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30 Jahre Freies Radio für Stuttgart

Offene Türen

30 Jahre Freies Radio für Stuttgart: Offene Türen
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Was anderswo keinen Platz hat, mag beim Freien Radio für Stuttgart einen Weg ins Programm finden: Seit 30 Jahren bereichert der Sender mit unkonventionellen Formaten die demokratische Stimmenvielfalt.

Jetzt mal unter Kolleg:innen: Kontext ist fast neidisch. Das Ziel der Redaktion, einmal in der "Tagesschau" zitiert zu werden, ist bislang unerfüllt. (Die Website zählt nicht, es muss die Sendung sein.) Das Freie Radio für Stuttgart (FRS) konnte diesen Punkt schon vor weit über einem Jahrzehnt abhaken: als am 22. Oktober 2012 der "Stotterfunk" vorgestellt wurde. Laut Selbstverständnis will das Format zeigen, dass man Stottern nicht verstecken muss, sondern damit sogar live im Radio moderieren kann: "Mit unseren Informationen wollen wir die Angst vor dem Stottern nehmen, bei allen Betroffenen wie auch bei den nicht stotternden Gesprächspartnern. Dazu gibt es Musik von Panflöte über Pop bis Punk."

Um zu erklären, was das FRS besonders macht, ist eine kleine Ausschweifung nötig: Demokratie braucht Journalismus – aber Journalismus selbst ist nicht immer ganz lupenrein demokratisch. Laut Grundgesetz haben alle das Recht, ihre Meinung frei zu äußern. Aber was davon mit welcher Reichweite gedruckt oder gesendet wird, liegt in der Praxis meistens nicht allein in der Entscheidungsgewalt der Autorinnen und Content-Produzenten: In hierarchisch strukturierten Läden sitzt am Ende des Tages irgendwer am längeren Hebel und kann als Ressortleiterin, Chef vom Dienst oder Chefredakteurin den Daumen heben oder senken, ob und wie etwas erscheint. Ob es an manchen Stellen angepasst werden muss – oder vielleicht komplett in der Tonne landet. Dieser Filter hat auch Vorzüge, weil dadurch eben nicht einfach jeder Quatsch verbreitet wird.

Das FRS hat eine etwas andere Herangehensweise: Hier wird Eigenverantwortung ähnlich großgeschrieben wie im Wahlprogramm der FDP. Statt einem Zentralkomitee bestimmen etwa 50 Themenredaktionen in Eigenregie, wie sie ihre Sendezeit füllen. Die Vorgaben sind minimal: Der Inhalt darf nicht rassistisch, sexistisch, faschistisch oder verschwörungsgläubig sein, sonst kommt es zum Rauswurf. Ansonsten gibt es sehr große Freiräume, was zu unterschiedlichen Qualitätsstandards und manchmal zu Unfällen führt. Aber nur weil die Hierarchie flach ist, heißt das nicht, dass hier niemand ordentlich arbeitet.

Janka Kluge ist ein Urgestein der Inforedaktion, die immer von Montag bis Freitag zwischen 18 und 19 Uhr auf Sendung ist, sich links der Mitte verortet und Debatten anstoßen will. Ein persönliches Highlight, sagt Kluge im Gespräch mit Kontext, war eine zwölfteilige Serie über NS-Geschichte in Stuttgart. Gerade jetzt, wo der gesellschaftliche Rechtsruck beängstigende Ausmaße überschritten hat, hält sie Stimmenvielfalt und kulturellen Austausch für wichtig. Ein Konzept des FRS sei es, auch Gruppen Sendezeit zur Verfügung zu stellen, die ansonsten nicht zu Wort kommen würden.

Bei der ARD liefen zwischen 1964 und 2002 sogenannte Ausländerprogramme auf Türkisch, Griechisch und Italienisch. In der Region Stuttgart sind nun seit beinahe einem Vierteljahrhundert die mehrsprachigen Community-Programme ein Alleinstellungsmerkmal des FRS. Auf Sendung sind hier unter anderem "Walia – Voice of Ethiopians", "Radio Eritrea", das italienische "Radio Libera Stoccarda", das spanische "Radio Hispanohablante", "Radio Africa", "Oman Ghana Radio", "Zig-Zag de Romania", die "Alevitische Redaktion", das "Refugee Radio" und das von Iraner:innen gestaltete Programm "Woman Life Freedom". Bei manchen Formaten liegt der Fokus auf feministischer Theorie und Gesellschaftskritik. Andere konzentrieren sich ausschließlich auf Musik. Stress zwischen den Redaktionen gebe es selten, sagt Kluge. In der Corona-Zeit sei der großen Mehrheit ein Format zu schwurbelig geworden, daraufhin habe das Plenum getagt und einen Rauswurf beschlossen.

Vorbereitung auf andere Zeiten

Vor 30 Jahren, am 28. September 1996, ging das FRS erstmals auf Sendung, das Sendesignal wird heute von einer Antenne am Kamin der Müllverbrennungsanlage im Stadtteil Münster abgestrahlt. Dadurch dass die Sendeleistung mit 300 Watt eher schwach ist, ist das Programm über UKW-Frequenz 99,2 MHz nicht überall in Stuttgart gleich gut zu hören: Im Stuttgarter Süden und Westen holpert die Übertragung, dafür hat ein Zipfel von Esslingen guten Empfang. Doch übers Internet kann das Programm überall in guter Qualität abgerufen werden.

Passend zum FRS-Jubiläum ist Stuttgart vom 29. Oktober bis zum 1. November 2026 Austragungsort der diesjährigen Zukunftswerkstatt Community Media: ein Kongress des Bundesverbands Freier Radios, als Kooperationspartnerinnen beteiligen sich die Landesmedienanstalten von Baden-Württemberg, Hessen, Thüringen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Diese sorgen durch Zuschüsse dafür, dass Freie Radios eine finanzielle Grundlage haben. Die Budgets sind aber hauptsächlich für die technische Ausstattung eingeplant, nur die wenigsten sind hauptamtlich bei einem Sender aktiv, der überwältigende Teil macht pro bono mit. In Stuttgart sind über 200 Ehrenamtliche am Programm beteiligt, hinzu kommen 1,5 Vollzeitstellen.

Als inhaltlichem Schwerpunkt befasst sich der Kongress in diesem Jahr mit "Freien Medien als Teil der Demokratiebildung". Neben Wolfgang Kreißig, dem Präsidenten der baden-württembergischen Landesanstalt für Kommunikation, Clarissa Henning von der Stuttgarter Hochschule der Medien und Diana Heinbucher von Radio T aus Chemnitz ist auch Kontext-Chefredakteurin Anna Hunger als Referentin zur eröffnenden Podiumsdiskussion geladen. Im Rahmen der Zukunftswerkstatt soll die Frage vertieft werden, wie es mit der finanziellen Grundlage weitergeht, wenn sich begleitend zum allgemeinen Sparzwang die politische Stimmung dreht und gemeinnütziger Journalismus als zunehmend entbehrlich eingestuft wird. Schon heute sind die Mittel meistens knapp. Damit sich der Kongress eine Verpflegung für die Referent:innen und Honorare für die Workshops leisten kann, läuft aktuell eine Spendenkampagne, derzeit fehlen noch knapp 1.000 Euro.

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