottes, besonders in den letzten Tagen vor der Wahl. Generalsekretär Tobias Vogt sollte ihn noch schnell in sein Team aufnehmen.

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