Ausgabe 125
Politik

Aufgegriffen

Von Jürgen Lessat und Hermann G. Abmayr
Datum: 21.08.2013
In Ausgabe 124 hatte Kontext berichtet, dass der Stuttgarter Bahnhofsturm einsturzgefährdet ist, wenn Grundwasser für Stuttgart 21 im Nesenbachtal abgepumpt wird. Nun hat Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) die Bahn aufgefordert, Klarheit über mögliche Gefahren für das Wahrzeichen zu schaffen. Neues gibt es auch zum LBBW-Immobiliendeal, den Kontext intensiv beleuchtete.

"Pisa am Nesenbach" hatten wir in der Kontext-Ausgabe 124 einen Bericht überschrieben, der einem weiteren ungeklärten Problem von Stuttgart 21 auf den Grund ging: auf was eigentlich der Stuttgarter Bahnhofsturm steht. Wir ließen darin einen Zeitzeugen zu Wort kommen, der bestätigt, dass es 290 Eichenpfähle sind. Dies bringt die Bahn, die seit der Schlichtung im Herbst 2010 von Eisenbeton als Turmgründung spricht, in Zugzwang. Sie muss der Öffentlichkeit nachweisen, dass beim Abpumpen von Grundwasser während des Tiefbahnhofbaus der Turm nicht auf dem Trockenen steht. Sonst würde die deutsche Eiche im Untergrund faulen – mit fatalen Folgen: Das Wahrzeichen der Landeshauptstadt würde allmählich in bedrohliche Schieflage geraten. Gewissheit über das vor hundert Jahren verbaute Pfahlmaterial könnte eine Sondierungsbohrung bringen. Die würde mit wenigen tausend Euro "Peanuts" im Vergleich zu den Milliarden des Gesamtprojekts kosten. "Das brauchen wir nicht", meinte S-21-Projektsprecher Wolfgang Dietrich trotzig, nachdem örtliche Tageszeitungen die Berichterstattung von Kontext aufgegriffen hatten.

Inzwischen kann Kontext zudem belegen, dass die Bahn mal dies, mal das behauptet in Sachen Turmgründung. Offenbar so, wie es ihr gerade in den Genehmigungskram passt. So informierte das Unternehmen noch im Jahr 2009 auf der S-21-Projekt-Homepage über die Eichenpfahlgründung des Turms. Dies lässt sich durch einen internetbasierten Archivdienst beweisen. Wer heute die Geschichte des Bahnhofsturms auf den offiziellen Seiten aufruft, findet den entsprechenden Hinweis nicht mehr – er ist gelöscht. Kontext hat beide Versionen nebeneinandergestellt – per Klick werden sie vergrößert und deutlich lesbar. 

Anfang der Woche meldete sich schließlich Stuttgarts Oberbürgermeister zu Wort. "Worauf gründet der Bahnhofsturm?", fragt Fritz Kuhn (Grüne) in einem Brief  den Bahn-Infrastrukturvorstand Volker Kefer. Das Stadtoberhaupt will von dem DB-Manager, der seit dem Mainzer Stellwerkschaos in der Kritik steht, wissen, welche  Vorsichtsmaßnahmen die Bauherrin von Stuttgart 21 grundsätzlich treffe, um die Standfestigkeit des Bahnhofturms zu gewährleisten und zu überwachen. Auskunft begehrt Kuhn auch darüber, wie die Bahn etwaigen Senkungen des Turms während der Bauarbeiten für das Tiefbahnhofprojekt begegnen und diese gegebenenfalls zu beheben gedenke. "Es ist auch im Interesse der Bahn, wenn die Frage, ob der Turm auf Eichenpfählen oder auf Eisenbetonpfählen gegründet ist, abschließend beantwortet ist und nicht wie ein Damoklesschwert über den Bauarbeiten schwebt", so Kuhn. Bis Redaktionsschluss war noch keine Antwort der Bahn eingegangen.

Schmid und Murawski spielen mit falschen Karten

Mit sechs Beiträgen hat Kontext vor einigen Monaten versucht, Licht ins Dunkel des 1,4-Milliarden-Deals der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) mit dem Augsburger Immobilieninvestor Patrizia zu bringen. Jetzt stellt sich heraus, dass die Landesvertreter im LBBW-Aufsichtsrat, Nils Schmid (SPD) und Klaus-Peter Murawski (Grüne), beim Verkauf der 21 500 Wohnungen mit falschen Karten gespielt haben. Schmid ist stellvertretender Ministerpräsident und amtiert als Finanz- und Wirtschaftsminister, Murawski ist Chef der Staatskanzlei von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Beide hatten ihr damaliges Votum bei der Bieterauswahl damit begründet, dass sie wegen EU-Auflagen für das höchste Gebot hätten stimmen müssen. Und das habe Patrizia abgegeben, nicht die Bietergemeinschaft unter Führung der Stadt Stuttgart, die einen weiter gehenden Schutz der Mieter vertraglich zugesagt hatte.

Dem widerspricht jetzt auf Anfrage des Südwestrundfunks (SWR) ein Sprecher von EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia. Für den Verkauf der LBBW-Wohnungen sei nicht notwendigerweise das höchste Gebot zu berücksichtigen gewesen. Die LBBW habe selbst entscheiden können, welches Angebot ihr am wirtschaftlichsten erscheint.

Schmid und Murawski hatten Glück. Im Gegensatz zu anderen Städten im Land wie Freiburg, Heidelberg und Heidenheim, in denen es in den vergangenen Jahren Bürgerentscheide gegen Verkaufspläne von Wohnungen gab, regte sich in der "Protesthauptstadt" Stuttgart kein Widerstand. Murawski, sagt ein Mitarbeiter der Grünen, habe sich schon mehrmals "wie ein wirtschaftsliberales U-Boot" verhalten. Zum Beispiel, als er sich in Stuttgart massiv und erfolgreich für Cross-Border-Leasing-Projekte starkgemacht hatte. Damals war der Grüne noch Bürgermeister unter dem CDU-Stadtoberhaupt Wolfgang Schuster. Seine politische Karriere hatte Murawski als junger Mann bei der FDP begonnen.

Die damalige Entscheidung von Schmid und Murawski widerspricht im Übrigen auch dem Koalitionsvertrag der grün-roten Landesregierung. Pikanterweise wirbt Schmids SPD derzeit im Bundestagswahlkampf mit Plakaten, auf denen als Slogan "Wohnen darf kein Luxus sein" prangt.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

6 Kommentare verfügbar

  • Klaus Neumann
    am 27.08.2013
    Wie hat doch damals die SPD-Fraktionsvorsitzende im Stuttgarter GR Blind geheuchelt, als es um den Verkauf der Wohnungen am Nordbahnhof ging, nachzulesen hier http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.nordbahnhof-stuttgarts-prenzlauer-berg.8ee85a31-d70c-483e-8dab-3f2bb7cf6a69.html SOZIALdemokratisch, das war dann wohl mal. 1. und 2. bedeutet das Wort "sozial" heute wohl bei der SPD wie bei CDU und FDP "marktkonform". Ond pack´mr dia Greene au glei no dazua.
  • Dieter
    am 25.08.2013
    @Uli das ist ja schön das dies in irgendwelchen statischen Berechnungen steht, aber was ist wirklich da unten ? Sie können wohl kaum jemanden von 1914 dafür verantwortlich machen wenns schief geht. Warum sträubt sich die Bahn davor mit einer Probebohrung nach zu schauen. Ist die Bahn schon lange Pleite ? Ist das die Gewissheit nicht wert ? Was passiert wenn der zusammenfällt ? Im günstigsten Fall ist ein historisches Bauwerk für immer verschwunden, im schlechteren Fall gibt es wie viele Tote ? Ein Toter ist ein Toter zu viel auch für S21 !
  • peter
    am 23.08.2013
    Das erst nachträgliche (!) anbringen der Bahnhofsdach - Windsicherung
    an den Säulen entlang der Stützen an Gleis 8 rechtfertigt die Bahn damit, daß in den Stützen damals keine Eisenbewehrung eingebaut wurde. Während in ihren Bestandsplänen die Stützen als Eisenarmiert vermerkt seien. Daß keine darin ist, sei erst nach dem Dachabriss mit Metalldetektoren festgestellt worden. ...
    Soviel zur Aussagesicherheit von alten Unterlagen, und wirklichen Bauausführung.
  • frank
    am 23.08.2013
    Wahrscheinlich sind’s Eichenbetonpfähle!
  • Uli
    am 21.08.2013
    Inzwischen steht wohl fest: Es sind Eisenbetonpfähle.
    Der entscheidende Satz steht auf Seite 10: „Die gesamte Turmlast von 10 300 Tonnen wird durch 289 Eisenbetonpfähle auf den Boden übertragen.“ So heißt es wörtlich in der „Statischen Berechnung des Turmfundaments“ der Baufirma Wayss u. Freytag AG vom 19. November 1914.
  • Irene Waller
    am 21.08.2013
    Lgnpck

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!