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Archiv im Pressehaus Stuttgart

Geschichtsamputation

Archiv im Pressehaus Stuttgart: Geschichtsamputation
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Es soll Zeitungen geben, die stolz auf ihre Archive sind – als gesellschaftliches Gedächtnis. Die beiden Stuttgarter Blätter zählen nicht dazu: Ende September dreht der letzte Mitarbeiter in der Abteilung das Licht aus. Was aus den Beständen wird, liegt im Dunkeln.

In ihren Glanzzeiten war die Berichterstattung aus Stuttgart relevant für die Republik: Die "Stuttgarter Zeitung" hat in der Eigenwerbung nicht übertrieben, wenn sie sich damals als Pflichtlektüre im Kanzleramt auswies. Journalistisch herausragend waren die Artikel von Werner Birkenmaier über die Stuttgarter-RAF-Prozesse, Stefan Geigers Entdeckung von Oskar Schindlers Nachlass, die legendäre Samstag-Glosse "Fünf Minuten Deutsch" von Ruprecht Skasa-Weiß. 

Die "Stuttgarter Nachrichten" setzten sich dank Bruno Bienzle exzellent mit der Militär-Junta in Argentinien während der Fußball-WM 1978 auseinander, bislang unvergessen ist die intensive Begleitung der Polizeiarbeit durch beide Blätter nach den aufwühlenden Frauenmorden Anfang der Achtziger Jahre auf den Fildern, und die alltäglichen Betrachtungen von "Knitz" zu des Lebens Allerlei genossen Kultstatus im Publikum. Die Aufzählung ließe sich ins Unendliche verlängern. Und all diese Geschichten wurden einst behutsam archiviert – doch der Zugang zu ihnen wird immer komplizierter. 

Das Archiv im Möhringer Pressehaus steht vor einer ungewissen Zukunft. Dabei wurden in der Sammlung seit 1945 alle Zeitungsbände der "Stuttgarter Zeitung" und der 1946 gegründeten "Stuttgarter Nachrichten" beherbergt, allesamt sorgfältig verschlagwortet – eine zeitgeschichtliche Fundgrube von Wert weit über die Gegenwart hinaus: weil hier ein umfassendes Bild von all den Ereignissen und Verhältnissen entworfen ist, die in all den Jahrzehnten für würdig gehalten wurden, in den Spalten der beiden Blätter vorzukommen. Diese Bestände zu entsorgen, wäre eine geschichtsvergessene Barbarei. 

Von staatlicher Seite sind Verlage gesetzlich dazu verpflichtet, den Landesbibliotheken in Stuttgart oder Karlsruhe oder der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt kostenfreie Exemplare aller Publikationen zu überlassen. Dies gelte, heißt es in den Hinweisen der Württembergischen Landesbibliothek, "für analoge Medien wie Bücher, Broschüren und Zeitschriften ebenso wie für digitale Veröffentlichungen, die über das Internet oder auf Datenträgern bereitgestellt werden". Auf diese Weise solle die ganze Vielfalt der baden-württembergischen Medienproduktion gesammelt und erhalten sowie das reiche baden-württembergische Kulturerbe von bleibendem Wert gesichert werden.

Diese Sicherung ist das eine, der Umgang im eigenen Haus mit der mitgeschriebenen Geschichte das andere. Ein Abstecher ins Archiv von StZ und StN, seit 1982 Jahre geleitet von Hanna Klenk-Schubert, war deutlich mehr, als bloß die Kopien von angeforderten Artikeln abzuholen: kein Gespräch ohne Gedankenaustausch zum recherchierten Thema, ohne Wissensvermittlung durch Hinweise auf zusätzliches Material und Querverbindungen. Externe Interessierte, Forschende, natürlich Leser:innen wurden bedient von sachkundigen Fachleuten, die den Ruf der beiden Zeitungen mehrten. Solch kostenlose Serviceleistungen sind passé.

Der NPG-Chef wollte nicht als Dampfwalze antreten

Zu den Spitzenzeiten zwischen 1990 und 2000 arbeiteten zwölf Personen im Archiv. Aktuell ist es nur noch einer, der sich zum Monatsende vorzeitig verabschieden wird. Das führt zur Befürchtung, dass der Abgang dazu genutzt werden könnte, um die ehedem so geschätzte Abteilung insgesamt abzuwickeln und damit selbst die interne Nutzung unmöglich zu machen, außer in dringenden Notfällen.

Offizielle Angaben dazu gibt es nicht. Nach diversen Sparrunden im Stuttgarter Pressehaus, die zu einem Abbau von Personal und Qualität führten, meldete die Neue Pressegesellschaft (NPG) aus Ulm im Juni 2025 die Übernahme der Medienholding Süd und damit der beiden Stuttgarter Blätter. NPG-Obergeschäftsführer Andreas Simmet betonte beim ersten Besuch der neuen Eigentümer vor Ort, dass er "keine Dampfwalze" sei und die Ängste der Belegschaft ernst nehme. Der schon lange vor der Übernahme eingeschlagene Pfad des drastischen Personalabbaus wird indessen konsequent fortgesetzt. 

Anfragen der Redaktion, was aus dem Archiv im Pressehaus wird, lässt die NPG unbeantwortet. Dabei möchte das Unternehmen laut Wahlspruch "bereichernd, aufrichtig und tatkräftig" sein. Entsprechend gibt es keine Reaktion auf Gerüchte, wonach Teile dieses Schatzes schon entsorgt sind. Ebenfalls keine Auskunft gibt es, ob an der durch Stuttgart wabernden Befürchtung etwas dran ist, dass speziell Fotos, an denen der Verlag keine Rechte hat, schon im Schredder gelandet sind. 

Für Außenstehende eindeutig nachvollziehbar ist, dass sogar die digitale Suche nur noch eingeschränkte Ergebnisse liefert. Im Juni 2026 mussten die digitalen Archivbestände aus Stuttgart nach Ulm transferiert werden, heißt es aus der Belegschaft. Zu vermuten steht, dass den Sparfüchsen an der Donau die Datenmengen zu groß und deren Verwaltung zu teuer geworden sind, so dass sie sich aufgerufen sahen, sie zu begrenzen. Große Datenmengen zu verwalten ist eben eine kostspielige Angelegenheit, die Anerkennung des Publikums aber spärlich. 

Aus dem Namhaften wird ein Nichts

Dazu eine kleine Anekdote: Das Archiv im Souterrain des Pressehauses war so groß, dass noch Platz für ein Feldbett war. Dort hat sich Friedrich Weigend-Abendroth, von 1968 bis 1986 Feuilleton-Chef der StZ, gelegentlich bei einem Nickerchen erholt. Wer heute auf der Website seiner Zeitung nach dem Namen sucht, findet keine Ergebnisse mehr. Auch andere werden vermisst, Highlights – siehe RAF oder Knitz –, auch höchst Alltägliches, aber für Recherchen keineswegs minder Wichtiges. 

Natürlich gibt es Gegenbeispiele, natürlich pflegen andere solche Schätze, allen voran die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". In deren Archiv werden eigene und nationale wie internationale Publikationen Dritter indexiert. "Die umfangreichen Bestände nutzen nicht nur die FAZ-Redaktionen für ihre Recherchen, sondern auch andere Medienhäuser, Bibliotheken und Universitäten in der ganzen Welt", heißt es in einer Selbstdarstellung. Das Geschäftsmodell wird gepflegt als Ausweis eigenen Engagements für das demokratische Große und Ganze. 

So weit müssten die NPG für die Stuttgarter Sammlung gar nicht gehen. Aber gerade in turbulenten Zeiten wie diesen wäre die Bedeutung von kollektiv verfügbarem Wissen hochzuhalten – erst recht, was die ohnehin von Unterbelichtung bedrohte Landespolitik anbelangt. Landeswissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne) hat 2025 im Zuge der Novellierung der einschlägigen Landesgesetzgebung den Rahmen abgesteckt: "Archive sind unverzichtbare Stützpfeiler unserer Demokratie, denn sie schützen uns vor Fake News, alternativen Wahrheiten und Verschwörungsmythen, indem sie das dokumentieren und zugänglich machen, was tatsächlich und nachweisbar geschehen ist." 

Es liegt auf der Hand, dass die Auflösung eines Archivs nicht zu Qualitätsjournalismus beiträgt. Dieser ist im Businessplan der Ulmer Gschaftluber aber offenbar eine quantité négligeable.

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