KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere eins bis drei Punkt oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Unfähigkeit, Dilettantismus, Faulheit: Der NSU-Ausschuss im Stuttgarter Landtag bringt immer mehr Schlampereien ans Licht. Foto: Joachim E. Röttgers

Unfähigkeit, Dilettantismus, Faulheit: Der NSU-Ausschuss im Stuttgarter Landtag bringt immer mehr Schlampereien ans Licht. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 240
Politik

Rechts unterbelichtet

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 04.11.2015
Wie miserabel es bestellt ist um die politische Bildung bei Baden-Württembergs Polizei, darüber haben Zuhörer im NSU-Ausschuss schon oft gestaunt. Jetzt bestätigte der führende LKA-Analytiker im Fall Michèle Kiesewetter den Eindruck, dass rechter Terror viel zu lange ein Tabu-Thema war.

Andreas Tröster ist ein Meister seines Fachs. Chef von sieben Beschäftigten, Mitautor der 2003 vom Bundeskriminalamt veröffentlichten "Qualitätsstandards der Fallanalyse für die Polizeien des Bundes und der Länder". Er ist Vortragsreisender in Sachen Profiling, lässt sich gerne einladen und kann sein Metier packend beschreiben, zum Beispiel bei der CDU in Bad Cannstatt. Eine Stecknadel hätte man im Kursaal fallen hören, berichten Teilnehmer, nachdem der Leiter des Fachbereichs "Operative Fallanalyse" beim LKA vor einem Jahr dargelegt hatte, warum es den im Krimi so beliebten Kommissar Zufall gar nicht gibt, es für die Lösung eines Falles vielmehr allein darauf ankommt, wie intensiv ermittelt wird.

Im NSU-Ausschuss dagegen wurde am vergangenen Freitag die Unruhe immer größer. Weil justament der Spezialist so viele Fragen nicht beantworten konnte. Weil gerade die Ermittlungsintensität und die Unterstützung durch die Analytiker die Abgeordneten verwunderte. "Das Phänomen rechts war kein Thema", wird Tröster irgendwann geschraubt sagen, "weil es zum dortmaligen Zeitpunkt nicht aktuell war." Und Wolfgang Drexler, der Vorsitzende, reagierte wieder einmal sichtlich ungehalten: Da werde sich wohl etwas ändern müssen, "damit das nie mehr durch den Rost fällt".

Die Abgeordneten haben schon viel erlebt. Einige besonders viel, namentlich SPD-Obmann Nik Sakellariou. Dem hatte beim Auftakt der Vernehmungen von Zeugen und Sachverständigen im Januar gar nicht gefallen, dass Eva Högl, seine Genossin und NSU-Expertin aus dem Bundestag, unverblümt von "strukturellem Rassismus" bei der Polizei sprach. Das zu hören, tue weh, so der Jurist aus Schwäbisch Hall damals, "in einem Land, wo die Opfer zwei Polizisten waren." Die Erkenntnis schmerzt noch immer, aber inzwischen hat Sakellariou lernen müssen, dass dies keine wahrheitswidrige Unterstellung war. "Tiefgreifende Veränderungen", weiß er, sind unumgänglich.

Zeuge spricht von "Coolness der Täter"

Ob sich auch Tröster dessen bewusst ist, scheint eher fraglich. Der Erste Kriminalhauptkommissar, der sich schon mit einem sportlich-saloppen Outfit abhebt von niederen oder höheren Chargen in schlecht sitzenden Uniformen, legt Wert auf seine langjährige Erfahrung und pflegt eine lockere Sprache. Etwa wenn er die "Coolness der Täter" am 25. April 2007 auf der Theresienwiese bewertet: "Einfach von hinten hinzugehen und, ich sag mal so, die beiden abzuknallen", sagt er, ohne den Satz zu vervollständigen. Oder wenn er, mit dramatischen Timbre in der Stimme, die Tat selbst beschreibt: "Jeweils ein einziger Schuss in den Kopf, kein Nachsetzen, dann eine Minute lang herumzutun, um Waffen wegzunehmen." Er habe so etwas "never, nie" erlebt, das sei die "ganz große Besonderheit" des Falles gewesen. 

Selbst diese ganz große Besonderheit führte aber nicht dazu, dass die operativen Fallanalytiker im LKA ihren Horizont hätten weiten wollen. In den Qualitätsstandards des Bundeskriminalamts wird die Methode beschrieben als "ein kriminalistisches Werkzeug, welches das Fallverständnis bei Tötungs- und sexuellen Gewaltdelikten sowie anderen geeigneten Fällen von besonderer Bedeutung auf der Grundlage objektiver Daten und möglichst umfassender Informationen zum Opfer mit dem Ziel vertieft" und um "ermittlungsunterstützende Hinweise zu erarbeiten".

Papier ist geduldig. Dabei waren die LKA-Fachleute mit ihrem "Draufblick auf den Fall" (Tröster) ganz nahe dran. Sie haben die gute Tatvorbereitung herausgearbeitet, die beweist, dass die Mörder nicht einfach in das Geschehen hineingestolpert sein konnten - dafür hat, stellt Tröster fest, "einfach viel zu viel geklappt". Er und die Seinen tippten auf eine "verschworene Gemeinschaft", die nicht zum ersten Mal gemeinsame Straftaten begeht, die dichthält, die einen Polizistenmord als aufwertendes Moment versteht und eine gemeinsame Gesinnung hat. Selbst an diesem Punkt fiel aber kein Groschen. "Ein Anschlag gegen den Staat war für uns kein Thema", bekennt der Spitzenbeamte. Aus LKA-Sicht sei eher die örtliche Szene der organisierten Kriminalität in Betracht gekommen, "spezielle Kreise mit einer ganz bestimmten Verwegenheit". Zur Frage, ob es die überhaupt gab, kann Tröster nichts sagen, kommt stattdessen auf das Kriterium Ortskunde zu sprechen: Es habe halt jemand sein müssen, "der wusste, dass die Theresienwiese Pausenort ist".

So einfach will sich Drexler nicht zufrieden geben und möchte wissen, wieso die Möglichkeit eines rechten Hintergrunds nicht einmal erörtert wurde - nicht nur für ihn ein klarer Fall von Fehleinschätzung. Da allerdings wird der Polizist streng, eine Fehleinschätzung mit dem heutigen Wissen, nicht mit dem damaligen: "Dass Rechte in den Untergrund gehen und mordend durch die Republik ziehen, war für uns nicht vorstellbar." Kopfschütteln im Publikum, so wie damals im Frühling, als Beamte, wie beiläufig und ohne jede Empörung in ihrem Gemeinschaftsraum, über den Ku Klux Klan und seine Verbindungen nach Baden-Württemberg geplaudert wurde. So eine Mitgliedschaft, meinte damals einer der Zeugen, sei ja schließlich jedermanns Privatangelegenheit.

Hinweise auf Rechtsextremismus gingen völlig unter

 

Das Wissen um die rechtsextreme Szene war im Mai 2007, als die Fallanalytiker mit ihrer speziellen und ebenfalls bundesweiten Qualitätsstandards unterworfenen Ausbildung beigezogen wurden, aber längst Allgemeingut. Seit Anfang der Neunziger Jahre befassten sich Verfassungsschützer mit Strukturen und Ausbreitung. Das Bundesamt für Verfassungsschutz geht 2005 von 10 400 "subkulturell geprägten und sonstigen gewaltbereiten Rechtsextremisten" in Deutschland aus. Der Bericht des Landesamts für Verfassungsschutz für das Jahr 2006 widmet nicht weniger als 72 von 150 Seiten dem Rechtsextremismus in Baden-Württemberg und hält "die seit Jahren schon ansteigende Zahl rechtsextremistisch motivierter Gewalttaten" fest. Sechs Jahre zuvor hatte der Rechtsradikale Michael Berger in Dortmund drei Polizisten und sich selbst erschossen. Auch aus dem Ausland waren einschlägige Taten bekannt. Schon in den 90er Jahren ermordete ein Rechtsextremist in Mölln einen Polizisten. Den Fall immerhin hat Tröster parat. Man habe, sagt er mit entwaffnender Offenheit, die Jahre 1961 bis 2007 gegoogelt und dabei Mölln entdeckt: "Vielleicht war das eine fehlerhafte Recherche."

Eine Einschätzung, die auf den Umgang mit dem Umfeld von Michèle Kiesewetter genauso gut gemünzt sein könnte. Wie heißt es gleich in den erwähnten Qualitätsstandards? Ermittlungsunterstützende Hinweise seien auf der Grundlage möglichst umfassender Informationen zum Opfer zu erarbeiten. Die junge Frau stammte aus Oberweißbach, aus Ostthüringen, genauso wie der Thüringer Heimatschutz, der schon aktiv war, als Kiesewetter noch lange nicht in Baden-Württemberg lebte, der sein logistisches Zentrum nach den Erkenntnissen des Verfassungsschutzes um die Jahrtausendwende im nur 35 Kilometer entfernten Saalfeld hatte. Mit dem von Tröster gerühmten Draufblick hätten diese und so viele andere Details zumindest Thema sein müssen, zumindest um sie gegebenenfalls ausschließen zu können. Auf Nachfragen dreht sich der Profiler im Kreis, attackiert sogar den Obmann der Grünen im Ausschuss, Jürgen Filius: "Meine Ehefrau hat auch ein verdammt gutes Bauchgefühl und bringt die Dinge auf den Punkt." Nur mit operativer Fallanalyse habe das nichts zu tun.

Zu Beginn seines Auftritts verteilte der LKA-Fachbereichsleiter unter den Abgeordneten ein mehrfarbiges Informationsblatt zu seinem Aufgabengebiet. Auch darin spielt das Opferprofil eine Rolle, ebenso die "Einschätzung zur Täterpersönlichkeit" und die "Ergebniseinspielung bei der Soko" mit Präsentation und Diskussion. Alles Möglichkeiten, sich wenigstens ein einziges Mal dem Thema Rechtsextremismus im Fall Kiesewetter zu befassen. Sie verstrichen ungenutzt.

Wer auf diese Weise an seine Arbeit herangeht, hat bei Tröster ohnehin verloren. Nichts habe die operative Fallanalyse mit dem zu tun, was aus Fernsehserien bekannt sei. "Wir sind überwiegend fremdbestimmt", erläutert er, "abhängig von den objektive Informationen einer Mord- oder eine Sonderkommission." Es gehe um "referieren und präferieren, darum, nach dem Wahrscheinlichsten zu suchen und nicht wie die Profiler in den Medien nach dem Exotischsten". Später stellt der CDU-Abgeordnete Thomas Blenke die Frage nach der Erfolgsquote der Methode. Auch die kann der Zeuge nicht beantworten. Aber eines weiß er ganz genau: Hätte sein Team auf rechten Sektor geschlossen, "wäre das fast eine Punktlandung gewesen, nur dieses Puzzleteil hat gefehlt".


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!