Kinderarmut finden Politiker schlecht. Sagen Sie. Trotzdem unternehmen sie wenig dagegen. Fotos: Joachim E. Röttgers

Kinderarmut finden Politiker schlecht. Sagen Sie. Trotzdem unternehmen sie wenig dagegen. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 343
Politik

Arme Kinder

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 25.10.2017
Wieder eine Untersuchung, wieder gewohnte Rituale: Die, die sich ein Leben im Armut überhaupt nicht vorstellen können, nehmen zur Kenntnis, dass immer mehr Kinder in Deutschland genau davon betroffen sind. Kein Aufschrei, kein Protest, keine Schuldgefühle.

"Auch bei uns gibt es Kinder, die in Armut aufwachsen", sagt der grüne Sozialminister Manfred Lucha und dass "wir", das nicht hinnehmen "dürfen und können". Ziel müsse sein, "gleiche Chancen für alle Kinder unabhängig von ihrer sozialen Herkunft zu schaffen". Warme Worte.

Wie gering jedoch die Bereitschaft zum Chancenschaffen wirklich ist, zeigt sich am Beispiel der AfD-Hochburg Pforzheim. In der Tat unterstützt das Land ein Projekt mit "mehrdimensionalem Ansatz" in der Weststadt: mit 100 000 Euro. Es soll insbesondere "verhindern, dass Kinder in Armut beziehungsweise armutsgefährdet aufwachsen und damit eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie ein Leben lang von Armutsgefährdung begleitet werden". Zugleich allerdings muss die Kommune, deren Beiname "Goldstadt" nicht einmal mehr sarkastisch gemeint sein kann, seit vielen Jahren sparen, sparen, sparen. Das tut die vor allem im Sozialhaushalt. Dabei sind viele Entwicklungen seit Jahren absehbar: Beispielsweise wie anfällig allzu viele in der inzwischen 120 000 Einwohner-Stadt seit Generationen für rechte Aufwiegler sind. In den Sechzigern war Pforzheim zuerst Hochburg der NPD, der Vereinigten Rechten, später der Republikaner oder der Deutschen Liga für Volk und Heimat. Ob das ausgerechnet durch ständige Sparmaßnahmen besser wird, bleibt zu bezweifeln.

Sozialminister Manne Lucha (links) mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (beide Grüne).
Sozialminister Manne Lucha (links) mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (beide Grüne).

An inzwischen drei Generation hätten sich Sozial- und vor allem FinanzpolitikerInnen beweisen können. Stattdessen steigt der Prozentsatz armutsgefährdeter Kinder im Land der Global Player und Hidden Champions – zwar unter dem Bundesdurchschnitt, außer für Alleinerziehende –, aber er steigt ebenso stetig wie in ganz Deutschland an. "Die durchschnittliche Konsumquote armutsgefährdeter Familien liegt bei etwas über hundert Prozent" vom Einkommen, schreiben die ForscherInnen des Statistischen Landesamts, welche 2014 im Auftrag von Luchas Vorgängerin Katrin Altpeter (SPD) das "Ausgabeverhalten von Familien und die subjektive Lage materiell armer Kinder" im Land untersucht haben. Würde nur dieser eine Satz die Herzen der EntscheiderInnen erreichen, wäre viel gewonnen. Denn was diese Konsumquote bedeutet, liegt ja auf der Hand: Aus Rücklagen und Ersparnissen muss so lange zugeschossen werden, bis sie restlos aufgebraucht sind. Und dann?

Kinderarmut ist schon längst Dauerzustand

Auch die neue Studie der Bertelsmann-Stiftung, die Anfang der Woche präsentiert wurde, belegt, wie sehr Kinderarmut längst als Dauerzustand akzeptiert werden muss – von den Betroffenen. Und wie Kinderarmut schulterzuckend von weiten Teilen der Öffentlichkeit akzeptiert ist.

Jedes dritte Kind in Deutschland macht Armutserfahrungen. Ein Fünftel lebt mindestens fünf Jahre in Armut, weitere zehn Prozent zumindest kurzzeitig. Das bedeute nicht, kein Dach über dem Kopf oder kein Essen zu haben, schreiben die ForscherInnen, die existenzielle Grundversorgung sei vielmehr "in der Regel" gewährleistet: "Arm zu sein heißt aber, auf vieles verzichten zu müssen, was für Gleichaltrige ganz normal zum Aufwachsen dazugehört, und von vielen sozialen und kulturellen Aktivitäten ausgeschlossen zu sein."

Zu Grunde gelegt wurden 23 Aspekte sozialer Teilhabe, darunter die Frage, ob die Wohnung mindestens so viele Zimmer hat, wie Menschen darin wohnen, nach der Anzahl der warmen Mahlzeiten, nach einer Waschmaschine, einem internetfähigen Computer, nach der Möglichkeit, Rechnungen pünktlich bezahlen oder einmal im Monat ins Theater, Konzert oder Kino gehen zu können. Kinder aus Familien mit sicherem Einkommen müssen im Durchschnitt auf weniger als zwei dieser Möglichkeiten und Güter verzichten. Kinder in einer Armutslage auf statistisch 7,3. "Wer schon als Kind arm ist und nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, hat auch in der Schule nachweisbar schlechtere Chancen. Das verringert die Möglichkeit, später ein selbstbestimmtes Leben außerhalb von Armut zu führen", weiß Jörg Dräger, Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung.

Petra Olschowskis Vorstoß für kostenlose Museen wäre benachteiligten Kindern zu Gute gekommen.
Petra Olschowskis Vorstoß für kostenlose Museen wäre benachteiligten Kindern zu Gute gekommen.

Die Wahrheit ist immer konkret. Schon im vergangenen Winter wollte die Stuttgarter Kunststaatssekretärin Petra Olschowski Projekte zum freien Eintritt in die Sammlungen heimischer Museen auf den Weg bringen, um gerade Kindern und Jugendlichen aus benachteiligten Familien, jungen Erwachsenen, die überdurchschnittlich von Armut betroffen sind, oder Alleinerziehenden, mehr Teilhabe zu sichern (Kontext berichtete). Für die Idee mochte sich aber niemand verkämpfen. Mehr noch: Tobias Wald, der Baden-Badener CDU-Abgeordnete ließ mitteilen, dass hochwertige Kunst und Kultur eben "ihren Preis" hätten. Den hatte noch der frühere Finanzminister Nils Schmid errechnen lassen. Sechs Millionen Euro wären landesweit im Jahr vonnöten. Schon nach wenigen Tagen verkündete Ministerpräsident Winfried Kretschmann dennoch, der grün-schwarze Koalitionsausschuss habe den Vorstoß abgelehnt – wegen Geldmangels. Jetzt startet die Staatssekretärin erneut zwei Projekte, und muss sie wissenschaftlich begleiten lassen.

Dabei hat die Abstimmung mit den Füßen eigentlich schon stattgefunden. Die Eröffnung der Ausstellung "Open Codes" dieser Tage im Karlsruher ZKM war überfüllt. Der Eintritt zu der bis nächsten August laufenden Schau zum "Leben in digitalen Welten" ist frei, allerdings nicht, weil die öffentliche Hand erkannt hätte, dass mehr Geld nötig ist, um Zugänge zu schaffen. Mit der Würth-Gruppe wurde ein finanzkräftiger Sponsor gefunden. Was nicht ohne Pikanterie ist: Der Firmenpatriarch wurde als Steuerhinterzieher verurteilt, ist also einer jener Superreichen im Land, die dem Staat vorsätzlich Geld vorenthalten, das der in Armutsbekämpfung stecken könnte. Die Strafe spricht für sich: 2,5 Millionen Euro musste der Fabrikant und Kunstsammler berappen. Allein damit hätte Sozialminister Manne Lucha 25 Projekte wie jenes in Pforzheim unterstützen können.

Auch das Gesundheitswesen braucht eine Reform

Der erste Armuts- und Reichtumsbericht für Baden-Württemberg, den der Grüne mit einem besonderen Augenmerk auf Kinder und Familien fortschreiben lassen möchte, zeigt auch, wie stark Familien mit mehr als zwei Kindern von Ausgrenzung und finanziellen Schwierigkeiten betroffen sind. "Investitionen in Kinder können individuelle Lebenschancen verbessern und um ein Vielfaches höhere gesellschaftliche Folgekosten, wie etwa Behandlungskosten für physische und psychische Folgeerkrankungen, Aufwendungen auf Grund von Straffälligkeit und Wertschöpfungsverluste im Erwerbssystem, vermeiden", schreiben die AutorInnen.

Und sie erinnern daran, dass alle "Forschungsergebnisse für einen entschiedenen Paradigmenwechsel in den Finanzierungsstrukturen von Gesundheitswesen und Jugendhilfe sprechen": Die derzeitige Finanzierung müsse zugunsten einer passgenauen Unterstützung von Geburt an verändert werden. Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, geht noch weiter und verlangt, den Familienlastenausgleich vom Kopf auf die Füße zu stellen. Denn noch immer und trotz all der ungezählten Studien bekommen nach dem geltenden System Familien ohne Probleme mehr Geld als jene in finanziellen Schwierigkeiten. Und Hartz-IV-EmpfängerInnen wird zu allem Überfluss angerechnet, was ihnen eigentlich zustehen würde. 

"Wir billigen armen Familien zu wenig Geld zu", sagt Schneider und findet bei einer Grünen Gehör. Die wiedergewählte Heidelberger Bundestagsabgeordnete Franziska Brantner hat das Thema auf die Tagesordnung der Jamaika-Sondierungen gerückt: "Eine neue Bundesregierung hat die Chance, endlich diesen Missstand anzugehen." Denn: "Kinderarmut kann man nicht aussitzen, sondern das muss konkret angegangen werden." Ersteres allerdings ist seit vielen Jahren bewiesen. Und an Letzteres hat sich seit Jahrzehnten keine Regierung ernsthaft herangewagt.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!