Ausgabe 424
Politik

Die Unfreiheit vollstreckt

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 15.05.2019
Eine bundesweit einmalige HistorikerInnen-Kommission hat sich mit der Verwaltung im heutigen Baden-Württemberg vor und in der NS-Zeit befasst. Und vieles am bisherigen Bild als fehlerhaft entlarvt. Denn auch im liberalen Südwesten unterwarf sich die Beamtenschaft dem Unrechtsregime nur allzu bereitwillig.

70 Jahre mussten vergehen, damit dieser Auftrag erteilt wird. Und selbst jetzt ist Baden-Württemberg noch anderen Bundesländern voraus, weil nirgendwo sonst in der Republik der Mantel des Schweigens über diesen speziellen Aspekt der Zeit von Ende der 1920er bis 1945 ernsthaft und wissenschaftlich gelüftet wurde. Die tausend Seiten starke Veröffentlichung der Kommission für geschichtliche Landeskunde Baden-Württemberg bleibt also vorerst die einzige Arbeit, die die Stellung von Landesministerien, der Verwaltung und damit der StaatsdienerInnen "in einen historischen Erklärungszusammenhang" bringt, wie Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) sagt. Sie hatte den Anstoß zu dem aufwändigen Unternehmen gegeben, die Schirmherrschaft übernommen und bei der Stiftung Baden-Württemberg die notwendigen 1,5 Millionen Euro besorgt.

Geforscht wurde seit 2014. Auf einem Onlineportal stehen Zwischenberichte und die Aufforderung an ZeitzeugInnen oder deren Nachkommen, Materialien zu übergeben. "Im Idealfall", so Wolfram Pyta, einer der Projektleiter, "sogar noch in Privatbesitz befindliche Dokumente." Die Erkenntnisse werden sich in tausenden Familien im Land nicht decken mit dem, was Großeltern oder Eltern erzählt haben. Denn: Weite Teile der Beamtenschaft seien "in ihrem fragwürdigen Staatsverständnis Vollstrecker von Unfreiheit und Unrecht" gewesen.

Sollten sich andere Länder auch auf diesen Weg machen, dürften ähnliche Ergebnisse herauskommen. Zugleich weisen Württemberg und Baden Besonderheiten auf, die die Bereitschaft zum Mitmachen eindrücklich unterstreichen, zur Ein- und Unterordnung ebenso wie zum aktiven Vorangehen im Dienste der Machthaber.

In Württemberg gehörten der Mittelstand und eine gewisse Krisenfestigkeit schon damals zum Selbstverständnis, die wirtschaftliche Situation war im Vergleich mit Baden und dem Reich deutlich besser. Zum Beispiel lag die Arbeitslosenquote in den frühen Dreißigern in Stuttgart bei 10,5 Prozent. Am 24. April 1932, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, stimmten dennoch 26,4 Prozent der Wahlberechtigten für die NSDAP. Vier Jahre zuvor waren es nur 1,8 Prozent.

Auch in Baden mochten, wie es heißt, "im Vergleich mit der Entwicklung im Reich und in den meisten anderen deutschen Ländern die innenpolitischen Verhältnisse" länger als anderswo "stabil erscheinen". Die Stabilität "dürfte in den politischen Traditionen des Landes zu suchen sein, in dem bereits im Kaiserreich die Zentrumspartei demokratisch profiliert, der Liberalismus stärker als andernorts und die Sozialdemokraten mehr reformistisch als revolutionär geprägt gewesen waren".

Im Karlsruher Landtag spielte die NSDAP Ende der 1920er Jahre noch eine, so heißt es in der Studie, "untergeordnete Rolle". Dann allerdings setzte eine "dynamische Entwicklung" ein: Aus 70 Ortsgruppen im Februar 1930 wurden bis Jahresende 230 mit über 5000 Mitgliedern. Der Aufbau der badischen SA ging ebenfalls rasch voran. Schon in der Jahresmitte 1931 zählte sie mehr als 3000 Mitglieder und übertraf damit die Personalstärke ihres württembergischen Pendants deutlich. 1932 stimmten in Baden bereits 34 Prozent für die NSDAP.

Bürgerlich gekleidet zum Nazi-Fackelzug

In beiden Ländern nahm eine Entwicklung ihren Lauf, die "uns ein mahnendes Beispiel gibt", so Bauer. In Karlsruhe erwog das rechtsliberale Lager Anfang 1933 sogar den Eintritt in die Regierung. Und weil die "Loyalitätsbindungen" an die demokratisch legitimierten Regierungen nicht allzu stark waren, begann auch die Beamtenschaft sich umzuorientieren. Allen voran betraf das die Polizei. So wollte deren Karlsruher Kapelle noch vor der Machtübernahme "in bürgerlicher Kleidung", aber geschlossen an Nazi-Fackelzügen teilnehmen.

Anhand zahlreicher Beispiele erzählen die tausend Seiten, wie sich Ministerialbeamte von der Demokratie ab- und der Diktatur zuwandten, wie es zu Nazifizierung und Ideologisierung in den einzelnen Ressorts kam, von welch zentraler Bedeutung die Kultusbürokratie war, wie viel zu viele StaatdienerInnen "weltanschaulich erhebliche Teilidentitäten mit dem Regime aufwiesen, ohne alle Facetten der Ideologie oder gar des Parteilebens zu goutieren". Und weiter: "Wege in die Opposition oder zum Widerstand fanden sie aber nicht."

Nach 1945 wurden die eigenen Überzeugungen und die Unterstützung der Nazis als rein taktisch motiviert dargestellt. "Rückblickende Marginalisierung" der Arbeit der Landesministerialbürokratie durch ihre Protagonisten diagnostiziert das Vorwort. Und weiter: "Sie trafen mit ihrem Entlastungsnarrativ, dass alle wichtigen Entscheidungen in Berlin oder von den regionalen Parteigremien getroffen worden seien, den Nerv der Nachkriegszeitgenossen, denn viele hörten gerne die Geschichten von einer milderen Ausprägung der Diktatur im deutschen Südwesten."

Wie wenig das stimmt, belegt eine weitere Besonderheit, die Übernahme der Zivilverwaltung des Elsass im Sommer 1940. Die badischen Landesbehörden seien darauf gut vorbereitet gewesen, "ein ganzes Heer" – in Zahlen rund 4500 – von badischen BeamtInnen und ParteifunktionärInnen sei eingezogen, darunter etwa 1700 "abkommandierte Reichsdeutsche" als Lehrerkräfte für elsässische Schulen.

Solche Aufarbeitung sollte Schule machen

Großen Raum nehmen die Ursachen von Anpassung und Überanpassung ein. Durchaus vorhanden seien "erhebliche  Handlungs- und Ermessensspielräume" gewesen, die aber seien "in der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle zur Verschärfung der nationalsozialistischen Gewaltmaßnahmen" genutzt worden. "Indem man sich als zuverlässiger Vollstrecker der nationalsozialistischen Politik erwies, konnte man gewissermaßen seine Daseinsberechtigung im NS-Staat unter Beweis stellen und einer weiteren Aushöhlung von Kompetenzen vorbeugen", heißt es an einer Stelle. 

Als eine der bleibenden Lehren wird darauf verwiesen, dass Verwaltungshandeln immer an ethische Werte gebunden bleiben müsse. Genau daran fehlte es damals: "Die Landesbediensteten machten die Durchführung der Repressionspolitik durch ihr persönliches Verhalten vielfach erst möglich. (...) An den zivilisationsbrechenden Eskalationen, der Entrechtung, der Verfolgung und dem Völkermord, waren die Landesministerien direkt und indirekt beteiligt", schreibt die Ministerin in ihrem Vorwort.

Die Kommission und ihr Forschungskonzept sollen mit ihrer jüngst erschienenen Aufarbeitung möglichst Schule machen. Und Baden-Württemberg auf einem "international anschlussfähigen Forschungsfeld" Vorreiter bleiben, um "einen wichtigen Beitrag zur europäischen Bürokratiegeschichte zu leisten". Wesentliche Ergebnisse sind auf  www.ns-ministerien-bw.de weiter frei zugänglich. Zahlreiche Einzelthemen, Biographien oder das Thema Massenverführung durch Propaganda sind für den Schulunterricht konkret aufgearbeitet, ebenso die Rolle des Badischen Parteiblatts "Der Führer".

Ein Nachfolgeprojekt ist bereits angestoßen: "Reintegration, Schuldzuweisung und Entschädigung – Bewältigung und Nicht-Bewältigung der NS-Vergangenheit in den drei Vorgängerländern Baden-Württembergs". Gerade der Befund der politischen Anpassung der Beamten­schaft im Nationalsozialismus werfe die Frage auf, so Andreas Weber, Leiter der Abteilung Bildung der Baden-Württemberg Stiftung, "wie sie sich nach dem Ende der Diktatur verhalten hat und wie man im Südwesten beim demokratischen Wiederaufbau mit der NS-Vergangenheit umgegangen ist". In den Blick genommen wird die Zeit bis 1952 und damit bis zur Gründung des heutigen Südweststaats. Es gehört nur wenig Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass und wie Entlastungsnarrative abermals nicht standhalten können.


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1 Kommentar verfügbar

  • Steiner
    vor 2 Wochen
    Traurig,, wenn ich lese, wie die württembergische und die badische Beamtenschaft bereitwiligst in den Dienst der braunen Herrscher traten. Die "zuverlässigen Vollstrecker" einer anstands-, gewissen- und maßlosen Politik waren nach 1945 die reinsten Unschuldsengel. Interessant bleibt, dass in Tübingen (franz.Besatzungszone) eine Reihe von ihnen Zuflucht fanden, um den Strafgerichten in der amerikanischen Zone zu entgehen. ,

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