KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Energiewende

Heidelbergs großer Klimaschwindel

Energiewende: Heidelbergs großer Klimaschwindel
|

Datum:

Seit rund 30 Jahren engagiert sich die Stadt Heidelberg im Klimaschutz. So stellt sie es zumindest dar. Erreicht worden ist wenig. Wer sich den Stand der Energiewende bei dieser selbsternannten Vorreiterin anschaut, ahnt, wie schlecht es in anderen deutschen Städten steht.

Andreas Gißler steht neben einer Baustelle im Süden von Heidelberg und analysiert den Baufortschritt beim Dach: "Die Dachkonstruktion ist vorbereitet. Man könnte loslegen mit dem Bau einer Photovoltaikanlage, wenn man's denn wollen würde."

Photovoltaikanlagen auf Dächern errichten – das ist eine von Gißlers Lieblingsbeschäftigungen. Zum Jahresbeginn hat er seinen Beruf als Lehrer für Biologie, Technik und Mathematik gekündigt, um sich dem auch hauptberuflich zu widmen, und zwar als Vorstand der Heidelberger Energiegenossenschaft. Vorher hatte er das ehrenamtlich gemacht. Die Genossenschaft hat rund 700 Mitglieder, und sie hat schon über 30 Photovoltaikanlagen errichtet. Gerne würde sie's auch auf einigen Dächern auf dem ehemaligen Kasernengelände der US-Armee tun.

Das größte Gebäude dieses Geländes gehört der Stadt und wird grundsaniert, um ein Kulturzentrum zu beherbergen. Eine Solaranlage soll nicht draufkommen, was der Stadtrat mit dem Denkmalschutz und einer unklaren Statik begründet. Gißler sieht das nicht ein, da das schon auf einem anderen Gebäude auf dem Gelände geklappt habe, trotz Denkmalschutz.

Gißlers Kritik am kommunalen Wohnungsunternehmen GGH, das die Entwicklung des Bauprojekts verantwortet, ist aber eine allgemeinere. Sie bezieht sich zum Beispiel auch auf das Quartier "Im Höllenstein". Dort hat die kommunale Firma in den letzten Jahren über 330 Wohnungen neu gebaut. Im Internet zeigt sie Bilder von den zwei Handvoll Gebäuden mit Flachdächern – Solaranlagen sind darauf nicht zu sehen. Desinteresse an der Energiewende sei ein prinzipielles Problem bei der GGH, meint Gißler: "Wir finden es wichtig, dass eine städtische Wohnungsbaugesellschaft auch energetisch vorbildhaft handelt, und beispielsweise standardmäßig alle Flächen mit Photovoltaikanlagen ausrüstet. Entweder selbst, oder über einen Partner wie die Stadtwerke oder uns."

Umweltbürgermeister: Die Stadt hat nachgesteuert

Heidelbergs Umweltbürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain lässt die Kritik am eigenen Wohnungsunternehmen gelten: "Die GGH hätte vielleicht in der Vergangenheit an der einen oder anderen Stelle mehr Photovoltaik aufbringen können. Aber wir versuchen ja immer, in die Zukunft zu gucken, und da ist die GGH anders aufgestellt. Sie hat eine enge Kooperation mit den Stadtwerken vereinbart und möchte bei allen Dächern, die in Zukunft entstehen, noch viel stärker auf den Photovoltaikausbau setzen." Die Stadt habe also "nachgesteuert", sagt der Grünen-Politiker, auch mit einem eigenen Fördertopf für Photovoltaikanlagen. Und seit 2020 schreibt sie da, wo sie kann, für Neubauten die Errichtung von Dachsolaranlagen vor.

Das kommt aber alles ziemlich spät angesichts des Anspruchs der Stadt an sich selbst. Schmidt-Lamontain formuliert ihn so: "Der Anspruch Heidelbergs ist schon, Vorreiter zu sein – einer der Vorreiter, wenn nicht gar der Vorreiter in Deutschland fürs Thema Klimaschutz." Er selbst ist erst seit 2020 Umweltbürgermeister, sagt aber, die Stadt widme sich seit rund 30 Jahren "intensiv" dem Klimaschutz.

Wie wird Heidelberg diesem Anspruch gerecht? "Nicht so sehr, wenn man sich andere Städte anguckt", findet Andreas Gißler. "Freiburg und Ulm beispielsweise haben bessere Zubauzahlen bei der Photovoltaik, und das sind schon Städte, mit denen man sich messen könnte."

Heidelberg produziert den offiziellen Zahlen zufolge nur etwa 2,5 Prozent seines Jahresstrombedarfs mit Photovoltaik. Der Wert ist übrigens gar nicht mal so schlecht. Die Stadt Dresden zum Beispiel kommt auf nur etwas mehr als ein Prozent. Die Ökostromerzeugung hat in Deutschland zwar ein ansehnliches Ausmaß erreicht – sie findet bisher aber überwiegend im ländlichen Raum statt. Die Städte haben da bisher nur sehr wenig getan. Da Windenergie in der Stadt kaum genutzt werden kann, muss schon jetzt von einem historischen und folgenschweren Versagen beim Ausbau der Solarenergie gesprochen werden.

Nachholbedarf auch bei Wärme und Radverkehr

Energiewende bedeutet nicht nur die Umstellung der Stromerzeugung. Die beiden anderen großen Bereiche sind die Wärme-Erzeugung und der Verkehr. Bei ersterem hat Heidelberg ein großes Problem. Fast die Hälfte der Heidelberger Wärme wird mit Öl und Gas erzeugt. Knapp die andere Hälfte ist Fernwärme. Die gilt zwar als tendenziell ökologischer, allerdings kommt fast die Hälfte davon aus dem Kohlekraftwerk Mannheim und 30 Prozent aus dem dortigen Müllheizkraftwerk. Bei der Müllverbrennung wird ebenfalls viel Kohlendioxid ausgestoßen. Dieser Ausstoß wird aber der Industrie zugerechnet, die die verbrannten Dinge hergestellt hat – nicht dem Kraftwerk. Als ökologisch kann das also nur aufgrund der Berechnungsweise gelten.

Das Kohlekraftwerk hat erst 2015 seinen neuesten und leistungsstärksten Block erhalten. Er wurde für eine Laufzeit von 40 Jahren gebaut, wie das Mannheimer Stadtwerk MVV auf Anfrage bestätigt. Allerdings sei mit der Stilllegung nun für 2034 zu rechnen. Die Heidelberger Kreisgruppe des Umweltschutzverbands BUND und das Umweltforum Mannheim hingegen haben erst Anfang März eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik in Kassel vorgestellt, der zufolge der Kohleausstieg für die regionale Wärmeversorgung bereits bis 2030 möglich ist.

Ein Problem beim Thema Wärme ist, dass viel zu wenige Häuser energetisch saniert werden. Dabei hat Heidelberg schon 1996 einen Ratgeber erarbeitet, der HauseigentümerInnen helfen soll, die Häuser energieeffizienter zu machen. Wer da reinliest, kann den Eindruck einer gewissen Aufbruchsstimmung bekommen, denn alle wichtigen städtischen Akteure von der damaligen Oberbürgermeisterin über das Handwerk und andere Wirtschaftsverbände bis hin zu Umweltschutzorganisationen zogen da anscheinend an einem Strang. Wie ist der Erfolg dieser Initiative heute, 25 Jahre später, einzuschätzen? "Deutlich zu gering", gibt Umweltbürgermeister Schmidt-Lamontain zu. "Das hat seine Ursache schlicht und ergreifend darin, dass man gewisse Zyklen hat, in denen man Häuser saniert, und diese Zyklen sind leider relativ lang, so dass solche Prozesse wirklich lange dauern." Dabei hat die Stadt sogar seit vielen Jahren ein eigenes Förderprogramm dafür.

Deutlich zu gering sind in Heidelberg auch die Bemühungen für die Fahrradinfrastruktur. Das findet zumindest Friederike Benjes. Unweit des Bahnhofs steht die promovierte Software-Entwicklerin an einer stark befahrenen Straße, die ihrer Ansicht nach einer der schlimmsten Orte in der Stadt für den Radverkehr ist: "Die Mittermeierstraße ist vierspurig für Autos. Es gibt einen schmalen Radweg, und daneben einen noch viel schmaleren Fußweg. Wenn Fußgehende zu zweit nebeneinander gehen, kann man mit dem Rad praktisch nicht mehr überholen. Wenn die dann noch eine unvorhergesehene Bewegung machen, fällt man auf die Straße und ist direkt überfahren." Dabei sei diese Straße wichtig für die vielen Menschen, die vom Bahnhof zur Universität radeln wollen.

Seit 1992 wohnt Benjes in Heidelberg. Die Fahrradinfrastruktur findet sie immer noch viel zu schlecht. Unfallstatistiken kennt die 54-Jährige nicht, sie stützt ihre Kritik auf ihre vielfältigen Erfahrungen. Sie hat drei Kinder großgezogen und sich aus Prinzip geweigert, mit ihnen im Auto durch die Stadt zu fahren, erzählt Benjes. So sei sie immer in Angst gewesen, wenn sie zu viert auf den Fahrrädern unterwegs waren. Die Mittermeierstraße habe sie ihren Kindern übrigens verboten.

Wegen ihrer Empörung über die städtische Verkehrspolitik und den Klimawandel ist Benjes nun Aktivistin. Sie hat 2020 sowohl die Initiative für ein lokales Klimaschutzbegehren mitgegründet als auch die für einen Radentscheid, also für bessere Fahrradinfrastruktur. Zudem hat sie sich für die neue Klimaliste für die Land- und die Bundestagswahl nominieren lassen.

Umweltbürgermeister Schmidt-Lamontain gibt zu, dass Heidelberg bei der Fahrradinfrastruktur Nachholbedarf hat: "Tatsächlich gibt es viele nebeneinander liegende Strategien, aber den großen Blick aufs Ganze muss man noch ein bisschen schärfen. Ein Zielnetz für den Radverkehr, wie es in vielen anderen Städten existiert, gibt es in Heidelberg nicht. Aber man muss nicht darauf warten, ein solches Konzept zu erstellen, um Maßnahmen umzusetzen. Das muss auch ein Stück weit parallel laufen." Der Grüne bittet um Verständnis: Die Rahmenbedingungen für Klimaschutz, die öffentliche Stimmung seien früher nicht immer so gewesen wie jetzt. Zudem seien den Kommunen bei vielen Dingen die Hände gebunden, etwa durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das Gebäudeenergiegesetz und auch die Straßenverkehrsordnung, die immer noch zu autofokussiert sei. Er wolle jedenfalls die kritischen Initiativen einbinden, sagt Schmidt-Lamontain, und hoffe auf positive Impulse von ihnen auf seine Verwaltung.

Druck aus der Zivilgesellschaft

Gehörigen Druck aus der Zivilgesellschaft gibt es in Heidelberg nun schon eine ganze Weile. "Die globalen Klimastreiks 2019 waren die größten Demonstrationen, die es je in Heidelberg gab, mit 10.000 Menschen im September und 9.000 im November", schreibt die Gruppe Fridays For Future Heidelberg in ihrem Internetauftritt. In der Folge kündigte der Stadtrat verschärfte Klimaschutzmaßnahmen in vielen Bereichen an – die aber noch unter einem Finanzierungsvorbehalt stehen – und rief den Klimanotstand aus.

Die von Friederike Benjes mitgegründete Initiative für ein lokales Klimaschutzbegehren sammelt nun Unterschriften, damit im September bei der Bundestagswahl auch ein sogenannter "Einwohnerantrag" abgestimmt wird, der für Heidelberg Klimaneutralität bis 2030 anstrebt, und zwar ohne die gängigen Ausgleichsmaßnahmen außerhalb Deutschlands. Schmidt-Lamontain glaubt nicht, dass das zu schaffen ist, ebensowenig wie das örtliche Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU), das seit vielen Jahren die städtischen Klimaschutzbemühungen analysiert. Die IFEU-Wissenschaftlerin Eva Rechsteiner sagt allerdings auf Anfrage, dass ein solches Vorziehen städtischer Klimaschutzziele – das sie übrigens in etlichen Kommunen als Folge des Drucks aus der Bevölkerung beobachtet – notwendig sei, damit überhaupt etwas Ambitioniertes unternommen wird.

Fazit: Trotz 30 Jahren Klimaschutzdiskurs der Heidelberger Stadtverwaltung wird die Solarstromerzeugung in der Stadt auch mittelfristig nur ein paar Prozent des jährlichen Strombedarfs betragen; das kommunale Wohnungsunternehmen hat sich bisher nicht sonderlich dafür interessiert; eine Solaranlagenpflicht für Neubauten gibt es erst seit 2020; viel zu wenige Gebäude werden energetisch saniert; noch 2015 begann ein langfristig angelegter Bezug von Fernwärme aus dem neuen Kohlekraftwerksblock in Mannheim, der über ein Fünftel der Wärmeversorgung der Stadt abdeckt; und ein umfassendes Konzept für eine Ausweitung des Fahrradverkehrs gibt es immer noch nicht. Wenn diese Stadt sich als Vorreiterin inszenieren kann, spricht das Bände über den Zustand der kommunalen Energiewende in Deutschland.

Erschwerend hinzu kommt: "Heidelberg ist wirklich wohlhabend und hat kaum Industrie – also sollte die Umstellung eigentlich nicht so schwierig sein", sagt Friederike Benjes. "Wenn so eine Stadt das nicht hinbekommt – wer denn sonst?"

Vielleicht Tübingen. Dort hat der Stadtrat im November 2020 einstimmig ein Konzept für die Klimaneutralität bis 2030 beschlossen. Er nennt es das bundesweit ehrgeizigste Konzept. Tübingen will sich bei Bund und Land als "Klimaschutzmodellkommune" bewerben, um Sonderrechte zu bekommen. Damit soll dann etwa ein Zwang zum Austausch aller Ölheizungen bis 2030 möglich sein, sowie eine generelle Dachsolaranlagenpflicht. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) hat in Sachen Klimaschutz seine eigene Partei scharf kritisiert. Das Greenpeace Magazin zitierte ihn in seiner März-Ausgabe mit den Sätzen: "Mit dem Thema Klimaschutz konntest du auf den Parteitagen in den letzten Jahren keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Wenn die Partei nicht bald ernst macht, droht ihr die Spaltung."


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


6 Kommentare verfügbar

  • Rocko
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Schön, dass es jemand merkt! :-) Heidelberg ist Bau-Weltmeister! (Gerne teuer und groß oder gleich Hotels, „Business Appartements“ statt kleine Wohnungen) Es scheint nur Wachstum zu zählen. HD ist aber nicht Berlin und das will hier auch niemand.

    Ganz großes greenwashing sind die 25 Steine auf…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!