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Tief Luft holen

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Wen hat Edzard Reuter wohl gewählt? Schließlich gilt der ehemalige Daimler-Chef, SPD-Mitglied seit 1947, nicht als rechter Sozi. Im Gespräch mit Stefan Siller verrät er, welches Duo seine Stimme bekommen hat. Begeisterung und Überzeugung sehen freilich anders aus.

Vielleicht muss man erst ein so hohes Alter erreichen oder so lange in der SPD sein, um nicht zu hyperventilieren wie deutsche Leitartikler, mutmaßten wir in der Kontext-Redaktion. Denn was haben sie nicht alles geschrieben über das Duo Walter-Borjans/Esken. "Adieu Sozialdemokraten", "Die SPD schafft sich ab", "Totentanz der Sozialdemokratie". So lauteten die jüngsten Überschriften, nach denen man sich fragen konnte, ob die Apokalypse nahe ist oder die Großmeister der Feder nur beleidigt waren, weil die GenossInnen nicht taten, was sie ihnen empfohlen hatten? Wenigstens Olaf Scholz wählen.

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Edzard Reuter, 91 und seit 47 Jahren SPD-Mitglied, hat für Scholz gestimmt. Aber nicht wegen des drohenden Untergangs des Abendlandes. Und schon gar nicht wegen der medialen Befeuerung, die ihm generell ein Graus ist. Viel einfacher: es ist ihm nichts Besseres eingefallen, und alle, mit denen er gesprochen hat, konnten ihm bei der Entscheidungsfindung auch nicht weiterhelfen. Das räumt er freimütig ein. Aber warum gerade Scholz?, will Stefan Siller wissen. Den Vizekanzler kenne er wenigstens ein wenig, sagt Reuter. Aber Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken? Da tut er sich schon mit den Namen schwer. Außer ein paar "schönen Sprüchen" habe er von den beiden nichts gehört. "Gerechter, sozialer, Klimaschutz", alles prima. "Plakatparolen" seien's, meint er, aber wo sind die "überzeugenden Standpunkte"?

Logischerweise fragt Siller, wo er selbige bei Scholz sieht, worauf keine herausragenden Positionen folgen, sondern Attribute wie: verlässlich, seriös, erfahren. Ihn kennt man halt, aber was weiß man von Walter-Borjans denn mehr als die Geschichte mit den Steuer-CDs, von Esken ganz zu schweigen? Sollen sie jetzt die SPD retten, um die er sich "sehr große Sorgen" macht? Als "ausgelaugt" empfindet er seine Partei, "ohne Substanz", wie übrigens die CDU auch.

Schluss mit dem Schnappatmen

Reuter weiß, dass auch ein Olaf Scholz diese SPD nicht retten wird. Wieder einmal setzt er auf Zeit, auf pragmatische Politik, aber auch auf das Prinzip Hoffnung. Drin bleiben soll sie in der Großen Koalition. "Macht wenigstens bis zur nächsten Wahl weiter", empfiehlt er den ParteifreundInnen, "und achtet mir auf soziale Gerechtigkeit". Nach all seinen Erfahrungen im Verhandlungsgeschäft, glaubt der Ex-Daimlerchef, werde die Union beim Feilschen um den Koalitionsvertrag nachgeben. Bis dahin heiße es für die Genossinnen und Genossen, "tief Luft holen", quasi eine Schnappatmungspause einzulegen, um sich, solchermaßen beruhigt, "seriös über ihre Linie" zu streiten.

Womöglich könnte sich dann eine neue Konstellation ergeben. Es könnte doch durchaus sein, mutmaßt Reuter, dass die Grünen stärkste Partei werden, womit Deutschland auch "nicht untergehen" werde. Zusammen mit der SPD und der Linken ("die sind kein Bürgerschreck mehr") könnte daraus doch noch eine grünrotrote Koalition werden. Während er das so sagt, hat man nicht den Eindruck, dass ihm das missfallen würde.

Am Ende spricht Siller mit ihm noch über die Türkei und deren Präsidenten Erdoğan, den er ohne Umschweife einen "Diktator" nennt. Die deutsche Regierung müsse hier "konsequenter handeln", fordert der Freund fast aller TürkInnen, dies gelte "insbesondere für unseren Außenminister". Da ist er bei Heiko Maas und wieder bei der SPD, die ihn nicht loslässt. Dem Rat seines (verstorbenen) Freundes Peter Conradi, die Mitgliedschaft wenigstens ruhen zu lassen, wenn er immer wieder über einen Austritt nachdenke, mochte er nie folgen.


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1 Kommentar verfügbar

  • Peter Meisel
    am 04.12.2019
    Antworten
    Wo ist das Problem? Für mich ist Eduard Reuter ein gigantisches Vorbild für die Menschen. Davon sollten wir mehr haben! Beim Daimler würde es heute legaler zugehen? Das habe ich auf die Schnelle gefunden:
    "Flucht vor den Nazis, Kindheit in Ankara. Edzard Reuters Eltern waren Sozialdemokraten, die…
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