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AfD-Programm zur Bildungspolitik

Homeschooling statt Schulpflicht

AfD-Programm zur Bildungspolitik: Homeschooling statt Schulpflicht
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Sie will die Schulpflicht abschaffen, einen Numerus Clausus für die fünften Klassen, und Vielfalt ist ihr auch in der Schule ein Dorn im Auge. Die AfD Baden-Württemberg setzt in ihrem Wahlprogramm zur Landtagswahl auf ein elitäres Bildungssystem und Hurra-Patriotismus.

"Erste Hilfe für unser Land" verspricht die AfD in ihrem Landtagswahlprogramm und droht damit, "in den ersten hundert Tagen eine fundamentale Überarbeitung der Lehrpläne in Auftrag" zu geben. Auf die Bildungspolitik hat eine Landesregierung direkt Zugriff und diese Möglichkeit will die AfD nutzen.Beim Landesparteitag in Hechingen im November propagierte ihr Spitzenkandidat Markus Frohnmaier eine Bildungswende unter den Schlagworten Leistung, Disziplin und Identität mit "Schwarz-Rot-Gold vor jeder Schule im Land". Eine auf einem positiven Nationalbild beruhende “deutsche Leitkultur” solle zentrales Ziel werden. Das Programm der AfD verrät, dass damit gemeint ist, die NS-kritische Erinnerungskultur "zugunsten einer Geschichtsbetrachtung aufzubrechen, die auch die positiven, identitätsstiftenden Aspekte deutscher Geschichte mit umfasst". NS-Verbrechen werden nicht geleugnet, sollen aber in den Hintergrund treten. Entsprechend hat die AfD im Landtag auch schon – erfolglos – beantragt, die Bezuschussung von Fahrten zu Erinnerungsstätten an NS-Verbrechen zu streichen und in eine Förderung von Fahrten zu "bedeutsamen Stätten der deutschen Geschichte" umzuwidmen.

In Schulen werden Kinder und Jugendliche geprägt, also will die AfD dort inhaltlich ihre Ideologie verankern. Kritische Lehrer:innen stören dabei. Im Zuge einer Welle von AfD-Meldeportalen hatte der damalige baden-württembergische Landtagsabgeordnete Stefan Räpple 2018 mit seiner Plattform "Mein Lehrer hetzt" aufgerufen, "politisch agierende Lehrer und Professoren" etwa durch Filmaufnahmen zu bespitzeln und zu melden. Wenig später richtete auch die Fraktion ein Denunziationsportal "Faire Schule" ein. Gemeldet werden sollte, wenn Lehrer sich abfällig über den amerikanischen Präsidenten Trump äußerten oder "beeinflussende Fragen im Bereich Geschichte" stellten. Die Vorstellung, dass jemand im Unterricht sitzt, mitschreibt und dann Kampagnen auslöst, führte zu erheblichem Widerstand, der die Plattformen letztlich zu Fall brachte. 2022 wurde Stefan Räpple zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, nachdem er in Mainz zum Sturz der Regierung aufgerufen und 2020 in Berlin versucht hatte, nach dem Vorbild der Trump-Fans mit einigen hundert Demonstranten den Reichstag zu stürmen.

Ausgerechnet Rainer Balzer, 2019 Mitinitiator des AfD-Denunziationsportals, schwärmte am 30.10.2025 in einem Video aus dem Trump-Land von der dortigen "Freiheit", während in Deutschland die Meinungsfreiheit unter "linken Petzportalen" begraben werde. Dabei verwandeln gerade in den USA Organisationen der MAGA-Bewegung "Schulen und Hochschulen in kulturelle Schlachtfelder", so der "Guardian" am 13.9.2025, und bezahlen Schüler und Studenten dafür, ihre "woken" Lehrkräfte zu bespitzeln. Bibliotheken werden "gesäubert", Maßnahmen gegen Diskriminierung können zur Streichung von Zuschüssen an Hochschulen führen.

Auch für Frohnmaier sind die USA Vorbild. Vor dem "New York Young Republican Club" beschwor er im Dezember vorigen Jahres eine US-Deutsche "Allianz" von "Patrioten" unter dem Motto "Make Germany Great Again". In Trump-Manier attackieren auch deutsche Rechtsextreme Schulleiter:innen und Lehrkräfte, aber auch Vereine und Kirchen. Rassismus-Aufklärung, Projekte für Gleichstellung und gesellschaftliche Vielfalt – muss alles weg, findet die AfD.

Einfalt statt Vielfalt

Schon in ihrem Wahlprogramm zur Landtagswahl 2021 hatte die AfD die bildungspolitische Leitperspektive "Bildung für Akzeptanz von Toleranz und Vielfalt" als Verstoß "gegen das Überwältigungsverbot" kritisiert. Doch kann es für Lehrkräfte eine die Menschenrechte ignorierende "Neutralität" geben? Das Überwältigungsverbot des "Beutelsbacher Konsenses" zur Gestaltung politischer Bildung meint eben nicht ein Verbot, Positionen wie die der AfD kritisch zu prüfen. Doch Lehrkräfte, die dies tun, werden von Rechtsaußen zunehmend unter Druck gesetzt, besonders in den sozialen Medien.

So unterstellte die AfD am 7. Juli vorigen Jahres in einer Kleinen Anfrage im Landtag (Drucksache 17/9105) dem Projekt "Schule der Vielfalt" einen Verstoß gegen das "Neutralitätsgebot und das Überwältigungsverbot" und wollte wissen, welche Schulen sich beteiligen. Engagement gegen Rassismus oder Regenbogen-Aufkleber auf einem Pädagogen-Laptop sind Anlässe für persönliche Angriffe. Gegen die Lehrerin und Vielfalts-Influencern Gina Waibel aus Nordbaden veranstalteten rechte Portale wie "Nius" im Wechselspiel mit lokalen AfD-Vertretern eine regelrechte Hetzjagd. Heute gibt Waibel Fortbildungen zum Thema Anti-Rassismus.

Die Gemeinderatsfraktion der AfD in Stuttgart stellte Vereine und Stadtteilkinos an den Pranger, da sie angeblich, etwa durch ihr Filmprogramm, "woke Propaganda" betrieben, "politisches Theater im Schafspelz des Gemeinwohls". In einem Antrag lehnte sie auch die "Lange Nacht der Demokratie" ab. Anderswo fordert die AfD, Vereinen die Gemeinnützigkeit zu entziehen, wenn sie zu Demonstrationen für Demokratie aufrufen oder Regenbogenfahnen hissen.

Auslese statt Förderung

Von einer "völkischen Elite" ist bei Thüringens Partei- und Fraktionschef Björn Höcke die Rede, das Programm der Südwest-AfD setzt "auf Exzellenz statt Gleichmacherei, auf Ordnung statt Chaos, auf deutsche Leitkultur statt Beliebigkeit". Da der bildungspolitische Teil des Wahlprogramms in weiten Teile vage bleibt, lohnt ein Blick in einen programmatischen Gesetzentwurf der AfD zur Änderung des Schulgesetzes vom November 2025 (Drucksache 17/9796). Darin setzt die Partei auf das angeblich bewährte dreigliedrige Schulsystem. Gemeinschaftsschulen kommen nicht mehr vor – aber dafür flächendeckend Hauptschulen, auch wenn es dafür schon lange weder Gebäude noch Lehrkräfte mehr gibt. In allen Schularten sollen "leistungshomogene" Klassen ohne Niveaudifferenzierung gebildet werden. Da war man im vorletzten Jahrhundert schon weiter.

Die verbindliche Grundschulempfehlung will der Gesetzentwurf der AfD rigoros verschärfen. "Eine gymnasiale Empfehlung nur mit einem Schnitt von 2,0", verdeutlichte die AfD bei der Einbringung des Antrags am 10. Dezember 2025. Für die Realschule soll ein Mindestschnitt von 2,5 in den Kernfächern Deutsch, Mathe und Sachunterricht Voraussetzung sein. Eine verbindliche Grundschulempfehlung für die Hauptschule würde erteilt, wenn der Durchschnitt unter 2,5 liegt. Im Ergebnis würde der AfD-Plan nicht nur Eltern jegliches Mitspracherecht entziehen, sondern vor allem die sozialen Selektion massiv verschärfen. Denn Kinder aus bildungsfernen oder migrantischen Familien tun sich schwer, bis zum Halbjahr der 4. Klasse Defizite aufzuholen und profitieren von integrativen Schulen. Die Selektion würde sich zusätzlich durch die Zuordnung zu Hauptschulen verstärken, die, so die Ergebnisse der PISA-Tests, spezifische Milieus herausbilden, die Entwicklungsunterschiede verstärken und nicht verringern.

Im Osten wird die AfD deutlicher

In Sachsen-Anhalt versucht die AfD gar nicht mehr, ihre Politik der Ausgrenzung zu verharmlosen. Der Entwurf ihres Regierungsprogramms – dort wird im September ein neuer Landtag gewählt – ist nicht nur in puncto Bildung eindeutig: Nationalstolz statt Vergangenheitsbewältigung, eine patriotische Wende auf allen Gebieten, in den Schulen vermittelt durch landesweit einheitliche, von der Regierung kontrollierte Lehrmaterialien. Das Deutsche Reich unter Bismarck soll wieder Vorbild sein, die Erinnerung an die siegreichen Kriege von 1866 und 1870 sollen gepflegt und alle gefallenen Soldaten als Zeichen der patriotischen Wende geehrt werden. Abweichungen wären Verstöße gegen die verlangte "politische Neutralität" der "Lehrer", die Erwähnung von Lehrerinnen wäre ein Verstoß gegen das Gender-Verbot. Und dazu wollen die Rechtsextremen eine Meldestelle im Bildungsministerium, die auf "Fehlverhalten von Lehrkräften und Schulleitern angemessen reagieren" kann.  (ek)

Auch durch Inklusion sollen nach AfD-Vorstellungen Schulen nicht "belastet" werden. Mit Ausnahme der Kinder mit nur körperlicher Behinderung sollen die betreffenden Kinder in eine Sonderschulen. Inklusion gilt der AfD nicht als Recht, wie es die UN-Behindertenrechtskonvention formuliert. Der Landtag lehnte am 28. Januar den Antrag der AfD erwartungsgemäß ab.

Weichgespültes Wahlprogramm

In ihrem für die Infostände bestimmten Landtagswahlprogramm unter dem Titel "Unser Land verdient ein Comeback" betreibt die AfD Selbstverharmlosung, redet von Eigenverantwortung, Flexibilisierung, Augenmaß. Ihre reale Politik aber, etwa bei der Steuerung des Zugangs zu den weiterführenden Schulen, verrät eine elitäre Agenda. Niemand wird sich gegen "Leistung, Wissen und Können" aussprechen. Doch tatsächlich negiert die rechtsextreme Partei Vielfalt und lehnt individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen ab. Neu im Landtagswahlprogramm ist die Forderung, die Schulpflicht abzuschaffen – also eine der größten sozialen Errungenschaften der Moderne. Die Rechtsextremen fordern stattdessen eine Bildungspflicht, also Homeschooling, wie es die fundamentalistische amerikanische Rechte unterstützt, für die Frauen nicht in den Beruf gehören, sondern für Familie und Kindererziehung zuständig sind.

Die AfD im Land fordert zudem gegen jede wissenschaftliche Expertise, dass Kinder unter dem "muttersprachlichen Niveau" getrennt in "Sprachklassen" unterrichtet werden. Nach dem europäischen Referenzrahmen entspricht ein "muttersprachliches Niveau" der nahezu perfekten Beherrschung der Hochsprache. Eine solch sozialdarwinistische Position ist Grundzug der AfD-Bildungspolitik: leistungsschwächere, behinderte, migrantische, auffällige Kinder dürfen die Stärkeren nicht aufhalten und sollen aussortiert werden. "Gleichmacherei" und "Bildungssozialismus" sind der AfD Kampfbegriffe gegen die Förderung benachteiligter Schülerinnen und Schüler.

Auch in der Bildungspolitik ist also jenes vom Ökonomen Marcel Fratzscher analysierte "AfD-Paradox" festzustellen, dass "Menschen, die die AfD unterstützen, am stärksten unter der AfD-Politik leiden würden". Bevorzugt die AfD in der Sozialpolitik die Spitzenverdiener, so bevorzugt ihre Bildungspolitik jene Bildungseliten, zu denen das AfD-Elektorat gerade nicht gehört: Weit überdurchschnittlich wird die Rechtspartei von Armen oder Menschen aus der "unteren Mitte" gewählt. Offenbar realisieren viele AfD-Wähler:innen nicht, dass die von der AfD geforderten Hürden nicht nur die als Konkurrenz gesehenen Migrant:innen, sondern auch die eigenen Kinder benachteiligen oder gar marginalisieren würden.


Der ehemalige Schulleiter Erhard Korn ist aktiv in der GEW und stellvertretender Vorsitzender der Rosa Luxemburg Stiftung Baden-Württemberg.

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3 Kommentare verfügbar

  • Sabine Hofmann-Stadtländer
    vor 2 Stunden
    Antworten
    Laut Wahlprogramm sollen an den Schulen "Leistung, Disziplin und ein Verhaltenskodex" eingeführt werden. Als ich das neulich in einer vereinsinternen politischen Diskussionsrunde" zum Besten gab, wurde gleich von mehreren Teilnehmer*innen eingeworfen, ob man wieder in Zweierreihen antreten oder die…
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