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Kommunalwahl in Stuttgart

"CDU-Kampagne macht viel kaputt"

Kommunalwahl in Stuttgart: "CDU-Kampagne macht viel kaputt"
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Seit 2009 gibt es im Stuttgarter Gemeinderat eine ökosoziale Mehrheit. Wird das auch nach der Kommunalwahl am Sonntag noch so sein? Fünf Stadträt:innen im Kontext-Gespräch über die bevorstehende Wahl, den Wahlkampf und die bisherige Zusammenarbeit.

Wer Stadträt:innen einlädt, die sich im linken und/oder ökologischen Lager verorten, braucht in Stuttgart einen großen Tisch: Während Petra Rühle die Grünen (14 Sitze) und Jasmin Meergans die SPD (7 Sitze) als Fraktionsvorsitzende vertreten, spiegeln Hannes Rockenbauch (Stuttgart Ökologisch Sozial, SÖS), Luigi Pantisano (Linke) und Thorsten "Putte" Puttenat (Die Stadtisten) nur einen kleinen Teil der übrigen Listenvielfalt wider: Rockenbauch ist Vorsitzender der sechsköpfigen Fraktionsgemeinschaft "Die FrAktion", der auch Pantisano angehört und neben weiteren Rät:innen der SÖS und Linken auch noch je ein Vertreter der Piratenpartei und der Tierschutzpartei. Puttenat wiederum ist Co-Fraktionsvorsitzender der fünfköpfigen Puls-Fraktion, der neben einer weiteren Stadtistin auch noch Mitglieder der Jungen Liste Stuttgart, der Klimaliste0711 und von Die Partei angehören. Nach der Wahl 2009 war das noch übersichtlicher – da gab es neben Grünen und SPD nur eine fünfköpfige SÖS-Linke-Fraktion. Linke Grabenkämpfe bleiben aber zumindest bei der Runde in der Kontext-Redaktion allerhöchstens angedeutet, das Klima ist freundschaftlich, per Du sind sowieso alle.

Die Zeichen stehen offenbar auf Polarisierung: Auf ihren Wahlplakaten zur Kommunalwahl hat die Stuttgarter CDU die links-grüne Mehrheit im Gemeinderat zum Hauptfeind erklärt. Wobei der sogenannte ökosoziale Block ja auch kein homogener, immer einheitlich abstimmender Block ist. Wie lief denn die Zusammenarbeit in den vergangenen 15 Jahren? Und wie sind eure Erwartungen zur kommenden Wahl?

Luigi Pantisano (Linke/FrAktion): Das Grundlegende im Gemeinderat ist ja, dass ein Großteil der Beschlüsse – ich würde sagen, etwa 90 Prozent – einstimmig getroffen werden. Dann gibt es von den zehn Prozent, die übrig bleiben, fünf, sechs, sieben Prozent, bei denen wir inhaltlich eine ökosoziale Mehrheit haben, etwa bei Klimathemen, Verkehrs- oder sozialen Themen. Da läuft die Zusammenarbeit meist gut. Wo es gar nicht klappt, ist bei Haushaltsberatungen – wenn es ums große Geld geht und um die langfristigen Richtungsentscheidungen. Da gehen dann SPD, Grüne und Puls stärker auf CDU und FDP zu. Außerdem sehen wir als Linke unsere Rolle schon auch als Opposition zum Oberbürgermeister und zur Verwaltung, und entsprechend auch, wenn SPD und Grüne und die anderen Fraktionen auf einer Linie sind bei Themen wie dem Verkauf von städtischen Grundstücken. Da sagen wir: Nein, das ist falsch und das lehnen wir ab.

Petra Rühle (Grüne): Im Gemeinderat gibt es halt keine Regierung und deswegen auch keine Opposition. Also ist die Frage von Mehrheiten immer eine sehr volatile. In grundlegender Opposition zur Verwaltung sehen wir uns nicht – wir sind zwar nicht immer der gleichen Meinung, aber man muss auf jeden Fall gut zusammenarbeiten, sonst kriegt man auf Dauer nichts hin. Jetzt hatten wir zum Beispiel das Thema Klimamobilitätsplan, wo es dringend nötig war, entsprechende Anpassungen in Richtung Klimaneutralität vorzunehmen. Und da haben wir wirklich eine gute Zusammenarbeit als Ökosoziale im Rat und konnten uns einig werden, auch gegen den Widerstand gerade von CDU, Freien Wählern, FDP. Der Haushalt ist aber eine ganz andere Thematik. Es gibt Unterschiede, ob sich Zusatzwünsche auf 8,5 Millionen oder 3,5 Milliarden Euro summieren. Uns ist wichtig, dass wir einen Haushalt nachhaltig aufstellen. Was hilft es, wenn die Stadt nach vier Jahren pleite ist?

Weniger dreckiger Verkehr

Stuttgart ist Modellkommune für den Klimamobilitätsplan. Damit soll bis 2030 der CO2-Ausstoß im Verkehr um 46 Prozent reduziert werden (im Vergleich zu 2010). Mit dem Plan bekommt die Stadt vom Land zusätzliches Fördergeld. Sei es der Superblock im Stuttgarter Westen, seien es Lastenfahrräder zum Ausleihen für Familien, mehr saubere Busse, Straßenbahnnetzausbau – im Klimamobilitätsplan sind mehr als 70 Maßnahmen aufgelistet. Im vergangenen Mai beschloss der Gemeinderat ein konkretes Paket inklusive Finanzierung(lee)

Hannes Rockenbauch (SÖS/FrAktion): Als ich vor 20 Jahren angefangen habe, war ich bei vielen Themen alleine im Gemeinderat. Zum Beispiel wollte keine Fraktion kommunale Stadtwerke, die waren gerade frisch verkauft, privatisiert. Und heute haben wir wieder Stadtwerke. Also, da erleben wir Schritte, die in die richtige Richtung gehen bei der kommunalen Daseinsfürsorge. Der große Unterschied ist, wie wir die Dringlichkeit einstufen und dass wir bei SÖS gerne größere Schritte gehen wollten. Ich glaube, wir haben nicht mehr so viel Zeit angesichts der Klimakrise und auch der Frage des sozialen Zusammenhalts. Beispiel Fahrverbote: Die kamen, weil wir die Verkehrswende nicht schnell genug geschafft haben. Und so ähnlich wird es irgendwann auch beim Klima kommen – und dann mit Maßnahmen, die den sozialen Zusammenhalt noch mehr gefährden. Wenn man guckt, was es auf kommunaler Ebene alles bräuchte, um den Herausforderungen gerecht zu werden, und das summiert, dann ist das natürlich viel Geld und alles auf einmal nicht finanzierbar. Wir wollen dafür aber klar Prioritäten setzen. Wie wäre es zum Beispiel, wenn Menschen ab sofort erleben könnten, wie es ist, wenn sie im Nahverkehr nichts bezahlen müssen? Ich denke, dann merken sie, dass die Stadt sich kümmert und dass die Verkehrswende ihnen etwas bringt, dass Klimaschutz auch mal was billiger und einfacher macht. Ich glaube, solche Erfahrungen wären ein riesengroßer Gewinn für unsere Stadt. Deswegen wollen wir raus aus der Logik der kleinen Schritte.

Thorsten Puttenat (Stadtisten/Puls-Fraktion): Das war ja jetzt meine erste Amtszeit im Gemeinderat. Und ich bin sehr froh, wie die Seite links von der Mitte zusammenarbeitet. Klar gibt es Detaildiskussionen. Und beim Haushalt gebe ich Petra auf jeden Fall recht. Da sage ich immer: Beim Hannes spielt Geld eigentlich nicht so eine Rolle. Beim Thema Bodenverkäufe sind sich dann die FrAktion und Puls meistens einig und sagen: Nein, gar nicht verkaufen. Das sehen Grüne und SPD dann vielleicht anders. Aber ich ertappe mich in letzter Zeit immer wieder bei dem Gedanken – das ist eine richtige Angst! –, dass wir uns in ein paar Monaten denken: Wow, waren das geile fünf Jahre. Da waren wir so oft beieinander, da haben wir die Stadt vorangetrieben. Aber diese Wahl jetzt ist so unberechenbar. Deshalb ist echt schwer zu sagen, was machbar sein wird mit der neuen Zusammensetzung.

Rockenbauch: Kurzer Einwurf: Ich habe immer versprochen, dass unsere Vorschläge zum Haushalt am Ende genehmigungsfähig sind.

Neue Bodenpolitik auch mit Investoren

Im Mai 2022 beschloss der Gemeinderat eine neue Bodenpolitik. Vorausgegangen waren jahrelange Verhandlungen unter den Fraktionen und mit der Verwaltung, am Ende stimmten alle außer dem Linksbündnis zu. Mit dem Grundsatzbeschluss soll die Stadt aktiver beim An- und Verkauf von Grundstücken werden. Ziel ist, die Bodenspekulation zu ver- oder wenigstens zu behindern. Die Fraktion stimmte dagegen, weil sie darauf beharrte, dass auf städtischem Grund keine Eigentumswohnungen mehr gebaut werden dürfen. Außerdem kritisierte sie, dass weiterhin Bodenverkäufe an Investoren möglich sind; sie wollte Verkäufe nur an die SWG und an Wohnungsbaugenossenschaften erlauben.  (lee)

Jasmin Meergans (SPD): Hannes, ich habe noch einen Satz von dir im Kopf: "Genehmigungsfähig ist das, was ich darunter verstehe." Da unterscheidet sich das Verständnis der kommunalen Haushaltspolitik. Von daher: Ja, der Haushalt ist sicher im ökosozialen Lager unsere Achillesferse. Und das schmerzt mich auch am meisten. Ich würde viel lieber Haushalt in dieser Runde machen, weil uns, glaube ich, inhaltlich viel mehr verbindet. Eigentlich müssten wir uns bei vielen Themen noch stärker annähern, sonst kann es laufen wie beim Grundsatzbeschluss für die Bodenpolitik. Da ist ja erst mal gut, dass wir nicht mehr blind alles ausverkaufen an Grundstücken, was die Stadt zu bieten hat. Aber in der Debatte hat sich abgezeichnet, dass es im ökosozialen Spektrum im Wesentlichen drei Abstufungen gibt, wie weit man da gehen möchte, inwieweit man noch Grundstücke verkauft. Aber am Ende gab es keine Einigung. Und letztlich hat dann die rechteste Option eine Mehrheit bekommen. Was jetzt den Wahltag angeht, bin ich noch ganz zuversichtlich: Ich glaube nicht, dass sich die Mehrheitsverhältnisse drehen.

Welchen Eindruck habt ihr denn im Gespräch mit Stuttgarterinnen und Stuttgartern: Gibt es eine große Wechselstimmung? Wie hat sich der Wahlkampf verändert? Muss man jetzt verstärkt damit rechnen, beleidigt oder sogar attackiert zu werden?

Pantisano: Was sich klar geändert hat, ist das Verhältnis untereinander im Gemeinderat, insbesondere zur CDU. Das war für mich in meiner ersten Amtszeit 2016 bis 2019 das Erstaunliche: Dass ich oft den Eindruck hatte, ich kann die CDU eher für manche Sozialthemen gewinnen als die Grünen. Auf jeden Fall konnte man in der Sache zusammenarbeiten. Das hat sich seit zwei Jahren komplett geändert. Die aktuelle Kampagne der CDU hat viel kaputt gemacht. Die haben die gesamte Stadt zuplakatiert mit: Die Grün-Linken sind das eigentliche gesellschaftliche Problem in der Stadt. Nicht Klima, nicht Kriege, nicht Krise. Nee, das sind diese faulen Säcke im Gemeinderat. Die müssen weg. Und dann geht man weiter zur Tat. Da gibt es für mich schon einen engen Zusammenhang zwischen den Angriffen gegen mich oder gegen Gabi Munk von den Grünen. Etwa wenn ein Autofahrer einem zuruft: "Euch Linke sollte man töten", oder gar aussteigt und sagt: "Euch sollte man aufhängen". Und dann zu sagen, okay, wir arbeiten in den nächsten fünf Jahren auch mal mit der CDU zusammen … also das wird nicht so einfach.

Rühle: Ich bin ja schon lange in der Politik und ich hatte schon ganz andere Wahlkämpfe mit sehr viel mehr Angriffen, also da ist man einiges gewöhnt. An den Infoständen habe ich bisher eigentlich eine gute Stimmung wahrgenommen, aber das ist je nach Ecke auch unterschiedlich. Stuttgart-Ost läuft zum Beispiel super. In Pfaffenäcker gibt es offensichtlich Probleme. Und klar, die CDU-Kampagne macht natürlich auch was. Wobei die für Menschen, die sich mit Kommunalpolitik auskennen, vor allem peinlich ist. Jetzt zu behaupten: 15 Jahre lang konnten wir überhaupt nichts machen wegen der links-grünen Mehrheit – die CDU war doch die zweitstärkste Kraft im Gemeinderat …

Rockenbauch: Einen schwarz-grünen Haushalt gab's ja auch mal.

Rühle: Bingo! Und das ist ja nur eine der Peinlichkeiten. Auch bei einzelnen Beschlüssen: Also wenn man da seit 15 Jahren nichts hingekriegt hat, muss man sich verdammt blöd angestellt haben. Aber gut, es kamen auch nicht sehr viele Ideen von der CDU.

Meergans: Vor allem haben sie doch zum Doppelhaushalt 2022/23 eine Broschüre rausgegeben, was sie alles bewegt haben – obwohl die CDU da auch Teil des Haushaltsbündnisses war. So viel zur "grün-linken Mehrheit". Und nach den jüngsten Haushaltsberatungen wurde ein Schreiben an die Kitas versendet, in dem die CDU-Fraktion die verbesserte Kita-Förderung für sich reklamiert, obwohl sie den Haushalt in Gänze abgelehnt hat.

Rühle: Und jetzt bei ihrer Wahlkampagne sind sie wiederum der Meinung, sie hätten ja gar nichts tun können, deswegen brauchen sie jetzt alle Stimmen. Auf der einen Seite ist das Wahlkampf. Das Gefährliche finde ich eher, wann das Ganze angefangen hat: schon vor über einem Jahr. Da ging es um die Unterbringung Geflüchteter, und sie haben den bisher geltenden demokratischen Kompromiss aufgekündigt: Indem sie keine neuen Unterbringungsplätze schaffen wollen, haben sie sich schlicht und ergreifend entfernt von einer Pflichtaufgabe der Kommune, von der humanitären Aufgabe ganz zu schweigen. Wenn wir alle über ein Jahr vorher mit dem Wahlkampf anfangen, sind wir irgendwann nicht mehr handlungsfähig.

Rockenbauch: Maximilian Mörseburg [CDU-Bundestagsabgeordneter aus Stuttgart, 2019 bis 2021 im Gemeinderat] war einer der ersten, der im Gemeinderat Seenotrettung als Schlepperei bezeichnet hat, im April 2020. Das zeigt, wie sich gerade andere Kräfte durchsetzen in der CDU: viele aus der Jungen Union, die dem Friedrich-Merz-Flügel angehören.

Puttenat: Das ist ein Satz, den ich nicht gerne sage. Aber es ist de facto so, dass wir die CDU brauchen. Und jetzt gerade hat der laute und krawallige Friedrich-Merz-Flügel die Oberhand. Aber wenn wir mal von der Ratsfraktion ausgehen oder auch den Bezirksbeiräten, ist es ja nicht so, dass da alle auf Linie sind. Es gibt Leute, die sagen: Oh Gott, sprich mich bitte nicht auf unsere Plakate an. Aber das bringt am Ende alles nichts, weil es einfach atmosphärisch sehr, sehr viel verändert und die Zusammenarbeit erschwert.

Meergans: Noch mal zur Stimmung im Wahlkampf. Sie kommt mir so unaufgeregt freundlich vor. Was unsere Aktionen angeht, habe ich persönlich noch keinen Wahlkampf erlebt mit so wenig pöbelnden Menschen, die dann auch gezielt zu den Ständen kommen. Viel mehr Menschen nehmen Flyer mit als in der Vergangenheit. Auch beim Haustürwahlkampf: Selten habe ich so wenig Türen vor der Nase zugeschlagen bekommen. Gleichzeitig gibt es aber auch Angriffe und Anfeindungen, die in Stuttgart zum Glück nicht so massiv waren. Was hier aber neu ist: Dass ganz viele Plakate gegen rechts mit Hakenkreuzen beschmiert sind, teilweise dann auch wieder durchgestrichen. Olaf Scholz hat auf allen möglichen Großplakaten Hitlerbärte und so, das ist ein Ausmaß, das haben wir bisher nicht gehabt.

Ist im Gemeinderat ebenfalls mit einem sichtbaren Rechtsruck zu rechnen?

Pantisano: Weit vorne auf der AfD-Liste sind Typen wie Thomas Rosspacher, der meint, dass Remigration, also Deportationen, Wohnraum schaffen. Das ist schon übel. Und da stellt sich schon die Frage: Wie wird sich das konservativ-rechte Lager im neuen Gemeinderat abgrenzen von diesen Nazis, die da kommen werden? Da kommen Aussagen von der CDU, die darauf hindeuten, dass ihnen eigentlich scheißegal ist, wenn sie mit der AfD Mehrheiten hinbekommen.

Puttenat: Da musst du aber jetzt differenzieren, Luigi.

Pantisano: Naja, Alexander Kotz [Fraktionsvorsitzender der CDU] sagt, es wird keine gemeinsamen Anträge mit der AfD geben. Aber um mit der lebenswerten Innenstadt Schluss zu machen, wie bei der Umsetzung von Tempo 20, oder wenn es um neue Flüchtlingsunterkünfte geht: Da müssen die sich vorher gar nicht abstimmen, da ist ja leicht vorherzusehen, wie die AfD abstimmen wird. Das ist eben das, was mir Angst macht: dass die Mehrheit kippt und diese Leute auf einmal entscheiden werden. Und da hat Kotz klargemacht, dass sie das in Kauf nehmen werden. Da überschreitet die CDU eine Grenze. Für mich ist die CDU raus aus der demokratischen Zusammenarbeit, wenn sie diese Stimmen der AfD mit einberechnet in ihren Anträgen – ob sie diese Anträge nun zusammen machen oder nicht.

Rühle: Also zumindest, was die AfD-Fraktion angeht, hat die ja kaum Anträge gestellt in den vergangenen Jahren. Und wenn ich mir die, die kommen werden, anschaue, mache ich mir um Anträge weiterhin keine großen Sorgen. Durch glorreichen Fleiß hat von denen noch niemand geglänzt. Das ist aber irrelevant. Das große Problem ist, dass da offen Rechtsradikale dabei sind, ein großer Unterschied zu dem, was wir bis jetzt haben. Und das wird auch im gesamten Umgang ein Riesenproblem werden.

Lebenswerte Innenstadt und B14

Im Oktober 2021 wurde das Konzept Lebenswerte Innenstadt beschlossen, um bis 2035 die Stadt innerhalb des Cityrings schöner für die Menschen zu machen. Dazu gehören Einschränkungen des Autoverkehrs, mehr Fußgängerzonen, mehr Tempo 20, mehr Bäume in Kübeln. Doch auch der Ring, also die B14, soll umgestaltet werden – Stichwort Kulturmeile. Bereits 2020 gewannen die Stuttgarter Büros asp Architekten und Koeber Landschaftsarchitekten dafür den ersten Preis. Dann passierte nichts. Erst jetzt, am 30. April 2024, sah sich der Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik in der Lage, einer vertieften Planung zuzustimmen. Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) ließ daraufhin per Pressemitteilung verkünden, man werde nun loslegen. Bis etwas konkret umgebaut wird, werden aber noch Jahre vergehen.  (lee)

Rockenbauch: Na ein paar Anträge haben die ja schon gestellt. Zum Beispiel, das Geld für Sozialwohnungen zu kürzen und es auf Eigentumswohnungen umzuverteilen. Ich glaube, Nazis und Rassisten gibt's unabhängig davon, was wir für eine Politik machen. Aber ob sie erfolgreich sind, ob sie mehrheitsfähig sind, hängt wahnsinnig von unserer Politik ab im Gemeinderat. Mit diesen 15 Jahren mit theoretischer Mehrheit – sie war ja nicht immer eine ökosoziale, sie war ja oft mit der CDU zusammen – hätten wir schon ein paar Sachen inhaltlich entschiedener voranbringen müssen, wie die lebenswerte Innenstadt, die Verkehrswende, die Energiewende, den Klimaschutz. Denn unsere Mehrheiten werden gerade nicht größer. Und unsere Maßnahmen müssen immer drastischer werden, weil wir Zeit verlieren und die Systemkrise eskaliert.

Puttenat: Jetzt klammerst du mir zu sehr die Verwaltung aus. Wir haben ganz viele Dinge beschlossen, die aber der Umsetzung harren. Das ist ein riesiges strukturelles Problem.

In der Stadtverwaltung sind etliche Stellen unbesetzt, viele Menschen, die für Stuttgart arbeiten, leben in Esslingen oder Ludwigsburg, weil es hier an bezahlbarem Wohnraum fehlt.

Meergans: Aus unserer Sicht als SPD hängen viele Probleme damit zusammen, dass man über viele Jahre die Verwaltung kaputtgespart hat. Das fängt bei den Arbeitsbedingungen an und bei der Situation, wie Liegenschaften aussehen. Die sind ganz eindrücklich im Bericht vom Personalrat beim Amt für öffentliche Ordnung. Da kommen die Bewerber in die Eberhardstraße 39, in dieses uralte Gebäude, laufen hoch, fragen, wofür die roten Eimer da sind – naja, weil es da reinregnet. Und sitzen dann in einem unterirdischen Besprechungszimmer zum Vorstellungsgespräch, fragen vielleicht mal nach Homeoffice und die Antwort ist: Naja, die E-Akte gibt es nicht, von daher ist das keine Option. Mit der Digitalisierung sind wir 20 Jahre zu spät dran. Dazu kommen natürlich die demografische Entwicklung und der generelle Arbeitskräftemangel, der sich ja über alle Berufsgruppen und Arbeitsfelder zieht.

Puttenat: Also es hat ja schon etwas Absurdes. Dass wir in jedem Doppelhaushalt noch mehr Stellen beschließen, die wir auch tatsächlich brauchen. Also, das ist richtig so. Gleichzeitig wissen wir aber gar nicht, wie wir die besetzt kriegen. Ich glaube, wir haben auch in der Verwaltung, in diesem Monsterapparat, ganz viele strukturelle Probleme, die auch menschliche Faktoren beeinflussen. Diese ganzen Top-Down-Prozesse: oben Bürgermeister A oder X, Bürgermeisterin C, Amtsleiterin, Referatsleiter und so weiter. Dann fehlt ganz oft auf den unteren Ebenen der Mut, Entscheidungen zu treffen, weil alle Schiss haben, dass sie eins auf den Deckel kriegen können. Aber auch unter den Bürgermeister:innen gibt es massive Probleme, weil ja viel interdisziplinär gearbeitet werden muss. Und das meine ich mit dem menschlichen Faktor. Wenn du Leute hast, die nicht gut miteinander können, dann kommt am Ende vielleicht auch nichts Gutes dabei raus.

Meergans: Du hast einen ganz Wichtigen vergessen: den Oberbürgermeister, den Chef der Verwaltung …

Puttenat: Wie heißt der nochmal? Nein, Spaß beiseite: Frank Nopper glänzt leider auch nicht durch Führungsqualitäten.

Rockenbauch: Wir warten jetzt seit vier Jahren, dass der Rahmenplan für die verkehrsberuhigte B14 vorankommt. Die Aufgaben sind gigantisch, wir brauchen dringend mehr Handlungsfähigkeit, um Daseinsvorsorge und Klima hinzukriegen. Da kann man von anderen Ländern lernen, die deutlich höhere Beschäftigungsquoten haben im Öffentlichen, wo Kommunen allerdings auch deutlich mehr Steuereinnahmen kriegen. Und auf den Führungsebenen bräuchte es Leute, die den Beschäftigten die Angst nehmen. Die auch Probleme lösen lassen, die Ideen und Kreativität zulassen und nicht verlangen, dass alles immer zum Chef hoch muss. Und wenn man mal ins Risiko geht, sollte man keine Angst haben müssen in dieser Hierarchie. Aber dieses Klima herrscht in der Verwaltung nicht. Da redest du mit dem einen Bürgermeister, der lästert über den anderen, dann gehst du zum anderen, und der lästert dann über den. Da bräuchte es schon einen Oberbürgermeister, der dieses Team organisiert, befähigt, anleitet und zusammenbringt.

Puttenat: Aber er kann es halt nicht. Er wird es auch nicht lernen.

Rockenbauch: Er will es nicht.

Meergans: Er macht es nicht, wir wissen nicht, ob er nicht will oder nicht kann.

Puttenat: Er kann es nicht.

Meergans: Er macht es auf jeden Fall nicht.

Pantisano: Wir haben einen völlig unfähigen Oberbürgermeister in dieser Stadt, der ausstrahlt auf Teile der Verwaltung. Wo sich manche denken: Die größte Sorge für den Chef ist, was zieht er beim Volksfest an, wenn er das nächste Fass Bier ansticht?

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12 Kommentare verfügbar

  • Jo Steiner
    vor 2 Wochen
    Antworten
    Wenn man sich das stellenweise völlig sinnfreie Gerede der Herren Rockenbauch und Pantisano anhört, so wird es höchste Zeit, dass diese Truppe in der Versenkung verschwindet und man in der Stadtführung zu Pragmatismus zurückfindet
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