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Winfried Kretschmann

Wunder der Natur

Winfried Kretschmann: Wunder der Natur
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"Jede Partei hat Kernthemen", sagt Winfried Kretschmann. Seine habe eines, das ihn "rundum erfreut" – und so sucht der studierte Biologe im Wald bei Sigmaringen den Sarcoscypha coccinea. Natürlich stapft der grüne Ministerpräsident nicht nur durch die Natur, sondern auch durch den Wahlkampf.

Tief unter dem kleinen Tross, der mit gehörigem Abstand den Ministerpräsidenten begleitet, die noch schmale Donau, rechts der Amalienfelsen und nirgends dieser scharlachrote Pilz. Gerade verteidigt er – mit giftgrüner FFP2-Maske, beschlagener Brille und doch unentwegt die Böschung mit Blicken absuchend – seine Kritik an der Euro-7-Norm der EU und warum es so wenig Sinn hat, die Daumenschrauben in der Abgasdebatte weiter anzuziehen: "Wenn ich noch den letzten Hof an die Kläranlage anschließe, hat das keinen Effekt mehr fürs saubere Wasser." Er wolle die Autoindustrie "transformieren, aber nicht ruinieren", sagt er, der im Guten wie im Bösen als Super-Realo verschrien ist.

Als im Spätwintergrün eine zinnoberfarbene Blüte aufblitzt, die gar keine ist, wird der argumentative Ritt durchs EU-Grenzwert-Regime abrupt unterbrochen. "So, jetzt haben wir ihn", sagt Kretschmann, dessen Leidenschaft schon so viele Fraktions- und andere Wanderungen gesprengt oder den Terminplan von Delegationsreisen durcheinandergebracht hat. Im Westjordanland auf einem in Laienaugen eher kahlen Berg oder in den Wäldern Kaliforniens erntet er damit höchste Bewunderung unter den Gastgebern. Jetzt spricht er von diesem Pilz, den er bei der ersten Begegnung für ein weggeworfenes Bonbonpapier hielt, "weil die Farbe bei uns in der Natur überhaupt nicht vorkommt, sondern nur bei Exoten aus Kanada".

Sein Pragmatismus kommt bei Klimaschützern nicht an

Diese Art Kelchbecherling ist extrem selten ("eine botanische Rarität"), gehört zu den bedrohten Arten und ist ausgerechnet hier im Fürstlichen Park von Inzigkofen massenhaft anzutreffen. "Wenn ich ihn sehe, lacht mein Herz", sagt der einstige Oberstudienrat und legt in seinem typischen Pädagogenduktus nach, als er merkt, dass die Inbrunst noch nicht wirklich übergesprungen ist auf seine Weggefährten. "Sie müssen das so sehen: Wenn Sie den gesehen haben, dann ist der Tag gerettet." Wie so manche seiner Wochenenden. Denn hier wandert er regelmäßig, ohne Kameras und Fotografen: "Manchmal kriege ich aber richtig Probleme, weil ich gar nicht unbefangen durch die Gegend gehen kann, sondern immer gucke, ob ich was entdecken kann, aber das kriege ich nicht mehr weg."

Er will nicht bloß suchen, sondern vor allem finden, und zwar Lösungen. Und zwar mit einem Pragmatismus, der ihn sowohl unter Kopfbahnhof-BefürworterInnen als auch – noch gefährlicher für seine Grünen – unter KlimaschützerInnen in Verruf gebracht hat. Diesen Pragmatismus kriegt er ebenfalls nicht mehr weg. Viele Geschichten kann er erzählen, die ihn als einen darstellen sollen, der sture Prinzipienreiterei nicht mag. Überzeugungen sind für ihn gut, wenn aber Dogmen daraus werden, die sich nicht mehr darum kümmern, dass der Mensch aus krummem Holze ist, wird er störrisch.

Eine unterstreicht die Herangehensweise ganz besonders: Die fünfköpfige Familie macht gerne Urlaub auf dem Bauernhof, einmal in Laiz, wo die Großeltern eine Hühnerfarm mit 600 Tieren betrieben, dicht an dicht in engen Käfigen, unvereinbar mit grüner Programmatik und den Überzeugungen des aufstrebenden Landtagsabgeordneten. Um den Schwiegereltern ebenfalls Freizeit zu ermöglichen, übernahm er dennoch alle anfallenden Arbeiten: mit Widerwillen und zugleich mit einem nüchternen Blick auf wirtschaftliche Notwendigkeiten. "Wer von der Eierproduktion leben will", sagte er einmal, "kommt ohne Käfighaltung in Probleme." Dieser Kampf ist inzwischen gewonnen. Seit 2012 ist Käfighaltung dieser Art EU-weit endgültig verboten.

Vieles andere dagegen nicht, gerade in der Umweltpolitik. "Der Vorwurf, dass wir zu langsam sind, stimmt", räumt Kretschmann ein, während er trittsicher dem steilen Abbruch des 29 Meter hohen Amalienfelsens ziemlich nahekommt. "Und dass wir das ändern müssten, stimmt auch. Ich würde nur gerne wissen, wie." Er sei froh, dass die Jugend auf der Straße ist und Druck macht für ihre ambitionierten Ziele. Denen könne er aber leider nur viel zu selten folgen, denn: "Politik fängt an mit der Suche nach Instrumenten, Bündnispartnern und Mehrheiten." Dass junge KlimaaktivistInnen da nicht mitmachen wollen, hält er geradezu für selbstverständlich: "Ich bin für die politisch und physiologisch ein Opa, und es wäre höchst erstaunlich, würden die so ticken wie ich."

Blüht hübsch, riecht streng: Die stinkende Nieswurz

Noch so ein Gedanke, der erst einmal nicht weiter geführt werden kann in der milchigen Frühlings-Sonne. "Das ist die stinkende Nieswurz, die heißt so, weil sie unangenehm riecht, sie ist verwandt mit der Christrose, steht im Reitzenstein-Park, ist eine wunderbare Gartenpflanze und einer der ersten Boten, die uns zeigen, dass der Frühling naht …" Und so weiter und so fort sprudelt die Quelle eines botanischen Wissens, das so viel mehr beschreibt als ein Hobby.

Aus Liebe zur Natur zählte Kretschmann vor 42 Jahren zu den Mitbegründern seiner Partei. Im selben Geiste hat er 2011 versprochen, den Erhalt der Biodiversität ins Zentrum der Landespolitik zu rücken. Ein Begriff, bei dem andere hätten nachschlagen müssen. Und deshalb sind die Ausgaben für den Naturschutz in den zehn Jahren seines Regiments in Baden-Württemberg verdreifacht worden, auf 90 Millionen Euro jährlich. 2.300 Projekte wurden allein dank des bundesweit einmaligen Sonderprogramms zur Stärkung der biologischen Vielfalt angestoßen, es gibt Biotopverbünde, Moorrenaturierungen oder spezielle Schutzmaßnahmen für besonders gefährdete Tier- und Pflanzenarten.

Ein Biodiversitätsstärkungsgesetz des Landes ist verabschiedet, das den Einsatz von Pflanzenschutzmittel um mindestens 40 Prozent bis 2030 drosseln und den Anteil des ökologischen Landbaus auf mindestens 30 Prozent bringen will, das den Erhalt von Streuobstwiesen vorsieht, ein Verbot von Schottergärten oder die Maßgabe, Beleuchtungen zu installieren, die das Prädikat insektenfreundlich verdienen.

Beim Tempo des Klimawandels packt ihn der Zweifel

Aber der ganze Erdball braucht ein Wunder oder am besten gleich mehrere: "Wenn man das Tempo des Wandels sieht, wie die Gletscher verschwinden oder wie der Permafrost auftaut, packt einen der Zweifel". Am 3. März ist der "Tag des Artenschutzes". Die Insekten sterben auch in Baden-Württemberg. Im Studium an der Uni Hohenheim mussten anno dazumal Käfer bestimmt werden, mit dem Käscher zogen die Studenten über die Alb, da sei nichts zu spüren gewesen von Insektenmangel. Die Wiesen gibt es nicht mehr und nicht die Kinder, die zu Fronleichnam am Feldrand Blumen pflückten. Wunder will der sehr religiöse Kretschmann übrigens nicht religiös verstanden wissen, sondern mit Hannah Arendt als etwas Unerwartetes. Eben dies sei notwendig im Kampf gegen die Erderwärmung, bei dem "ganz andere Kräfte und ganz andere Mehrheiten mobilisiert werden müssen für die tiefe Umgestaltung der Industriegesellschaft".

Wie wenig es hilft, dass die Südwest-Grünen die berühmten dicken Bretter in 30 Jahren Opposition gebohrt haben, zeigt sich am Thema Windenergie. Als Kretschmann in grauer Vorzeit sich selbst an einem Windrad beteiligte, erwies sich das als "ein Flop". Nach dem Machtwechsel von 2011 hatte er gedacht, "die Grünen kommen in die Regierung und nach drei Monaten werden hier Windräder gebaut". Tatsächlich dauerte es drei Jahre, bis die planungsrechtlichen Vorgaben geschaffen waren. Deutlich verfehlt wurde das von Grün-Rot ausgegebene Ziel, bis 2020 zehn Prozent Strom aus Wind zu überzeugen.

2019 lag der Anteil bei knapp über fünf Prozent. Und der Ausbau stagniert ohnehin. 2016 wurden noch 120 Anlagen in Betrieb genommen, im Vorjahr waren es schlappe neun. Nicht einmal 750 Räder drehen sich zwischen Main und Bodensee, in Niedersachsen sind es gut acht Mal so viele. "Wenn ich aber erkläre, dass der Bund die Ausschreibungsbedingungen geändert hat und wir gerade erst wieder für Korrekturen sorgen konnten, dann halten die jungen Leute das für Ausreden", meint er bekümmert und schulterzuckend.

Vieles hat er vor, sollte er ein drittes Mal eine Landesregierung führen. Allen voran einen Strategiedialog zum Umbau und Erhalt der Landwirtschaft: "Wir müssen die Grundprobleme benennen, denn einerseits wollen immer mehr Menschen Öko, aber zugleich keine Abstriche an ihrem Wohlstand hinnehmen." Und mittendrin die Grünen samt ihren üblen Erfahrungen mit Verzichtsappellen. Was für ein Glück, dass Schneeglöckchen am Wegesrand stehen unter dem 1803 säkularisierten Kloster, und Märzenbecher. Die heißen auch Frühlingsknotenblumen oder Leucojum vernum. Schon früh im Jahr locken sie Insekten an mit ihrem veilchenähnlichen Duft. Und TouristInnen ins Donautal.

Ein neues Thema für eine nächste Wanderung. Übrigens gern auch allein oder jedenfalls schweigend zwischen dem Botanisieren, denn das könne die Gedanken ordnen. Und dann schickt der Ministerpräsident ein grüblerisches "Wenn man sich überhaupt welche machen will" hintendrein.


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3 Kommentare verfügbar

  • Wolfgang Jaworek
    am 04.03.2021
    Antworten
    Süffisante Kommentare von der Seitenlinie ohne inhaltliche oder personelle Alternativen unterschreiten leider das wahlbürgerliche Niveau ...
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