So sieht man ihn besser: Andreas Stoch (Bildmitte) bei stehenden Ovationen. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 400
Politik

Lieber Bäume schneiden

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 28.11.2018
An einem Samstag könnte man auch zuhause Bäume schneiden. Aber nicht, wenn Parteitag ist. Dann ziehen Südwest-Sozialdemokraten los, um sich in ein sehr schmerzhaftes Leben zu stürzen. Szenen aus Sindelfingen.

Der Sozialdemokrat an sich ist ein guter Mensch. Das gilt natürlich auch für die Sozialdemokratin. Wie bereits August Bebel (1840 bis 1913) verlangte, ist er oder sie gehalten, für eine gerechte Gesellschaft zu kämpfen. Dies gelingt, wenn alle Kräfte harmonisch und zum Nutzen aller verbunden werden. Im Vordergrund sollte dabei der kleine Mann stehen. Allerdings geriet selbiger im Lauf der Zeit etwas aus dem Blickfeld, was den Bebelschen Auftrag nicht einfacher machte: Solidarisch zu sein mit denen, die nur gemeinsam stark sind.

Auch in Baden-Württemberg hat das nur bedingt geklappt. Wenn Wahlergebnisse dafür ein Maßstab sind, dann war es unter Erhard Eppler (33,3 Prozent) besser als unter Nils Schmid (12,7). Das heißt, dass der SPD seit den 70er-Jahren viele Wähler abhanden gekommen sind, worüber dann viele Vermutungen angestellt wurden, woran es denn gelegen haben könnte. Dazu hat die kenntnisreiche Journalistin Johanna Henkel-Waidhofer in Kontext schon viele Artikel geschrieben, auch in dieser Ausgabe wieder, weshalb an dieser Stelle nicht darauf eingegangen werden soll.

Der spillerige Professor hält die Rede seines Lebens – vergeblich

Hier soll nur die Frage erörtert werden, warum mehr als 300 Genossinnen und Genossen an einem Samstag in die Sindelfinger Stadthalle kommen. Sie hätten auch zuhause Bäume schneiden können. Laut Einladung eilen sie herbei, um einen neuen Chef zu wählen, nachdem die amtierende Vorsitzende (Leni Breymaier) entnervt den Bettel hingeschmissen hat. Es gibt zwei Kandidaten. Einen spillerigen Professor aus Heidelberg (Lars Castellucci) und einen netten Anwalt von der Ostalb (Andreas Stoch). Beide halten die Reden ihres Lebens, wie ein Kollege sagt, der schon viele Reden gehört hat, und als Politikberater erkennen kann, wer vor dem Spiegel geübt hat. Er tippt auf den Professor. Sie sprechen viel vom Zusammenhalten, vom Gräbenüberwinden, von Respekt, Solidarität und Willy Brandt (kommt immer gut) und geraten dabei derart aus dem Häuschen, dass man mit ihren rhetorischen Höhenflügen glatt davon schweben mochte. Der Moment der Verzückung währt allerdings nur kurz, weil der Sozialdemokrat vom Typ her eher der Ansicht zuneigt, dass ihn kein höheres Wesen rettet. So gewinnt Stoch, wenn auch nur knapp.

Von Dauer ist dafür etwas anderes: der Dachlattenkampf. Der Begriff ist, zugegebenermaßen, von Holger Börner geklaut – für Jüngere: als hessischer Ministerpräsident wollte er Startbahn West-Demonstranten Bretter auf die Birne hauen –, aber symbolhaft stimmt das Bild auch 36 Jahre später. Allerdings weiß man bei der Südwest-SPD nie so recht, wer nun Täter oder Opfer ist, weil alle mit der Latte winken. Die Worte des Philosophen Hans-Georg Gadamer, die über ihre Köpfe hinweg zitiert werden, völlig ignorierend. "Ein Gespräch setzt voraus", hat der Heidelberger Weise einst gemahnt, "dass der andere Recht haben könnte". Nicht bei der SPD.

Am Saaleingang lungern Jusos herum und schimpfen über das "asoziale Volk" im Saal, in dem wiederum ältere Genossen über die Parteifreunde herziehen, die die schlimmsten Feinde sind. Erhard Eppler irrt durch die Gänge, als suche er einen Halt, der sich nirgendwo anbietet. Roman Zitzelsberger, der baden-württembergische IG Metallchef, wähnt sich im Kino, im "Leben des Brian" von Monty Python, wo sich die judäische Volksfront und die Volksfront von Judäa bekämpfen. Das müsse aufhören, und zwar sofort, ruft der Altsozi Gernot Erler in die Runde, und hat Glück, dass er in Freiburg zuhause ist. Manchmal, so heißt es, genüge es schon, aus Lörrach zu kommen, um nicht mit dem Arsch angeguckt zu werden. Dort sollen alle links sein.

"Hartz IV" und "neoliberal" sagen, ist ganz schlecht

Die Sache mit dem Links- und Rechtssein ist in der Sozialdemokratie bekanntlich schwierig. Im Südwesten besonders. Links ist Hilde Mattheis aus Ulm. Sie könnte als Bebelsche Auftragnehmerin durchgehen, weil sie immer sagt, dass Hartz IV schlecht ist, und weil sie ein Wort in den Mund nimmt, das ganz schlimm ist: neoliberal. "Durch unseren neoliberalen Kurs haben wir viel Vertrauen verspielt", donnert sie in den Saal, was die Vertreter der herrschenden Lehre, die sogenannten Netzwerker, ungehalten werden lässt, zumal Mattheis auch noch behauptet, ihnen gehe es nur um die Absicherung der eigenen Karriere. Wer es immer noch nicht wissen sollte – sie meint damit unter anderem Ute Vogt, Nils Schmid, Christian Lange. 

Aber nicht doch. Was ist denn aus dem Netzwerker Peter Friedrich geworden? Ein kurzzeitiger Minister für Europa. Und jetzt? Nix Politik. Unternehmensberater in Frankfurt. Er sagt, er habe Leni Breymaier, die Linke, unterstützt, als sie SPD-Chefin werden wollte. Aber müsse jetzt wirklich die "sechste Hartz-IV-Debatte" aufgemacht werden? Wieder und wieder das alte Elend, die alte Leier, und dann, natürlich noch, die Kriegsvokabel neoliberal. Es wäre gescheiter gewesen, glaubt Friedrich, die Mattheis, die er eine Keiltreiberin nennt, in die Schranken zu weisen, anstatt ihr zu folgen. Ganz nebenbei, die Gescholtene sieht das Problem selbstredend bei den Netzwerkern, denen die Leni "zuviel nachgegeben" habe.

An wem also ist Breymaier gescheitert? Die Teilhabe am Landesparteitag gibt darüber nur bedingt Aufschluss, weil eine Hauptversammlung von Masochisten, die Lust am schmerzhaften Aufeinandertreffen haben, eher eine therapeutische Angelegenheit ist. Luisa Boos, die Ex-Generalsekretärin und Vertraute Breymaiers, wollte eigentlich nur noch weg aus der Halle, mit dem Sohn Adventskalender basteln. Bitte keine Verabschiedung mehr mit all der Heuchelei. Zu viel Hass. Am Ende stand sie auf der Bühne, mit Blumen in der Hand, und verbeugte sich.


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7 Kommentare verfügbar

  • Marie Thomann
    am 30.11.2018
    Die SPD wird nicht mehr gebraucht. Über 100 Jahre - im Zeitalter von Revolutionen und anderen echten und weniger echten "Bedrohungen" - war sie das probate Mittel, dem Kapital stets bereitwillig die Hintertür offen zu halten.
    Diese falsch als "sozial" und "demokratisch" etikettierte Methode ist, angesichts des derzeit anscheinend totalen Siegs des Kapitals, obsolet. Schlimmer noch: erst diese Methode hat das seltsam anmutende Überleben und kolossale Wiedererstarken des Kapitalismus, dieses universal mörderischsten aller bisherigen Verbrechersysteme, abgesichert wie nichts Anderes.

    Das ist das "Geheimnis" des rapiden und unaufhaltsamen Verfalls der SPD in der sogenannten Wählergunst. Wenn die SPD nun darüber sinniert, ob bspw. Hartz IV tatsächlich weg muss, lediglich klug reformiert oder einfach nur besser kommuniziert werden müsste, wird ihr das wenig bis gar nicht helfen (ihren Funktionären vor allem wird es schon noch eine Weile helfen).

    Wäre die SPD eine "ehrliche" Partei, würde sie einpacken und nach Hause gehen. Dorthin wo alles, was sich selbst als "links" bezeichnet (und es auf Grund seiner radikalen Ablehung jeglicher Ausbeutung und Unterdrückung tatsächlich auch ist) schon steht und wartet.

    Da jedoch die historische Hauptfunktion der SPD, heruntergebrochen auf eine individuelle Eigenschaft, genau eben nicht die der Ehrlichkeit gewesen ist sondern das Gegenteil davon, dürfte wohl auch das eine Illusion bleiben.

    Entsetzlich der Gedanke, dass alles wahrscheinlich noch viel schlimmer kommen muss (wir sind eben - wieder mal - auf dem Weg dorthin), bevor auch deutsche Sozialdemokraten endlich kapieren, dass es mit einem Verbrechersyndikat, welches Monster wie Auschwitz, Hiroshima oder den Klimawandel gebiert, letztlich nichts zu verhandeln gibt - außer vielleicht dessen Abschaffung und Auflösung.
  • Christa Weiß
    am 29.11.2018
    Ich war wohl auf einem anderen Parteitag. Um mich rum Menschen, die sich vor Ort einsetzen, die sich fragen wo eigentlich die Gräben sind und es gut finden, dass sie zwischen guten Leuten ihre Führung wählen können.
  • Clemens Hausmann
    am 29.11.2018
    Das ist ganz nett geschreiben, finde ich. Dem Autor geht zwar einiges durcheinander, aber Satire darf auch mal etwas ausschweifend sein.
  • Manfred Drechsler
    am 28.11.2018
    Warum sich immer wieder mit der SPD beschäftigen?
    Immer und immer wieder wird Hoffnung in die SPD geweckt, Claus Stroheker beschreibt das ausführlich. Es bedarf keiner 2. CDU, die SPD ist die bessere CDU, weil sie die Gewerkschaften mit ins Boot nimmt, um die übelsten Gesetzt gegen Arbeitnehmer, Rentner, Arbeitslose und Familien durchzusetzen. Die SPD hat alle bürgerlichen Tugenden verinnerlicht, denkt durch und durch neoliberal und das schlimmste für die SPD wäre, wenn sich die Menschen nach links orientieren würden.
    Ein paar nicht ganz so angepasste gibt es auch in der SPD, doch eine grundsätzliche Änderung in der SPD ist niemals möglich. Deshalb lassen wir die SPD in Ruhe und wie sie ist und setzt keine Hoffnung in diesen angepasste Partei.
  • Claus Stroheker
    am 28.11.2018
    Was wohl der "Arbeiterkaiser" August Bebel sagen würde?

    Ich greife deshalb so weit zurück, weil die sozialdemokratische Partei in Deutschland ihre Grundwidersprüche noch nie ausdiskutiert und entschieden hat.

    Im Kaiserreich verfolgt und verboten, als "vaterlandslose Gesellen" denunziert liess sie sich für einen "Burgfrieden" einspannen ("Ich kenne keine Parteien mehr ..."), und bewilligte die Kriegskredite im sogenannten nationalen Notstand. Es war nur Kurt Eisner, der nach dem Krieg als bayerischer Ministerpräsident die Kriegsschuld aufarbeiten wollte, von seinen Genossen gescholten, von einem Adeligen erschossen.

    Ebert und Noske liessen dann auf Arbeiter und Soldaten schiessen, von einer Soldateska, die Jahre später die Weimarer Republik an ihr vorzeitiges Ende brachte und den Weg bahnte für den Österreicher Adolf Hitler. Die zögerliche, abwartende Haltung des Parteivorstands hemmte die Gewerkschaften, welche mit einem Generalstreik vermutlich die Republik und Demokratie hätte retten können.

    Also, schon im Anfang und in den ersten Jahrzehnten war sozialdemokratisches Handeln eher trostlos; warum sollte es - mit diesem Marschgepäck im Rucksack - heute anders sein?
    Warum sollte eine sozialdemokratische Partei, die die Sozialversicherung und wichtige Teile des Sozialstaates nicht geschaffen hat - das waren der Kaiser, seine Reichskanzler und seit 1945 eher die konservativen Bundeskanzler, immer ging es darum, den Einfluss der SPD möglichst klein zu halten, die Arbeitnehmer von der Sozialdemokratie fern zu halten -, eben diese Sozialversicherung und diesen Sozialstaat verteidigen (zu Erinnerung, es war ein sozialdemokratischer Bundeskanzler, der wichtige Teile an private Unternehmen verkaufte). Und es waren eben auch Sozialdemokraten, die Wohnhäuser an private Vermieter veräußerten (sozialer und genossenschaftlicher Wohnungsbau).
  • Kornelia .
    am 28.11.2018
    Lieber Bäume schneiden.... Was für eine Überschrift!

    Es gibt Zwei grundsätzliche Tatsachen:
    - es gibt keine Volks-Parteien mehr!
    - es gibt keine soziale und demokratische Partei mehr!
  • Jörg Tauss
    am 28.11.2018
    "Erhard Eppler irrt durch die Gänge, als suche er einen Halt, der sich nirgendwo anbietet". Treffender kann man das Treffen wohl kaum beschreiben. Ach so: Noch der Schlusssatz: Am Ende stand sie auf der Bühne, mit Blumen in der Hand, und verbeugte sich.

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