Die junge Angela Merkel (2000) an der Schere. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 402
Politik

Wäre, wäre, Gartenschere

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 12.12.2018
So viele Strippenzieher in der Südwest-CDU waren so sicher, dass Friedrich Merz ihr neuer Bundesvorsitzender wird. Auf der Erfolgswelle wollten zugleich die surfen, die Grün-Schwarz im Land gerne platzen lassen würden.

Die Stimmenzahl ist längst errechnet: Theoretisch müssten 87 823 Stimmen gedreht werden bei 7,6 Millionen Wahlberechtigten im Land zwischen den beiden Regierungsparteien, damit die CDU in die Villa am Reitzenstein zurückkehren kann. Der Hoffnungsträger hatte in der Hamburger Messe, die im Netz in "Merzweghalle" umgetauft ist, die Tonlage schon vorgegeben mit seinem Grünen-Bashing. Das gefällt gedemütigten Schwarzen aus Baden und aus Württemberg. Bereits auf der Regionalkonferenz in Böblingen gab es Riesenapplaus für den Appell, Winfried Kretschmann nicht alles durchgehen zu lassen, wenn er "von Horden junger Männer spricht und in Nordrhein-Westfalen erleben wir die Horden von Grünen, die bei den Demonstrationen im Hambacher Forst dabei sind".

Nicht weniger als 14 Wahlen stehen an im nächsten Jahr in der Republik, darunter drei Landtagswahlen. Da wäre es, so die Idee vom CDU-Reißbrett, auf eine vierte nicht angekommen. In der unterstellten Hausse bei Mittelstand und Handwerk, in Familienunternehmen und an der Nahtstelle zur AfD hätte der Coup gelingen können. Schon seit einiger Zeit wird in kleinen Zirkeln schlecht über den grünen Ministerpräsidenten, über dessen Konstitution, die Gesundheit und sein Alter gesprochen. Vor vier Wochen assistierte "BILD" mit Werbeständer an jedem Zeitungsladen: "Krank! Kretschmann sagt alle Termine ab."

Am Dienstag besuchte der Regierungschef die Landtagsfraktion des Koalitionspartners. Ärger über Dieselfahrverbote und den Lieblingsgegner der Schwarzen, Verkehrsminister Winfried Hermann, hatte sich aufgestaut. Kretschmann kam der CDU entgegen und will "Maßnahmen beschleunigen", der Applaus blieb mäßig. Er sei eben "wie immer" aufgetreten, hieß es danach. Und manche trauerten erst recht der verpassten Gelegenheit nach: Mit Merz an der Parteispitze "wäre eine Chance da gewesen, gegen ihn zu gewinnen".

Frauen-Union unter Beschuss der Merz-Unterstützer

Wäre, wäre, Gartenschere. Und die Männer wären nicht sozialisiert als Jäger, seit 200 000 oder mehr Jahren, würden sie jetzt nicht Schlingen legen, um herauszufinden, wer genau schuld ist an der schmählichen Niederlange. In der Landtagsfraktion wird natürlich der ungeliebte Landesvorsitzende genannt, weil Thomas Strobl sich nicht offensiv an Merz' Seite gestellt habe. Ferner ebenso natürlich "die" Medien mit ihrer "einseitigen Berichterstattung", ganz als hätte es die kaum verhohlene FAZ-Sehnsucht nach Merz ebenso wenig gegeben wie die BILD-Pro-Kampagne für den Sauerländer.

Und gar nicht zuletzt die Frauen-Union. Annette Widmann-Mauz, der Bundeschefin, und Inge Gräßle, der Landesvorsitzenden, wird angelastet, nicht mit offenen Karten gespielt, sondern diskret Stimmen für Kramp-Karrenbauer gesammelt zu haben. Im Netz kursieren jetzt sogar Namenslisten, um die Abtrünnigen aus dem Südwesten zu identifizieren. Schließlich hat die Frauen-Union, so der Vorwurf, sogar selber publik gemacht, die frühere saarländische Ministerpräsidentin "fast geschlossen unterstützt zu haben" (O-Ton Gräßle). Ganz so, als wäre diese Mitteilung eine Sensation in einem Landesverband, der sich – was aber weitestgehend schon längst vergessen ist oder ohnehin nicht ernst gemeint war – unter Strobls Führung die Devise "Frauen im Fokus" auf die Fahnen geschrieben hatte. Jetzt folgt eine Frau auf eine Frau und Männer haben ihre Mienen nicht im Griff. Auch darüber legt das Netz beredt Zeugnis ab.

Eine "Spaltung der Partei" prophezeien zahlreiche Jung-Unionisten. Auf der offiziellen Facebook-Seite des Landesverbands fällt auf, dass sich niemand den vielen Kritikern von "AKK" und ihrem neuen Generalsekretär Paul Ziemiak entgegenstellt, selbst dann nicht, wenn unter die Gürtellinie gezielt wird. "Was für eine Flachzange ist das denn?", rüpelt ein Kommentator, "CDU wird immer peinlicher – jetzt machen sie schon einen polnischen Wanderarbeiter ohne Studienabschluss zum Generalsekretär." Andere verbreiten als "neuen Nickname" des bekennenden Merz-Unterstützers "Mister zwanzig Silberlinge". Und Wolfgang Reinhart, Fraktionschef und Teil der Pro-Merz-Initiative, hatte es bundesweit in die Medien gebracht mit seiner leicht vergifteten Kombination, einerseits seine Partei zum Zusammenhalt aufzufordern und andererseits vor einer Austrittswelle zu warnen.

CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart will mitgenommen werden

"Wir wären gegrillt worden", sagt eine Vorständlerin aus der baden-württembergischen Frauen-Union, "wenn wir uns ähnlich verhalten hätten." Tatsächlich war vor dem Parteitag allüberall ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen AKK und Merz prognostiziert worden. Oft wurde die Frau als Siegerin vohergesehen, nur im Südwesten tickten die Uhren anders. Wenn Gräßle AKK als "die stärkere Kandidatin" beschreibt, "die wichtige Zukunftsvorstellungen entworfen und bereits viel Einsatz für die Partei gezeigt hat", dann empfinden viele Männer das schon als Provokation. Was hätte AKK wohl alles über sich hören und lesen müssen, wenn Merz obsiegt hätte?

In den Augen der Verlierer mit den hochfliegenden, auch landespolitischen Erwartungen kann die Schmach nur geheilt werden, wenn die neue Vorsitzende weniger die Erwartungen ihres eigenen Anhangs erfüllt als vielmehr die des anderen Lagers. Speziell in der Wirtschaftspolitik. Die "Initiative für Friedrich Merz" verbreitet sogar die frohe Kunde, dass er bereit sei, "weiterzumachen und Verantwortung zu übernehmen". Die Initiatoren versuchen, den Druck auf Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer zu erhöhen: Sie seien jetzt "gefordert", und Merz müsse nunmehr "in herausgehobener Position integriert werden, sinnvollerweise als Bundeswirtschaftsminister". Fraktionschef Wolfgang Reinhart, noch ein Merz-Unterstützer, will so weit nicht gehen, aber "klare Zeichen sehen, dass der wirtschaftsliberale Teil unserer Partei gerade in Baden-Württemberg mitgenommen wird".

Ganz und gar vergessen unter den Verlierern ist der gute alte Rat von John F. Kennedy: "Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, frage, was du für dein Land tun kannst." In keiner einzigen der vielen Verlautbarungen rund um den Sauerländer ist Thema, was die 48,25 Prozent eigentlich beitragen müssten, damit die neue Vorsitzende erfolgreich für Land und Partei arbeiten kann. Immer geht es nur darum, dass die Gewinnerin den Verlierern entgegenkommt. Zeitgeistanalysen, wonach mit der Ära Merkel irgendwie auch die der "alten weißen Männer" – in diesem Fall gemeint: Merz und seine Förderer wie Wolfgang Schäuble, Roland Koch oder Günther Oettinger – sich so langsam dem Ende zuneigt, müssen so gesehen als zumindest voreilig gelten.

Besonders deutlich jedenfalls wird Reinhart, wenn er AKK nicht viele Freischüsse zubilligt. Für einen Juristen ein vieldeutiger Hinweis, denn Freischüsse haben Prüflinge, die sich ein ernsthaftes Antreten, etwa zum Staatsexamen, noch nicht zutrauen. Über dieses Stadium sind die neue Parteichefin und mit ihr die fleißigen, diskreten Stimmensammlerinnen im Hintergrund aber längst hinaus. Was Männer erst recht schmerzt.


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1 Kommentar verfügbar

  • Bernd Kruczek
    am 12.12.2018
    Dies Testostern Truppe der männlichen CDU ist einfach pissed, schon wieder eine Frau vor der Nase zu haben. Tja, dumm gelaufen, gell Herr Schäuble ...

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