Auch in Frankreich gibt's Ärger, wenn Künstler Gebäude anzünden. Foto: Capucine Henry

Auch in Frankreich gibt's Ärger, wenn Künstler Gebäude anzünden. Foto: Capucine Henry

Ausgabe 343
Überm Kesselrand

Brennende Bank

Von Rupert Koppold
Datum: 25.10.2017
Der im Westen als Putin-Kritiker gefeierte Aktionskünstler Pawlenski hat in Frankreich Asyl erhalten. Und dort eine Bank in Brand gesetzt. Jetzt ist er wieder Mal in der Klapse gelandet. Als das gleiche in Russland passierte, waren das Methoden aus der Stalinzeit.

Feurio! Jawohl, Pjotr Andrejewitsch Pawlenski hat wieder zugeschlagen! Jener russische Protestkünstler, der sich bei seinen Aktionen schon die Lippen zugenäht, ein Ohrläppchen abgesäbelt oder seinen Hodensack auf den Roten Platz genagelt hat. Diesmal war sein Auftrittsort allerdings nicht Putin-Russland, sondern Macron-Frankreich. Genauer gesagt: eine Pariser Filiale der französischen Nationalbank. Auf einem Video sieht man, wie der hager-asketische Künstler sich nachts nach erfolgreicher Brandstiftung vor das flammenumzüngelte Tor der Bank stellt und dabei schweigend und reglos jene Ich-muss-das-tun-ich-kann-nicht-anders-Märtyrer-Pose einnimmt, die er zwei Jahre vorher auch nach dem Anzünden der Zentrale des russischen Inlandsgeheimdienstes in Moskau zur Schau gestellt hatte ("Nicht dass Pawlenski ein Terrorist wäre, auch wenn er darauf besteht, wegen seiner Aktionen als Terrorist angeklagt zu werden, das ist Teil seiner Kunst", berichtete die Süddeutsche Zeitung).

Damals wurde der eifrig zum Helden der westlichen Welt hochgeschriebene Künstler ("Stets zielt Pawlenski darauf, die aggressiv-autoritären Herrschaftsmethoden Putins zur Kenntlichkeit zu bringen", NZZ; "Pawlenskis Idee ist es, dem russischen Staat die Maske herunterzureißen", "Zeit Online"; "Die russische Staatsgewalt mag mächtig sein – doch Pawlenski ist stärker", "Süddeutsche Zeitung") nur zu einer Geldbuße verurteilt. Was für viele Medien irritierend war, aber unter anderem von der NZZ mit der scharfen Formulierung "kalkulierte Milde" wieder auf den rechten Hau-den-Putin-Weg geführt wurde. Auch für die Regisseurin Irene Langemann, die in ihrem sympathisierenden Porträt "Pawlenski – Der Mensch und die Macht" (Kontext berichtete), immer wieder Repressionen des russischen Staates anprangert, ohne entsprechende Bilder dafür zu finden, war das Urteil wohl enttäuschend ("Vermutlich wollten die Behörden keinen Märtyrer aus ihm machen und ließen ihn gehen", "Zeit Online").

Beim Leipziger Dokumentarfilmfest wurde ihr vom SWR koproduzierter Film, der bei uns vor Kurzem im Fernsehen zu sehen war, noch mit starken Worten hochgeputscht: "So greifen Polizei und staatlicher Geheimdienst hilflos auf die alten Methoden der Stalinzeit zurück: Gefängnis, Psychiatrie, der Vorwurf des "Hooliganismus". - "Gutachten, Prozesse, Haft? Erscheinen lediglich wie Ausrutscher, wie unfreiwillige Selbstentlarvungen des Systems, erzwungen durch einen Menschen, dessen Begriff von Kunst und von Freiheit auf lebensgefährliche Weise absolut ist", schreibt die "Süddeutsche Zeitung". "Die Einweisung durch die Behörden muss kritisch gesehen werden: Zu Zeiten der Sowjetunion wurden Regimekritiker systematisch in geschlossene Anstalten gesteckt, um sie als politische Gegner zu diskreditieren und auszuschalten", schreibt "Spiegel Online".

Nachtragend

Als dann wenig später die russische Schauspielerin Anastasia Slonina dem Künstler sexuelle Übergriffigkeit vorwarf, wurde dies von den meisten deutschen Medien entweder ignoriert oder sie suggerierten, es müsse sich, weil Pawlenski das ja selber erklärte, um eine staatlich gelenkte Denunziation handeln. Seltsam nur, dass die Schauspielerin an einer Putin-kritischen Bühne arbeitet und Kollegen sich auf ihre Seite stellten. Aber so schnell lässt man bei uns einen Putin-Gegner nicht fallen! Im Dezember 2016 floh unser Held mit seiner Partnerin Oksana Schalygina vor einem drohenden Prozess nach Frankreich und erhielt dort auch Asyl. Nun also zündet er dort eine Bank an, weil die Bankiers die neuen Monarchen seien. Und ruft überhaupt zur "globalen Revolution" auf, was konservative Medien, Langemann und Co. schwer in die Bredouille bringt.

Und hier muss ich nun "ich" sagen und ein bisschen nachtragend werden. In meiner "Blut und Hoden"-betitelten Kritik habe ich über Langemanns Pawlenski-Porträt geschrieben, es sei "letztlich ein propagandistischer Film der unbelegten Behauptungen, in dem schon das Bild eines Polizeiautos für den Beweis staatlicher Willkür herhalten muss". Ich habe auch den Künstler, dessen Kinder dort in einer vermüllten Wohnung herumkriechen, und seine Partnerin Schalygina, die sich in einer Demuts- und Unterwerfungsgeste mal einen Finger abgeschnitten hat, als "ein Paar zum Fürchten" bezeichnet. Von Wolfgang Bergmann, dem Produzenten des Films, wurde ich deshalb vehement angegriffen: "Eine Mischung von schlechter bis fehlender Recherche, bösartigen Unterstellungen und Blindheit gegenüber dem Film. Mit Schaum vor dem Mund sollte man keine Filmkritiken schreiben... Herr Koppold ist weder sprachlich genau, sondern einfach nur skrupellos. Er schreibt drauf los als ob er ein russischer Troll wäre. Nein das ist keine Filmkritik, das ist der Versuch einer Verleumdung der Regisseurin Irene Langemann und von Pawlenski und seiner Partnerin."

Meine Kritik endete mit den eher vorsichtigen Sätzen: "Man kann aus der Ferne kein Urteil in dieser Sache fällen. Aber wer diesen Pawlenski zum Kämpfer von Demokratie und Freiheit macht, der handelt zumindest fahrlässig." Nach der Pariser Brandstiftung bin ich nicht mehr so vorsichtig. Während etwa Pawlenskis russischer Landsmann, der unter Hausarrest stehende Regisseur Kirill Serebrennikow, wohl tatsächlich staatlicher Willkür ausgesetzt ist, sehe ich Pawlenski als egomanischen Provokateur, dessen ebenso radikal-pathetische wie intellektuell-banale Aktionen, die sich ziemlich vage gegen "die Macht" oder "den Kapitalismus" richten, in jedem Staat auf Widerstand stießen. Oder ist Pawlenski womöglich nur ein gemeingefährlicher Psychopath? In Paris jedenfalls wurde er, so wie nach seiner Zündelei in Moskau, festgenommen und zur Untersuchung in die Psychiatrie eingewiesen. Die spannende Frage lautet nun, ob "Süddeutsche", Langemann und Co. ihrem Helden der westlichen Welt weiter die Stange halten, ob sie noch einmal stalinistische Methoden eines repressiven Staates anprangern, und ob sie die Freiheit der Kunst auch dann noch einklagen, wenn diese sich nicht gegen Putin richtet, sondern gegen das Land, das dem Künstler Asyl gewährt hat.


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