Die vom Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms ausgerichtete Tagung Dokville gehört für Produzent:innen, Autor:innen und Redakteur:innen von Dokumentarfilmen seit 2005 zu den Höhepunkten eines Jahres. Hier wird auf einem hohen Niveau über aktuelle, teilweise auch noch nicht ausgestrahlte Dokumentarfilme debattiert. Bestandteil der Tagung sind auch Panels zu den großen gesellschaftlichen Fragen. "Demokratie unter Druck – Ist unsere Zivilgesellschaft am Ende?", lautete der Titel der Veranstaltung dieses Mal. Für einen als "Zwischenruf" rubrizierten Redebeitrag zu diesem Thema hatten die Organisator:innen Kai Gniffke, den Intendanten des SWR, eingeladen. Der Sender ist ein wichtiges Mitglied im Trägerverein des Hauses des Dokumentarfilms.
Der Intendant sorgte bereits mehrmals für Aufruhr, weil er der AfD Sendezeit zur Selbstdarstellung bietet. Vor der Landtagswahl 2021 durfte der Spitzenkandidat Bernd Gögel in der Quotensendung "Leute" sprechen, ohne sich vor kritischen Fragen fürchten zu müssen. Und vor der jüngsten Wahl im März wurde der AfD-Kandidat fürs Ministerpräsidentenamt Markus Frohnmaier ins Triell mit Cem Özdemir (Grüne) und Manuel Hagel (CDU) geladen, ohne dass je die Aussicht bestand, dass Frohnmaier das Rennen macht. "Die AfD hat genauso Anspruch auf eine faire Berichterstattung und Berücksichtigung wie jede andere Partei auch", sagte Intendant Gniffke schon 2018 und blieb dieser Linie treu.
Gegen den Frohnmaier-Auftritt beim Triell wurde am Ort der Aufzeichnung demonstriert. Weniger Aufmerksamkeit erregte aber bisher, was Gniffke jüngst bei Dokville zum besten gab. Ihm gelang es schnell, dem ehrwürdigen Evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof, wo Dokville seit neun Jahren stattfindet, ein Bierzelt-Flair zu verleihen. "Ist Demokratie in Zeiten dramatischen Wandels noch wettbewerbsfähig? Sind autoritäre Regime nicht immer im Vorteil, wenn es um Infrastrukturprojekte oder um Umsetzung und schnelle Adaption von Technologie geht?", rief er ins Auditorium. Manche Besucher:innen werden sich an der Stelle gefragt haben: Sinniert hier wirklich ein hochrangiger Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, dessen Gründerväter dieses System als Bollwerk der Demokratie konzipiert hatten, über etwaige Vorteile "autoritärer Regime"?
Die Demokratie "ertüchtigen"?
Ausgangspunkt von Gniffkes Kontemplationen war die Verzögerung beim Bau von Stuttgart 21, die er als Menetekel für eine bald an ihrer mangelnden Wettbewerbsfähigkeit zugrunde gehenden Bundesrepublik Deutschland beschrieb. Gniffkes implizite These, dass Stuttgart 21 in einem "autoritären Regime" längst fertig gestellt wäre, brachte wenige Tage nach seiner Rede die Satire-Plattform "Der Postillon" mit den ihr eigenen Mitteln auf den Punkt: "Nach 8 Monaten Bauzeit: Stuttgart-21-Nachbau in China eröffnet."




1 Kommentar verfügbar
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Die Brechterstattung des SWR ist doch genau so, wie er das sich vorstellt.
Kommentare anzeigenPhilipp Horn
vor 5 Stunden