Das ganze Interview sehen Sie hier.

Ausgabe 343
Politik

Nuklearwaffen in Deutschland

Von Stefan Siller (Interview)
Datum: 25.10.2017
Dirk-Michael Harmsen ist Physiker und Friedensaktivist. Als Mitbegründer des "Forum Friedensethik" ist er Mitglied von ICAN, der "Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen". Anfang Dezember bekommt die Initiative den Friedensnobelpreis verliehen. Im Gespräch mit Stefan Siller erzählt der 83-jährige Karlsruher, wie er zum Pazifisten wurde und warum er die Hoffnung auf eine Welt ohne Nuklearwaffen nicht aufgibt.

Herr Harmsen, Sie sind frischgebackener Friedensnobelpreisträger. Sie haben den Preis noch nicht bekommen, aber er ist schon versprochen. Herzlichen Glückwunsch!

Vielen Dank.

Sie beschäftigen sich nicht nur als Physiker, sondern auch als ethisch-politisch interessierter Mensch seit Jahrzehnten mit dem Thema Atomwaffen und deren katastrophalen Folgen. Glauben Sie, dass Atomwaffen heute immer noch eine der größten Gefahren für die Menschheit sind?

Ja. Auf jeden Fall. Denn Atomwaffen, wenn sie in einem Atomkrieg eingesetzt werden, werden Schäden verursachen, die weit über das hinausgehen, was in Nagasaki und Hiroshima geschehen ist. Es gibt so viele Kernwaffen und so viele Staaten, die darauf hoffen, sie einsetzen zu können. Dabei ist es eine so schlimme Waffe. Die noch immer nicht verboten ist! Und das, obwohl es seit 1970 einen Nichtverbreitungsvertrag gibt, in dem eindeutig steht, dass die damaligen fünf Großmächte ihre Atomwaffen abrüsten würden. Aber das haben sie nicht gemacht.

Manche Staaten hoffen darauf, Atomwaffen einsetzen zu können?

Es könnte sein, dass Menschen an diese Waffen kommen, die keinerlei Verantwortungsgefühl haben. Das war bisher bei den Großmächten, die im Weltsicherheitsrat sitzen, nicht der Fall. Weil die sehr wohl wussten, welche Gefahr Atomwaffen darstellen. Deshalb hat auch die Abschreckung während des Kalten Krieges funktioniert. Aber die Art und Weise, wie die Nato heutzutage mit Kernwaffen droht, sogar bereit ist, sie ersteinzusetzen, ist schlimm.

Nun sagen die Mächte, die nicht auf Atomwaffen verzichten wollen, das Gleichgewicht des Schreckens hat doch bewiesen, dass es vernünftig ist, diese Arsenale zu haben. Sie sagen, wenn wir abrüsten und die anderen machen nicht mit, dann ergeben wir uns vielleicht Nordkorea oder Russland, Staaten, die uns vernichten wollen.

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Nehmen wir mal Nordkorea. Das ist ein Staat, der seit dem Koreakrieg nie mit den Mächten, die damals den Krieg geführt haben, Südkorea und die USA, zu Pott gekommen ist. Die Versprechungen der USA an Nordkorea, die über Jahrzehnte immer wieder gemacht wurden, sind von US-Seite nie eingehalten worden. Zum Beispiel hat Nordkorea ein Problem mit seiner Energieversorgung. Also hieß es von Seiten Nordkoreas, wenn uns die USA zwei Kernkraftwerke hinstellen, damit wir Strom haben, brauchen wir sie nicht selbst zu entwickeln. Die wurden aber nie geliefert, obwohl es Verträge darüber gab. Und so ging eine Verabredung nach der nächsten den Bach runter. Die Art und Weise, wie die USA gemeinsam mit den Südkoreanern immer wieder gedroht haben, auch mit Manövern, war derart, dass die Nordkoreaner sich gesagt haben, so jetzt müssen wir mal selbst sehen, was wir machen können. Insofern könnte ich sogar ein Nordkorea-Versteher sein. Allerdings nur in dieser Hinsicht. Nordkorea ist ein schlimmes, diktatorisches Regime. Aber ich kann verstehen, weshalb sie versuchen, sich zu wehren. Nordkorea hat übrigens, wenn ich richtig informiert bin, an den Vorverhandlungen für das Vertragswerk zum Verbot von Kernwaffen durchaus mitgemacht.

Warum ist dieser Atomwaffenverbotsvertrag notwendig, wenn es doch schon einen Atomwaffensperrvertrag gibt?

Das ist ein sehr umfassendes Verbot. So umfassend, dass die Nato von vornherein gesagt hat, liebe Mitglieder, haltet euch zurück, nehmt an diesen Verhandlungen nicht teil und unterschreibt auf keinen Fall. Es wurde Druck ausgeübt auf alle Natomitglieder und das hat bisher auch geklappt. Die einzige Nation, die an den Verhandlungen doch teilgenommen hat, waren die Niederlande. Aber auch die haben von vornherein gesagt, sie werden nicht unterschreiben.

Deutschland ist keine Atommacht, aber Natomitglied und eine Nation mit nuklearer Teilhabe. Das heißt, es sind noch immer Atomwaffen auf dem Bundesgebiet stationiert?

Offiziell wird das von der Bundesregierung nicht zugegeben. Aber alle Welt weiß, dass in Büchel in der Eiffel etwa 20 Kernwaffen lagern, die unter US-amerikanischem Verschluss sind. Entsprechende Soldaten dort sorgen dafür, dass sie auch unter Verschluss bleiben. Bis zu dem Zeitpunkt, wo sie dann mit deutschen Flugzeugen zu irgendwelchen Zielen geflogen werden.

Dirk Michael Harmsen. Foto: Joachim E. Röttgers

Foto: Joachim E. Röttgers

Dirk Michael Harmsen, 83 Jahre alt, hat in Hamburg studiert, in den USA im Bereich Elementarteilchenphysik geforscht und für das Europäischen Kernforschungszentrum Cern gearbeitet. Seit 40 Jahren macht er Friedensarbeit. Als gläubiger Christ zuerst im "Ausschuss für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung". Im Jahr 2000 hat er das "Forum Friedensethik" der badischen Landeskirche mitgegründet. Seit 2015 ist das Forum Mitglied von ICAN. (ana)

ICAN wird am 10. Dezember die höchste Auszeichnung bekommen, die es für Bemühungen um den Frieden auf der Welt gibt. Glauben Sie, dass Sie ihr Ziel noch erreichen? Eine Welt ohne Atomwaffen?

Ich bin da sehr positiv, ja. Mit all den Schwierigkeiten, die es immer gibt. Bleiben wir mal in Deutschland: 70 Prozent der Bevölkerung lehnen Atomwaffen und nukleare Teilhabe ab. Und ab und zu hören Parlamentarier und ihre Regierungen auch darauf, was ihre Bevölkerung sagt.


Diese verschriftlichte Version ist eine stark gekürzte Fassung, das ganze Gespräch gibt's im Video oben.


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